„Dieses Öl ist nicht echt“, sagte der Händler in dem kleinen Laden in Andalusien und schob mir eine Flasche hin, deren Etikett ein stolzes italienisches Gütesiegel trug. „Die wird in Genua abgefüllt, aber die Oliven dafür haben nie einen italienischen Boden gesehen. “ Er lachte trocken. „Willkommen im ältesten Betrug der Welt.

“
Ich starrte auf die goldene Flüssigkeit und dachte an all die Geschichten, die ich über dieses eine Produkt gehört hatte. An Schlachten, die darum geführt wurden. An Könige, die dafür Throne verloren. An eine Frucht, die buchstäblich als Währung diente, Jahrtausende bevor jemand auf die Idee kam, dass Öl aus der Erde sprudeln könnte.
Denn das, was wir heute achtlos über unseren Salat gießen, hat mehr Blut gesehen als so manches Schlachtfeld. Die Geschichte beginnt nicht, wie man erwarten würde, in Griechenland oder Italien. Sie beginnt viel weiter östlich, in der Levante. Im heutigen Syrien, Libanon und Palästina wuchsen wilde Olivenbäume schon vor über 6000 Jahren.
Knorrige, widerstandsfähige Bäume mit silbergrünen Blättern, die auf kargen Hängen gediehen, wo sonst fast nichts wachsen wollte. Die Menschen dort aßen die Früchte zunächst roh. Aber irgendjemand entdeckte irgendwann, dass man sie pressen konnte – und dass der Saft, der dabei herauskam, etwas Besonderes war. Er brannte in Lampen heller und sauberer als tierisches Fett.
Er machte die Haut geschmeidig. Er konservierte Nahrung. Und er schmeckte gut. Die ältesten Hinweise auf gepresstes Olivenöl stammen aus einer Siedlung im heutigen Israel, die Archäologen Ekron nennen.
Dort fanden sie über 100 Ölpressen aus der Bronzezeit, alle auf engem Raum. Das war keine Haushaltsproduktion mehr, das war Industrie. Und diese Industrie produzierte für den Export, denn die Region erzeugte weit mehr Öl, als die lokale Bevölkerung verbrauchen konnte. Schon vor 5000 Jahren war Olivenöl kein einheitliches Produkt.
Es gab Qualitätsstufen. Grüne Oliven ergaben ein bitteres, scharfes Öl, das länger haltbar war. Schwarze, reife Oliven ergaben ein mildes, fruchtiges Öl, das besser schmeckte, aber schneller verdarb. Wer die Unterschiede kannte, konnte höhere Preise verlangen.
Aber der Ort, der Olivenöl wirklich zur Grundlage einer Zivilisation machte, lag weiter westlich. Kreta, die größte Insel Griechenlands, wurde um 3500 vor Christus zum Zentrum der minoischen Kultur – und diese Kultur baute ihre gesamte Wirtschaft rund um den Olivenbaum auf. In den Palästen von Knossos und Phaistos haben Archäologen riesige Vorratskammern freigelegt, gefüllt mit Hunderten von Tonkrügen, die einst Olivenöl enthielten. Manche dieser Krüge fassten über 1000 Liter.
Die Minoer lagerten das Öl, wie eine Zentralbank ihre Goldreserven lagert. Es war ihr wichtigster Exportartikel, ihr Tauschmittel, ihr Reichtum. Die Lagerhaltung war so systematisch, dass die Minoer eigene Schriftzeichen dafür entwickelten. Die sogenannte Linearschrift, die bis heute nur teilweise entziffert ist, enthält Symbole, die Ölmengen und Lieferungen festhielten.
Die älteste Buchhaltung Europas drehte sich also um Olivenöl. Von Kreta aus segelten minoische Handelsschiffe nach Ägypten, nach Zypern, an die Küsten Kleinasiens. Überall tauschten sie Olivenöl gegen Kupfer, Zinn, Elfenbein und Edelsteine. Die Handelsrouten, die sie dabei schufen, wurden zu den ersten Wirtschaftsnetzen des Mittelmeerraums.
Am Knotenpunkt dieser Netze saß Kreta, kontrollierte den Fluss des flüssigen Goldes und wurde dadurch zur ersten Seemacht Europas. Dann brach die minoische Zivilisation zusammen. Um 1450 vor Christus, wahrscheinlich durch eine Kombination aus Naturkatastrophen und mykenischer Eroberung, verschwand diese Kultur innerhalb weniger Generationen. Die Paläste lagen in Trümmern.
Aber die Olivenbäume standen noch. Und das Wissen, wie man sie pflegt und ihr Öl gewinnt, starb nicht mit den Minoern – es wanderte aufs griechische Festland. Für die Griechen war der Olivenbaum weit mehr als eine Nutzpflanze. Er war heilig.
Der Gründungsmythos der Stadt Athen dreht sich um einen Wettstreit zwischen zwei Göttern. Poseidon, der Gott des Meeres, schlug mit seinem Dreizack auf den Felsen der Akropolis und ließ eine Salzwasserquelle entspringen. Athene, die Göttin der Weisheit, stieß ihren Speer in die Erde – und dort, wo er auftraf, wuchs ein Olivenbaum. Die Athener entschieden sich für Athenes Geschenk und benannten ihre Stadt nach ihr.
Das war natürlich ein Mythos. Aber er sagt etwas Wahres darüber, wie die Griechen den Olivenbaum bewerteten. Sie stellten ihn über das Meer, über das Salz, über die rohe Macht des Ozeans. Ein Baum, der Nahrung, Licht, Medizin und Wohlstand lieferte, war mehr wert als eine Quelle, aus der man nicht einmal trinken konnte.
Diese Entscheidung prägte die gesamte griechische Kultur. Solon, der große athenische Gesetzgeber, erließ um 594 vor Christus ein Gesetz, das den Olivenbaum unter besonderen staatlichen Schutz stellte. Wer einen Olivenbaum fällte, der nicht auf seinem eigenen Grund stand, musste mit schweren Strafen rechnen. Für einen Gesetzgeber, der gleichzeitig die Schuldsklaverei abschaffte und die Verfassung reformierte, war der Schutz von Bäumen offenbar keine Nebensache.
Olivenbäume waren Staatsangelegenheit. Die Athener exportierten ihr Öl in verzierten Amphoren, die bis nach Südfrankreich und ans Schwarze Meer gelangten. Jede dieser Amphoren trug das Bildnis der Göttin Athene und eine Eule, das Wahrzeichen der Stadt. Man könnte sagen, es war eine der ersten Markenkampagnen der Geschichte – und das Produkt verkaufte sich prächtig.
Griechisches Olivenöl durchdrang den gesamten Alltag. Die Athleten in den Gymnasien rieben sich vor dem Training damit ein, damit der Gegner beim Ringen keinen Halt fand. Ärzte wie Hippokrates verschrieben es bei Hautkrankheiten, Entzündungen und Verdauungsbeschwerden. Bräute wurden vor der Hochzeit mit Olivenöl gesalbt, und bei Beerdigungen goss man Öl über die Grabstätten als Opfer an die Toten.
Auch für das griechische Militär war Olivenöl unverzichtbar. Spartanische Soldaten trugen Fläschchen mit Olivenöl im Marschgepäck. Sie benutzten es, um ihre Haut zu pflegen, ihre Waffen zu ölen und sich nach dem Kampf zu reinigen. Als die Perser unter Xerxes im Jahr 480 vor Christus Attika verwüsteten, brannten sie die Olivenhaine rund um Athen nieder.
Es war ein gezielter wirtschaftlicher Angriff – denn ohne Olivenbäume kein Öl, und ohne Öl kein Wohlstand. Der Legende nach trieb der heilige Olivenbaum auf der Akropolis am nächsten Tag einen neuen Zweig. Die Athener sahen darin ein Zeichen, dass ihre Stadt überleben würde. Sie behielten recht.
Bei den olympischen Spielen erhielten die Sieger keine Goldmedaillen. Sie bekamen Olivenöl – Amphoren voll davon, gefüllt mit dem besten Öl aus den heiligen Hainen Athens. Ein Sieger im Stadionlauf konnte bis zu 70 Amphoren gewinnen, und jede einzelne davon war ein Vermögen wert. Die Menge reichte, um eine Familie jahrelang zu versorgen – oder man verkaufte sie und lebte vom Erlös.
Olympiasieger wurden durch Olivenöl wohlhabend, manchmal sogar reich. Aber Griechenland war nicht der einzige Ort, an dem Olivenöl eine zentrale Rolle spielte. Am anderen Ende des Mittelmeers, in Ägypten, war das Öl ebenfalls unverzichtbar – aus Gründen, die weit über die Küche hinausgingen. Die Pharaonen liebten Olivenöl.
Das Problem war nur, dass in Ägypten so gut wie keine Olivenbäume wuchsen. Das Niltal war perfekt für Weizen, Gerste und Papyrus. Aber der Olivenbaum braucht steinigen Boden, trockene Sommer und milde Winter. Also importierten die Ägypter ihr Öl aus der Levante und von Kreta – in gewaltigen Mengen.
Wofür brauchten sie so viel Olivenöl? Zum Kochen natürlich, aber das war fast Nebensache. Sie brauchten es für die Mumifizierung. Der Prozess, einen Leichnam für die Ewigkeit zu konservieren, erforderte große Mengen an Ölen und Harzen.
Olivenöl spielte dabei eine zentrale Rolle, weil es konservierende Eigenschaften besaß und gleichzeitig als Trägerstoff für Duftstoffe und Harze diente. Wer in Ägypten ein angemessenes Begräbnis wollte, brauchte Olivenöl. Und wer kein Olivenöl hatte, wurde nicht ordentlich bestattet. Es war im wahrsten Sinne des Wortes eine Frage von Tod und dem, was danach kam.
Die Ägypter nutzten Olivenöl außerdem als Kosmetik, als Hautpflege, als Brennstoff für Tempellampen und als Opfergabe an die Götter. Der Bedarf war so groß, dass ein Zusammenbruch der Handelsrouten echte politische Krisen auslösen konnte. Wenn die Schiffe aus der Levante nicht ankamen, fehlte es nicht an einem Luxusartikel. Es fehlte an einem Grundstoff, ohne den religiöse und gesellschaftliche Rituale nicht stattfinden konnten.
Und dann waren da die Phönizier. Während die Griechen und Ägypter das Öl vor allem konsumierten, waren die Phönizier die großen Verbreiter. Sie waren die genialsten Händler der antiken Welt – und sie verstanden etwas, das andere Völker übersahen. Wer einen Olivenbaum pflanzt, investiert in die Zukunft, denn ein Olivenbaum braucht 15 bis 20 Jahre, bis er vollen Ertrag bringt.
Aber dann trägt er Früchte für Jahrhunderte. Von ihren Hafenstädten Tyros, Sidon und Byblos aus segelten die Phönizier kreuz und quer durchs Mittelmeer und brachten Olivenbäume – und das Wissen um ihre Pflege – an Orte, die vorher keine Oliven gekannt hatten. Nordafrika, Sizilien, Sardinien, die spanische Küste. Überall, wo die Phönizier Handelsstationen gründeten, pflanzten sie Olivenbäume.
Eine stille Kolonisierung durch Landwirtschaft, ohne Armeen, aber mit enormen wirtschaftlichen Folgen. Karthago, die mächtigste phönizische Kolonie, wurde selbst zu einem bedeutenden Olivenölproduzenten. Die fruchtbaren Ebenen im heutigen Tunesien eigneten sich hervorragend für den Anbau, und die Karthager perfektionierten die Pressentechnik. Einer ihrer Agrarschriftsteller, Mago, verfasste ein mehrbändiges Werk über Landwirtschaft, das ausführlich den Olivenanbau behandelte.
Die Römer schätzten dieses Werk so sehr, dass der Senat nach der Zerstörung Karthagos im Jahr 146 vor Christus seine Übersetzung ins Lateinische anordnete. Es war das einzige karthagische Buch, das diesen Befehl erhielt. Alles andere sollte vernichtet werden – aber die Anleitung zum Olivenanbau war zu wertvoll, um sie zu verbrennen. Genau dieser Punkt wird oft übersehen.
Die Römer erbeuteten nicht nur Gold und Sklaven. Sie erbeuteten das landwirtschaftliche Wissen der Karthager und vor allem ihre Olivenhaine. Die Römer hatten schon vorher Olivenöl verwendet, aber in bescheidenem Umfang. Es waren die eroberten nordafrikanischen Plantagen und das karthagische Know-how, die Rom in die Lage versetzten, Olivenöl im industriellen Maßstab zu produzieren.
Ab dem ersten Jahrhundert vor Christus veränderte sich die Rolle des Olivenöls im römischen Reich grundlegend. Es war nicht mehr nur ein Handelsgut – es wurde zu einer strategischen Ressource, vergleichbar mit dem, was Erdöl heute für moderne Volkswirtschaften ist. Die Römer brauchten Olivenöl für alles. Sie kochten damit.
Sie wuschen sich damit, denn Seife war in der römischen Welt kaum verbreitet. Stattdessen rieben sich die Römer mit Öl ein und schabten den Schmutz anschließend mit einem gebogenen Metallwerkzeug ab, dem sogenannten Strigilis. Sie beleuchteten ihre Häuser, Straßen und Tempel mit Öllampen. Sie schmierten damit ihre Maschinen, ihre Waffen, ihre Scharniere.
Olivenöl war buchstäblich der Schmierstoff ihrer Zivilisation. Die Logistik hinter dieser Versorgung war atemberaubend. Rom importierte allein aus der Provinz Baetica, dem heutigen Andalusien in Südspanien, jedes Jahr Millionen von Litern Olivenöl. Die Schiffe fuhren den Guadalquivir hinunter bis nach Hispalis, dem heutigen Sevilla, und von dort über das Mittelmeer nach Ostia, dem Hafen Roms.
Jedes Schiff trug Hunderte von Amphoren, jede einzelne mit einem Fassungsvermögen von rund 70 Litern – und jede Amphore war gestempelt. Die Stempel verrieten, wer das Öl produziert hatte, wer es kontrolliert hatte und wohin es geliefert werden sollte. Es war ein Rückverfolgungssystem, das man sich in dieser Perfektion erst wieder im 20. Jahrhundert ausdenken würde.
Und jetzt kommt ein Detail, das wirklich verblüfft: Olivenölamphoren konnten nicht wiederverwendet werden. Anders als Weinamphoren, die man ausspülen und neu befüllen konnte, sog sich der Ton der Ölamphoren mit Fett voll. Das Öl wurde ranzig, drang in die Poren ein, und der Krug stank. Man konnte ihn nicht mehr benutzen.
Also warfen die Römer die leeren Amphoren weg – Millionen davon. Und sie warfen sie an einen bestimmten Ort am Ufer des Tiber. Über die Jahrhunderte wuchs dort ein Hügel aus zerbrochenen Tonscherben: der Monte Testaccio. Heute ist dieser Hügel 35 Meter hoch und hat einen Umfang von fast einem Kilometer.
Er besteht aus schätzungsweise 25 Millionen Amphoren. Das ist kein Hügel. Das ist ein Müllberg als Denkmal für den Konsum einer ganzen Zivilisation. Die Römer überließen die Ölversorgung nicht dem freien Markt.
Das Risiko war zu groß. Wenn die Öltransporte ausblieben, gab es keine Beleuchtung, keine Körperpflege, keine funktionierende Infrastruktur. Also schuf der Staat die Annona, ein System der öffentlichen Versorgung, das unter anderem auch Olivenöl an die Bevölkerung verteilte. Ähnlich wie die Getreideverteilung, die Rom schon länger praktizierte, war die Ölversorgung eine staatliche Aufgabe.
Kaiser, die die Ölversorgung sicherstellten, waren beliebt. Kaiser, die sie vernachlässigten, riskierten Aufstände. Septimius Severus, der um 200 nach Christus regierte, stammte selbst aus der nordafrikanischen Provinz Leptis Magna, einer Region, die für ihre Olivenölproduktion berühmt war. Er erweiterte die Annona und sorgte dafür, dass Olivenöl systematischer an die Bevölkerung verteilt wurde.
Es war kein Zufall, dass ein Kaiser aus einer Ölprovinz die Bedeutung dieses Rohstoffs so klar erkannte. Das gleiche Öl, das Roms Lampen erleuchtete, schmierte auch die militärische Maschinerie des Imperiums. Legionäre erhielten Olivenöl als Teil ihrer täglichen Ration. Es diente als Nahrung, als Wundpflege und als Schutz gegen Kälte und Sonnenbrand.
Römische Soldaten rieben sich vor dem Marsch mit Öl ein, um die Haut vor Aufschürfungen zu bewahren. In den Provinzen, in denen die Legionen stationiert waren, pflanzten die Römer Olivenbäume, wenn das Klima es zuließ. Der Olivenanbau folgte den Legionen wie ein Schatten – und wo der Baum gedieh, entstand dauerhafte Siedlung. Die Olivenhaine in Südfrankreich, in Spanien und in Nordafrika sind Überreste dieser militärisch-agrarischen Ausbreitung.
Dann kam der Fall Roms. Im fünften Jahrhundert brach das weströmische Reich zusammen, und mit ihm zerfielen die Handelsrouten, die den Olivenölfluss über Tausende von Kilometern aufrechterhalten hatten. Die großen Plantagen in Nordafrika und Hispanien produzierten weiter, aber es gab niemanden mehr, der die Logistik organisierte. Kein Annonasystem, keine koordinierten Schiffsflotten, keine zentrale Verteilung.
Der Olivenölhandel schrumpfte auf lokale Märkte zusammen. Eine Infrastruktur, die Jahrhunderte gebraucht hatte, um aufgebaut zu werden, verschwand innerhalb weniger Jahrzehnte. In weiten Teilen Europas verschwand Olivenöl fast vollständig aus dem Alltag. Nördlich der Alpen hatte es ohnehin nie eine eigene Produktion gegeben.
Jetzt, wo die Importe ausblieben, wichen die Menschen auf Butter, Schmalz und tierische Fette aus. Die Trennlinie zwischen Butterkulturen und Ölkulturen, die Europa bis heute durchzieht, hat ihren Ursprung in genau dieser Phase. Es war die Folge eines logistischen Zusammenbruchs, nicht einer bewussten kulinarischen Entscheidung. Im Osten sah die Sache anders aus.
Das Byzantinische Reich, der Nachfolgestaat Ostroms mit seiner Hauptstadt Konstantinopel, hielt die Olivenölproduktion aufrecht. Griechenland, die Ägäis und die Küsten Kleinasiens lieferten weiterhin Öl, und Konstantinopel blieb ein Markt, der riesige Mengen verbrauchte. Die Byzantiner nutzten Olivenöl sogar als Waffe. Das berüchtigte griechische Feuer, eine Brandwaffe, die auf dem Wasser brannte und feindliche Schiffe in Flammen setzte, enthielt nach einigen Quellen Olivenöl als einen seiner Bestandteile.
Die genaue Rezeptur war ein Staatsgeheimnis und ist bis heute nicht vollständig geklärt. Aber im Mittelmeerraum selbst überlebte die Olivenkultur. Mönche in Klöstern von Südfrankreich bis Sizilien pflegten ihre Olivenhaine weiter, pressten ihr Öl und bewahrten das Wissen über Anbau und Ernte durch die Jahrhunderte. Benediktinermönche behandelten ihre Haine mit derselben Sorgfalt, mit der sie ihre Manuskripte kopierten.
In den orthodoxen Kirchen des östlichen Mittelmeerraums blieb Olivenöl ein zentraler Bestandteil der Liturgie. Die Salbung mit Öl bei der Taufe, bei der Priesterweihe, bei der Krankensalbung. Ohne Olivenöl kein Gottesdienst. Die Kirche wurde zum stillen Hüter einer Tradition, die ohne sie vielleicht verloren gegangen wäre.
Die entscheidende Wende kam im 8. Jahrhundert – und zwar von einer Seite, die man nicht erwarten würde. Die Araber eroberten die Iberische Halbinsel und brachten eine landwirtschaftliche Revolution mit sich. Nicht mit dem Schwert allein, sondern mit Bewässerungstechnik, neuen Anbaumethoden und einem tiefen Verständnis für den Olivenbaum.
Al-Andalus, das arabisch regierte Spanien, wurde zum Zentrum einer neuen Blütezeit des Olivenanbaus. Die Araber legten systematisch Haine an, verbesserten die Pressentechnik und schufen Bewässerungssysteme, die einige der trockensten Regionen Spaniens in fruchtbares Ackerland verwandelten. Die Acequias, gemauerte Wasserkanäle nach arabischem Vorbild, leiteten Flusswasser kilometerweit zu den Hainen. Einige dieser Kanäle funktionieren bis heute.
Im Koran wird der Olivenbaum mehrfach erwähnt, und das Öl galt als gesegnet. Der Prophet Mohammed soll gesagt haben, man solle Olivenöl essen und sich damit einreiben, denn es stamme von einem gesegneten Baum. Diese religiöse Wertschätzung trieb den Anbau weiter an. Was die Minoer vor 3000 Jahren auf Kreta begonnen hatten, perfektionierten die Araber in Andalusien.
Die Region um Córdoba, Jaén und Sevilla entwickelte sich zu dem Olivenölzentrum, das sie bis heute geblieben ist. Als die christlichen Königreiche im Zuge der Reconquista nach und nach die Kontrolle über die Iberische Halbinsel zurückeroberten, übernahmen sie die arabischen Olivenhaine und die Anbautechniken gleich mit. Die Bäume standen ja noch, und die neuen Herrscher wussten genau, was sie an ihnen hatten. Diese Übernahme war auch wirtschaftlich motiviert.
Olivenöl ließ sich gut handeln, gut lagern und gut besteuern. Kastilische und aragonesische Könige förderten den Anbau aktiv, weil die Steuereinnahmen aus dem Ölhandel ihre Kriegskassen füllten. Es war dieselbe Logik, die schon die Minoer, die Griechen und die Römer angetrieben hatte: Wer das Öl kontrolliert, kontrolliert den Reichtum. 1492 segelte Christoph Kolumbus nach Westen.
An Bord seiner Schiffe befanden sich neben Proviant und Waffen auch Olivensetzlinge. Die Spanier brachten den Olivenbaum in die neue Welt – nach Mexiko, Peru und Kalifornien. Die Bäume brauchten allerdings Jahrzehnte, um in der fremden Erde Fuß zu fassen. In Mexiko gelangen die ersten erfolgreichen Pflanzungen im 16.
Jahrhundert, als Franziskanermönche Olivenhaine rund um ihre Missionen anlegten. In Kalifornien dauerte es bis ins 18. Jahrhundert, bis die Missionsstationen der Franziskaner ernsthaft Olivenbäume kultivierten. Die Bäume, die sie pflanzten, stehen zum Teil noch heute und tragen Früchte.
Manche sind über 200 Jahre alt. Das Ergebnis war ein Olivenanbau, der sich zwar über die halbe Welt verbreitete, aber nie die Dominanz des Mittelmeerraums brechen konnte. Die Böden, das Klima, die Jahrhunderte an Erfahrung gaben den europäischen Produzenten einen Vorsprung, den auch die neue Welt nicht aufholen konnte. Im 19.
Jahrhundert kam die Industrialisierung, und mit ihr veränderte sich die Olivenölproduktion von Grund auf. Die alten Steinmühlen und Holzpressen, die sich seit der Antike kaum verändert hatten, wichen hydraulischen Pressen und später maschinellen Zentrifugen. Ein einzelner Betrieb konnte plötzlich so viel Öl produzieren wie früher ein ganzes Dorf. Die Produktionsmengen stiegen, die Preise fielen.
Olivenöl, das jahrtausendelang ein kostbares Gut gewesen war, wurde zum Massenprodukt. Gleichzeitig begann die Eisenbahn, die Transportwege zu verkürzen. Öl aus Andalusien konnte innerhalb weniger Tage in den Häfen von Cádiz oder Málaga sein und von dort in die ganze Welt verschifft werden. Italienische Händler, vor allem aus Ligurien und der Toskana, bauten ein Netzwerk auf, das mediterranes Olivenöl bis nach Argentinien, Australien und in die Vereinigten Staaten brachte.
Italienische Einwanderer nahmen ihre Esskultur mit, und das Olivenöl reiste in ihren Koffern. Aber mit dem Massenmarkt kam ein Problem, das die antike Welt in diesem Ausmaß nicht gekannt hatte: Fälschung. Olivenöl war schon immer eines der am häufigsten gefälschten Lebensmittel der Welt, und die Industrialisierung machte den Betrug einfacher und profitabler. Händler mischten billiges Sonnenblumen-, Sojaöl oder Rapsöl unter und verkauften die Mischung als reines Olivenöl.
Manche gingen noch weiter und färbten minderwertige Öle mit Chlorophyll, damit sie aussahen wie frisch gepresstes Extra Vergine. In den 90er Jahren und zu Beginn der 2000er Jahre deckten Ermittler in Italien mehrere groß angelegte Betrugsnetzwerke auf, bei denen Hunderte Millionen Liter gefälschtes Olivenöl auf den Markt gebracht worden waren. Die italienische Mafia war tief in dieses Geschäft verstrickt. Weniger riskant als Drogenhandel – und deutlich lukrativer.
Tom Mueller, ein amerikanischer Journalist, recherchierte jahrelang zu diesem Thema und veröffentlichte seine Ergebnisse in einem Buch, das die Branche erschütterte. Er schätzte, dass ein erheblicher Teil des als italienisch verkauften Olivenöls in Wirklichkeit aus Spanien, Tunesien oder der Türkei stammte und nur in Italien umgefüllt und umetikettiert wurde. Wenn man darüber nachdenkt, hat sich in 5000 Jahren erstaunlich wenig verändert. Die Minoer stempelten ihre Amphoren, um die Herkunft zu garantieren.
Die Römer hatten ihr Rückverfolgungssystem. Und heute streiten Behörden, Produzenten und Verbraucherschützer darüber, ob das, was auf dem Etikett steht, auch wirklich in der Flasche ist. Heute produziert Spanien rund die Hälfte des gesamten Olivenöls weltweit. Die Provinz Jaén in Andalusien allein erzeugt mehr Olivenöl als ganz Griechenland und Italien zusammen.
60 Millionen Olivenbäume stehen dort in endlosen Reihen, von Horizont zu Horizont. Die Ernte ist teilweise mechanisiert. Riesige Rüttelmaschinen umklammern die Stämme und schütteln die Oliven in Auffangnetze. In einer Nacht kann eine solche Maschine die Arbeit von 50 Handpflückern erledigen.
Gleichzeitig gibt es eine Gegenbewegung. Kleine Produzenten in Griechenland, Kroatien, der Türkei und Tunesien setzen auf handverlesene Oliven, traditionelle Pressung und kurze Wege vom Baum in die Flasche. Ihre Öle gewinnen internationale Preise und erzielen Flaschenpreise, die an guten Wein erinnern. Auf der Insel Istrien an der kroatischen Küste gibt es Produzenten, die weniger als 1000 Liter pro Jahr herstellen und damit Preise gewinnen, die sonst nur an spanische oder italienische Großbetriebe gehen.
Es ist dieselbe Spannung, die den Olivenölmarkt seit der Antike prägt: Masse gegen Qualität, Industrie gegen Handwerk. Parallel dazu entdeckte die Wissenschaft das Olivenöl neu. In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts untersuchte der amerikanische Physiologe Ancel Keys die Ernährungsgewohnheiten in sieben Ländern und stellte fest, dass die Menschen auf Kreta und in Süditalien deutlich seltener an Herzkrankheiten starben als Amerikaner oder Nordeuropäer.
Der auffälligste Unterschied in ihrer Ernährung war unter anderem Olivenöl. Keys’ Sieben-Länder-Studie begründete das Konzept der Mittelmeerdiät und machte Olivenöl vom regionalen Grundnahrungsmittel zum globalen Gesundheitsprodukt. Plötzlich wollten auch Menschen in Ländern, die nie eine Olivenöltradition gehabt hatten, dieses Öl auf ihrem Tisch haben. Und dann ist da noch die Frage des Klimawandels.
Die steigenden Temperaturen und die zunehmende Trockenheit im Mittelmeerraum setzen den Olivenbäumen zu. In den Erntejahren 2022 und 2023 brachen die Erträge in Spanien um fast die Hälfte ein, weil eine historische Dürre die Bäume austrocknete. Die Olivenölpreise verdoppelten sich innerhalb eines Jahres. Verbraucher in ganz Europa spürten den Preisanstieg im Supermarkt.
Der Olivenbaum, der jahrtausendelang eines der widerstandsfähigsten Gewächse des Mittelmeerraums war, stößt an seine Grenzen. 5000 Jahre. So lange begleitet der Olivenbaum die Menschheit jetzt. Er hat den Minoern ihren Reichtum gegeben, den Griechen ihre Identität, den Ägyptern ihre Rituale und den Römern ihre Infrastruktur.
Er hat die arabische Blüte in Spanien befeuert, die Entdeckung der neuen Welt begleitet und die Industrialisierung der Landwirtschaft überlebt. Ganze Zivilisationen sind aufgestiegen und untergegangen. Aber der Olivenbaum steht immer noch. Auf Kreta gibt es einen Olivenbaum in der Nähe des Dorfes Vouves, der nach Schätzungen über 3000 Jahre alt ist.
Er trägt immer noch Früchte. Dieser Baum war schon alt, als die klassische griechische Kultur ihren Höhepunkt erreichte. Er überlebte die Römer, die Byzantiner, die Venezianer und die Osmanen. Er steht dort knorrig und zerklüftet – und produziert jedes Jahr Oliven, so wie er es seit der Bronzezeit tut.
Wenn irgendetwas auf dieser Welt die Idee verkörpert, dass manche Dinge Bestand haben, dann ist es ein alter Olivenbaum am Mittelmeer. Die Frage, welches Öl im Supermarktregal tatsächlich das ist, was draufsteht, können wir vielleicht nicht abschließend beantworten. Aber die Geschichte, die in jeder Flasche steckt, reicht weiter zurück als die meisten Zivilisationen, die wir kennen.

