Es ist mitten in der Nacht, Ende Oktober 2011, als der 41-jährige Polizist Matthias V. und seine 30-jährige Kollegin in Augsburg Streife fahren. In ihrem Revier, abgelegen und dunkel, entdecken sie ein Motorrad, das auf einen unbeleuchteten Parkplatz fährt. Vorsichtig tasten sie sich heran, sehen durch die Sträucher einen Lichtkegel und entschließen sich zur Kontrolle.

Zwei Männer stehen bei dem Motorrad, Helme auf, dunkel gekleidet, mit Gepäck. Sie sind überrascht, als die Polizisten sie ansprechen, doch kein Wort kommt über ihre Lippen. Sie schnappen ihre Tasche, springen auf das Motorrad und fliehen über einen Grasweg, den der Streifenwagen nicht befahren kann. Matthias V.
kennt die Gegend bestens. Er weiß, die Flüchtenden können nur in Richtung Staudamm. Über eine parallel verlaufende Straße versucht er, sie einzuholen, während seine Kollegin die Einsatzzentrale informiert. Tatsächlich sehen sie das Motorrad wieder.
Die Flucht führt über das Stauwehr, einen schmalen, verwinkelten Übergang, den man normalerweise nur zu Fuß oder mit dem Rad überquert. Doch Matthias V. meistert das Manöver mit dem Streifenwagen. Es ist neblig, kein Licht, nur die Scheinwerfer.
Mitten im Wald, weit weg von jeder Hilfe. Auf dem nassen Herbstlaub kommt das Motorrad in einer Kurve zu Sturz. Die Beamten sehen ihre Chance. Sie steigen aus, einer links, einer rechts, Waffen gezogen.
Matthias V. stellt sich hinter einen Baum. Sie fordern die Männer auf, sich zu ergeben. Dann fallen Schüsse aus der Finsternis.
Matthias V. erwidert das Feuer aus seiner Deckung, schießt sein ganzes Magazin leer, auch das Reservemagazin. Die Polizistin rennt zurück zum Auto, um Verstärkung zu rufen. Plötzlich spürt sie einen heftigen Schmerz, rechnet mit einer Verletzung, doch sie sieht kein Blut.
Offensichtlich angeschossen sucht sie Schutz im Auto und funkt per Notruf, dass sie und ihr Kollege unter Beschuss sind. Dann sieht sie Matthias V. am Boden liegen. Neben ihm erkennt sie schemenhaft eine Gestalt, die eine schwarze Tasche aufhebt und im Dunkeln verschwindet.
Sie versucht zu schießen, doch sie weiß nicht, wo sich die zweite Person befindet. Ihr Kollege liegt wenige Meter entfernt, regungslos. Es muss ein Horror für sie gewesen sein. Dann wird es still.
Als die ersten Streifenwagen eintreffen, versuchen die Kollegen, Matthias V. zu reanimieren. Doch der Notarzt stellt schnell fest, dass jede Hoffnung vergeblich ist. Der Polizist und Familienvater ist tot.
Der Polizistin hat nur ein glücklicher Zufall das Leben gerettet: Eine Kugel traf ihr Reservemagazin, wodurch eine Patrone zündete. Ohne dieses Metallmagazin wäre der Schuss in ihre Hüfte eingedrungen. Die Ermittler Reinhard Weiß und Markus Pfann werden noch in der Tatnacht zum Tatort gerufen. „Reiner, das Schlimmste, was du dir vorstellen kannst, ist passiert.
Ein Kollege wurde erschossen”, sagt der Kommissariatsleiter. Eine großangelegte Fahndung beginnt. Hundertschaften aus ganz Bayern umstellen den Wald, schwer bewaffnete Einheiten dringen ein. Doch die Täter sind zu Fuß geflohen und bleiben verschwunden.
Am Tatort finden die Ermittler zahlreiche Patronenhülsen, darunter auch großkalibrige – von Kalaschnikow-Sturmgewehren, wie sich später herausstellt. Waffen, die in Deutschland komplett verboten sind. Das Motorrad ist gestohlen, im Zündschloss steckt ein Schraubendreher, das Kennzeichen ist gefälscht. Die Täter haben kaum DNA-Spuren hinterlassen, sie waren gut vorbereitet.
In einem Handschuh, den der Pistolenschütze getragen haben muss, wird die DNA einer Frau gefunden. Wochen vergehen. Die Soko wertet über 1200 Spuren und fast 800 Hinweise aus, doch jeder Ermittlungsansatz läuft ins Leere. Bei einer erneuten Durchsicht der Unterlagen stößt ein Ermittler auf eine Notiz aus der Tatnacht: Unweit des Parkplatzes haben Beamte ein Auto entdeckt, dessen Motor noch leicht warm war.
Mit Plastikbezügen auf den Sitzen, wie ein Werkstattwagen. Der Halter dieses Fahrzeugs ist der Cousin eines bekannten Straftäters: Rudolf Rebatschik. Der Name ist den Ermittlern ein Begriff. Rebatschik hat 1975, als 19-Jähriger, einen Polizisten erschossen – bei einer Routine-Kontrolle, ohne Vorwarnung.
Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt und kam erst nach fast 20 Jahren frei. Ein Berufsverbrecher, der für seine Gewaltbereitschaft bekannt war. Die Wahrscheinlichkeit, dass er erneut ein Tötungsdelikt begeht, ist statistisch minimal. Doch die Spur ist zu heiß, um sie zu ignorieren.
Rebatschik lebt bei seiner Mutter in Augsburg, hat kein Bankkonto, kein Einkommen. Er ist extrem vorsichtig, weicht Polizeistreifen aus, wird als nicht observierbar beschrieben. Doch die Ermittler überwachen sein Telefon. Sein engster Kontakt ist sein Bruder Rimund M.
, ein Hausmeister aus dem Umland, verheiratet, Vater einer Tochter, strafrechtlich unbescholten. Die Brüder treffen sich täglich, oft an abgelegenen Orten, machen lange Spaziergänge. Dann hören die Ermittler ein Gespräch mit: Rimund erwähnt den Austausch eines Bolzens. Für die Ermittler ist sofort klar: Bolzen – Schlagbolzen, ein Teil einer Waffe.
Die Soko vermutet, dass die Brüder die Tatwaffen umbauen wollen, um Spuren zu verwischen. Die Observation zeigt, dass sich die beiden vor Weihnachten ungewöhnlich lange in der Nähe größerer Geschäfte aufhalten, wiederholt Gegenstände transportieren, die wie Schusswaffen wirken. Die Soko befürchtet einen weiteren Überfall und ordnet die Festnahme an. Am 29.
Dezember 2011, zwei Monate nach den tödlichen Schüssen, nehmen Spezialeinheiten die beiden Brüder fest. Rudolf Rebatschik wird aus seinem Auto gezogen, Rimund M. zu Hause. Beide leisten keinen Widerstand.
In den Vernehmungen zeigt sich Rebatschik aggressiv, abweisend, arrogant. Er verhöhnt die Ermittler. Sein Bruder wirkt ruhig, aber auch er gibt keine Angaben zur Tat. Bei den Durchsuchungen finden die Beamten ein riesiges Waffenarsenal: Schusswaffen, Handgranaten, Revolver, Uzi-Maschinenpistolen, Messer, Munition, taktische Westen, falsche Kennzeichen, DNA-Vernichtungsmittel, Einbruchswerkzeug.
Und: einen Revolver, der bei einem Raubüberfall 2002 in Ingolstadt erbeutet wurde, samt Videoaufnahmen von Überwachungskameras. Die Ermittler ordnen den Brüdern drei schwere Raubüberfälle auf Geldtransporter und einen auf einen Supermarkt zu – mit einer Beute von über einer halben Million Euro. Bei einem Überfall stach einer von ihnen einem Opfer ein Messer in den Oberschenkel, um den Sicherheitscode zu erpressen. In einem Versteck finden die Ermittler schließlich die beiden roten Kisten mit drei Kalaschnikows.
Die Waffen wurden umgebaut, Schlagbolzen ausgetauscht – genau das, wovon die Brüder am Telefon sprachen. Die Spezialisten können die Waffe rekonstruieren: Es ist die Tatwaffe, mit der Matthias V. erschossen wurde. Auch die Tasche vom Tatort wird gefunden, mit Blutspuren des getöteten Polizisten.
Damit ist die Kette geschlossen. Die im Handschuh gefundene weibliche DNA stammt von einer Frau, die sich als Rimunds langjährige Affäre herausstellt – ein weiteres Indiz, dass er am Tatort war. Am 21. Februar 2013 beginnt der Mordprozess vor dem Landgericht Augsburg.
Rudolf Rebatschik beleidigt die Richter und den Staatsanwalt, beschimpft Deutschland als faschistischen Staat und wird mehrfach aus dem Gerichtssaal entfernt. Sein Bruder Rimund, schwer an Parkinson erkrankt, wird zunächst für verhandlungsunfähig erklärt, der Prozess gegen ihn ausgesetzt. Rebatschik steht allein vor Gericht. Nach fast 50 Verhandlungstagen spricht das Gericht sein Urteil: lebenslange Haft wegen Mordes und versuchten Mordes, mit besonderer Schwere der Schuld und anschließender Sicherungsverwahrung.
Rebatschik wird voraussichtlich nie wieder freikommen. Rimund M. wird in einem zweiten Prozess ebenfalls zu lebenslanger Haft mit besonderer Schwere der Schuld verurteilt. Im Augsburger Stadtwald erinnert heute ein Gedenkstein an Matthias V.
Die Ermittler sind stolz auf ihre Arbeit, doch sie vergessen nicht: Ein Mensch ist tot. Ein Polizist, der bei einer Routinekontrolle erschossen wurde – von Männern, die bereits einen Polizistenmord begangen hatten und denen der Staat eine zweite Chance geben wollte. Eine Chance, die Rudolf Rebatschik nie wieder bekommen sollte.
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