Am 7. April 1988 öffnete ich meine Tür. Minuten später lag ich gefesselt und geknebelt auf meinem Bett – die Plastiktüte über dem Kopf raubte mir den letzten Atemzug. Die Ermittler fanden mich…

Am 7. April 1988 öffnete ich meine Tür. Minuten später lag ich gefesselt und geknebelt auf meinem Bett – die Plastiktüte über dem Kopf raubte mir den letzten Atemzug. Die Ermittler fanden mich...

Am 7. April 1988 öffnete Ilian Andres in seiner Kölner Wohnung die Tür. Es war Donnerstag, ein Tag wie viele andere – doch es sollte der letzte Tag seines Lebens sein. Ilian war erst 29 Jahre alt.

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Seit Jahren kämpfte er gegen die Multiple Sklerose, die seinen Körper immer mehr einschränkte. Er saß im Rollstuhl, konnte sich kaum noch zur Wehr setzen. Trotzdem lebte er eigenständig im Unicenter, einem der größten Wohnhäuser Europas an der Luxemburger Straße. Freunde halfen ihm im Alltag.

Eine Hausfrau kümmerte sich um den Haushalt, ein 17-jähriger Lehrling begleitete ihn auch zu Arztterminen in die Schweiz, eine Kassiererin aus dem Supermarkt im Erdgeschoss erledigte gelegentlich Einkäufe für ihn. Sein engster Kreis wusste auch, dass Ilian transsexuell war. Er war als Mädchen geboren worden und befand sich mitten in einer langwierigen Geschlechtsangleichung. Seine Mutter und seine Schwester wussten davon, der geschiedene Vater hatte es nie erfahren.

Kurz vor Ostern 1988 hatte sich Ilian einen neuen Fernseher und einen Videorecorder gekauft. Der junge Lehrling, sein Freund, hatte ihm eine Videokassette gegeben, damit Ilian für ihn einen bestimmten Film aufnehmen sollte. Die Kassette lag noch in der Wohnung, als Ilian starb. Am 7.

April war die Hausfrau noch bei ihm gewesen. Sie brachte ihm zwei neue Lampen als Geschenk mit und versuchte, ihn zu einem Ausflug zu überreden. Doch Ilian lehnte ab. Er redete sich heraus, sagte nicht genau, warum.

Vielleicht hatte er an diesem Nachmittag eine andere Verabredung. In den nächsten Tagen öffnete er offenbar freiwillig die Tür. Jemand schlug auf ihn ein, fesselte ihn mit einer Telefonschnur, knebelte ihn mit Mullbinden und einem Küchenhandtuch und zog ihm eine Plastiktüte über den Kopf. Ilian erstickte qualvoll.

Fünf Tage später, am 12. April 1988, wurde das Verbrechen entdeckt. Die befreundete Hausfrau hatte Ilian tagelang nicht erreichen können. Zusammen mit einem Freund gelangte sie über eine Nachbarwohnung auf den Balkon und sah durch das Fenster, dass Ilian im Wohnzimmer stand.

Das war abnormal, denn ohne seinen Rollstuhl konnte er sich nicht bewegen. Die Polizei wurde verständigt, die Wohnung aufgebrochen. Sie fanden Ilian gefesselt und geknebelt auf dem Bett im Schlafzimmer. Der Zustand der Leiche war aufgrund der fortgeschrittenen Verwesung schon stark verändert.

Im Wohnzimmer fiel der Frau ein Detail auf: Eine der Lampen, die sie Ilian geschenkt hatte, war in der Zwischenzeit montiert worden. Ilian hätte das selbst nie tun können. Außerdem fanden die Ermittler einen Kassenzettel für eine Glühbirne, die im Supermarkt im Erdgeschoss des Unicenters gekauft worden war. Auch das musste jemand für ihn erledigt haben.

Wer war in den Tagen zwischen dem 7. und 12. April in der Wohnung? Die Täter hatten in einigen Schränken nach Beute gesucht, allerdings nur oberflächlich.

Gestohlen wurden ein neuer Fernseher der Marke Siemens, ein Videorecorder der Marke Fischer und eine Umhängetasche von Samsonite. Auch die Videokassette des jungen Freundes, beschriftet mit „Drei gegen Drei“, war verschwunden. Ob Geld oder andere Wertgegenstände fehlten, ließ sich nicht mehr rekonstruieren. Am Tatort wurde ein fremder Schuhabdruck gesichert.

Er stammte von einem Sportschuh der Marke Puma, vermutlich Größe 45. Für die Ermittler war klar: Der Abdruck passte nicht in die Wohnung, er musste vom Täter stammen. Die Kriminalpolizei Köln stand vor einem Rätsel. Der Todeszeitpunkt ließ sich nicht mehr genau bestimmen, vermutlich war Ilian am 8.

oder 9. April getötet worden. Das Unicenter bot den Tätern viele Fluchtwege – fast 1000 Wohnungen, keine Videoüberwachung, und der Pförtner am Eingang konnte leicht umgangen oder übersehen werden. Eine Hausbefragung in der sechsten Etage, wo Ilian wohnte, ergab keine konkreten Hinweise.

Am 14. Mai 1988 kam es im 21. Stock desselben Hochhauses zu einem weiteren Tötungsdelikt. Der 26-jährige Mohan A.

wurde mit mehreren Messerstichen getötet. In diesem Fall konnten Verdächtige ermittelt werden, doch im Fall Ilian Andres schieden sie aus. Dann lüfteten die Ermittler ein Geheimnis aus dem Leben des Opfers: Ilian hatte vor seinem Tod Kontaktanzeigen aufgegeben. In einer Zeitschrift namens „Marktplatz“ suchte er nicht nur Kontakte, sondern tauschte auch Videokassetten – Pornofilme waren damals offenbar ein Thema.

Ilian hatte auch selbst auf Anzeigen reagiert. Ein sehr großer Personenkreis kam damit als Täter in Betracht. Es gelang zwar, einige Zeugen zu finden, doch Spuren zum Täter ergaben sich daraus nicht. Der Fall wurde am 4.

November 1988 in der Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ vorgestellt. Es gingen Hinweise ein, doch eine heiße Spur war nicht dabei. Über Jahrzehnte blieb der Fall ungelöst und wurde zu einem Cold Case. Im Jahr 2022 gründete die Kripo Köln eine spezielle Ermittlungsgruppe für Altfälle.

Der Erste Kriminalhauptkommissar Markus Weber übernahm die Leitung und nahm sich auch des Falls Ilian Andres wieder an. Die DNA-Technologie hatte sich in den Jahren enorm weiterentwickelt. Eine damals gesicherte Spur wurde mit heutigen Methoden erneut untersucht. Nach Überprüfung mehrerer Abstriche konnte das Team schließlich eine tatrelevante DNA-Spur bestätigen – doch bislang konnte sie keiner Person zugeordnet werden.

Kommissar Weber ist überzeugt, dass der Fall noch gelöst werden kann. Er sucht weiterhin Zeugen, die Ilian Andres am 7. April 1988 oder danach gesehen haben – in der Luxemburger Straße, im Unicenter oder im Supermarkt. Besonders wichtig sind ihm auch die Menschen, die damals auf Ilians Kontaktanzeigen geantwortet haben oder selbst Anzeigen aufgegeben hatten.

„Da gehe ich schwer davon aus, dass sich damals nicht alle Leute gemeldet haben“, sagt Weber. „Die Zeiten haben sich geändert, keiner braucht Scham oder Bedenken zu haben. Es ist wichtig, dass man der Polizei sagt, wenn man beitragen kann, diesen Fall zu klären. “

Auch der gestohlene Fernseher und der Videorecorder spielen weiterhin eine Rolle.

Die Täter mussten die Geräte irgendwo verkaufen oder verstecken. Vielleicht hat jemand damals eine Beobachtung gemacht: einen Mann, der mit einem Fernseher unterm Arm durch das Hochhaus ging. Ilian Andres konnte sich gegen seine Angreifer kaum wehren. Genau das könnte ihn zum Ziel gemacht haben.

Die Ermittler hoffen, dass die Täter vielleicht doch irgendwann mit jemandem darüber gesprochen haben – denn manchmal geben selbst Täter im Vertrauen etwas preis. Der Fall bleibt offen. Aber mit der modernen DNA-Analyse und neuen Zeugenaussagen könnten die Ermittler endlich die entscheidende Spur finden.