Ich habe 27 Jahre lang jeden Tag über diese Brücke gedacht – und dann saß ich ihm plötzlich gegenüber in seinem Schlafzimmer. „Du warst nie dort“, sagte er. Doch dann rutschte es aus ihm heraus:…

Ich habe 27 Jahre lang jeden Tag über diese Brücke gedacht – und dann saß ich ihm plötzlich gegenüber in seinem Schlafzimmer. „Du warst nie dort“, sagte er. Doch dann rutschte es aus ihm heraus:...

1991 wurde die zehnjährige Stefanie Drevs von der Teufelstalbrücke an der A4 bei Jena in die Tiefe geworfen. Zwei Tage zuvor war sie in Weimar beim Spielen verschwunden. Die Ermittler von damals konnten den Fall nie vergessen. Jedes Mal, wenn sie über diese Brücke fuhren, dachten sie an das Mädchen, das hier hatte sterben müssen.

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27 Jahre später, am 4. März 2018 in Berlin-Reinickendorf, rückte ein Spezialeinsatzkommando an. Hans Joachim G. sollte festgenommen werden.

Er stand im Verdacht, Stefanie Drevs missbraucht und ermordet zu haben. Doch es gab keine objektiven Beweise. Alles hing davon ab, ob der Mann ein Geständnis ablegen würde. Sonst war die jahrelange Arbeit umsonst.

Mehr als ein Jahr hatten die Ermittler der Soko Altfälle Indizien gesammelt. Der Leiter Lutz Schnelle hatte ein Team aus rund 40 Ermittlern zusammengestellt, um drei ungeklärte Kindermorde aus den 1990er Jahren aufzuklären: Stefanie Drevs, Bernt Beckmann und Ramona Kraus. Ihr Slogan lautete: „Der Täter ist in der Akte. Wir müssen nur die richtige Methodik finden.

Kriminalhauptkommissar Dirk Stiebitz gehörte zu den Ermittlern. Er war schon 1991 als junger Polizist in Weimar dabei gewesen, als Stefanies Eltern eine Vermisstenanzeige aufgaben. „Ich muss sagen, dass dieser Fall mich die ganzen Jahre nie losgelassen hat“, sagt er. „Jedes Mal, wenn ich über die Teufelstalbrücke gefahren bin, kamen mir solche Gedanken hoch: Wer tut so etwas?

Warum können wir das nicht klären? “

Zurück ins Jahr 1991: Am 24. August verschwand Stefanie im Göthepark in Weimar. Es war ein warmer Sommertag.

Die Kinder spielten am sogenannten Ochsenauge. Ein Unbekannter beobachtete sie von einem Felsen aus etwa zwei Stunden lang. Dann sprach er die Kinder an und fragte, ob ihm eines den Weg zum nahegelegenen Schloss Belvedere zeigen würde. Er bot 50 Mark dafür an.

Stefanie stammte aus schwierigen Verhältnissen, sparte auf ein Fahrrad und brauchte das Geld. Sie schlug ihre Angst in den Wind und ging mit. Als Stefanie nach einer Stunde nicht zurückkam, alarmierten die Kinder ihre Eltern. Die Polizei startete eine großangelegte Suche.

Sogar ein Hubschrauber wurde aus Berlin angefordert, weil Thüringen damals noch keinen eigenen hatte. Doch alles blieb erfolglos. Zwei Tage später fanden Kinder beim Spielen unter der Teufelstalbrücke eine Leiche. Es war Stefanie.

Sie war 48 Meter in die Tiefe gestürzt. Die Obduktion ergab: Sie hatte noch gelebt, als sie aufschlug. Ihr Slip war verdreht, und im Blut fanden sich hohe Konzentrationen von Beruhigungs- und Schlafmitteln. Stefanie war bewusstlos, als sie von der Brücke geworfen wurde.

Die Ermittler überprüften Sexualstraftäter in ganz Thüringen, baten über ein Fahndungsplakat um Hinweise auf ein Fahrzeug mit Dresdner Kennzeichen und schalteten sogar „Aktenzeichen XY ungelöst“ ein. Doch es gab keine verwertbaren Spuren. Nach Monaten wurde die Akte geschlossen. 25 Jahre später wurde der Cold Case wieder aufgerollt.

Die alte Akte umfasste nur 18 Ordner. Es gab keine objektiven Spuren mehr, nur die Ergebnisse der damaligen Ermittlungen. Selbst der genaue Auffindungsort der Leiche war nicht mehr feststellbar, weil die Brücke abgerissen und 1997 neu gebaut worden war. Eine entscheidende Frage musste geklärt werden: Ist Stefanie durch einen schrecklichen Zufall gestürzt oder wurde sie gestoßen?

Nur wenn es Mord war, war die Tat noch nicht verjährt. Professor Dirk Labudde von der Hochschule Mittweida, ein international führender Datenforensiker, sollte die alte Brücke digital rekonstruieren. Mit Hilfe der Originalbaupläne von 1938 und wenigen Fotos gelang es ihm, die Brücke im Computer nachzubauen. Dann simulierten er und sein Team den freien Fall eines Körpers aus dieser Höhe.

Das Ergebnis war eindeutig: Der tatsächliche Auffindungsort der Leiche, acht Meter vom Brückenrand entfernt, passte nicht zu einem freien Fall. Stefanie musste mit einer Anfangsgeschwindigkeit von 2,5 Metern pro Sekunde beschleunigt und so über die Brücke geworfen worden sein. Sie wurde ermordet. Doch wer war der Täter?

Die Soko konzentrierte sich zunächst auf die beiden anderen Fälle. Kriminalhauptkommissarin Claudia Becker-Fritz las die umfangreichen Akten. Im Fall Bernt Beckmann stieß sie auf Spur 305: Hans Joachim G. , ein LKW-Fahrer aus Weimar, sechsmal wegen Kindesmissbrauchs vorbestraft.

Im Fall Beckmann hatte er ein Alibi, aber die Spur passte ihrer Meinung nach zu hundert Prozent auf den Fall Stefanie. Zwischen 1969 und 1994 hatte Hans Joachim G. mindestens zwölf Kinder missbraucht, fast ausschließlich Mädchen im Alter zwischen 8 und 12. Er sprach sie an, fragte nach dem Weg, bot Geld an, lockte sie in sein Auto, gab ihnen Beruhigungsmittel und verging sich dann an ihnen.

Der einzige Unterschied zu Stefanie: Die anderen Opfer hatten überlebt. Er hatte sie einfach ausgesetzt. Becker-Fritz schrieb ihre Erkenntnisse auf und präsentierte sie im März 2017 der Soko-Leitung. Schnelle war sofort überzeugt.

Je mehr sich die Ermittler mit Hans Joachim G. beschäftigten, desto mehr deckten sich seine Täterdetails mit dem Fall Stefanie. Der heute 65-Jährige lebte in Berlin, arbeitete als LKW-Fahrer und wirkte völlig unauffällig. Doch es fehlte der finale Beweis.

Wenn er nicht gestehen würde, wäre die Arbeit umsonst gewesen. Genau zu dieser Zeit besuchte Sokoleiter Schnelle einen Vortrag der Verhandlungs- und Verhaltensexpertin Sabrina Ritzo aus Hamburg. Sie konnte Menschen lesen – anhand von Körpersprache, Stimmlage und Mimik. Schnelle bat sie um Hilfe.

Ritzo las sich wochenlang in den Fall ein und hörte abgehörte Telefongespräche von Hans Joachim G. Dabei machte sie eine Entdeckung. In einem Telefonat mit seinem Stiefsohn sagte Hans Joachim G. , dass Kinder nie wieder in seinem LKW oder PKW mitfahren würden.

„Das ist für mich für alle Zukunft. Das habe ich mir beschworen. “ Seine Stimme sank dabei nicht nur in die Trauer, sondern noch tiefer. Für Ritzo war das ein Tätergeständnis.

Sie war überzeugt, dass er den Mord begehen konnte und dass er unter den richtigen Bedingungen gestehen würde. Ritzo entwickelte eine Vernehmungsstrategie. Die Ermittler sollten unmittelbar nach der Festnahme in der Wohnung des Verdächtigen mit dem Verhör beginnen. Dirk Stiebitz sollte neben dem Verdächtigen sitzen, auf der linken Seite, weil dort die emotionale Seite des Menschen ist und er so eher Vertrauen aufbauen würde.

Am 4. März 2018 war es so weit. Das SEK stürmte die Wohnung in Berlin-Reinickendorf. Hans Joachim G.

war gerade aufgestanden und kochte sich Eier. Er glaubte an einen Einbruch und stellte sich mit einer Eisenstange den Beamten entgegen, bis er überwältigt wurde. Nach zehn Minuten war alles vorbei. Im Schlafzimmer begann Stiebitz die Vernehmung.

Hans Joachim G. stritt zunächst alles ab. Doch bald sagte er: „Ich hatte noch ein Geheimnis. “ Er erzählte von einem Badberger, bei dem er mal dabei gewesen sei.

Stiebitz unterbrach: „Nein, wir reden jetzt über Weimar. “ Da begann Hans Joachim G. zu erzählen. Es gab da eine Geschichte im Jahr 91, am Ochsenauge in Weimar, wo ein Kind nach dem Weg gefragt hatte.

Ab diesem Moment wussten die Ermittler: Sie waren richtig. Hans Joachim G. legte ein Teilgeständnis ab. Nur den Mord wollte er nicht zugeben.

Die Vernehmung wurde ins Landeskriminalamt verlegt und aufgezeichnet. Über drei Stunden lang arbeitete er kooperativ mit, schilderte Details, die sich fast auf die Minute genau mit den Ermittlungsergebnissen deckten. Er erzählte, wie er Stefanie die Tabletten gegeben hatte, wie sie im Auto saß und lallte. Er gab sogar zu, selbst zwei Tabletten genommen zu haben.

Doch seine Schilderung vom Ablauf auf der Brücke passte nicht zur Rekonstruktion von Professor Labudde. Hans Joachim G. behauptete, Stefanie an einer Nothaltebucht abgesetzt zu haben, damit sie allein zur nahegelegenen Raststätte laufen sollte. Er sei dann weggefahren.

Die Vernehmung drohte festzufahren. Immer wieder hatte Ritzo den Ermittlern zwischendurch ihre Beobachtungen mitgeteilt. Sie war überzeugt, dass der Verdächtige log. Sie riet dem Ermittler, mit der Hand auf den Oberschenkel zu schlagen und zu sagen: „Das ist mir zu blöd.

Ich steige hier aus, ich lasse mich nicht länger verarschen. “ Das würde bei diesem Mann Stress und Respekt auslösen. Kurz darauf führte Stiebitz genau diese Aktion aus. Hans Joachim G.

reagierte sichtlich aufgewühlt. „Entweder war sie zu hoch an dem Geländer, dann ist sie da abgekippt“, stammelte er. Ritzo erkannte an einer Handbewegung und am Blick nach links unten – ihrem „goldenen Moment“ – dass er kurz davor war, die Wahrheit zu sagen. Stiebitz bohrte nach: „Jetzt ist es an der Zeit, reinen Tisch zu machen.

Darauf kommt es an. “ Er fragte direkt: „Haben Sie Stefanie von der Brücke gestoßen? “ Da kam die Antwort: „Ja, und das stimmt. “

Stiebitz und seine Kollegin umarmten sich wortlos.

Dieses eine Wort – „ja“ – war so prägend, dass er noch heute Gänsehaut bekommt, wenn er daran denkt. Noch am selben Tag brachten die Ermittler Hans Joachim G. nach Weimar. Auf dem Weg fuhren sie über die Teufelstalbrücke.

Stiebitz fragte: „Können Sie uns noch die Stelle zeigen, wo Sie das Kind heruntergeworfen haben? “ Im Schritttempo fuhren sie über die Brücke. Irgendwann sagte Hans Joachim G. : „Stopp, hier war‘s.

“ Dann brach er in Tränen aus und sagte, er habe ein Kind auf dem Gewissen. Stefanies Mutter wurde informiert. Sie reagierte erleichtert – erleichtert, Gewissheit zu haben, und erleichtert, dass der Mörder ihrer Tochter gefasst war. Im Jahr 2018 verhandelte das Landgericht Gera den Fall.

Unter Berücksichtigung seines Alters und der vorangegangenen Haftstrafen wurde Hans Joachim G. wegen Mordes zu zwölf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Er nahm das Urteil emotionslos auf. Stefanie Drevs wäre heute 43 Jahre alt.

Die Arbeit der Soko Altfälle kann ihr das verlorene Leben nicht zurückgeben. Aber sie zeigt, dass es nie zu spät ist für Gerechtigkeit.