Sarah schloss die Haustür auf und beugte sich hinunter, um ihre Schuhe auszuziehen. Da sah sie das Blut auf dem Boden. Sie wusste sofort, dass etwas Schreckliches passiert war. Normalerweise stand ihre Mutter Tina immer im Eingangsbereich, wenn Sarah und ihr kleiner Bruder Cody von der Schule nach Hause kamen.

Auch der Hund war sonst immer sofort da. Aber an diesem 10. November 2010 war alles anders. Sarah rief nach ihrer Mutter.
Keine Antwort. Sie lief in Richtung eines Nebenzimmers – und wurde dort plötzlich von einem Mann gepackt. Sie konnte sich losreißen und in ihr Zimmer fliehen. Auch dort war alles voller Blut.
Sie versteckte sich, so lange sie konnte, bis der Mann die Tür aufstieß. Mit einem Messer stand er vor ihr, packte sie und zerrte sie in den Keller. Dort fesselte er sie und verband ihr die Augen. Sarah wusste nicht, was mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und der Freundin ihrer Mutter, Stephanie, passiert war.
Sie wusste nur, dass der Mann sie in ein Auto verfrachtete und mit Vollgas davonfuhr. Irgendwann legten sie einen Stopp ein, und er lud sie in ein anderes Auto um. Die 13-Jährige hatte unvorstellbare Angst. Sie wusste nicht, ob ihre Familie noch am Leben war.
Es war ein gewöhnlicher Mittwoch gewesen. Sarah und Cody waren zur Schule gegangen, genau wie immer. Ihre Mutter Tina arbeitete bei Dairy Queen, einer Fast-Food-Kette. Die Kinder kamen oft mit zur Arbeit und freuten sich auf gratis Eis.
Die Kollegen mochten Tina und ihre Kinder. Sie galt als zuverlässige Mitarbeiterin. Doch an diesem Tag tauchte Tina nicht zur Arbeit auf. Ihre Chefin machte sich Sorgen und rief die Polizei an.
Man führte einen Welfare Check durch, aber alles wirkte normal. Das Haus war dunkel, niemand reagierte auf Klopfen und Klingeln. Später am Abend war Tinas Auto verschwunden. Die Polizei ging davon aus, dass sie einfach weggefahren war.
Am nächsten Morgen meldete der Partner der 41-jährigen Stephanie Spreng seine Freundin als vermisst. Stephanie wohnte in derselben Straße wie Tina. Sie waren nicht nur Nachbarinnen, sondern auch Freundinnen. Stephanie wollte Tina an diesem Tag besuchen, um ihr zu helfen.
Tina hatte sich nämlich entschieden, sich von ihrem Lebensgefährten Greg zu trennen. Die Beziehung war immer wieder von Streit geprägt gewesen, und Tina wollte einen Schlussstrich ziehen. Sie hatte sich bereits nach neuen Häusern für sich und ihre Kinder umgeschaut. Stephanie war an diesem Tag zu Tina gefahren und nie zurückgekehrt.
Ihr Jeep stand noch in Tinas Garage. Tinas Chefin war am nächsten Morgen selbst zu Tinas Haus gefahren, weil Tina wieder nicht zur Arbeit erschienen war. Anders als die Polizei gab sie sich nicht mit der Stille zufrieden. Sie kletterte durch ein offenes Fenster und sah das Blut.
Überall war Blut. Die Polizei fand drei große Blutlachen im Haus, dazu Schleifspuren und Spritzer im Wohnzimmer und in zwei Schlafzimmern. Als die Ermittler erfuhren, dass in dem Haus auch zwei Kinder lebten, wurde die Situation noch gravierender. Sarah und Cody waren an diesem Morgen nicht zur Schule erschienen.
Die Polizei hatte es mit vier vermissten Menschen zu tun – und einem Haus voller Blut. Zuerst untersuchte die Polizei das Umfeld der Vermissten. Tinas Ex-Mann Larry schied als Täter aus. Er war nachweislich nicht in der Gegend gewesen.
Mehr Aufmerksamkeit erregte Tinas Lebensgefährte Greg. Er hatte mit Tina und den Kindern zusammengewohnt, und das Haus gehörte eigentlich ihm. Aber sein Alibi war wasserdicht: Er war an dem Tag durchgehend bei der Arbeit gewesen. Eine SMS von Tina an Greg um kurz nach halb zwölf deutete darauf hin, dass zu diesem Zeitpunkt noch alles in Ordnung war.
Sie hatte ihm geschrieben, dass sie den gemeinsamen Hund gefüttert hatte. Der Hund war ebenfalls verschwunden. Bei der Spurensuche im Haus fanden die Ermittler eine Plastiktüte von Walmart mit losen Müllsäcken und Plastikplanen. Über die Produktcodes konnten die Beamten nachvollziehen, wo und wann die Sachen verkauft worden waren.
Das Kameramaterial des Ladens zeigte einen erwachsenen Mann, der die Sachen gekauft hatte. Der Mann bezahlte bargeld und stieg danach in einen silberfarbenen Toyota. Das Nummernschild war auf den Aufnahmen nicht lesbar. Beim Kraftfahrzeugamt suchten die Ermittler alle Besitzer eines Toyota in der gesamten Region.
Auf Seite 13 von 15 fanden sie den entscheidenden Treffer: Matthew Hoffman. Der Mann auf dem Führerscheinfoto trug genau dasselbe Shirt wie der Mann auf den Walmart-Aufnahmen. Es war derselbe Typ. Die Beamten fackelten nicht lange.
Am Morgen des 14. November 2010 stürmte ein SWAT-Team das Haus von Matthew Hoffman. Was sie dort sahen, hatten sie garantiert noch nie zuvor gesehen: Das gesamte Haus war voller Blätter. Stellenweise stapelten sich die Haufen über einen Meter hoch.
Im Badezimmer standen hundert Säcke voller Laub. In einer Tiefkühltruhe fanden die Beamten ein paar Eis am Stiel und zwei tote Eichhörnchen. Matthew Hoffman ließ sich widerstandslos festnehmen. Im Keller entdeckte das SWAT-Team ein gefesseltes und geknebeltes Mädchen, das auf einem Bett aus Laub saß.
Es war Sarah. Vier Tage nach ihrer Entführung wurde sie gefunden. Körperlich war sie nicht schwer verletzt, aber sichtlich verstört. Zuerst glaubte sie nicht, dass die Polizisten echt waren.
Sie konnte kaum glauben, dass sie den Keller lebend verlassen hatte. Matthew Hoffman schwieg. In seiner Biografie fanden die Ermittler einige interessante Brüche. Er war erst einen Monat vor der Tat aus der Bewährung entlassen worden.
Zuvor hatte er sechs Jahre in Colorado im Gefängnis gesessen, weil er ein Haus angezündet hatte, um die Spuren eines Raubüberfalls zu verwischen. Das Feuer war auf weitere Gebäude übergegriffen. Zwei Häuser brannten komplett aus, acht weitere wurden beschädigt, 16 Personen mussten evakuiert werden. Seine Eltern lebten weniger als eine Meile von den Entführungsopfern entfernt.
Hoffman hatte zuvor oft bei seinen Eltern übernachtet oder in seinem Auto beziehungsweise in einem Zelt geschlafen. Wegen seiner Brandstiftung schuldete er dem Staat etwa zwei Millionen Dollar. Wegen seiner Vorstrafe, die er verschwiegen hatte, wurde er aus seinem Job als Gärtner entlassen. Kurz darauf meldete seine damalige Freundin ihn bei der Polizei, weil er sie körperlich angegriffen hatte.
Aus Angst verzichtete sie auf eine Anzeige, trennte sich aber von ihm. Trotz Sarahs Befreiung blieben drei Personen vermisst: Tina, Cody und Stephanie. Hoffman redete nicht. Die Polizei durchkämmte das riesige Waldgebiet um sein Haus, aber ohne Erfolg.
Sarah bemühte sich, der Polizei alles so genau wie möglich zu schildern. Sie erzählte, wie sie und Cody von der Schule nach Hause gekommen waren. Sie hatte das Blut auf dem Boden gesehen und sofort gewusst, dass etwas nicht stimmte. Als sie nach ihrer Mutter gerufen hatte, kam keine Antwort.
Dann war der Mann aufgetaucht. Hoffman hatte ihr im Keller gedroht, sie umzubringen, wenn sie versuchen würde wegzulaufen oder nach ihrer Familie zu fragen. Er hatte ihr die gefrorenen Eichhörnchen gezeigt und gesagt, das sei alles, was sie zu essen bekomme. Sie hatte darauf verzichtet.
Er hatte sie missbraucht und dabei weiter bedroht. Sarah wusste nicht, wo ihre Familie war. Sie fürchtete jeden Tag um das Leben ihrer Mutter, ihres Bruders und der Familienfreundin. Es dauerte vier Tage, bis die Polizei Tina, Cody und Stephanie fand.
Hoffman hatte sich doch noch dazu überreden lassen zu verraten, wo sich die drei befanden. Er führte die Beamten zu einem etwa 20 Meter hohen Baum in der Kokosing-Wildnis. Von außen war nicht zu erkennen, dass der Stamm hohl war. Nur mit geübtem Blick sah man, dass die Baumkrone nur einseitig aus dem halben Stamm wuchs.
In dem Hohlraum wurden die Überreste der drei Vermissten gefunden. Alle drei waren bereits im Haus der Familie Maynard getötet worden. Hoffman hatte ihre Leichen zerteilt und in die Mülltonnen und Planen eingewickelt, die er bei Walmart gekauft hatte. Vermutlich hatte er dies in der Badewanne von Tinas Haus getan.
Die Spuren dort waren am gravierendsten gewesen. Die Bevölkerung war verunsichert. Viele glaubten, Hoffman müsse einen Komplizen gehabt haben. Aber es gab keinen.
Das Verbrechen war das Werk eines einzelnen Mannes. Die Ermittler kamen zu dem Schluss, dass der dreifache Mord und die Entführung von Sarah das Ergebnis eines schiefgelaufenen Einbruchs waren. Hoffman hatte es nicht auf die Familie abgesehen, sondern auf deren Besitz. Er sah eine offene Garagentür und nutzte die Gelegenheit.
Das Haus war leer gewesen, bis auf den Familienhund. Doch dann kamen Tina und Stephanie vom Einkaufen zurück und überraschten ihn. Er tötete beide. Kurz darauf kamen Cody und Sarah von der Schule nach Hause.
Die Geschwister hätten ihn identifizieren können. Also tötete er auch Cody. Sarah nahm er wohl nur aus grausamer Spontaneität mit. Hoffman soll auch in ein anderes Haus in dem Bezirk eingebrochen sein, ebenfalls durch eine offene Garagentür.
Aber der Schaden dort konnte nicht größer sein als in der Kingbeat Street, wo er eine ganze Familie zerstört hatte. Der Fall forderte auch unter den Ermittlern ein Opfer. Einer der Beamten, die in dem Fall gearbeitet hatten, nahm sich kurz nach dem Fund der Leichen das Leben. Matthew Hoffman wurde zu lebenslanger Haft ohne die Möglichkeit einer Bewährung verurteilt.
Der Todesstrafe entging er nur, weil er verraten hatte, wo sich die Überreste von Cody, Tina und Stephanie befanden. Er wird das Gefängnis nie verlassen. Sarah überlebte als Einzige. Heute ist sie eine erwachsene Frau und selbst Mutter.
Sie sagt, ihre Kinder hätten sie gerettet. Schon kurz nach ihrer Befreiung hatte sie sich geschworen, glücklich zu werden. Sie wollte nicht umsonst überlebt haben. Sie war überzeugt, dass ihre Mutter Tina genau das gewollt hätte.
Doch auch nach ihrer Befreiung war ihr Weg nicht leicht. Ihr Vater Larry erhielt das Sorgerecht, und Sarah zog zu ihm und ihrer Stiefmutter. Beide wurden 2013 wegen häuslicher Gewalt gegen Sarah angeklagt. Danach zog sie zu einem anderen Familienmitglied und fand dort endlich die Ruhe und Sicherheit, die sie dringend brauchte.
Heute spricht Sarah in Dokumentationen offen über das, was ihr und ihrer Familie angetan wurde. Sie hat ihre Geschichte überzeugt, aber auch ihren Frieden gefunden.


