Der alte Steinguttopf meiner Großmutter stand noch im Keller, und ich fand den glatten grauen Flussstein, den sie seit 1947 jeden Herbst gewaschen hatte. Sie hatte mir nie erzählt, dass diese…

Der alte Steinguttopf meiner Großmutter stand noch im Keller, und ich fand den glatten grauen Flussstein, den sie seit 1947 jeden Herbst gewaschen hatte. Sie hatte mir nie erzählt, dass diese...

Der graue Stein lag seit Jahrzehnten im Steinguttopf, zwischen den Lagen von gehobeltem Weißkohl, bedeckt von Salz und einer eigenen Lake, die er langsam bildete. Meine Großmutter wusch diesen Stein jeden Herbst, sorgfältig und ohne Hast, seit 1947, als hätte er ein eigenes Leben. Sechs Wochen lang stand der Topf im Keller neben der Kartoffelkiste, und das ganze Haus roch leicht sauer und leicht süß, wie Brot, das zu gehen beginnt. Drei Körbe mit diesem Kraut ernährten unsere Familie einen ganzen Monat lang, und das in einer Zeit, in der niemand an Lebensmittelkontrolle dachte, sondern nur daran, dass der Winter kommen würde.

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Wenn ich heute in den Keller schaue, liegt der Stein immer noch dort, grau und glatt, als könnte er jederzeit wieder verwendet werden. Aber das wird er nicht. Nicht so, wie es damals war. Die Methode, die meine Großmutter fast ihr ganzes Leben lang angewandt hat, würde heute, aus einer Privatküche heraus verkauft, gegen das deutsche Lebensmittelrecht verstoßen.

Es gab fünfzehn solcher stillen Tricks, die sie beherrschte, und der Letzte davon, den am wenigsten greifbaren, hat bisher kein Lebensmittelkontrolleur jemals schriftlich festgehalten. Es war ihr Geheimnis, ihr stolzes Erbe, und es stirbt langsam mit der Generation, die es noch gekannt hat. Die Sauerkraut-Methode war nur der Anfang. Sie haben den Kohl mit einem schweren Krautobel aus Buchenholz gehobelt, drei Klingen, die der Schleifer aus dem Dorf einmal im Jahr abzog, bis dir der Arm brannte und die Späne in einer gleichmäßigen, feinen Bahn auf den Tisch fielen.

Dann kam das grobe Salz dazu, ein Pfund auf fünfzig Pfund Kohl, und du hast alles mit einem Holzstößel gestampft, bis die Lake aufstieg und das Kraut glänzte, als würde es innerlich leuchten. Verschiedene Familien hatten ihre eigenen Zutaten, ihre geheimen Zusätze. Manche legten zwischen die Schichten Wacholderbeeren, andere Kümmelkörner, und mein Großvater in Niederbayern schwor auf eine zerquetschte Knoblauchzehe ganz unten im Topf. Und niemand hat widersprochen, weil sein Kraut das Beste war, das man schmecken konnte.

Oben drauf kam ein Leinentuch, ein Holzkreuz und dann der Stein, der alles beschwerte. In der zweiten Woche begann es im Topf leise zu blubbern, ein Geräusch, das man durch die ganze Kellerwand hörte, sobald man die Tür öffnete. Der Schaum musste abgeschöpft werden, einmal die Woche, mit einem Holzlöffel, sauber und ohne Eile, als wäre es eine Meditation. Aus drei Pfennig Weißkohl wurde ein Monat lang Vitaminversorgung für sechs Personen.

Das war keine Küche, das war eine Versicherung, die keine Versicherung ersetzen konnte. Heute steht der Topf bei den meisten Menschen leer auf dem Dachboden oder in einer Ecke des Kellers, und niemand weiß mehr, wozu er eigentlich gut war. Aber der Stein war nur die einfachste Art der Beschwerung. Es gab eine Methode, die schwerer wog, weil sie Fleisch betraf.

Als der Hausschlachter im November durch war, kam die Speckseite nicht ins Tiefkühlfach, sie kam ins Pökelsalz, in eine Eichenholzkiste auf dem Dachboden, die mit grobem Salz ausgeschlagen war. Dazwischen lagen Wacholderbeeren aus dem Schwarzwald oder von der Heide, je nachdem, wo man lebte, und das Fleisch lag dort drei bis vier Wochen, kühl und trocken. Der süßliche Geruch von Salz und Fleisch zog durch die Bodendielen bis ins Treppenhaus, ein Geruch, der für mich immer mit Sicherheit und Wohlstand verbunden war, mit dem Wissen, dass der Winter kommen konnte, ohne uns zu erschrecken. Du hast die Seite jeden zweiten Tag gewendet, das Salz nachgestreut und mit der bloßen Hand gefühlt, ob die Festigkeit schon kam, ob das Fleisch sich langsam verwandelte.

Manche legten noch ein Lorbeerblatt und ein paar Pfefferkörner dazu, und mein Großvater schwor auf einen Schuss Rotwein im ersten Salz. Wenn ich ihm widersprochen hätte, hätte er mich nur angeschaut, als hätte ich den Verstand verloren. Nach dem Pökeln wurde die Seite gewässert, abgetupft und zum Räuchern aufgehängt, und ein einziges Schwein hat eine fünfköpfige Familie acht Monate lang ernährt, von November bis in den Sommer hinein. Heute, das hat sich grundlegend geändert.

Die Fleischhygieneverordnung schreibt vor, was du in deiner eigenen Küche mit deinem eigenen Tier nicht mehr darfst, und wer in seinem eigenen Schuppen eine Seite Speck einsalzen will, muss damit rechnen, dass die Veterinärbehörde Fragen stellt, sobald irgendjemand davon erfährt. Was im Salz lag, war nur der Anfang, und was darüber hing, war die eigentliche Kunst, die man nicht lernen konnte, ohne sie zu leben. Das Kalträuchern über Buchenspänen war eine Kunst für sich. Schinken, Mettwurst, Forelle, alles bei höchstens fünfundzwanzig Grad, drei Tage und drei Nächte ununterbrochen in einem Räucherofen aus Kupfer oder gemauert in den Schornstein.

Die Späne kamen vom Schreiner aus der Nachbarschaft, ein halber Sack für fünfzig Pfennig, und es musste Buche sein, niemals Nadelholz, niemals Birke, weil das Harz den Schinken bitter machte. Du bist mitten in der Nacht aufgestanden, im Schlafanzug, mit einer Taschenlampe in der Hand, um nachzulegen und die Glut am Leben zu halten. Manchmal ist mein Großvater einfach in der Räucherkammer auf einem alten Stuhl eingeschlafen, eine Decke über den Schultern, weil er den Rauch nicht ausgehen lassen wollte. Im November roch die ganze Straße danach, und niemand hat sich beschwert, weil bei den meisten in derselben Woche ein Schwein hing.

Das Ergebnis war ein Schinken, der zwei Jahre hielt, ohne Kühlschrank, ohne ein einziges Watt Strom. Davon versteht heute keiner mehr etwas. Die Bundesimmissionsschutzverordnung hat dem Hausräuchern in geschlossenen Wohngebieten den Boden unter den Füßen weggezogen, und wer es heute noch macht, bekommt Besuch vom Ordnungsamt, weil der Nachbar drei Häuser weiter den Rauch durch sein gekipptes Fenster gerochen hat. Räuchern brauchte Holz und Geduld, aber das nächste brauchte nur einen Topf und ein bisschen Mut.

Das Schmalz mit Zwiebel und Apfel wurde aus zwei Kilogramm Bauchspeck gemacht, in handflächengroßen Würfeln, langsam ausgelassen in einer schweren Gusseisenpfanne, vier Stunden lang bei kleiner Flamme. Du hast immer wieder umgerührt mit dem hölzernen Kochlöffel, und das Fett wurde glasig, dann klar, dann hellgelb und dann begannen die Würfel zu bräunen. Wenn die Grieben goldbraun waren, kamen Zwiebelringe und ein gewürfelter Boskop dazu, und der Duft, der sich in der Küche ausbreitete, war so intensiv, dass die Nachbarskinder vor dem Fenster standen. Das Ganze wurde in einen Steinguttopf gefüllt, mit Pergamentpapier abgedeckt und mit Spagat verschnürt.

Die übrig gebliebenen Grieben kamen aufs Brot mit grobem Salz und einer aufgeschnittenen Zwiebel, das war die Vesper für die Männer, die am Samstag im Garten Holz machten. Auf dem Brot war das Schmalz zwölf Monate haltbar, oben im Keller auf der kühlen Seite, und ein Glas Schmalz mit Apfel im März war besser als jede Butter. Heute steht im Kühlschrank meines Enkels Margarine aus dem Discounter, in Plastik verpackt, mit dreißig Zutaten, von denen er keine aussprechen kann, und wenn ich ihm das erzähle, schaut er mich an, als würde ich eine fremde Sprache sprechen. Schmalz war für den Winter, aber für den Mangel zwischen den Jahreszeiten gab es etwas noch Älteres und Einfacheres.

Die Sandkiste im Keller für das Wurzelgemüse. Mohrrüben, Sellerie, Pastinaken, rote Bete, alle senkrecht in feuchten Quarzsand gesteckt wie kleine Soldaten in Reih und Glied. Die Kiste war aus Fichtenholz einfach zusammengenagelt, der Sand kam kostenlos aus der Sandkuhle hinter dem Dorf. Du hast den Sand jedes Frühjahr ausgewaschen in der Schubkarre mit dem Gartenschlauch und ihn wieder trocknen lassen, bevor er im Herbst zurück in die Kiste kam.

Daneben standen die Kartoffeln in der hölzernen Hürde, mit Stroh abgedeckt, und an der Wand hingen die Zwiebelzöpfe, im August geflochten, fest und trocken bis ins Frühjahr hinein. Wenn du im Februar in die Kiste griffst, war die Hand kühl und feucht, und die Rübe kam heraus, als wäre sie gestern erst gezogen worden, knackig im April, ohne einen Tropfen Strom. Heute baut keiner mehr Keller, in denen so etwas funktioniert. Die neue Bauordnung fordert Dämmung, Dichtigkeit, Heizung, und die alten Erdkeller verschwinden mit jedem Hausverkauf.

In jedem dritten Neubau steht heute statt eines Vorratskellers eine Tiefgarage, und das gesamte Wintergemüse einer Familie liegt in zwei Plastikbeuteln im Tiefkühlfach. Was wir gemacht haben, war keine Küche, das war ein privater Vorratskreislauf. Sechs Regale, eine Sandkiste, ein Räucherofen, ein Gärtopf, kein Kühlhaus, keine Lieferkette, kein Etikett. Wenn eine Gesellschaft beschließt, dass so etwas ein Verstoß ist und keine Tugend, dann hat sie etwas anderes entschieden, als sie zugibt.

Sie hat entschieden, wer wen ernähren darf. Heute sind in jedem dritten deutschen Haushalt weniger Vorräte vorhanden als für drei Tage Lebensmittel. Das hat das Bundesamt für Bevölkerungsschutz selbst gezählt. Vor sechzig Jahren hätte das jeden Mann zwischen Flensburg und Garmisch ehrlich erschreckt, aber heute ist es einfach die Realität, in der wir leben.

Nummer zehn war die Eier im Wasserglas. Frische Eier aus dem eigenen Stall, eingelegt in eine klare Lösung aus Natriumsilikat, im glasierten Steinguttopf, abgedeckt mit einem Holzbrett. Die Apothekenflasche mit dem Wasserglas stand in jedem ordentlichen Haushalt, fünfzig Pfennig für einen halben Liter. Du hast die Eier am Tag des Legens eingelegt, niemals später, sonst war alles umsonst, und vorsichtig mit dem Schöpflöffel hineingeschoben, die Spitze nach unten, damit die Luftkammer oben blieb.

Bis zu neun Monate hielten die Eier so, ohne Kühlschrank, und im März hattest du noch ein Frühstücksei, das aus dem September stammte. Beim Herausholen war ein weißlicher Schleier auf der Schale, du hast sie kurz unter dem Hahn abgespült, und dann ab in die Pfanne. Der Geschmack war frischer als das, was heute als Bio im Pappkarton liegt, drei Wochen alt aus den Niederlanden. Wasserglas ist heute in der Europäischen Union als Lebensmittelkonservierungsmittel nicht mehr zugelassen, und damit ist diese Technik aus unserem Alltag verschwunden, als hätte es sie nie gegeben.

Eier hielten im Wasserglas, aber Obst brauchte etwas Heißeres. Der Einkochautomat auf dem Herd, ein Einkochtopf aus Kupfer, stand auf der Anrichte mit dem Thermometer im Deckel. Erdbeeren, Kirschen, Pflaumen, Bohnen, Pilze, alles im Weckglas mit dem orangefarbenen Gummiring und dem Glasdeckel, festgezurrt mit der Klammer. Du hast bei neunzig Grad eingekocht, dreißig Minuten lang, und wenn der Deckel zugezogen hatte, hörtest du das leise Plopp in der ganzen Küche, ein Geräusch, das sich anfühlte wie ein kleines Versprechen, dass der Winter nicht so schlimm sein würde.

Auf jedem Glas stand die Handschrift deiner Großmutter mit Bleistift, das Datum und die Frucht. Die Gummiringe wurden jedes Jahr neu gekauft beim Eisenwarenhändler an der Ecke, zehn Pfennig das Stück, und die alten kamen in eine kleine Schachtel, weil man nichts wegwarf, was vielleicht noch einmal taugte. Beim Hausverkauf meines Onkels vor zwei Jahren hat ein Mann in Münster ein Glas Pflaumen vom August 1964 gefunden, ungeöffnet im Keller. Das hielt eben.

Privat darfst du das heute noch machen, aber verkaufen aus deiner Küche geht nicht mehr. Auf dem Wochenmarkt darf nur jemand Marmelade verkaufen, der eine Gewerbeküche nach EU-Norm vorweisen kann, und so eine kostet schnell zwanzigtausend Euro. Das Einkochen war das Herzstück, aber daneben stand etwas Schärferes. Die sauren Gurken im Steinguttopf mit Dillkrone und Eichenblatt.

Ganze Gurken aus dem eigenen Garten, eingelegt in Salzlake mit der Dillblüte, Knoblauch, Senfkorn und einem frischen Eichenblatt für die Festigkeit. Der Krug kam aus dem Westerwald, drei Liter mit Wasserrinne. Manche schworen auf ein Weinblatt statt auf das Eichenblatt, andere auf Kirschblätter, und der Onkel aus Brandenburg legte noch eine halbe Meerrettichstange dazu, damit die Gurken länger fest blieben. Drei Wochen blubberte die Gährung in der Speisekammer, und der Geruch war scharf, grün und unverwechselbar.

Im Spreewald hat das jeder Bauer so gemacht, im Norden, im Süden, in der DDR genauso wie in Bayern. Der Geschmack ließ sich nicht aus dem Glas vom Discounter herauskaufen. Heute liegen Gurken aus der Türkei im Einmachglas und schmecken nach Essig und nach sonst nichts, und wer den Unterschied nicht kennt, weiß nicht, was er verpasst. Gurken waren grün, aber was rot in den Gläsern stand, hatte eine andere Geschichte.

Das Tomatenmark in flachen Schalen auf dem Dachboden war eine Kunst für sich. Bauernromatomaten von der Pergola, püriert durch ein Sieb gestrichen und in flachen Tonschalen aufgetragen. Drei Tage in der Augustsonne auf dem heißen Dachziegel, danach noch eine Stunde im Backofen bei niedriger Hitze, bis die Paste tiefrot, fast schwarz war. Du hast die Schalen am Morgen hochgetragen und am Abend wieder heruntergeholt, weil der Tau die Sache verdorben hätte, und das ganze Haus roch nach reifer Tomate und warmem Holz.

Ein Esslöffel Olivenöl oben drauf, bevor das Glas zuging, das hielt den Schimmel fern. Zwei Esslöffel reichten für eine Soße für sechs Personen. Heute kauft mein Enkel eine Tube aus Italien für einen Euro neunundachtzig und weiß nicht, dass dasselbe einmal aus zwanzig Tomaten und einer Augustwoche entstanden ist. Ein Mann, der seine Familie aus dem eigenen Keller ernähren kann, muss niemanden um Erlaubnis fragen, ob er leben darf.

Das ist der Teil, den die Verordnungen nie laut ausgesprochen haben. Die Kleingartenordnung nennt sich nicht Leine, und die Lebensmittelhygieneverordnung nennt sich nicht Mauer, aber Regal für Regal, Paragraph für Paragraph wurde die Speisekammer kleiner. Heute trägt der durchschnittliche Schrebergarten weniger ab als im Jahr 1960, nicht weil sich der Boden geändert hat, sondern weil sich das Wissen geändert hat. Das Apfelmus aus Fallobst war da noch ein leuchtendes Beispiel.

Boskop vom Streuobsthochstamm im September aufgesammelt, geschält, geviertelt und in einem schweren Eisentopf weich gekocht. Der hölzerne Kochlöffel rührte stundenlang, und der süßlich-saure Dampf hing in der Küche, während die Farbe langsam bernsteinhell wurde, ohne ein Gramm Zucker, weil der Boskop genug Säure und Süße mitbrachte. Heiß ins Weckglas, zugezogen und abgekühlt. Im Januar auf dem Pfannkuchen schmeckte er noch nach Herbst, nach der Ernte, nach der Zeit, als wir wussten, wo unser Essen herkam.

Heute steht im Regal ein Glas Apfelmus mit Zucker, Zitronensäure und Ascorbinsäure, gemacht aus polnischen Äpfeln, und mein Enkel nennt das Natur. Die alten Streuobstwiesen verschwinden, weil sich die Pflege nicht mehr lohnt, und jeden Herbst verfaulen Tonnen von Boskop, Brettacher und Geheimrat Oldenburg unter den Bäumen, weil keiner mehr da ist, der weiß, was daraus werden könnte. Süß war das Mus, aber bitter war, was im Schnapsglas wartete. Das Schnapsbrennen mit dem Hausbrandkessel war eine Tradition, die fast jeder zweite Hof im Schwarzwald und im Allgäuerischen Wald hatte.

Die Maische aus Kirschen, Zwetschgen oder Mirabellen stand wochenlang in der Bütte und gärte vor sich hin. Dann wurde gebrannt, langsam, mit der ganzen Aufmerksamkeit eines Mannes, der wusste, was er tat. Der Vorlauf wanderte ins Schraubglas für die Werkstatt, der Mittellauf ins gute Schnapsfass, der Nachlauf zurück in die nächste Maische. Das Aroma, das in der Brennstube hing, hat sich in die Holzbalken gefressen, und wer dort einmal stand, vergaß den Geruch sein Leben lang nicht.

Der erste Schluck mit dem Vater an einem kalten Vormittag im Februar war kein Trinkerakt, das war eine Übergabe. Da hat ein Mann seinem Sohn gezeigt, dass er ihn für voll nahm, dass er ihm vertraute. Das Branntweinmonopolgesetz hat uns das im Jahr 2017 endgültig genommen. Das Abfindungsbrennen wurde so eingegrenzt, dass es kaum noch jemand macht, und ein Wissen aus drei Jahrhunderten wurde in zwei Sätzen einer EU-Richtlinie geregelt und weggewischt.

Was im Kessel war, brannte, und was im Topf darüber hing, dampfte. Die Bohnen im Salz mit Bohnenkraut waren ein Gericht, das drei Generationen lang gehalten hat. Grüne Stangenbohnen vom Gerüst im Garten, geputzt, gebrochen, Schicht für Schicht in den Steinguttopf gelegt. Auf jede Lage Bohnen kam grobes Salz und ein Zweig Bohnenkraut.

Oben drauf ein Brett, ein Stein, ein Tuch. Kein Einkochen, kein Einfrieren, kein Strom. Im Februar wurden die Bohnen herausgenommen, dreimal gewässert und dann mit Speck und Kartoffeln geschmort. Es schmeckte, als wäre Juli, als wäre die Sonne noch auf der Haut.

Heute kauft mein Enkel tiefgefrorene Bohnen aus Belgien für zwei Euro vierzig das Kilo und glaubt, das sei das natürliche Verhältnis zwischen Mensch und Gemüse. Es gibt heute eine Generation, die einen Boskop nicht von einem Granny Smith unterscheiden kann, die nicht weiß, wann eine Gärung umgeschlagen ist, weil sie den Geruch nicht kennt. Das ist kein Verlust an Geschmack, das ist ein Verlust an Selbstständigkeit. Mein Enkel, der Sauerkraut in der Plastiktüte beim Edeka kauft, weiß nicht, dass dieselben Zutaten auf seiner eigenen Anrichte ihn achtzig Cent kosten würden.

Die Fertigkeiten sind nicht verschwunden, sie wurden abgelegt unter dem Stempel Verstoß. Die Mirabellen und Zwetschgen im eigenen Saft waren eine Methode, die fast zu schön klang, um wahr zu sein. Steinobst vom Spalierbaum an der Südwand, entsteint, in das Weckglas geschichtet, ohne Zucker, ohne Pektin. Das Glas wurde im Wasserbad erhitzt, und der Saft trat von selbst aus der Frucht.

Der Deckel zog zu, mehr brauchte es nicht. Die Kerne wurden nicht weggeworfen, sondern getrocknet, in ein Leinensäckchen gefüllt und im Backofen erwärmt. Wenn ich als Kind Bauchweh hatte, legte mir meine Großmutter das warme Säckchen abends auf den Bauch, und der Schmerz verschwand, als hätte der Duft der Kerne allein schon geheilt. Auf dem Sonntagskuchen war das Obst das Beste, was die Woche brachte.

Die Hauszwetschge, die heute keiner mehr pflanzt, weil sie zu spät trägt und zu wenig hergibt, ist nur noch auf Bestellung in Baumschulen zu bekommen, und wer einen jungen Spalierbaum will, wartet zwei Saisons darauf. Süß und sauer hatten ihren Platz, aber was an Fäden hing, war anders. Die Pilze und Bohnen, getrocknet an Fäden über dem Ofen, waren eine Technik, die fast vergessen ist. Steinpilze aus dem Bayerischen Wald, mit dem Taschenmesser längs halbiert, auf einen Leinenfaden gezogen wie eine Perlenkette.

Der Faden hing im warmen Aufwind über dem Kohleofen, drei Tage lang, und die Küche roch erdig und dunkel wie der Wald im November. Du hast die Pilze am Morgen mit dem Daumen geprüft, und wenn sie noch nachgaben, blieben sie hängen. Wenn sie raschelten wie altes Papier, kamen sie ab und ins Leinensäckchen. Daneben hingen Bohnen, ebenfalls aufgefädelt, knackig getrocknet, bis sie klapperten.

Im Januar gab es eine Pilzsuppe, die niemand mehr so kennt, einen Geschmack, der so tief und erdig war, dass man den Winter auf der Zunge spüren konnte. Der Brandschutz und das Lebensmittelrecht haben offenen Feuerstellen in der Wohnküche längst den Garaus gemacht. Mit dem Kohleofen verschwand auch der Trockenplatz darüber und mit ihm das ganze Wissen, was man darüber alles aufhängen konnte. Was an den Fäden hing, war Vergangenheit, aber was im Glas wartete, war der eigentliche Schatz.

Nummer eins, die Hausschlachtung, war das größte und wichtigste Ereignis des ganzen Jahres. Ein Samstag im späten November, fünf Uhr morgens. Der Hausschlachter kam mit dem schweren Lederkoffer durch den Hof, während im Schuppen die Brühwanne stand und das Wasser auf dem Holzfeuer schon seit einer Stunde kochte. Er zog die Schürze über, prüfte die Klingen und legte sie der Reihe nach auf das Holzbrett, jeder an seinem Platz wie ein Chirurg.

Der Bolzenschuss, das Abstechen, das Ausbluten, alles ging ruhig und ordentlich, weil der Mann das seit dreißig Jahren so machte. Dann das Brühen, das Abkratzen der Borsten, das Aufhängen am Schlachthaken, das Zerteilen, der Wurstfüller mit der Handkurbel auf der Werkbank, die Naturdärme im Eimer mit Salzwasser, der Kessel mit der Brühe für die Leberwurst. Die Frauen standen in der Küche am Fleischwolf und an den großen Schüsseln, würzten Majoran ins Brät, schmeckten ab und gaben den Männern Bescheid, wann es weiterging. Die Kinder durften zuschauen und bekamen ein Stück warme Wurst direkt aus dem Trichter, ein Geschmack, den ich mein Leben lang nicht vergessen habe.

Der Schnaps wanderte herum, der Vater, der Hausschlachter, der Nachbar, der mithalf. Am Abend stand die Speisekammer voll, von der Leberwurst bis zur Sülze, vom Schinken bis zum Schmalztopf, und die Familie saß am Tisch, müde, mit roten Händen und einem Gefühl von Stolz, das man nicht beschreiben konnte. Das erste warme Schlachtessen war mehr als ein Mahl, es war ein Ritual, das die Familie zusammenhielt. Ein Schwein, eine Familie, ein Jahr.

Das war keine Folklore, das war Ernährung. Die Fleischhygieneverordnung, die EU-Verordnung 853 und die Tierschutz-Schlachtverordnung haben aus einem Samstag im November einen Verwaltungsakt gemacht, den kaum noch jemand auf sich nimmt. Im Jahr 1950 schlachteten in Westdeutschland noch über eine Million Bauern privat. Heute sind es ein paar Tausend, und jedes Jahr werden es weniger.

Heute zeigt mein Enkel auf eine Plastikschale im Edeka und fragt, wo das Fleisch wächst. Der Steinguttopf steht noch im Keller. Der Krautobel liegt in der Werkstatt neben dem Schraubstock, der seit zwanzig Jahren nicht mehr gespannt wurde. Die Speisekammer am Ende des Flurs ist heute ein Abstellraum für den Staubsauger.

Niemand fragt wie, niemand fragt mehr warum. Was meine Großmutter wusste, hat keine Paragraphen gebraucht, es hat eine Familie ernährt.