„Christine ist kaum auf der Welt, da wird sie adoptiert – und niemand erzählt ihr davon, bis sie Jahrzehnte später vor einem Stapel Dokumente sitzt und erfährt, dass ihre Eltern nicht ihre Eltern…

„Christine ist kaum auf der Welt, da wird sie adoptiert – und niemand erzählt ihr davon, bis sie Jahrzehnte später vor einem Stapel Dokumente sitzt und erfährt, dass ihre Eltern nicht ihre Eltern...

Christine ist kaum auf der Welt, da landet sie schon in einer Adoptivfamilie. Das Ehepaar Belusco hat sich lange ein Kind gewünscht, und Christine kommt direkt als Neugeborenes zu ihnen. Für Frank und Dorothy ist sie nie eine Adoptivtochter, sondern einfach ihre Tochter. Ein Jahr später adoptieren sie noch einen Jungen, Francis, der ebenfalls direkt nach seiner Geburt zu ihnen kommt.

Thumbnail

Die beiden wachsen in Montville, New Jersey, als Geschwister auf. Dorothy gibt ihren Job als Sekretärin auf, um sich ganz um die Kinder zu kümmern. In der Kindheit verstehen sich Christine und Francis gut, doch im Teenageralter entfernen sie sich voneinander. Sie leben unter einem Dach, haben aber kaum noch etwas miteinander zu tun.

Andere Interessen, andere Freunde. Christine, die von allen nur Chris genannt wird, hat genug Anschluss. Sie ist extrovertiert und redet mit jedem. Wenn sie nicht mit Freunden unterwegs ist, arbeitet sie: Aushilfe im Schuhgeschäft, Babysitting, Haare schneiden für Freundinnen.

Mit ihren Freunden träumt sie manchmal davon, nach Hollywood zu gehen und groß rauszukommen. Unrealistisch, das weiß sie selbst. Aber Tagträume sind ja genau dafür da. Mitte der Achtziger, Christine ist Mitte zwanzig, heiratet sie und zieht mit ihrem Mann nach New York.

Doch die Ehe scheitert schnell, und kurz nach der Scheidung bringt Christine eine Tochter zur Welt: Christy Nicole, geboren am 1. August 1989. Wer der Vater ist, wird nie geklärt. Christine spricht weder mit ihren Eltern noch mit ihrem Bruder darüber.

Trotz der schwierigen Umstände ist Christine überglücklich über ihr Baby. Sie wollte schon immer Mutter sein. Und durch ihre Tochter findet sie auch wieder zu ihrem Bruder Francis zurück. Ihre Eltern und ihr Bruder unterstützen sie bei der Betreuung der Kleinen.

Doch Christine hat ein Geheimnis, das eines Tages alles verändert. Als sie für ihre Tochter ein Konto eröffnen will, braucht sie ihre eigene Geburtsurkunde. Auf dem Dokument stehen die Namen von zwei Menschen, von denen sie noch nie gehört hat. Sie konfrontiert ihre Eltern.

Erst da erzählen Dorothy und Frank ihren Kindern, dass beide adoptiert wurden. Christine ist außer sich. Kurz zuvor war sie wegen gesundheitlicher Probleme in Behandlung gewesen, es stand sogar der Verdacht auf Krebs im Raum. Sie musste angeben, ob in ihrer Familie ähnliche Erkrankungen vorgekommen waren – und hatte von Dorothy und Frank ausgehend mit Nein geantwortet.

Die Geheimhaltung hätte also sogar gefährlich für sie werden können. Und vermutlich wussten große Teile der Verwandtschaft und sogar Nachbarn Bescheid. Nur sie und ihr Bruder nicht. Francis behält auch danach ein gutes Verhältnis zu den Beluskos.

Christine hingegen fasst einen drastischen Entschluss. Sie kündigt an, nach Florida ziehen zu wollen. Sie sagt ihrer Familie, sie sollen weder nach ihr suchen noch versuchen, Kontakt herzustellen. Und dann verschwindet sie mit ihrer kleinen Tochter aus deren Leben.

Ihre Eltern werden nie erfahren, was aus ihr geworden ist – und dass sie nur kurze Zeit später grausam ermordet wird. Obwohl Christine von Florida spricht, bleibt sie zunächst in New Jersey. Ende der Neunziger lebt sie in verschiedenen Wohnungen, hat einen festen Freundeskreis und einen Job in einem Bekleidungsgeschäft. Einigen Freundinnen erzählt sie, dass sie über die Arbeit einen Mann kennengelernt habe.

Die Freundinnen sehen diesen Mann nie. Sie erfahren nicht einmal seinen Namen. Christine schwärmt in höchsten Tönen von ihm. Einmal holt er sie nach der Arbeit in einem Auto ab, steigt aber nicht aus.

Durch die dunkel getönten Scheiben kann man ihn nicht erkennen. Der Wagen sieht teuer aus. Christine erzählt, sie wolle mit ihm nach Florida, um dort einen Nachtclub zu eröffnen. Dorthin wird sie nie kommen.

Der Kontakt zu ihren Adoptiveltern ist zu diesem Zeitpunkt fast vollständig abgebrochen. Ab und zu ruft Christine bei Dorothy an, um zu sagen, dass es ihr und der kleinen Christy gut geht. Aber sie weigert sich, sie zu treffen oder ihnen zu verraten, wo sie lebt. Als die Anrufe eines Tages abrupt aufhören, sind Dorothy und Frank traurig, aber nicht überrascht.

Sie halten sich an Christines Forderung und suchen nie nach ihr. Die Polizei wird später nie erfahren, was sie gewusst haben. Im September 1991 erzählt Christine ihren Freundinnen, dass der Umzug jetzt endlich geplant sei. Wohin genau, das kann sie nicht sagen – sie macht noch immer ein Geheimnis aus ihrem Freund.

Zuerst will sie mit Christy nach Pennsylvania fahren. Dort hat sie sich mit ihrem Freund verabredet, um gemeinsam nach Florida weiterzufahren. Der Treffpunkt ist die Mount Airy Lodge in Pocono, Pennsylvania – damals ein beliebtes Ferienresort für Paare. Christine und ihre kleine Tochter machen sich auf den Weg dorthin.

Ein alter Freund besucht die beiden dort noch. Er ist der letzte, der Christine und Christy Belusco lebend sieht. Dann verlieren sich ihre Spuren. Am 20.

September 1991 wird in Ocean View auf Staten Island, etwa zwei Autostunden von der Mount Airy Lodge entfernt, die Leiche einer jungen Frau gefunden – in einem Straßengraben, mit dem Gesicht nach unten. Ihr Zustand ist so furchtbar, dass man sie kaum erkennen kann. Sie wurde mit Handschellen gefesselt und gewürgt. Siebzehnmal wurde mit einem Hammer auf ihren Kopf eingeschlagen.

Anschließend wurde ihr Körper mit Benzin übergossen und angezündet. Unter der Leiche liegt der Hammer, die Tatwaffe. In den Griff ist der Name „Leut“ eingeritzt. Diese Art von Hammer wurde damals üblicherweise in Autowerkstätten benutzt, um Dellen herauszudrücken.

Die Polizei überprüft alle Werkstätten auf Long Island – vergebens. Das Opfer hat keine Papiere bei sich. Niemand identifiziert sie. Die einzige Spur ist ein schlecht gestochenes Tattoo eines Skorpions an ihrem Körper.

Die Polizei veröffentlicht ein Bild davon – niemand erkennt es. Gegenüber dem Auffindeort befindet sich damals eine Psychiatrie. In der Nähe gibt es eine Straße, die für Drogenhandel und Prostitution bekannt ist. Die Ermittler schließen daraus, dass die Tote wahrscheinlich eine Sexarbeiterin war, die von einem Klienten oder einem Insassen der Psychiatrie ermordet wurde.

Es meldet sich niemand. Kein Zeuge, kein Nachbar. Trotz großer Berichterstattung bleibt der Fall jahrelang ungelöst. Die Tote ist nur als „das Mädchen mit dem Skorpion“ bekannt.

Bis 2021. Routinemäßig werden DNA-Spuren aus alten Cold Cases noch einmal überprüft. Mit neuer Technologie gelingt es diesmal, ein DNA-Profil zu erstellen und es mit Genealogie-Datenbanken abzugleichen. Dreißig Jahre nach ihrem Tod bekommt die Tote einen Namen: Christine Belusco.

Sie wurde in all den Jahren nie als vermisst gemeldet. Nicht von ihrer Familie, zu der sie den Kontakt abgebrochen hatte. Nicht von ihren Freunden, denen sie erzählt hatte, sie wolle nach Florida ziehen. Nicht von ihrem mysteriösen Freund, dessen Identität bis heute unbekannt ist.

Und weil niemand Christine vermisst gemeldet hat, hat auch niemand ihre Tochter Christy als vermisst gemeldet. Erst jetzt, dreißig Jahre später, stellt die Polizei fest: Zu der Ermordeten aus dem Straßengraben gehörte noch ein Kleinkind. Ein Kind, das heute Anfang dreißig wäre und seit der Ermordung seiner Mutter spurlos verschwunden ist. Der Fall kommt erneut in die Öffentlichkeit.

Die Polizei sucht jetzt nicht nur einen Mörder, sondern auch eine inzwischen erwachsene Frau. Sie veröffentlicht ein Foto, das zeigen soll, wie Christy heute aussehen könnte. Seitdem haben sich etwa zwanzig Frauen gemeldet, die glauben, sie könnten die Vermisste sein. Die Polizei konnte jede einzelne ausschließen.

Christy war ungefähr zwei Jahre alt, als sie verschwand. Ein schwieriges Alter. Sie kannte ihre Mutter definitiv, konnte einfache Sätze verstehen und selbst sprechen. Mit zwei Jahren nimmt ein Kind seine Umgebung und die Menschen um sich wahr.

Aber was passiert, wenn man ein zweijähriges Kind aus seiner Umgebung reißt und irgendwo anders hinstellt? Ist es möglich, dass Christy Nicole heute noch lebt und einfach keine Ahnung hat, wer sie ist? Das würde bedeuten, dass der Mörder von Christine sie entweder selbst großgezogen hat – oder dass er Kontakt zu jemandem aufnahm, der das getan hat. Vielleicht ist sie durch das undurchsichtige Adoptions- und Pflegesystem der USA gerutscht, ohne Aufsehen zu erregen.

Die andere Möglichkeit: Auch Christy wurde vom Mörder ihrer Mutter getötet. Doch die Polizei hat sämtliche Leichen von Kleinkindern überprüft, die 1991 in den relevanten Gebieten gefunden wurden. Keine davon war Christy Belusco. Entweder der Mörder hat ihr Versteck sehr gut oder sehr weit weg gewählt.

Oder Christy lebt noch irgendwo dort draußen, ohne eine Erinnerung an ihre Mutter und das, was ihnen 1991 zugestoßen ist. Die Identifizierung von Christine war ein großer Schritt, aber die Polizei ist kaum weitergekommen. Bis heute ist unklar, was in der Woche zwischen dem Aufenthalt an der Mount Airy Lodge und dem Fund von Christines Leiche passiert ist. Niemand weiß, ob Christine dort ihren ominösen Partner getroffen hat.

Niemand weiß, wer dieser Mann war. Niemand weiß, was mit der kleinen Christy geschehen ist. Christine Belusco ging nach all dem Chaos, das sie erlebt hatte, mit Hoffnung – Hoffnung auf ein neues, besseres Leben – in die Mount Airy Lodge. Diese Chance hat sie nie bekommen.

Stattdessen endete ihr Leben kurz nach diesem Aufenthalt auf grausame Weise. Der Fall ist von vorne bis hinten rätselhaft. Die Frage nach Christys Vater. Die Frage nach dem geheimnisvollen Freund, der sich nie gemeldet hat.

Die Frage, ob er etwas mit dem Mord zu tun hatte. Die Frage, was mit Christy passiert ist. Bei einem geplanten Umzug nach Florida hätten Christine und ihre Tochter eigentlich einiges an Gepäck und ein Auto dabeihaben müssen – auch diese Spuren verliert sich. Wer weiß, ob man heute noch überprüfen kann, wer damals in der Mount Airy Lodge eingecheckt hat.

Bei einem Cold Case ist das schwierig. Aber dass Christines Identität nach all den Jahren noch ermittelt werden konnte, zeigt, dass die Arbeit an solchen Fällen nicht stillsteht. Vielleicht gibt es eines Tages doch noch eine Spur.