Ich stand in den Ruinen einer uralten Stadt im Irak, als mir eine Archäologin eine Tontafel zeigte. „Das ist ein Bierrezept. Fast sechstausend Jahre alt”, sagte sie. In diesem Moment begriff ich:…

Ich stand in den Ruinen einer uralten Stadt im Irak, als mir eine Archäologin eine Tontafel zeigte. „Das ist ein Bierrezept. Fast sechstausend Jahre alt", sagte sie. In diesem Moment begriff ich:...

Eine Archäologin kniet im Staub der Ruinen einer uralten Stadt im Süden des heutigen Irak. Sie bürstet vorsichtig die Erde von einer kleinen Tontafel. Was sie in den Händen hält, ist fast sechstausend Jahre alt. Es ist weder ein Gebet noch eine Steuerliste.

Thumbnail

Es ist ein Rezept – eine genaue Anleitung, wie man aus Getreide und Wasser ein berauschendes Getränk herstellt. Eines der ältesten geschriebenen Dokumente der Menschheit erklärt, wie man Bier braut. Diese eine Tontafel versetzt uns zurück in eine Zeit, in der die meisten Menschen noch nicht einmal ein Feld bestellten. Ein lauer Spätsommerabend im Bierzelt, die Blaskapelle spielt, die Maßkrüge stoßen an – und doch hängt dieser Krug mit dem Anfang der Zivilisation enger zusammen, als die meisten ahnen.

Die Geschichte beginnt, lange bevor irgendjemand auf die Idee kam, ein Korn zu säen. In einer Höhle im heutigen Israel fanden Archäologen Spuren eines gegorenen Getränks aus wildem Getreide. Diese Reste sind rund dreizehntausend Jahre alt. Sie stammen von Jägern und Sammlern, die man die Natufier nennt – Menschen, die noch nicht sesshaft waren, aber bereits eine verblüffende Entdeckung gemacht hatten.

Wilde Körner sind mühsam. Man muss sie mahlen und kochen, nur um sie überhaupt essbar zu machen. Aber weicht man sie in Wasser ein und lässt sie ein paar Tage stehen, setzt sich wilde Hefe aus der Luft darauf und verwandelt den Zucker in Alkohol. Was entsteht, ist ein säuerlicher, leicht berauschender Brei, der satt macht und gute Laune bereitet.

Viele Forscher glauben, dass genau dieser Reiz die Menschen dazu brachte, Getreide gezielt anzubauen – nicht für Brot, sondern für Bier. Die Sumerer, die zwischen Euphrat und Tigris die erste Hochkultur der Welt errichteten, nahmen ihr Bier todernst. Sie hatten eine eigene Göttin dafür: Ninkasi. Ein rund 3800 Jahre alter Lobgesang auf sie ist in Wahrheit ein verstecktes Braurezept – Vers für Vers.

Forscher haben danach tatsächlich Bier gebraut. Es funktionierte. In Sumer war Bier mehr als ein Getränk. Es war Lohn.

Arbeiter, die Tempel und Kanäle bauten, wurden täglich in Bier bezahlt. Tausende Jahre vor der ersten Münze hielt ein Getränk eine ganze Gesellschaft zusammen. König Hammurabi schrieb in eines der ältesten Gesetzbücher der Welt sogar Regeln über den Bierpreis. Wer die Gäste betrog, dem drohte der Tod.

Und die Schankwirte waren meist Frauen. Am Nil gingen die Ägypter noch weiter. Neben den großen Pyramiden von Gizeh haben Archäologen riesige Brauereien gefunden. Die Arbeiter, die diese gewaltigen Bauwerke errichteten, bekamen ihren Lohn in Brot und Bier – mehrere Liter am Tag.

Dieses Bier war dünn und nahrhaft, voller Vitamine. Das größte Bauprojekt der Antike lief auf Bier. Einmal im Jahr feierten die Ägypter sogar ein Fest, bei dem der Rausch heilige Pflicht war – zu Ehren der Göttin Hathor, die der Legende nach nur durch Bier davon abgehalten wurde, die ganze Menschheit auszulöschen. Nicht alle sahen das Bier mit denselben Augen.

Am Mittelmeer stieg der Wein zum Zeichen der feinen Gesellschaft auf. Für Griechen und Römer gehörte Wein zur Kultur, zur Philosophie, zum zivilisierten Leben. Bier war das Getränk der anderen – der Fremden im kalten Norden. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus rümpfte über die germanischen Stämme jenseits des Rheins die Nase und nannte ihr gebrautes Getränk einen Gegensaft aus Gerste oder Weizen, ein trauriges Zerrbild des Weins.

Was Tacitus nicht ahnte: Genau diese biertrinkenden Germanen waren die Vorfahren einer Nation, für die das Bier einmal zur Seele werden sollte. Und dieselben Stämme, die er verachtete, sollten am Ende das römische Reich selbst überrennen – und ihr Bier mitbringen. Im Norden Europas wurde Bier zum täglichen Getränk der einfachen Leute. Von den britischen Inseln bis in die Wälder Germaniens braute fast jeder Haushalt sein eigenes.

Es war oft sicherer als Wasser, denn beim Brauen wurde die Würze gekocht, und das tötete die Keime. Selbst Kinder tranken eine schwache, dünne Version, die man Dünnbier nannte. Die eigentliche Revolution kam aus den Klöstern. Ab dem frühen Mittelalter brauten Mönche in ganz Europa Bier in ihren Abteien.

Sie hatten einen guten Grund: In der Fastenzeit war feste Nahrung verboten, flüssige aber erlaubt. So wurde das nahrhafte, sättigende Bier zum flüssigen Brot. Manche Mönche tranken in der Fastenzeit mehrere Liter am Tag. Bis heute erinnert daran das bayerische Doppelbock – ein dunkles, starkes Bier, dessen Name fast immer auf „-ator” endet, wie beim berühmten Salvator der Paulaner-Mönche in München.

Die Klöster waren die ersten wahren Meisterbrauer. Sie schrieben ihre Rezepte auf, hielten die Qualität konstant und machten aus dem Bier eine Wissenschaft. Das Kloster Weihenstephan bei München gilt als die älteste noch arbeitende Brauerei der Welt – fast eintausend Jahre ununterbrochenes Bier. Die Mönche brachten auch die wichtigste Zutat der Biergeschichte groß heraus: den Hopfen.

Vorher würzten die Brauer ihr Bier mit einer Mischung wilder Kräuter, die man Grut nannte. Doch Grut hielt das Bier nicht lange frisch. Der Hopfen änderte alles. Seine Bitterstoffe machten das Bier haltbar und gaben ihm zugleich einen klaren, frischen Geschmack.

Schon die Nonne Hildegard von Bingen beschrieb im zwölften Jahrhundert, wie der Hopfen das Getränk vor dem Verderben schützt. Auf einmal konnte Bier reisen. Es überstand lange Fahrten über Nord- und Ostsee – und daraus wurde ein Riesengeschäft. Hansestädte wie Hamburg und Bremen wurden mit dem Bierexport reich.

Hamburg nannte man das Brauhaus der Hanse. Und die Stadt Einbeck in Niedersachsen braute ein so starkes, gut haltbares Bier, dass sein Name über die bayerische Zunge zu einem Wort wurde, das wir bis heute benutzen: Bock. Bis heute liegt in Bayern die Hallertau, das größte zusammenhängende Hopfenanbaugebiet der Welt. Dann kam das berühmteste Gesetz, das je über ein Getränk geschrieben wurde.

Am 23. April 1516 erließ Herzog Wilhelm IV. von Bayern das Reinheitsgebot. Es bestimmte, dass Bier nur aus drei Zutaten gemacht werden durfte: Wasser, Gerste und Hopfen.

Von der Hefe war keine Rede, denn ihre Rolle beim Gären verstand damals noch niemand. Das Gesetz schützte die Menschen vor Panschern, die das Bier mit fragwürdigen Zutaten streckten, und hielt den knappen Weizen und Roggen für die Bäcker frei, damit das Brot bezahlbar blieb. Das Reinheitsgebot gilt als eine der ältesten Lebensmittelvorschriften der Welt, die heute noch in Kraft ist. Doch es hatte eine Nebenwirkung, die niemand geplant hatte.

Wer nur drei Zutaten benutzen darf, für den entscheidet allein das Können über gutes und schlechtes Bier. Die bayerischen Brauer wurden genau deshalb zu den technisch besten der Welt. Eine Bierart war lange Zeit etwas ganz Besonderes: das Weißbier aus Weizen. In Bayern war es jahrzehntelang allein den Herzögen aus dem Haus Wittelsbach vorbehalten – ein fürstliches Monopol, das dem Hof ein Vermögen einbrachte.

Erst später wurde das spritzige Hefeweizen zum Getränk für alle. Aus Bayern kam auch das größte Bierfest der Welt. Im Oktober 1810 feierte München die Hochzeit des Kronprinzen Ludwig mit einem großen Pferderennen auf einer Wiese vor der Stadt. Man nannte diese Wiese nach der Braut die Theresienwiese.

Aus diesem einen Fest wurde das Oktoberfest, das heute jedes Jahr Millionen Menschen nach München zieht. Die größte Umwälzung in der Geschichte des Bieres kam aus dem Labor. Um 1857 bewies der französische Chemiker Louis Pasteur, dass ein winziges Lebewesen für das Gären verantwortlich ist: die Hefe. Zum ersten Mal verstanden die Brauer, was in ihren Bottichen wirklich geschah – und konnten es beherrschen.

Fast zur selben Zeit löste ein deutscher Ingenieur ein uraltes Problem. Das feine, klare Lagerbier aus Bayern musste in tiefen, kühlen Kellern reifen. Das Wort Lager kommt genau daher – vom Lagern in der Kühle. Doch ohne kalten Winter ging das nicht.

Der Münchner Carl von Linde baute in jenen Jahren die erste brauchbare Kältemaschine. Auf einmal konnte man überall auf der Welt untergäriges Lagerbier brauen, zu jeder Jahreszeit. Kurz zuvor hatte im böhmischen Pilsen ein bayerischer Braumeister das erste goldene, glasklare Bier der Welt gebraut. Bis dahin war Bier meist dunkel und trüb gewesen.

Dieses helle Pils in einem klaren Glas wurde zu dem Bild, das die halbe Welt bis heute vor Augen hat, wenn sie an Bier denkt. Und dieses goldene Lager eroberte die Welt. Als im neunzehnten Jahrhundert hunderttausende Deutsche nach Amerika auswanderten, nahmen sie ihre Braukunst mit. Die größten amerikanischen Brauereien tragen bis heute deutsche Namen: Anheuser und Busch, Pabst, Miller, Schlitz, Coors.

Es waren deutsche Auswanderer, die das amerikanische Bier erfanden. Denk einen Moment über den Bogen dieser Geschichte nach. Vor dreizehntausend Jahren tränkten Jäger und Sammler wildes Korn in Wasser und schufen fast aus Versehen den ersten Rausch. Aus diesem Reiz wurde vielleicht der Ackerbau, aus dem Ackerbau die Dörfer, aus den Dörfern die Städte.

Die Sumerer bezahlten ihre Arbeiter in Bier. Ägypten baute darauf seine Pyramiden. In den Klöstern Bayerns wurde Bier zum flüssigen Brot und zur Wissenschaft. Deutschland zählt bis heute rund fünfzehnhundert Brauereien – mehr als fast jedes andere Land der Erde.

Nirgends stehen sie so dicht wie in Oberfranken rund um Bamberg, wo auf wenige Menschen eine eigene Brauerei kommt. Wenn du das nächste Mal ein Bier öffnest, hältst du nicht einfach ein Getränk in der Hand. Du hältst dreizehntausend Jahre Menschheitsgeschichte in der Hand – das älteste Gesellschaftsgetränk, das wir kennen.