Um kurz nach halb zehn abends klingelte bei uns das Telefon. „Der Mirko ist noch nicht zu Hause“, sagte seine Mutter. Ich kannte den Jungen – zehn Jahre alt, immer fröhlich, wollte später Landwirt…

Um kurz nach halb zehn abends klingelte bei uns das Telefon. „Der Mirko ist noch nicht zu Hause“, sagte seine Mutter. Ich kannte den Jungen – zehn Jahre alt, immer fröhlich, wollte später Landwirt...

„Was soll das? Hilfe! “ Der Schrei eines Kindes in der Dunkelheit. Aber niemand hört ihn.

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Oder vielleicht will niemand hören. Es ist Freitagabend, der 3. September 2010. Der zehnjährige Mirko ist mit Freunden auf der Skateranlage in Ödt.

Eigentlich sollte er um 19 Uhr zu Hause sein, aber Mutter Sandra und Vater Reinhard kennen ihren Sohn. Er vergisst gern mal die Zeit. Als er auch um 21:30 Uhr nicht da ist, ruft Sandra bei der Mutter seines Freundes Mike an. „Der Mirko ist doch nicht noch bei euch, oder?

„Ah, vor einer halben Stunde. Ich habe ihn schon heimgeschickt. “

Sandra ist beruhigt. Mirko ist auf dem Heimweg.

Die fünf Kilometer von Ödt nach Grefrath schafft er mit dem Fahrrad in fünfzehn Minuten. Er verabschiedet sich von seinem Freund. „Ich schleich mich einfach rein. Das merken die gar nicht.

Dann fährt er los. In die Dunkelheit. Auf einer einsamen Einfahrt an der Mühlhausener Straße wartet jemand. Ein Auto steht am Straßenrand.

Als Mirko vorbeifährt, passiert es. „Hey, was soll das? “

„Na, Kleiner, so spät noch unterwegs? “

„Ich muss nach Hause zu meinen Eltern, bitte.

„Komm schon, wir beide machen jetzt einen kleinen Ausflug. “

„Hilfe! Hilfe! Bitte!

Zwei Freunde fahren vom Handballtraining nach Hause. Sie kommen direkt am Tatort vorbei. „Ist das ein Licht vom Fahrrad? Ist der besoffen oder was?

„Sollen wir dem helfen? “

„Nee, sieht so aus, als hätte das schon jemand angehalten. Da steht ein Passat. “

„Na dann, fahr weiter.

Sie fahren weiter. Niemand hilft Mirko. Am nächsten Morgen findet ein Passant das Fahrrad des Jungen am Rande eines Feldweges. Die Eltern sind verzweifelt.

Sandra weiß sofort: „Mirko läuft nicht weg. Irgendjemand hat ihn uns genommen. “ Die Polizei ruft sofort eine Sonderkommission ins Leben. Ingo Thiel, ein erfahrener Kriminalhauptkommissar, übernimmt die Leitung.

300 Beamte durchsuchen die Gegend. Hunderte Freiwillige der Feuerwehr helfen. Doch Mirko bleibt verschwunden. Dann melden sich zwei Zeuginnen.

Auf einem Parkplatz an der Hinsbecker Straße haben sie in einem Abfallbehälter eine schwarze Trainingshose gefunden. In der Tasche steckt ein Zettel: „Mirko“. In den folgenden Tagen findet die Polizei im näheren Umkreis Mirkos Socken, ein blutverschmiertes T-Shirt, einen seiner Puma-Sneaker und seine Boxershorts. „Wenn sie einen zehnjährigen Jungen suchen und das intimste Kleidungsstück finden, dann muss man kein Kriminalist sein, um festzustellen, dass hier ein Tötungsdelikt im Raum steht“, sagt Ingo Thiel.

Für ihn ist es eine traurige Gewissheit. Die Zeugen vom Handballtraining melden sich nach einem Aufruf im Fernsehen. Sie beschreiben einen VW Passat Kombi, Modellreihe B6. Die Heckleuchten seien unverkennbar gewesen.

Ingo Thiel wendet sich an Volkswagen. 155. 000 Fahrzeuge dieser Baureihe wurden gebaut. Eine Nadel im Heuhaufen.

Die Spurenlage zeigt ein klares Muster: Der Täter hat die Kleidungsstücke alle in Fahrtrichtung rechts aus dem Auto geworfen. Er ist nach Norden gefahren, hat das Verbrechen begangen, ist dann zurückgekehrt und hat die Sachen entlang der Straße entsorgt. Der Profiler schließt daraus: „Der Täter hat in Panik gehandelt. Er wohnt wahrscheinlich nicht allein.

Vielleicht hat er eine Familie. Vielleicht hat er Angst, bei der Entsorgung der Kleider entdeckt zu werden. Wir suchen eventuell einen Familienvater. “

Die Kleidungsstücke wurden gezielt an bestimmten Stellen abgelegt.

Der Täter kannte die Gegend. Er kommt aus der Region. Das ist eine wichtige Erkenntnis, aber auch eine schwierige Botschaft: „Wir suchen einen von euch“, müssen die Ermittler der Bevölkerung vermitteln. Die Soko wendet sich über die Fernsehsendung „Aktenzeichen XY“ an die Öffentlichkeit.

Die Telefone stehen nicht mehr still. 30 Mitarbeiter sind inzwischen auf 80 angewachsen. Unter den Hinweisen ist einer besonders interessant: Ein Arzt meldet sich. Ein Musiklehrer, bei dem Mirko Gitarrenunterricht hatte, sei in Behandlung gewesen.

Der Mann sei nervös gewesen, auffällig. Und er fährt einen Passat Kombi. Die Ermittler durchsuchen den Kofferraum des Wagens. Sie finden Blut.

Die Hoffnung ist riesig. Doch das Labor liefert die Ernüchterung: Es ist nicht Mirkos Blut. Der Mann hatte sich in den Finger geschnitten. Eine Sackgasse.

Ingo Thiel sucht nach neuen Wegen. Er kontaktiert die Bundeswehr. Zwei Tornados mit Wärmebildkameras überfliegen das Suchgebiet. Sie machen mehrere brisante Hotspots aus.

Doch es sind sonnengewärmte Blechdächer von Hochsitzen, vergrabene Tierleichen. Kein Junge. Die Zeit vergeht. Die Hoffnung der Eltern schwindet.

Ingo Thiel besucht sie regelmäßig. „Wir suchen Mirko jetzt seit mehr als zwei Wochen ohne Erfolg“, sagt er. „Die Wahrscheinlichkeit, dass wir Mirko lebend wiederfinden, nimmt von Tag zu Tag ab. Aber wir gehen nicht eher weg, bis wir den gefunden haben, der dafür verantwortlich ist.

Wir werden Mirko finden. “

Die Eltern stellen sich vor die Kameras. Sandra Schlitter appelliert an die Öffentlichkeit: „Ich weiß, dass Mirko etwas Schlimmes zugestoßen ist. Das fühlt eine Mutter.

Ich mache mir Gedanken, ob er friert, hungrig ist, Schmerzen hat, nach mir ruft. Wir und seine Geschwister würden ihn gerne in unsere Arme nehmen, sagen, dass wir ihn lieb haben und alles wieder gut wird. Und falls das Schlimmste eingetroffen ist, müssen wir Abschied nehmen und irgendwie weiterleben. Gib uns bitte unser Kind zurück oder sage, wo wir Mirko finden können.

Unter den zahlreichen Anrufen nach dem Fernsehauftritt sind zwei Hinweise aus der Region der Abtei Mariendonk. Eine Nonne hat in der Nacht des Verschwindens einen Schrei gehört. „Den Schrei eines Kindes, so durchdringend, dass ich ihn nicht vergessen konnte. “ Eine andere Anruferin, die in der Nähe wohnt, hat ebenfalls einen Schrei gehört.

Genau zur gleichen Zeit. Die Ermittler sind alarmiert. Eine Professorin für Phonetik wird hinzugezogen, um die Schreie zu lokalisieren. 300schaften durchpflügen die Wiesen und Bruchwälder beim Mühlhausener Band.

Doch auch das bleibt erfolglos. Ingo Thiel kann nachts nicht schlafen. Die Angst quält ihn: „Wenn morgen das Telefon klingelt, weil irgendwo in der Gegend ein zweites Kind verschwunden ist – das Vertrauen der Leute hier in unsere Arbeit wäre zerstört. Panik vor einem anonymen Serienmörder.

Ende Oktober treffen die Listen von VW ein: 155. 000 Fahrgestellnummern. Die Ermittler wissen, dass sich in einem dieser Fahrzeuge Textilfasern von Mirkos Jogginghose befinden. Sie müssen die Fahrzeuge nach Tatortrelevanz einordnen: Radarfalldaten, regionale Zulassungen, Fahrzeuge, die in der Nähe unterwegs sind.

Aus 2500 Fahrzeugen entnehmen Spezialisten Faserproben und untersuchen sie im Labor auf Übereinstimmungen mit Mirkos Kleidung. Zwei Wochen später kommt es zu einem wichtigen Fund. Ein Mitarbeiter der Straßenmeisterei stößt bei Mäharbeiten nahe eines Parkplatzes auf ein Handy. Es ist definitiv Mirkos Handy.

Der Name steht auf der SIM-Karte. Um 23:18 Uhr hatte es sich am Freitagabend aus dem Funknetz ausgeloggt. Der Fundort passt zur Fluchtroute des Täters. Wieder werden alle Suchmaßnahmen gestartet, wieder ohne Erfolg.

Die Weihnachtszeit naht. Ingo Thiel besucht die Familie Schlitter. Sandra hat für das ganze Team der Soko kleine Geschenke vorbereitet. Für Ingo Thiel ist das im ersten Moment peinlich.

„Die hätten uns besser angeschrien“, sagt er später. „Da kann ich mit umgehen. Aber die haben uns tief im Inneren berührt. “

Dann der Durchbruch.

Die Kollegen Armin und Sigi haben die Mobilfunkdaten ausgewertet. „Schau dir die Spur von der Mobilfunknummer an hier. 3. September abends.

Sie verläuft genau da, wo der Täter die Kleider von Mirko abgelegt hat. Das muss das Handy des Täters sein. “

Aus 240. 000 Telefonnummern haben sie die eine herausgefunden, die sich genau an die Spur der weggeworfenen Kleider und Mirkos Handy schmiegt.

Die Nummer gehört einem Mitarbeiter einer Telefongesellschaft. Der Mann ist 45 Jahre alt, arbeitet im Außendienst. Er heißt Gert Hansen und wohnt ganz in der Nähe von Grefrath. „Also, wenn der jetzt noch einen Passat fährt, dann machen wir einen Stempel drauf.

„Hansen Gert. Drei Einträge. Leute, der ist längst bei uns im System. Im Juni 2010 ist er von der Radarfalle erfasst worden.

Ein in Fersen gemeldeter Passat Kombi B6. “

Der Passat wurde Hansen von seiner Firma als Mitarbeiterfahrzeug gestellt. Zur Tatzeit hat er ihn gefahren. Kurz darauf wurde der Wagen aus dem Fuhrpark genommen und an einen Autohändler in Luxemburg verkauft.

Die Ermittler überführen das Fahrzeug dem LKA Düsseldorf und untersuchen es. Das letzte Glied zur Beweisführung sind ein DNA-Abgleich und ein Faserabgleich von Mirkos Hose und dem Passat. „Das Labor hat gerade bestätigt. Die Fasern stimmen überall.

„Das gibt’s doch nicht. Endlich. Mein Gott, ich dachte, ich erlebe das nicht mehr. “

Dann erfahren die Ermittler etwas, das sie sprachlos macht: Ein Kollege aus dem Team, der bei den Sucheinsätzen dabei war, ist Nachbar von Gert Hansen.

„Nicht dein Ernst? Ja doch, ich kenne ihn sehr gut. Ich hätte das im Leben nicht gedacht. “

Am nächsten Morgen um 6 Uhr erfolgt der Zugriff.

Kein SEK, kein großer Auftritt. Der Kollege Carsten klingelt an der Tür. „Hansen, sag mal, spinnst du? Weißt du, wie spät es ist?

„Hallo Gert, das ist mein Kollege Mario Eckerz von der Kripo. Der möchte sich mal mit dir unterhalten. “

„Hansen, wir sind von der Soko Mirko. Sie stehen in dringendem Verdacht, etwas mit der Sache zu tun zu haben.

Im Verhör streitet Gert Hansen zunächst alles ab. „Ich weiß, Sie würden gerne was anderes von mir hören. Am besten, dass ich dem Mord an dem armen Jungen gestehe. Aber ganz ehrlich, ich war’s nicht.

Doch Ingo Thiel konfrontiert ihn: „Es wurden Fasern von Mirkos Kleidung in Ihrem Passat gefunden. Das heißt, der Junge war in Ihrem Wagen. “

Hansen schaltet um. Er wird freundlich, fast hilfsbereit.

„Die Eltern würden sich gerne von ihrem toten Jungen verabschieden. Dann würden Sie uns zeigen, wo die Leiche von Mirko liegt. “

Die Vernehmung dauert neun Tage. Hansen erzählt von seinem Ärger im Büro, von seinem Chef, der ihn vor den Kollegen runtergemacht hat.

Er sei verletzt gewesen, beschämt. Dann habe er den Jungen zufällig auf dem Rad gesehen. „Er hat sich von einem Freund verabschiedet. “

„Sie haben ihm dann aufgelauert, ihn vom Rad gezerrt und ihn gezwungen, in Ihren Wagen zu steigen.

Haben Sie ihn da bereits verletzt? “

„Ich wollte ihn nicht verletzen, ich wollte ihn beruhigen. Und dann hat er sich gewehrt. Was hätte ich denn machen sollen?

Auf der Fahrt muss der Junge Höllenqualen durchlitten haben. „War das von vornherein Ihr Plan, ihn zu töten? “

„Nein, überhaupt nicht. Ich gebe zu, das war schwach von mir.

Es hat mich aufgebaut, dass er Angst hatte. Und ich hatte Macht. “

„Haben Sie sich dann dort an ihm vergangen? “

„Ich habe ihn nur ein bisschen gestreichelt, aber das hat mir überhaupt nichts gebracht.

Vergangen – so würde ich das nicht nennen. Ich hatte einen kompletten Aussetzer, keine Frage. Und dieser Aussetzer führte dazu, dass ich ihn getötet habe. “

„Warum?

„Ich wollte ihn wieder laufen lassen. Das müssen Sie mir glauben. Das ganze ist voll aus dem Ruder gelaufen. Und dann hat er angefangen zu schreien.

Ich konnte ihn nicht mehr gehen lassen. “

Zu seiner Verteidigung behauptet Hansen, er habe den Jungen zunächst für leblos gehalten, habe ihm helfen wollen. Doch die Beweislage ist erdrückend. Die Fasern von Mirkos Hose im Passat, die DNA-Spuren, die Kleidungsstücke, das Handy.

Die Schwestern von Mariendonk laden die Soko zu einem Trauergottesdienst ein. „Wir können Ihnen nicht genug danken für das, was Sie für uns getan haben“, sagt Sandra Schlitter zu Ingo Thiel. „Es ist zwar schrecklich, dass er tot ist, aber Gott sei Dank hat die grausame Zeit der Ungewissheit jetzt ein Ende. “

„Versprechen gehalten“, sagt Ingo Thiel.

Am 29. September 2011 ergeht das Urteil gegen Gert Hansen. Das Gericht ist davon überzeugt, dass er Mirko entführt, missbraucht und ermordet hat. Das Landgericht Krefeld stuft ihn als voll schuldfähig ein und verurteilt ihn zu lebenslanger Haft.

Wegen der besonderen Schwere der Schuld. Ingo Thiel und seine Kollegen konnten den kleinen Mirko nicht retten. Sie konnten das Schlimmste nicht verhindern.

Aber sie konnten Mirko zu seiner letzten Ruhe verhelfen – und damit der Familie Gewissheit geben.