„Er soll doch tot sein“, sagte seine Mutter, als wir vor ihrer Tür standen und ihr erklärten, dass wir ihren Sohn für lebendig hielten. Mein erster großer Fall begann mit einem gekenterten Boot…

„Er soll doch tot sein“, sagte seine Mutter, als wir vor ihrer Tür standen und ihr erklärten, dass wir ihren Sohn für lebendig hielten. Mein erster großer Fall begann mit einem gekenterten Boot...

Der Gutachter trat einen Schritt zurück und ließ die Taschenlampe sinken. „Hier wurde manipuliert“, sagte er ruhig. „Die Schlauchschellen der Abgasleitung sind gelöst. Seewasser konnte ungehindert ins Innere dringen.

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“ Torben Mordik, damals 23 und erst zwei Monate im Dienst, stand daneben und spürte, wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog. Aus einem Vermisstenfall war ein Tötungsdelikt geworden. Christoph H. , 53 Jahre alt, hatte am 7.

Oktober 2019 den Kieler Hafen verlassen. Mit seiner Motorjacht „Santana“ wollte er nach Bagenkop in Dänemark fahren. Er kam nie an. Drei Tage später meldete seine Frau Orlena ihn als vermisst.

Die Wasserschutzpolizei durchsuchte die Ostsee, die Seenotrettung beteiligte sich, alle Schiffe in der Region wurden per Funk aufgefordert, Ausschau zu halten. Am 11. Oktober entdeckten Spaziergänger vor Schönberg den Bug eines gekenterten Bootes, das aus dem Wasser ragte. Es war die „Santana“.

Von Christoph fehlte jede Spur. Die Wetterlage am Tag seines Verschwindens war unauffällig: sonnig, kaum Wind, niedriger Wellengang. Das passte nicht zusammen. Christoph galt als erfahrener Seemann.

Die Staatsanwaltschaft beauftragte einen Gutachter, um auszuschließen, dass jemand das Schiff manipuliert hatte. Der Gutachter fand genau das: jemand hatte das Boot gezielt zum Sinken gebracht. Für Mordik begann nun eine der merkwürdigsten Ermittlungen seiner Karriere. Die Ehefrau des Vermissten, eine Ukrainerin mit gebrochenem Deutsch, wirkte bei der ersten Vernehmung erstaunlich gefasst.

„Mir war nicht klar, ob ihr bewusst war, dass ihr Mann vermutlich ertrunken ist“, erinnerte sich Mordik später. Dann meldeten sich die Versicherungen. Zuerst vier, dann sieben, dann zehn. Am Ende waren es vierzehn Lebens- und Unfallversicherungen mit einer Gesamtauszahlungssumme von rund 4,2 Millionen Euro.

Begünstigte waren die Ehefrau und TH, die Mutter des Vermissten. Mordiks Bauchgefühl sagte ihm: Christoph sitzt nicht in der Ukraine, wie er zunächst vermutet hatte. Er sitzt im Haus seiner Mutter in Schwarmstedt, Niedersachsen. Die Ermittler überwachten die Telefonleitung der Mutter.

Immer wieder hörten sie im Hintergrund Geräusche, die darauf hindeuteten, dass eine weitere Person im Haus war. Dann belauschten sie ein Telefonat zwischen Orlena und der Mutter, bei dem eine offenkundig männliche Stimme am Festnetz mitsprach und Orlena mit „Hallo Mama“ begrüßte. Eine schlecht verstellte, zu hoch klingende Stimme. Die Ermittler wussten: TH lebte allein.

Es gab keinen anderen Verwandten im Haus. Die Staatsanwältin Letizia Miske, die gerade erst ihre Karriere begonnen hatte, erwirkte einen Durchsuchungsbeschluss. Am Morgen standen die Beamten vor dem Haus der Mutter. Sie klopften, niemand öffnete.

Ein Schlüsseldienst wurde gerufen. Während er arbeitete, öffnete die Mutter schließlich doch. „Wir haben ihr erklärt, dass wir vermuten, dass ihr Sohn noch lebt“, sagte Mordik. „Sie antwortete nur: ‚Ich verstehe das nicht, er soll doch tot sein.

‘“ Sie verhielt sich unkooperativ. Die Beamten durchsuchten das Haus stundenlang. Sie fanden Kleidung von Christoph, aber keine Schuhe. Mordik befürchtete, sie hätten ihn knapp verpasst.

Doch in dem Haus fanden sie etwas anderes: Dutzende Briefe, zehn bis zwölf Seiten lang, mit dem kompletten Tatplan. Wie man das Kentern eines Bootes vortäuscht, wie man das Geld anlegt, wenn man es bekommt. Darin stand auch der Satz, der Mordik nie vergaß: „Wenn wir den großen Coup machen, dann machen wir ihn richtig groß. Wir betrügen nicht eine Versicherung, wir machen das Vier-Millionen-Ding, dann haben wir ausgesorgt.

Die Telefonüberwachung lief weiter. Eines Tages versuchte die Mutter, neue SIM-Karten zu registrieren. Während des Telefonats brauchte sie einen Notizzettel und bedankte sich höflich, als ihr jemand einen reichte. Eine einsame Frau hätte sich nicht bedankt.

Die Ermittler wussten: Christoph war zurückgekehrt oder hatte sich beim ersten Mal so gut versteckt, dass sie ihn nicht gefunden hatten. Sie erwirkten einen zweiten Durchsuchungsbeschluss. Diesmal kamen sie mit mehr Beamten und einer Spezialeinheit. Es dauerte Stunden.

Dann leuchtete ein Beamter mit seiner Taschenlampe in eine Zwischendecke auf dem Dachboden, wo viel Gerümpel lag. Er sah ein Blitzen, dann eine Bewegung. Er räumte das Gerümpel beiseite und fand den Vermissten in einer Ecke kauern, zugedeckt mit einer Decke. Das Blitzen stammte von seinem Ehering am Finger.

Christoph H. wurde festgenommen. Im März 2024 verurteilte ihn das Landgericht Kiel wegen versuchtem Versicherungsbetrug zu drei Jahren und zwei Monaten Haft. Seine Frau Orlena erhielt zwei Jahre auf Bewährung.

Staatsanwältin Miske investierte rund 500 Stunden in diesen ersten großen Fall. „Wir mussten an so vielen Stellen feststellen: Jeder Regisseur hätte gesagt, das ist zu plump, das können wir so nicht machen“, sagte sie später. Ein anderer Fall, eine andere Stadt, ein anderer Mord. Im März 2020, an einem kühlen Abend, lief ein Mann durch den Pushkinpark in Cottbus.

Er trug Kopfhörer, schaute auf sein Handy, hatte keine Ahnung, was ihm bevorstand. Zwei Männer kamen von vorne, ließen ihn passieren, drehten sich um, zogen ihre Masken hoch und schossen sofort. Sechs Schüsse trafen den Mann. Er schrie, versuchte zu fliehen, aber die Täter folgten ihm.

Ein Zeuge, der mit seinem Hund Gassi war, sah einen dunkel gekleideten, schwer atmenden Mann laufen und zwei Personen aus einer Gasse auftauchen. Einer ging in Schießhaltung, wie er es als professionell beschrieb. Die Blutspur wurde kräftiger, bis der Verletzte zusammenbrach. Die Notärzte kämpften eine halbe Stunde um sein Leben, vergeblich.

Das Opfer war Martin M. , 31 Jahre alt, eine schillernde, gefürchtete Figur in Cottbus. Er war in verschiedenen Rockerclubs zu Hause, arbeitete als Türsteher, verkaufte Nahrungsergänzungsmittel und inszenierte sich im Internet als Kampfmaschine. Er war mehrfach vorbestraft wegen Körperverletzung, Nötigung und Erpressung.

Er trieb Forderungen mit Gewalt ein, schüchterte ein, verprügelte. Wer sich mit ihm anlegte, hatte kein gutes Leben. „Gerade machen“ bedeutete für ihn: vierstellige Beträge zahlen. Die Ermittler, darunter Kommissar Thomas Britzer, fragten sich: Wer hat ihn umgebracht?

War es ein Bandenkrieg? Am Tatort tauchten junge Männer mit derselben Magenleber-Bekleidung auf und beobachteten die Polizei finster von der Absperrung. Doch die Ermittler ließen sich nicht einschüchtern. Zeugen beschrieben zwei Täter, die in einem blauen VW geflüchtet waren.

Die Auswertung des Handys des Toten brachte die entscheidende Spur: etwa zehn Tage vor der Tat hatte es Ärger mit Robin K. gegeben. Robin K. , ebenfalls im Bodybuilding-Milieu zu Hause, wollte in Cottbus einen Laden für Nahrungsergänzungsmittel eröffnen.

Das spätere Opfer hatte ihn abends an einen See gelockt, ihn mit einem Kumpanen massiv angegangen, schwer gedemütigt und ihm klargemacht: Ohne Martin M. gibt es in Cottbus kein Geschäft. Dazu kam eine „gerade machen“-Zahlung, die ausstand. Robin K.

hatte ein Motiv, passte auf die Personenbeschreibung der Täter und hatte einen Mitbewohner, der ebenfalls Kraftsportler war. Doch ein Motiv allein reichte nicht. Die Ermittler observierten die beiden Männer rund um die Uhr und hörten sie ab. Monatelang.

Sie erhofften sich Geständnisse, aber die Verdächtigen redeten kaum über das Verbrechen. Sie hatten sogar vereinbart, nicht mehr darüber zu sprechen. Doch die Ermittler sammelten kleine Nebensätze, Nuancen, Puzzleteilchen. Sechs Monate nach dem Mord schlugen sie zu.

Sie wussten, dass scharfe Waffen im Spiel waren, also gingen sie mit Spezialkräften in den Wohnblock. Robin K. wurde festgenommen, schwieg aber. Sein Mitbewohner hatte ein wasserdichtes Alibi, aber er schien etwas zu wissen.

Er hatte Angst, selbst etwas zu erleiden. Die Ermittler nahmen ihn in ein Zeugenschutzprogramm auf. Schließlich nannte er den Namen des zweiten Schützen: Steve M. Unter dem Druck gestanden beide, geschossen zu haben.

Das Motiv war kein Bandenkrieg, sondern Streit ums Geschäft. Martin M. hatte seinen späteren Mörder massiv bedroht, weil der ebenfalls als Fitnesscoach arbeiten wollte. Die beiden hatten entschieden: Martin M.

muss sterben. Vor Gericht beriefen sie sich auf Notwehr. Staatsanwalt Martin Mache plädierte auf Mord. „Wenn man diese Selbstjustiz tolerieren würde, könnten wir das Recht abschaffen“, sagte er.

„Dann gewinnt der Stärkere. Das will niemand in dieser Gesellschaft. “

Das Landgericht Cottbus folgte ihm. Robin K.

und Steve M. wurden wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.