„Raus aus meiner Wohnung! Sofort! Hier wurde gekämpft. Überall liegen Haare, da ist sogar noch Kopfhaut dran.

Und Blut. “
Die Beamten der Spurensicherung drängten uns nach draußen. Ich stand da, neben dem Freund von Dalisa, und mir wurde klar: Das hier war kein einfacher Vermisstenfall. Das war ein Tatort.
Ein Tag zuvor hatten wir noch gemeinsam Tee getrunken. Sie war so voller Hoffnung. „Morgen habe ich einen Termin“, sagte sie. „Da kommt jemand, der die Sachen aus dem Kinderzimmer abholt.
“
Sie wollte nur noch ihre alten Möbel verkaufen und dann endgültig bei mir anfangen. Ihre alte Wohnung hatte sie gekündigt. Sie hatte einen neuen Freund, einen Muslim namens Mohammed. Mit ihm wollte sie ein neues Leben beginnen.
Doch am Morgen danach meldete sie sich nicht. Sie kam nicht zur Arbeit. Sie ging nicht ans Telefon. Da wusste ich: Das ist nicht normal.
Wir fuhren sofort zur Polizei und meldeten sie als vermisst. „Ich glaube, ihre Familie steckt dahinter“, sagte ich. „Ihr Ex-Mann und sein Bruder. “
Die Beamten hörten zu.
Dalisa war Jesidin. Mit 16 Jahren wurde sie zwangsverheiratet und bekam sechs Kinder. Ihr Leben war geprägt von Gewalt: geschlagen, eingesperrt, gedemütigt – nicht nur vom Ehemann, sondern auch von der eigenen Familie. Sie durfte nur zum Einkaufen das Haus verlassen.
Als sie vor einem Jahr floh, eskalierte alles. Ihr Schwager schrieb ihr Drohungen aufs Handy: „Ich werde dich in Stücke schneiden und in den Irak zurückschicken. “ Und dann kam die schlimmste Drohung von allen: Wenn sie das Hochzeitsgold nicht innerhalb von sechs Monaten zurückgab, würde sie geschlachtet wie ein Esel. Das Ultimatum lief genau an dem Tag ab, an dem sie verschwand.
In ihrer leeren Wohnung fanden wir rausgerissene Haarbüschel, Blutspuren, eingetretene Türen. Eine Nachbarin hatte am Morgen zwei jüngere Männer beobachtet, die etwas Schweres in einem Teppich zu einem weißen Lieferwagen trugen. Die Ermittler gründeten eine Sonderkommission und nannten sie „Gold“. Ihr Ex-Mann und sein Bruder wurden vernommen, zeigten aber keine Reue.
„Eine Frau hat nicht das Recht, ihren Mann zu verlassen“, sagte er. „Sie ist jetzt bei einem muslimischen Mann. Das ist noch schlimmer. Sie hat unser Gold gestohlen und unsere Tradition verraten.
“
Für den Professor, der später das Gerichtsgutachten erstellte, war die Sache klar: In der jesidischen Kultur trage die Frau die Ehre des Mannes. Verletze sie diese Ehre, drohe ihr im Extremfall der Tod. Das Gold war nur ein Vorwand. Das wahre Motiv war ihre Beziehung zu einem Muslim.
Die Polizei verfolgte Dalisas Handysignal. Es bewegte sich von ihrer Wohnung weg, über die Autobahn bis zu einem Parkplatz am Stadtwald. Dort blieb es fast eine Stunde lang stehen. Dann bewegte sich das Handy ihres Mannes genau dorthin.
Er wurde offenbar hinzubestellt – um sich zu vergewissern, dass sie tot war. Bei einer groß angelegten Durchsuchung mit 300 Beamten fanden die Ermittler im Kiosk des jüngeren Schwagers die Überwachungsfestplatte – sie war neu formatiert und die Aufzeichnungen gelöscht. Und vor dem Haus des Schwagers stand der weiße Transporter, nach dem sie suchten. Im Labor kamen die Ergebnisse: Dalisas Blut im Transporter, ihre DNA in der Wohnung.
Und auch die DNA des Schwagers wurde sichergestellt. Er war eindeutig einer der Täter. Doch er hatte sich ins Ausland abgesetzt. Monate vergingen.
Dann kam die Nachricht: Er wurde am Flughafen in Zagreb festgenommen. Bei der Vernehmung zeigte er keine Reue. „Ich war in ihrer Wohnung, um mein Gold zu holen. Sie ist über mich hergefallen.
Ich habe mich nur gewehrt. “
Doch die Ermittler hatten mehr Beweise. Sein eigener Neffe wurde als Mitwisser vorgeladen. Er wusste von der Tat, half aber nicht aktiv mit.
Unter Druck brach er schließlich zusammen: „Ich weiß, wer noch dabei war. Aber ich kann es nicht sagen. Ich muss meine Familie schützen. “
Dann kam die entscheidende Aussage – von einem Taxifahrer, der mit der Familie bekannt war.
Er war an dem Morgen dabei gewesen:
„Ich stand um 9:40 vor der Wohnung der Frau. Dann sah ich, wie der Sohn Jadiga mit einer großen Tasche und der Onkel ins Haus gingen. Ich wusste, sie wollten sie zur Rückkehr überreden. Von Mord hatte ich keine Ahnung.
“
Ausgerechnet ihr eigener Sohn, damals erst 17 Jahre alt, war bei der Entführung dabei. Der Sohn wurde vernommen. Er versuchte, die Tat kleinzureden: „Ich wollte nur mit meiner Mutter reden. Sie hat geschrien und sich gewehrt.
Mein Onkel hat sie geschlagen. Wir haben sie in den Teppich gerollt und ins Auto gelegt, weil sie bewusstlos war. Wir wollten sie nicht umbringen. Sie hätte einfach auf uns hören müssen.
“
Er kam in Untersuchungshaft. Die Ermittler standen vor einem großen Problem: Sie hatten keine Leiche. Ohne Leiche schien eine Anklage fast unmöglich. Doch die Beweiskette war so dicht, dass der Staatsanwalt trotzdem Anklage erhob: gegen den Sohn Jadiga, den Ehemann Sostan und dessen Brüder Resan und Namda.
Der Prozess begann am 27. Juni 2016. Über ein Jahr lang wurde verhandelt. Die Angeklagten schwiegen.
Dann kam die überraschende Wende: Einer der Brüder wollte aussagen. „Wir wollten nur das Gold zurück. Deshalb haben wir sie überfallen und in den Transporter geladen. Im Stadtwald hat sie geschrien und Lärm gemacht.
Ich bin zu ihr nach hinten gegangen und habe ihr gesagt, sie soll das Gold zurückgeben. Aber sie hat mich beschimpft. Ich habe ein Spanngurt genommen und ihn ihr um den Hals gelegt und zugezogen. Es tut mir leid.
Ich zeige Ihnen, wo sie liegt. “
Die Ermittler fuhren mit dem Angeklagten nach Süddeutschland. Doch der Mann konnte die genaue Stelle nach zweieinhalb Jahren nicht mehr finden. Die Suche mit Spürhunden, Geologen und Sonargeräten auf einer Fläche von 70 mal 130 Metern blieb zunächst erfolglos.
Dann der Durchbruch: „Hier ist der Boden viel weicher“, rief einer der Ermittler. Sie gruben und fanden sie. Dalisa lag in einem Erdgrab, mehr als 300 Kilometer vom Tatort entfernt, mit einem Spanngurt um den Kopf. Die Tiefe der Grube und die weite Entfernung bewiesen: Das Verbrechen war geplant.
Das Grab war ausgehoben worden, bevor sie getötet wurde. Der Prozess endete mit einem Urteil, das die Ermittler und die Öffentlichkeit mit Spannung erwarteten: Der Bruder Resan wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Sohn Jadiga erhielt eine Jugendstrafe von neun Jahren und sechs Monaten. Der Ehemann und der älteste Bruder wurden zu jeweils zehn Jahren und sechs Monaten verurteilt.
Die Begründung des Gerichts war eindeutig: Die Angeklagten hatten erkannt, dass sich Dalisa niemals wieder den jesidischen Traditionen unterwerfen würde. Mit dieser Schande wollten sie nicht leben. Sie beschlossen gemeinsam ihre Tötung, um die Familienehre durch die physische Vernichtung der Ehrverletzerin wiederherzustellen. Der Haupttäter konnte das Urteil nicht fassen.
Es kam zu tumultartigen Szenen im Gerichtssaal. Doch für Dalisa gab es am Ende wenigstens eines: Sie wurde gefunden, geborgen und konnte würdevoll bestattet werden. Ein Prozess, der ohne Leiche begonnen hatte, endete mit Gerechtigkeit für ein Opfer, das nur in Frieden leben wollte.


