„Hallo und herzlich willkommen hier auf der Republika! “ Die Worte hallten durch den Saal, und ich, Rudi Zerne, stand vor einem Live-Publikum, das zum ersten Mal bei einer echten Podcast-Aufzeichnung von „Aktenzeichen XY – Unvergessene Verbrechen“ dabei war. Neben mir saßen Connie Neumeier und Helene Reiner. Wir drei, die unterschiedlichen Perspektiven des XY-Kosmos, wollten über ein Thema sprechen, das alle angeht: Was passiert, wenn ein Mensch einfach verschwindet?

Ich dachte an eine persönliche Erfahrung zurück, die schon über dreißig Jahre zurücklag. Wir waren mit unserer Tochter in einem großen Münchner Wirtshaus zum Mittagessen. Als wir aufbrechen wollten, verschwand sie für einen Moment aus unserem Blickwinkel. Das Gasthaus hatte vier oder fünf Ausgänge, und in dem Augenblick, als ich merkte, sie ist weg, brach mir der Schweiß aus.
Mein Puls raste. Zum Glück ging alles gut aus, aber dieses Gefühl der Ungewissheit, das einen in solchen Sekunden zerreißt, hat sich eingebrannt. Dieses Gefühl, nicht zu wissen, was ist, zehrt an den Menschen – manchmal über Jahre. Wir erklärten dem Publikum, dass wir von der Polizei gerufen werden, wenn ein Fall ausermittelt ist und die Ermittler nicht mehr weiterkommen.
Wenn ein Verschwinden ungewöhnlich ist und ein Verbrechen dahinterstecken könnte, wird die Öffentlichkeit eingeschaltet. Die Fernsehsendung ist wie ein letzter Fahndungsansatz. Man hofft auf jenen Hinweis, der einen Fall endlich voranbringt. Connie erzählte, dass sich ihr Podcast genau mit dieser Frage beschäftigt: Was passiert eigentlich nach der Sendung?
Wie geht die Ermittlung weiter? Wie kommen Angehörige mit der Situation klar? Sie und ihre Gäste, oft Ermittler, sprechen über Erfolge, aber auch über das Scheitern. Manchmal, gestand Connie, kämen die Beamtinnen und Beamten sogar „ins Plaudern“ und erzählten Dinge, die sie nie öffentlich sagen dürften – über Überwachungsmaßnahmen, die erst vom Staatsanwalt genehmigt werden müssen, und darüber, wie langwierig das manchmal sein kann.
Helene Reiner, die seit Mai das neue Format „XY Spuren des Verbrechens“ moderiert, ergänzte, dass ihr Ansatz noch weiter geht. Sie stellt mehrere Fälle gegenüber, schaut nach Mustern und fragt, was ein Fall über die Gesellschaft aussagt. Bei Femiziden zum Beispiel zeige sich, dass es oft um Machtstrukturen geht, tief verwurzelt in einer patriarchal geprägten Gesellschaft. Wir kamen auf einen Fall zu sprechen, der mich besonders berührte: den Mord an Lolita B.
Es war ein verschwundenes Mädchen, das erst nach 29 Jahren als tot galt. Damals trat der Kriminalhauptkommissar Wolfgang Schuh vor die Kamera und sagte: „Diese Frau ist ermordet worden, aber wir haben keine Leiche. “ Er wandte sich direkt an die Zuschauer. Eine ehemalige Partnerin eines Mitwissers sah die Sendung und tätigte den entscheidenden Anruf.
Daraufhin wurde mit dem Mann noch einmal gesprochen. In einer erneuten Vernehmung brach er ein. Die Leiche wurde gefunden, aber die Merkmale eines Mordes ließen sich nicht beweisen. Es wurde als Totschlag gewertet – und der Täter wurde freigesprochen, denn Totschlag verjährt, Mord dagegen nie.
Die Mutter des Opfers ließ uns später eine Nachricht zukommen: „Wir haben jetzt endlich Gewissheit und ein Grab, an dem wir trauern können. Man kann einen Schlussstrich ziehen. “ Das zeigte mir wieder, wie wichtig unsere Arbeit ist – auch wenn sie wehtut. Wir sprachen auch über den Fall Maddie McCann, der weltweit Schlagzeilen machte.
Die Eltern kamen damals zu uns und baten um Hilfe. Ich flog zu einem Vorgespräch nach Bristol. Der Vater, Gerry McCann, wirkte souverän, aber die Mutter Kate war sichtlich zermürbt. Man merkte ihr die Ungewissheit körperlich an.
Es schmerzte sehr. Sie reisten innerhalb von drei Tagen zu drei Sendungen, unter anderem zur BBC und nach Holland. Später sagte Gerry McCann zu mir: „Solange der Beweis nicht erbracht ist, dass meine Tochter getötet wurde, habe ich ein Recht darauf zu hoffen. “ Dieser Satz geht mir noch heute unter die Haut.
Die Öffentlichkeit spielt eine große Rolle, gerade bei vermissten Kindern. Polizisten sagten mir einmal ironisch, wenn die Freundin oder Ehefrau eines Täters mit ihm Schluss mache, werde sie zu einer potenziellen Hinweisgeberin. Oder wie es ein Kommissar formulierte: „Wenn genug Gras über eine Sache gewachsen ist, kommt ein Kamel daher und frisst es runter. “ Da sind wir das Kamel.
Connie warf ein, dass im Podcast Fälle eher selten behandelt werden, die noch andauern. Man wolle die laufenden Ermittlungen nicht belasten. Es gab aber eine Ausnahme: eine BKA-Kampagne. Ein Fall eines vermissten Kindes aus Berlin wird im Podcast behandelt und später auch in der Verhandlungssendung gezeigt.
Helene und ich beteiligen uns daran. Vermisste Kinder lassen niemanden kalt – die Eltern leben in einem permanenten Schwebezustand zwischen Hoffnung und tiefer Verzweiflung. Helene erzählte von einem Bruder, den sie für ihre erste Folge traf. Er hatte seine kleine Schwester vor fast 30 Jahren verloren.
Er hoffe immer noch, dass jemand etwas gesehen hat. „Manche Antworten kommen niemals, aber solange nicht klar ist, was passiert ist, bleiben die Akten offen“, sagte sie. Der Bruder wisse, dass es unrealistisch sei, die Schwester lebend zu finden, aber er hoffe auf Gewissheit. Diese Suche sei für Angehörige auch eine Möglichkeit, mit dem Schmerz umzugehen.
Ich erinnerte mich an einen Fall, der glücklich ausging: Eine vermisste Jugendliche sah zufällig im Fernsehen, wie ihre Mutter unter Tränen sagte: „Was auch immer passiert ist, komm zurück, wir verzeihen dir. Lass uns noch einmal von vorn anfangen. “ Das Mädchen erkannte, was es angerichtet hatte, und meldete sich bei der Polizei. Die Familie wurde wieder zusammengeführt.
Es ist einer dieser wenigen Fälle, die ein gutes Ende finden. Helene betonte, dass dieser Bruder sie sehr bewegt habe. Er habe so viel Kraft und Mut gezeigt, nach so langer Zeit öffentlich zu sprechen. Eine Psychologin erklärte ihr, dass Angehörige in einer Dauerschleife gefangen seien: Das Warten friere den natürlichen Trauerprozess ein, weil es keine Verabschiedung, keine Beerdigung und kein Grab gebe.
Aber, so betonte sie, müsse niemand diesen schmerzhaften Weg alleine gehen – es gebe professionelle Hilfe und Anlaufstellen. Diese Begegnungen gehen uns allen nahe. Es zerreißt einen, wenn man die Verzweiflung von Angehörigen spürt. Aber fast immer sagen sie im Nachhinein: „Es tut gut, dass jemand an unserem Fall dranbleibt.
“ Das ist es, was wir tun – und das Motto der diesjährigen Republika „Never Gonna Give You Up“ passt perfekt dazu. Vermisste werden von ihren Angehörigen niemals aufgegeben. Und auch wir geben nicht auf.


