Auf unzähligen Tequila-Flaschen, in Reiseführern und auf den Webseiten kleiner wie großer Marken steht immer wieder derselbe Satz. Oft mit stillem Stolz formuliert, manchmal mit einem Augenzwinkern in Richtung deutscher Kunden, die sich über die vermeintliche Verbindung zwischen ihrer Kultur und dem mexikanischen Nationalgetränk freuen sollen. Ein deutscher Botaniker namens Franz Weber sei 1896 nach Mexiko gereist, habe die einheimische Flora erforscht und jene blaue Agave klassifiziert, ohne die es keinen echten Tequila gäbe. Bis heute trägt die Pflanze offiziell den Namen Agave Tequilana Weber.

Dieser Name prangt auf fast jedem Etikett und steht in jedem offiziellen Gesetzestext, der sich mit der Herstellung des Destillats befasst. Nur: Fast jedes Detail dieser Geschichte ist falsch. Der Mann, dem die Tequila-Pflanze ihren wissenschaftlichen Namen verdankt, war kein Deutscher. Er hieß nicht Franz.
Er war kein Botaniker, sondern Militärarzt. Und der wahre Grund, warum er nach Mexiko kam, hatte mit Pflanzenkunde nichts zu tun – sondern mit einer Invasionsarmee, einem gescheiterten Kaiserreich und einem Erschießungskommando. Um zu verstehen, wie aus einem französischen Militärarzt mit elsässischen Wurzeln über mehr als ein Jahrhundert ein deutscher Naturforscher namens Franz wurde, muss man weit zurückgehen. Die Agave besaß für die indigenen Völker Zentralmexikos lange vor der Ankunft der Europäer eine fast heilige Bedeutung.
Aus ihren Fasern webte man Stoff, aus ihren Blättern deckte man Dächer, aus ihren Dornen fertigte man Nadeln. Aus ihrem Herzen gewann man nach der Vergärung das Pulque, ein rituelles Getränk, das nach den Regeln der aztekischen Priesterschaft fast ausschließlich älteren Menschen, Priestern, schwangeren Frauen und für rituelle Opfer bestimmten Personen vorbehalten war. Wer sich unerlaubt daran berauschte, riskierte die Todesstrafe durch Erwürgen. Man glaubte, der Rausch öffne eine direkte Verbindung zu den Göttern – eine Macht, die man dem einfachen Volk nicht zugestehen wollte.
Steinerne Reliefs aus jener Epoche zeigen maskierte Gestalten, aus deren Mund milchige Tropfen fallen, ein Hinweis auf das rituelle Trinken von Pulque zu Ehren der Göttin Mayahuel, Schutzherrin der Fruchtbarkeit und der Agave. Archäologische Funde aus Teotihuacan belegen den Konsum dieses Getränks bereits zwischen 250 und 550 nach Christus, Jahrhunderte bevor ein Europäer den Kontinent betrat. Als spanische Kolonisten im 16. Jahrhundert das Land eroberten, brachten sie die Technik der Destillation mit.
Sie verbanden sie mit dem einheimischen Rohstoff – aus dieser Verschmelzung entstand jener Branntwein, der später nach dem kleinen Ort Tequila im heutigen Bundesstaat Jalisco benannt wurde. Die erste offizielle Lizenz zur gewerblichen Herstellung erteilte die spanische Krone 1795 der Familie Cuervo, die bis heute zu den größten Herstellern zählt und damals die noch heute betriebene Destillerie La Rojeña errichtete, die älteste ununterbrochen arbeitende Destillerie des gesamten Kontinents. Wenige Jahrzehnte später, 1873, kaufte der Unternehmer Cenobio Sauza eine eigene Destillerie namens La Perseverancia. Er bestand als einer der ersten darauf, sein Produkt nicht mehr mit dem kolonialen Sammelbegriff Mezcal zu bezeichnen, sondern schlicht Tequila zu nennen, nach dem Namen der Stadt, aus der es stammte.
Ein bewusster Bruch mit der alten Sprachtradition, der ihm zunächst als unnötige Neuerung vorgeworfen wurde, sich aber als weitsichtige Entscheidung erwies. 1893 präsentierte er sein Produkt auf der Weltausstellung in Chicago und erhielt eine Auszeichnung, die entscheidend dazu beitrug, das Wort Tequila als offiziellen Namen der gesamten Kategorie durchzusetzen. Diese Unterscheidung sollte ein Jahrhundert später zur gesetzlichen Grundlage der ganzen Kategorie werden. In den 1920er Jahren, während der Prohibition in den USA, entdeckten zahllose amerikanische Reisende, die zum legalen Alkoholkonsum über die Grenze nach Mexiko fuhren, den Tequila für sich.
Das gab dem Getränk seinen ersten großen internationalen Bekanntheitsschub – lange bevor irgendjemand außerhalb enger Fachkreise vom Namen Weber gehört hatte. In den folgenden Jahrzehnten wuchs die weltweite Nachfrage stetig. Die botanische Klassifikation, die Weber Jahrzehnte zuvor still und leise in einer Fachzeitschrift veröffentlicht hatte, erlangte plötzlich wirtschaftliche Bedeutung in einem Ausmaß, das sich der greise Gelehrte in seinen letzten Lebensjahren kaum hätte träumen lassen. Der Mann hinter dem Namen hieß tatsächlich Frédéric Albert Constantin Weber.
Er wurde 1830 im Dorf Wolfsheim geboren, einem kleinen Ort im Elsass, jener Grenzregion zwischen Frankreich und dem deutschsprachigen Raum, deren Bevölkerung über Jahrhunderte zwischen beiden Kulturen lebte und deren Dialekt bis heute deutliche Spuren des Alemannischen trägt. 1855 erwarb er an der Universität Straßburg, einem der bedeutendsten medizinischen Ausbildungszentren Frankreichs, seinen medizinischen Doktortitel mit einer Arbeit über Hirnhautblutungen. In den folgenden Jahren machte er Karriere als Militärarzt in der französischen Armee – nicht als ziviler Naturforscher, wie es die spätere Legende gern darstellt. Zwischen 1864 und 1867 diente Weber als Militärarzt während der französischen Intervention in Mexiko, jenem militärischen Abenteuer, mit dem Kaiser Napoleon III.
versuchte, dem österreichischen Erzherzog Maximilian von Habsburg den mexikanischen Kaiserthron zu verschaffen. Offiziell ging es um ausstehende Schulden Mexikos gegenüber europäischen Gläubigern. Tatsächlich aber trieben imperialistische Ambitionen den Versuch, Frankreichs Einfluss auf dem amerikanischen Kontinent auszuweiten, während die USA durch ihren eigenen Bürgerkrieg gebunden waren. Zehntausende französische Soldaten, insgesamt an die 38.
000 Mann, kämpften Jahre gegen die republikanischen Truppen des mexikanischen Präsidenten Benito Juárez und besetzten weite Teile des Landes, darunter auch Regionen im Westen, wo die Agavenlandschaft rund um die Stadt Tequila lag. Es war unter gebildeten Offizieren und Militärärzten jener Epoche üblich, während solcher Feldzüge nebenbei die einheimische Flora und Fauna zu dokumentieren. Diese Praxis hatte sich seit den Entdeckungsreisen des 18. Jahrhunderts als fester Bestandteil europäischer Militärexpeditionen etabliert.
Ärzte mit naturwissenschaftlicher Neugier sammelten, pressten und beschrifteten Pflanzenproben, während ihre eigentliche Aufgabe darin bestand, verwundete Soldaten zu versorgen. Genau in dieser Rolle – als Arzt einer fremden Besatzungsarmee mit einem Notizbuch für Pflanzenbeobachtungen in der Seitentasche – begegnete Weber zum ersten Mal jener blaugrünen Agave, die Jahrzehnte später seinen Namen tragen sollte. Das französische Abenteuer endete in einer Katastrophe. Nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs 1865 begannen die USA, offen die mexikanischen Republikaner zu unterstützen.
Napoleon III. , unter wachsendem innenpolitischem Druck und besorgt über die aufstrebende Macht Preußens, zog seine Truppen 1866 schrittweise ab. Maximilian blieb trotz dringender Warnungen aus Europa entschlossen im Land, wurde von den siegreichen Republikanern gefangen genommen und am 19. Juni 1867 gemeinsam mit zwei seiner Generäle standrechtlich erschossen.
Ein Ende, das in ganz Europa für Entsetzen sorgte und später sogar den Maler Édouard Manet zu einer berühmten Gemäldeserie inspirierte. Weber selbst verließ das Land noch vor diesem dramatischen Ende, gemeinsam mit dem größten Teil der abziehenden Truppen. In Frankreich erwartete ihn kein Erschießungskommando, sondern ein jahrzehntelanges ziviles Gelehrtenleben. Doch die Pflanzen, die er während seiner Jahre in Mexiko gesammelt hatte, ließ er nicht zurück.
In den folgenden Jahrzehnten widmete er sich als anerkannter Experte für Kakteen und Sukkulenten weiter der botanischen Klassifikation, veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Beschreibungen und baute sich in Fachkreisen einen soliden Ruf auf, der weit über seine militärische Laufbahn hinausreichte. Kaum jemand in den botanischen Gesellschaften von Paris brachte ihn noch mit seiner Vergangenheit als Militärarzt eines gescheiterten Kaiserreichs in Verbindung. Erst 1902, 35 Jahre nach seinem Abzug aus Mexiko und nur ein Jahr vor seinem eigenen Tod, veröffentlichte der betagte Weber in der französischen Fachzeitschrift Bulletin du Muséum d’Histoire Naturelle die offizielle Beschreibung jener blauen Agave, die er einst während des Feldzugs beobachtet hatte. Er gab ihr den botanischen Namen, unter dem sie bis heute in der Fachliteratur geführt wird.
1903 starb er in Paris und geriet weitgehend in Vergessenheit. Zur gleichen Zeit erlebte die Tequila-Industrie in Mexiko einen enormen Aufschwung. Cenobio Sauza und seine Nachfolger hatten die blaue Agave längst als die mit Abstand beste Sorte für die Destillation identifiziert, wegen ihres hohen Zuckergehalts und ihrer vergleichsweise kurzen Reifezeit von sieben bis neun Jahren. Als Webers Klassifikation veröffentlicht wurde, übernahmen die mexikanischen Behörden und später die Produzenten den Namen in ihre offizielle Terminologie – ohne dass sich jemand für die Biografie des französischen Arztes interessierte.
Für die Bauern und Destillateure war der Name Weber nur ein abstrakter Begriff aus einem europäischen Fachjournal, weit entfernt von ihrer eigenen Arbeit auf den Feldern unterhalb des Vulkans von Tequila. 1974 schützte die mexikanische Regierung per Gesetz den Namen Tequila durch eine eigene Herkunftsbezeichnung. Sie legt fest, dass ausschließlich ein Destillat aus der Agave Tequilana Weber, angebaut in einem genau abgegrenzten Gebiet innerhalb von fünf mexikanischen Bundesstaaten, diesen Namen tragen darf. Das Verhältnis zwischen gesetzlicher Definition und landwirtschaftlicher Praxis zeigt sich in der täglichen Arbeit der Erntearbeiter.
Ein erfahrener Jimador zieht mit einem einzigen Werkzeug – einer runden Klinge an einem langen Stiel, genannt Coa – durch die Felder, erkennt am bloßen Aussehen der Blätter, welche Pflanze nach sieben bis acht Jahren reif ist, und schneidet von Hand die dornigen Blätter ab, bis nur noch das Herzstück bleibt, die Piña, ein faseriger Kern von oft über 30 Kilogramm Gewicht. Anschließend wird sie stundenlang in Öfen gegart, um die für die Gärung notwendigen Zucker freizusetzen. Dieser jahrhundertealte, körperlich anstrengende Beruf hat mit europäischer Botanik nichts gemein. Und doch trägt jede einzelne Pflanze, die ein Jimador erntet, offiziell den Namen eines Mannes, der nie selbst eine solche Ernte miterlebt hat, sondern die Pflanze nur aus der Ferne während einer militärischen Besatzung kennenlernte.
Die Herkunftsbezeichnung, veröffentlicht am 9. Dezember 1974, war die allererste, die Mexiko überhaupt je ausgesprochen hatte, ein Präzedenzfall für andere Produkte. 1978 wurde der Schutz international registriert. Seither ist der Name Tequila in Dutzenden Ländern rechtlich geschützt, ausländische Hersteller können sich nicht mehr einfach an den Namen anhängen.
Bis heute steht Webers Name fest verankert in der mexikanischen Gesetzgebung, in jeder offiziellen Norm, die festlegt, was echten Tequila ausmacht. Ein bürokratisches Denkmal für einen französischen Militärarzt, dessen Herkunft die meisten Menschen falsch einschätzen. Selbst manche Spezialisten, die sonst jede Nuance eines Destillats analysieren können, geben bei Nachfragen zu, die Weber-Geschichte nie selbst überprüft, sondern aus Schulungsunterlagen oder Werbematerial übernommen zu haben. Wie also wurde aus Frédéric Albert Constantin Weber, dem Militärarzt aus dem Elsass, ganz allmählich Franz Weber, der deutsche Naturforscher?
Eine eindeutige Antwort lässt sich nicht rekonstruieren. Doch die Spur führt in Richtung moderner Tourismus- und Markenwerbung, nicht in Richtung seriöser Geschichtsschreibung. Zahlreiche Marken, Reiseblogs und Vertriebsseiten wiederholen bis heute nahezu wortgleich dieselbe kurze Erzählung, formuliert offenbar von jemandem, der vor Jahrzehnten einen ungenauen Werbetext verfasste. Seither wurde er unzählige Male kopiert, übersetzt und leicht abgewandelt, ohne dass jemand die Fakten überprüfte.
Ein klassisches Beispiel dafür, wie sich Ungenauigkeiten im Zeitalter des Kopierens und Einfügens rasend schnell verbreiten. Das Jahr 1896, das in der Legende genannt wird, ist vollkommen falsch. Webers tatsächlicher Aufenthalt in Mexiko fand drei Jahrzehnte früher statt, während der französischen Militärintervention, nicht während einer zivilen Forschungsreise. Der Vorname Franz taucht in keiner ernstzunehmenden historischen Quelle auf.
Er scheint irgendwann schlicht erfunden worden zu sein, vermutlich weil er im deutschen Sprachraum vertrauter klingt als das französische Frédéric und besser zu der angenommenen deutschen Nationalität passte. Die Zuschreibung deutscher Nationalität lässt sich teilweise durch die Geschichte seiner elsässischen Heimat erklären. Das Elsass, in dem Weber geboren wurde, gehörte bei seiner Geburt zu Frankreich. Vier Jahre nach seinem Mexiko-Einsatz, infolge der Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg von 1871, wurde die Region für fast 50 Jahre Teil des deutschen Kaiserreichs, bevor sie nach dem Ersten Weltkrieg wieder französisch wurde, im Zweiten Weltkrieg noch einmal kurzzeitig von Deutschland annektiert, danach erneut französisch.
Diese wechselvolle Geschichte, der alemannische Dialekt und die deutschklingenden Ortsnamen mögen dazu beigetragen haben, dass der Nachname Weber als eindeutig deutsch wahrgenommen wurde, obwohl sein Träger zeitlebens französischer Staatsbürger und Offizier der französischen Armee war, geboren Jahre bevor seine Heimat unter deutsche Verwaltung fiel. In den letzten Jahren hat sich parallel zur wachsenden Beliebtheit hochwertiger Tequilas eine Bewegung mexikanischer Historiker formiert, die verlangt, dass Reiseführer, Marketingtexte und Museumsdarstellungen um die Tequila-Route die tatsächliche Biografie Webers korrekt wiedergeben, statt die bequeme, aber falsche Version zu erzählen. Diese Bemühungen stehen vor derselben Hürde wie jeder Versuch, eine etablierte, gut klingende Geschichte zu korrigieren. Sie konkurrieren gegen tausende gedruckte Broschüren, unzählige Webseiten in Dutzenden Sprachen und die menschliche Vorliebe für eine runde Anekdote gegenüber einer komplizierten Wahrheit voller Kriege, Kolonialismus und einer erschossenen kaiserlichen Marionette.
In den frühen 2000er Jahren begannen die amerikanischen Botaniker Gary Nabhan und Ana Valenzuela öffentlich zu argumentieren, dass der Name Weber in der wissenschaftlichen Bezeichnung eigentlich keine Berechtigung mehr habe, da er weder eine kulturelle noch eine geographische Verbindung zu Mexiko oder zur Agave besitze, anders als etwa der Artname Tequilana, der auf den Ursprungsort verweist, oder der Zusatz Azul, der die blaue Farbe der Blätter beschreibt. Aus ihrer Sicht sei es unangemessen, dass der Name eines europäischen Militärarztes für immer mit einer Pflanze verbunden bleibt, die für die mexikanische Kultur eine jahrtausendealte Bedeutung besitzt. Ihr Vorschlag, die Pflanze offiziell umzubenennen, stieß auf gemischte Reaktionen und konnte sich nicht durchsetzen – nicht zuletzt, weil der Name Weber tief in der Gesetzgebung und der internationalen Herkunftsbezeichnung verankert ist. Eine offizielle Umbenennung hätte nicht nur botanische, sondern auch weitreichende rechtliche Konsequenzen für die gesamte Industrie.
So bleibt die Situation paradox: Ein Gesetz, das mit äußerster Präzision festlegt, welches Gebiet, welche Pflanze und welche Herstellungsmethode als echter Tequila gelten dürfen, trägt im entscheidenden botanischen Namen das Andenken an einen Mann, dessen nationale Herkunft die Öffentlichkeit bis heute systematisch falsch wiedergibt. Jede legale Flasche trägt auf dem Etikett eine NOM-Nummer, die Abkürzung für Norma Oficial Mexicana, die eindeutig die Destillerie identifiziert. Diese Norm, die mit chirurgischer Präzision festlegt, welcher Mindestanteil an Agavenzucker enthalten sein muss, welche Destillationsverfahren erlaubt sind und wie lange ein Destillat reifen muss, um sich Reposado, Añejo oder Extra Añejo nennen zu dürfen, beruft sich ausdrücklich auf die botanische Art Agave Tequilana Weber – ganz so, als sei die Herkunft dieses Namens eine längst geklärte Angelegenheit. In Wahrheit beruht sie auf einem Missverständnis, das inzwischen sogar Eingang in mexikanisches Recht gefunden hat.
Interessanterweise ist der deutsche Markt für Tequila in den vergangenen Jahren gewachsen, mit Fachgeschäften, Tastings und spezialisierten Online-Händlern, die sich hochwertigem Tequila widmen. Gerade in diesem wachsenden Marktsegment, das sich um Bildung bemüht, wäre zu erwarten, dass die Legende irgendwann korrigiert würde. Doch bislang findet sich die falsche Version auf ebenso vielen deutschsprachigen wie englischsprachigen Verkaufsseiten. So schließt sich der Kreis bei jenem stolz vorgetragenen Satz auf Flaschenetiketten: Ein deutscher Botaniker namens Franz Weber habe 1896 die blaue Agave entdeckt und benannt.
In Wahrheit war er ein französischer Militärarzt mit elsässischen Wurzeln, der drei Jahrzehnte früher als Teil einer gescheiterten Invasionsarmee nach Mexiko kam, dort nebenbei Pflanzen sammelte, während sein Kaiser Maximilian am Ende vor einem Erschießungskommando stand, und der seine wissenschaftliche Beschreibung erst als alter Mann kurz vor seinem Tod in einer französischen Fachzeitschrift veröffentlichte. Weder Frédéric Albert Constantin Weber selbst noch Cenobio Sauza noch die mexikanischen Gesetzgeber konnten ahnen, dass dieser Name eines Tages auf Millionen Flaschen weltweit stehen und dabei fast durchgehend falsch erzählt werden würde – verwandelt von einem französischen Frédéric in einen deutschen Franz, von einem Militärarzt in einen romantisierten Naturforscher, von einer gescheiterten Invasion in eine harmlose Forschungsreise. Nicht schlecht für einen Namen, der eigentlich nie so hätte erzählt werden dürfen, wie ihn heute fast jede Flasche erzählt.


