Mein Großvater war einer der letzten Konditoren, die den Baumkuchen noch von Hand backten. Jeden Sonntag stand ich neben ihm, während er den Spieß über der Glut drehte und Schicht für Schicht…

Mein Großvater war einer der letzten Konditoren, die den Baumkuchen noch von Hand backten. Jeden Sonntag stand ich neben ihm, während er den Spieß über der Glut drehte und Schicht für Schicht...

Das Erdbeben von Kanto zerstörte 1923 nicht nur Yokohama. Es zerstörte auch die Existenz eines deutschen Konditors, der sich drei Jahre zuvor dort niedergelassen hatte. Karl Juchheim, ein Handwerker aus dem Westerwald, hatte in der Hafenstadt eine Konditorei eröffnet, nachdem er den Ersten Weltkrieg als Kriegsgefangener in Japan verbracht hatte. Ein Kriegsgefangener, der den Japanern etwas geschenkt hatte, das sie nie wieder loslassen sollten: den Baumkuchen.

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Doch bevor es zu dieser Begegnung kam, musste erst ein deutsches Gebäck fast in Vergessenheit geraten. Der Baumkuchen, einst als „König der Kuchen“ in alten Konditorlexika gepriesen, ist eines der aufwendigsten Gebäcke der europäischen Konditorei. Sein Name stammt von seinem Querschnitt. Schneidet man ein fertiges Stück an, sieht man konzentrische Ringe, wie die Jahresringe eines Baumes.

Jeder einzelne Ring entspricht einer dünnen Schicht Teig, die auf einen rotierenden Spieß aufgetragen und vor offener Glut gebacken wird, bevor die nächste Schicht folgt. Ein traditioneller Baumkuchen braucht zwischen 15 und 25 solcher Schichten, jede zwischen zwei und fünf Millimetern dünn. Die Herstellung dauert ein bis zwei Stunden. Sie lässt sich nicht beschleunigen, sie lässt sich nicht im Voraus planen.

Der Konditor muss jede Schicht im richtigen Moment auftragen. Zu früh ist die Schicht darunter noch nicht fest. Zu spät ist sie zu trocken, um mit der nächsten zu verschmelzen. Dieses Handwerk erforderte jahrelange Ausbildung und ein untrügliches Auge für die Farbe der Flamme, die Konsistenz des Teigs und den Moment, in dem die nächste Lage kommen musste.

Im 18. und 19. Jahrhundert war der Baumkuchen ein Festtagsgebäck der höheren Gesellschaft im deutschsprachigen Raum. Er wurde an Fürstenhöfen als Geschenk zwischen Herrschern überreicht, reichen Bürgerfamilien bestellten ihn zu Hochzeiten, Taufen und Weihnachten.

Er war Ausdruck von Status, Können und Respekt. Die Stadt Salzwedel in der Altmark erhob seit Jahrhunderten Anspruch darauf, die Heimat des Baumkuchens zu sein. Bis heute wird der Salzwedeler Baumkuchen dort nach traditioneller Methode gebacken. Doch die Nachfrage schwand.

Die jüngeren Generationen kauften kein so teures, aufwendiges Gebäck mehr. Die industrielle Lebensmittelproduktion machte das Handwerk unwirtschaftlich. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde der Baumkuchen in Deutschland zu einem Randereignis.

Die Geschichte seiner Rettung beginnt mit einem Mann namens Karl Juchheim. Geboren 1886 in Westerburg im Westerwald, erlernte er das Konditorhandwerk und suchte wie viele junge Handwerker seiner Zeit sein Glück in der Ferne. 1908 reiste er nach Tsingtau, das heutige Qingdao, das damals unter deutscher Kolonialverwaltung stand. Er eröffnete dort eine Konditorei, die die deutsche Kolonie mit mitteleuropäischem Gebäck versorgte.

Er heiratete Elise, eine Frau aus seiner Heimat, die ebenfalls nach China gekommen war. Für ein paar Jahre schien das Leben einfach. Dann brach der Erste Weltkrieg aus. 1914 griff Japan, das auf Seiten der Entente stand, das deutsche Pachtgebiet in China an.

Nach kurzer Belagerung kapitulierte die deutsche Garnison. Karl Juchheim, Zivilist, wurde mit den Soldaten interniert und nach Japan gebracht. Was in diesen Jahren in den japanischen Kriegsgefangenenlagern geschah, war ungewöhnlich. Die Behandlung der deutschen Gefangenen war vergleichsweise human.

Viele durften ihrem Handwerk nachgehen. Sie brachten den Japanern das Brotbacken bei, die Wurstherstellung, das Bierbrauen. Und Karl Juchheim, der Konditor, backte. Die Japaner, die zum ersten Mal in größerer Zahl Deutsche sahen, waren von deren Handwerk zutiefst fasziniert.

Am 4. März 1919 fand in Hiroshima eine Ausstellung statt. Der offizielle Titel lautete: Ausstellung südseeischer Produkte aus deutschem Kolonialbesitz. Sie sollte nach dem Krieg eine kulturelle Brücke schlagen.

Karl Juchheim stand an einem Stand und drehte einen Spieß über offenem Feuer. Schicht um Schicht trug er den Teig auf. Die japanischen Besucher blieben stehen. Sie beobachteten den rotierenden Spieß, die dünnen Lagen, die goldbraune Oberfläche.

Sie probierten. Sie waren begeistert. Was sie sahen, war mehr als ein fremdes Gebäck. Die konzentrischen Ringe des Baumkuchens erinnerten an Jahresringe, an Wachstum, an Zeit und Beständigkeit.

In der japanischen Kultur ist das Bild des Baumes ein tief positives Symbol. Ein Gebäck, das solche Ringe im Querschnitt trägt, passte in ein Weltbild, in dem Speisen symbolische Bedeutung haben. Das war kein kalkulierter Schachzug, sondern ein kultureller Zufall. Aber dieser Zufall veränderte die Geschichte.

Nach dem Krieg blieb Karl Juchheim in Japan. 1920 eröffnete er in Yokohama eine Konditorei, die er „Haus Juchheim“ nannte. Elise half beim Aufbau. Der Betrieb wurde zum Anfang von etwas, das Juchheim nie hätte vorhersehen können.

Doch das Kantō-Erdbeben im September 1923, eines der verheerendsten in der japanischen Geschichte, zerstörte die Stadt und mit ihr die Konditorei. Die Familie baute neu auf, diesmal in Kobe, größer, mit einem Café und einem Ruf, der sich langsam verbreitete. Das Herzstück, das Produkt, für das sein Name berühmt wurde, war der Baumkuchen. Er war das aufwendigste, exklusivste und fremdeste Produkt, das er anbot.

In der japanischen Geschenkhierarchie, in der die Seltenheit eines Geschenks die Wertschätzung des Gebers ausdrückt, fand der Baumkuchen seinen Platz. Der Zweite Weltkrieg unterbrach diese Entwicklung. Nach der Kapitulation Japans 1945 wurden deutsche Staatsbürger als Angehörige einer Feindnation behandelt. Karl und Elise Juchheim, inzwischen fast sechzig, wurden aus Japan ausgewiesen.

Sie kehrten in ein zerstörtes Deutschland zurück, das sie kaum noch kannten. Karl Juchheim starb 1949 in Berchtesgaden. Er sah Japan nie wieder. Aber er hinterließ etwas, das größer war als er selbst.

Seine japanischen Mitarbeiter in Kobe hatten die Technik des Baumkuchens von ihm gelernt. Sie führten das Unternehmen weiter, unter japanischer Leitung, aber unter dem Namen Juchheim, weil dieser Name in Japan für Vertrauen und Qualität stand. Das Unternehmen wuchs zu einem der bekanntesten Süßwarenkonzerne Japans heran. Heute betreibt es über dreihundert Filialen im ganzen Land und exportiert in mehrere asiatische Länder.

Doch damit war die Geschichte nicht zu Ende. Japanische Konditoren begannen, den Baumkuchen zu interpretieren. Sie verwendeten japanische Zutaten: Matcha, den feinen Grüntee; Sakura, Kirschblütenextrakt; Yuzu, die japanische Zitrusfrucht; schwarzen Sesam; gerösteten Tee; sogar Sake. Der Baumkuchen blieb in seiner Technik erkennbar deutsch, mit den Ringen, dem Spieß und der Schichtung.

Aber in seinem Geschmack wurde er japanisch. Eine Hybridform entstand, die es in Deutschland nie gegeben hatte. Heute ist der japanische Markt für Baumkuchen einer der bedeutendsten der Welt. Sein Jahresumsatz übersteigt den deutschen um ein Vielfaches.

Nicht, weil Japan größer wäre, sondern weil es ein anderes Verhältnis zu diesem Gebäck entwickelt hat. Die Präfektur Nagano zum Beispiel, bekannt durch die Olympischen Winterspiele 1998, ist zu einem Zentrum des japanischen Baumkuchens geworden. Lokale Produzenten verwenden Äpfel aus der Region, Walnüsse und regionalen Honig und kombinieren sie mit der klassischen Baumkuchentechnik. Der Baumkuchen wird dort als Souvenir verkauft, als Symbol regionaler Identität.

Er wird zu Hochzeiten verschenkt, in Kaufhäusern als Premiumprodukt präsentiert, in spezialisierten Boutiquen hergestellt und in sozialen Medien geteilt. Die Chemie des Gebäcks hat dabei eine bemerkenswerte Reise hinter sich. Der klassische deutsche Teig besteht aus Eiern, Butter, Zucker und Weizenmehl, manchmal verfeinert mit Marzipan und Rum. Die japanischen Varianten ersetzen diese Grundstruktur, indem sie einzelne Bestandteile ergänzen.

Der Matcha-Baumkuchen enthält feingemahlenes Teepulver, dessen Polyphenole mit den Proteinen der Eier reagieren und eine leicht herbere Maillard-Reaktion erzeugen. Der Juzu-Baumkuchen lagert die ätherischen Öle der Frucht in die Teigschichten ein, die beim Anschneiden ein fernöstliches Aroma freisetzen. Die Technik jedoch, die Karl Juchheim einst in Hiroshima zeigte, blieb dieselbe. Dazu kommt der soziale Kontext des Schenkens.

In Japan existiert eine hochentwickelte Geschenkkultur. Omiyage, das Souvenirgeschenk von Reisen, ist ein festes Ritual. Ochūgen im Sommer und Oseibo im Winter sind saisonale Schenkperioden, in denen hochwertige Lebensmittel ausgetauscht werden. Der Baumkuchen ist das ideale Geschenk.

Er sieht edel aus, ist gut haltbar und lässt sich in der japanischen Verpackungskultur besonders schön präsentieren. Die Verpackungen selbst sind eine Kunstform. Einzelne Scheiben werden in transparente Folien gelegt, mit Seidenpapier ausgelegt, in Schachteln mit kunstvollem Druck arrangiert. Man kauft einen Baumkuchen nicht, wie man in Deutschland eine Tafel Schokolade kauft.

Man wählt ihn aus, überlegt für wen er bestimmt ist, wählt Größe, Sorte und Verpackung. Der Akt des Kaufens ist Teil des Geschenks. Das Gebäck ist Kommunikation. Und damit stellt sich die Frage, die bei jedem kulturellen Produkt irgendwann gestellt wird: Wem gehört der Baumkuchen?

Formell ist die Antwort einfach. Der Salzwedeler Baumkuchen ist EU-geschützt, mit geschützter geografischer Angabe. Aber die eigentliche Frage lautet: Wo lebt das Gebäck wirklich? Im Jahr 2025 ist die Antwort eindeutig.

In Japan. Doch es gibt eine Gegenbewegung. Junge deutsche Konditoren, teils inspiriert durch die japanische Renaissance, teils durch das wachsende Interesse an traditionellen Handwerkskünsten, beginnen den Baumkuchen neu zu entdecken. In Berlin, Hamburg und einigen mittelgroßen Städten entstehen kleine Werkstätten, die wieder auf traditionelle Weise backen.

Manche sind nach Japan gereist, haben dort in Betrieben gearbeitet und japanische Techniken beobachtet. Sie kehrten zurück zur deutschen Technik, zum deutschen Grundrezept, aber mit einem neuen Bewusstsein dafür, was möglich ist, wenn man das Handwerk ernst nimmt. Es ist eine der merkwürdigsten Wendungen der Geschichte. Ein deutsches Gebäck reiste nach Japan, wurde dort so lebendig gehalten, dass es von Japan nach Deutschland zurückkehren musste, um deutsche Konditoren an ihre eigene Tradition zu erinnern.

Karl Juchheim wollte seinen Landsleuten in Tsingtau Heimatgeschmack bieten. Er hatte keine Vision davon, dass sein Gebäck eines Tages in japanischen Kaufhaustempeln als nationales Symbol gelten würde. Er war ein Konditor, der sein Handwerk kannte und es dort ausübte, wo er war. Aber indem er an einem Märztag in Hiroshima einen Baumkuchen auf einem Spieß drehte, löste er etwas aus, das größer war als er selbst.

Die Ringe des Baumkuchens wachsen langsam, Schicht um Schicht, Lage um Lage. Jede Schicht braucht Zeit, um zu stocken. Man kann sie nicht beschleunigen, man kann sie nicht überspringen. Ein Baumkuchen mit zwanzig Ringen enthält zwanzig Momente vollständiger Aufmerksamkeit, zwanzig Entscheidungen, zwanzig Mal, in denen ein Mensch sein Handwerk gegen die Ungeduld des Augenblicks stellt.

Vielleicht ist das der Grund, warum Kulturen, die Geduld schätzen, in diesem Gebäck etwas erkannt haben, das über den Geschmack hinausgeht. In Japan lernten sie diese Lektion. In Deutschland lernen sie sie gerade wieder, Schicht für Schicht, Ring für Ring. Und in den Schaukästen der Salzwedeler Bäcker, in den Ausbildungswerkstätten der wenigen verbliebenen Meister, in den kleinen Konditoreien, die das Handwerk noch nicht aufgegeben haben, wächst gerade eine neue Schicht.

Eine Schicht, die von Japan gelernt hat, was Deutschland fast vergessen hatte.