Wir waren vom Kollegen der Schutzpolizei darüber informiert worden, dass man hier am Wallersee eine Babyleiche gefunden hatte und vermutlich ein Tötungsdelikt vorliege. Das ist eine besondere Situation, wenn es um Kindesleichen geht. Ich bin sicherlich einiges gewohnt, aber das ist einfach schrecklich. Kinder spielen am Ufer, ihre Hunde schnüffeln plötzlich aufgeregt an zwei Plastiktüten, die halb im Sand vergraben sind.

Darin liegt ein totes Baby. Der erste Kriminalhauptkommissar Jürgen Schmidt übernimmt den Fall. Er wird ihn über Jahre begleiten und nie wieder loslassen. Kriminaltechniker suchen den Fundort akribisch ab.
Es wurden jede Menge Gegenstände gefunden, deren Bedeutung zu Anfang nicht klar war, aber insbesondere ein verbogener Suppenlöffel mit Sandspuren. Wir vermuteten, dass mit diesem Löffel versucht worden war, ein Grab auszuheben. Ein untaugliches Mittel, aber wir gingen davon aus, dass es das Werkzeug gewesen sein könnte. Die Obduktion ergibt: Das kleine Mädchen hat nach der Geburt gelebt.
Todesursache war ein tiefer Schnitt in den Hals. In den Tüten befand sich ein Handtuch, in das das Kind eingewickelt war. Die Gerichtsmediziner finden daran Blutspuren, zwei unterschiedliche Blutspuren. Eine stammt eindeutig von der Kindsmutter.
Doch dieses DNA-Muster bringt die Ermittler nicht weiter. Weder in der deutschen Datei noch in europäischen Dateien ist es registriert. Parallel befragen die Ermittler Zeugen am See, darunter zwei Angler. Sie schilderten uns eine recht seltsame Begegnung: Eine junge Frau war auf dem Mittelsteg zwischen den beiden Teichen entlanggegangen, ohne sie zu bemerken.
Schon der Weg war ungewöhnlich, denn sie musste Stacheldraht überstiegen haben. Sie wirkte besonders blass und trug einen prall gefüllten Rucksack. Aufgrund der Aussage der beiden Männer wurde eine Phantomzeichnung angefertigt und veröffentlicht. Doch das führt nicht zur Ermittlung einer Verdächtigen.
Am 5. Juli wird das Kind auf dem Friedhof in Lagesbüttel beerdigt. Wir haben gehofft, dass vielleicht auch die Kindsmutter zu dieser Beerdigung kommt, und haben die Beerdigung entsprechend überwacht. Auch nach der Beisetzung wird das Grab noch einige Tage verdeckt gefilmt.
Doch keine der überprüften Frauen ist die Mutter. Die Mordkommission bezieht eine Expertin der Uni Hannover ein, die Kindstötungen unter kriminologischen Gesichtspunkten untersucht. Der Täterinnenkreis lässt sich kaum eingrenzen. Nur eines haben die meisten Fälle gemeinsam: die Abhängigkeit.
Es geht immer darum, dass der Mann kein Kind will. Sie sorgt dafür, dass er wieder bequem leben kann, dass er keinen Unterhalt zahlen muss, dass er seine Ruhe hat. War es in diesem Fall genauso? Das Institut für Rechtsmedizin der Uni München macht eine Isotopenanalyse.
Durch chemische Spuren im Körper kann man auf mögliche Aufenthaltsorte der Toten zu Lebzeiten schließen. Wir wollten herausfinden, ob man beim Säugling durch die Ernährung über die Nabelschnur Rückschlüsse auf den Aufenthaltsort der Mutter ziehen kann. Das Ergebnis: Die Kindsmutter dürfte in den ersten Monaten der Schwangerschaft in Karelien, einer russischen Republik, gelebt haben und später in der norddeutschen Tiefebene. Die Ermittler gehen mit russischsprachigen Verhandlungsplakaten an die Öffentlichkeit.
Über das Ausländerzentralregister selektieren sie Frauen, die im fraglichen Zeitraum legal aus Russland nach Deutschland eingereist sind. Diese Frauen werden aufgesucht und um freiwillige Speicheltests gebeten. Doch wieder kein Treffer. Wir wussten, dass die Gefahr besteht, dass eine Mutter, die einmal auf diese Art ihr Kind getötet hat, das durchaus wieder tun kann.
Wir wollten so schnell wie möglich diese Kindsmutter ermitteln, um eine weitere Tat zu verhindern. Dass das Risiko einer Wiederholungstat hoch ist, zeigen auch wissenschaftliche Studien. Die Frau hat Erfolg damit, dass sie das Kind beseitigt. Sie spart sich den Stress, die Strafe, das Gerichtsurteil.
Sie hat gelernt, das ist eine Möglichkeit, wie sie mit dem Problem klarkommt. 2009 erfährt Schmidt von Mantrailerhunden, die auch Jahre nach einer Tat die individuelle Geruchsspur eines Menschen aufnehmen können. Wir sind auf eine private Hundeführerin gestoßen, die schon häufiger mit der Polizei zusammengearbeitet hatte. Unsere Hypothese war, dass die Kindsmutter eventuell noch mal an den Leichenfundort oder an das Grab zurückgekehrt war.
Geruchsträger ist das Blut der Mutter. Eine Spur führt bis ins 300 km entfernte Kiel. Doch die Aktion muss erfolglos abgebrochen werden. Dann meldet sich im April 2011 das LKA Hannover.
Auf dem Parkplatz einer Kleingartenkolonie in Braunschweig steht ein gestohlener VW-Bus. Im Aschenbecher liegt eine gerauchte Zigarette. An dieser Zigarette findet sich die DNA der Mutter des toten Säuglings. Es war zunächst nur ein Spurentreffer.
Damit hatten wir noch keine Person. Allerdings gab es die Möglichkeit, dass die Zigarettenkippe legal im Fahrzeug zurückgelassen wurde. Der Bus gehört dem Besitzer eines griechischen Restaurants. Nun überprüfen die Ermittler alle Mitarbeiterinnen des Lokals.
Wir haben eine der Bediensteten nicht erreicht. Mit dieser Frau haben wir telefonisch Kontakt bekommen. Sie hat zugesagt, am nächsten Tag zu einer Speichelprobe zu erscheinen. Sie kam nicht, und das hat für uns einen gewissen Verdachtsmoment ausgemacht.
Die 35-Jährige hat zum fraglichen Zeitpunkt gelegentlich als Bedienung in der Gaststätte gearbeitet. Sie ist Raucherin und wohnt im selben Haus wie das Restaurant. Am darauffolgenden Tag geht bei der Polizei ein Notruf ein. Es ist die Frau, die direkt erklärt, sie habe das Baby am Wallersee umgebracht.
Kommissar Schmidt vernimmt die Tatverdächtige. Sie sagt aus: Sie stammt aus einer kurdischstämmigen Familie und wurde im jesidischen Glauben erzogen. Anfang der 1990er Jahre hat sie ihr Elternhaus ohne Papiere verlassen, weil sie zwangsverheiratet werden sollte. Seitdem lebt sie mehr oder weniger illegal in Braunschweig.
In Russland ist sie nie gewesen. Sie hatte in Braunschweig einen Mann kennengelernt. Dieser Mann war verheiratet, hatte zwei Kinder und wollte keine weiteren. In dieser Beziehung wurde sie schwanger.
Sie hat die Schwangerschaft völlig geheim gehalten. Zwischen dem 18. und 20. Juni 2005 hat sie das Kind allein im Badezimmer ihrer damaligen Wohnung zur Welt gebracht.
„Ich habe es nicht mal angeschaut. Alles kam mir vor wie durch einen Nebel. Ich sehe dieses Kind, ich höre es ja auch. Ich gehe in die Küche und hole ein Messer.
“
Nach der Tat hat sie die Leiche einige Tage in einem Schrank versteckt. Dann hat sie sich von ihrem Freund zum Wallersee zum Baden bringen lassen. Während der Vater des Kindes zur Arbeit gefahren sei, habe sie den Säugling mit einem Löffel im Ufersand vergraben. Doch das ist noch nicht alles.
Während der Vernehmung kommt eine weitere Tat ans Licht. „Sie sind nur ein paar Tage zu spät gekommen. “ Am 26. April ist die Fruchtblase geplatzt.
„Ich habe die Schwangerschaft fortgeführt. Ich wollte es so sehr. Es war mein Herzenswunsch. “
Es gibt ein weiteres Baby, das wenige Tage zuvor zur Welt gekommen war.
„Und dann habe ich ein Handtuch genommen und habe es über das Kleine gelegt. Dann wurde mir schwarz vor Augen. Und ich war weg. “
Sie habe das zweite Kind in ihrer Badewanne zur Welt gebracht und unmittelbar danach das Bewusstsein verloren.
Als sie wieder aufwachte, war das Baby tot. Es war wieder ein Mädchen. Der Vater war ihr damaliger Arbeitgeber, der Restaurantbesitzer. Nach der Geburt wickelte sie die Leiche in Seitenpapier und versteckte sie in ihrer Wohnung.
Als die Polizei sie zur Abgabe einer Speichelprobe aufforderte, packte sie das zweite Mädchen in eine Papiertüte und entsorgte es in einem Müllcontainer. Es ist im Grunde genau das passiert, was wir durch jahrelange Ermittlungen verhindern wollten. Wahrscheinlich waren es nur zwei Tage, die wir zu spät gekommen sind. Das ist sehr tragisch gewesen.
Das hat einen mitgenommen, keine Frage. Man fragt sich, wo hätten wir schneller sein können. Das lässt mich mein Leben lang nicht los. Das Landgericht Braunschweig verurteilt die Frau zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten wegen Totschlags.
Im zweiten Fall durch Unterlassen. Das Kind ist im Wasser der Badewanne ertrunken. Mittlerweile ist sie aus dem Gefängnis entlassen. Die Resozialisierung scheint geglückt.
Sie führt ein sehr geregeltes Leben, hat eine Ausbildung abgeschlossen und ist regelmäßig beruflich tätig. Sie ist liiert und lebt ein unauffälliges, aber sozial integriertes Leben. Es hat fast sechs Jahre gedauert, bis der Fall endlich gelöst werden konnte. Bei neuen Anhaltspunkten hat Kommissar Schmidt die Ermittlungen immer wieder aufgenommen.
Das Resümee ist zweigeteilt. Auf der einen Seite ist es die Genugtuung über den aufgeklärten Fall. Zum zweiten liegt eine besondere Tragik darin, dass wir nur wenige Tage zu spät gekommen sind, um die zweite Tötung zu verhindern. Ihrem zweiten Kind hat die Mutter im Nachhinein einen Namen gegeben: Sophia.
Sie wurde neben ihrer großen Schwester beerdigt, dem unbekannten Baby vom Wallersee. Ein Waldarbeiter macht bei Mömmingen im Landkreis Miltenberg eine seltsame Entdeckung. In den Spalten eines Holzstapels stecken zwei Plastikflaschen mit Spiritus, umhüllt von Zeitungspapier, eine mysteriöse elektrische Installation. Er verständigt die Polizei, lässt alles stehen und liegen.
Die Kollegen sichern den Zündsatz und zeigen ihn mir. Ich habe so etwas in meiner langjährigen Dienstzeit noch nicht gesehen. Wir schicken ihn zum LKA zur Untersuchung. Experten des bayerischen Landeskriminalamts zerlegen den Zündsatz und bauen ihn nach.
Der Bausatz verbindet Batterien mit unterschiedlicher Kapazität und Spannung. Sobald die schwächere Batterie entladen ist, erhitzt sich die stärkere, bis sie sich entzündet. Der Zündsatz kann in einem Zeitraum zwischen 12 und 48 Stunden zünden, aber keinesfalls bestimmbar. Das macht die Sache extrem gefährlich.
Seit 2018 beschäftigt die Kriminalpolizei Aschaffenburg eine mysteriöse Brandserie im bayerisch-hessischen Grenzgebiet. Am Anfang niederschwellige Brände, mal ein Wiesenbrand, mal ein kleiner Flächenbrand. Mit den Jahren hat sich das gesteigert. Waldhütten wurden angezündet, auch größere Flächen innerhalb des Waldes, die sich unkontrollierbar ausgebreitet haben.
Hätte sich dort eine Person aufgehalten oder wäre eingeschlossen worden, wäre die Geschichte deutlich dramatischer ausgegangen. Eine Ermittlungskommission wird aufgestellt, die Ecohefistos, benannt nach dem griechischen Gott des Feuers. Unter der Leitung von Thomas Boleer fahnden 14 Beamte nach dem Brandstifter. Das Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung hat erheblich gelitten.
Die Leute haben sich teilweise nicht mehr getraut, am Wochenende im Wald spazieren zu gehen. Die Feuerwehren waren extrem belastet, hatten eine hohe Einsatzbelastung, gerade 2023 und 2024 bei den größeren Waldbränden. Zahlreiche Brände der vergangenen Jahre erscheinen in einem ganz anderen Licht, wie ein Feuer in Obernburg. Im Jahr 2020 war hier ein Hochsitz vollständig abgebrannt.
Ein Arbeiter mähte das Gras, als sich die Kanzel schlagartig entzündete. Allerdings nicht von unten nach oben, sondern im oberen Bereich. Wir waren uns relativ sicher, dass es sich um Brandstiftung handelt. Der Arbeiter erschrak total, hörte einen lauteren Knall, schaute nach oben und sah die brennende Kanzel über sich.
Er konnte sich zur Seite retten. Diese schlagartige Ausbreitung hat mir gezeigt: Der Täter hat das eigentliche Brandgeschehen überhaupt nicht im Griff. Knapp neun Monate nach dem Fund wird eine DNA-Spur am Brandsatz von Mömlingen gefunden. Ein Abgleich mit der Datenbank des BKA ergibt einen Treffer.
Er führt nach Lützelbach in Hessen. 2018 wurde hier eine Holzbank angezündet. Unter der Bank wurde ein Zündsatz entdeckt. Die DNA-Spur ist identisch.
Die Bauweise der Zündvorrichtung ist absolut gleich. Wir mussten davon ausgehen, dass es sich um denselben Täter handelt. Boleer lässt jetzt alle Brände in der Region seit 2018 erfassen. Insgesamt kommen neun Brandstiftungen in Frage, die die Handschrift von ein und demselben Täter tragen.
Wir haben am Anfang der Ermittlungskommission tatsächlich 90 Brände noch einmal von Grund auf beleuchtet, Jagdpächter befragt, Wildkameras ausgewertet, Tatorte mit einem Metallsuchgerät abgesucht. Teilweise haben wir den Boden mit dem Spaten umgegraben und tatsächlich noch Teile der Zündvorrichtung gefunden. Im Oktober 2023 brennt bei Großwallstadt ein Holzstapel ab. Im Rahmen der Ermittlungsarbeit wird der Brandort 2024 nochmals abgesucht.
Im Brandschutt werden zwei kleine Batterien, Kabel und eine verbrannte Diode gefunden. Wir haben deutschlandweit die Polizeidienststellen angeschrieben mit der Fragestellung: Habt ihr in eurem Bereich schon mal so etwas gehabt? Wir bekamen keine Rückantwort. Wir wussten, wir haben einen einmaligen, außergewöhnlichen Fall.
Tausende Seiten Ermittlungsakten werden nochmals ausgewertet. In den Protokollen zum ersten Fall in Lützelbach 2018 wird Boleer fündig. Neben anderen Zeugen war auch der Einsatzleiter der freiwilligen Feuerwehr vernommen worden. Ein Satz machte uns extrem stutzig.
Er sagte: „Das wird ja öfter von Brandstiftern verwendet. “ Ich lese diesen Satz, ich lese ihn ein zweites Mal, ich lese ihn ein drittes Mal und dachte: Ich habe zehn Jahre Brandermittlung gemacht. Ich habe noch nie solch einen Zündsatz an einem Brandort gefunden. Wie kann der Mann sagen, das wird öfter verwendet?
Ab diesem Zeitpunkt stand der Mann in unserem Fokus. Tobias G. , 47 Jahre alt, ledig. Er lebt noch bei seinen Eltern.
Seit Jahrzehnten ist der IT-Techniker aktives Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr. Wir haben erfahrene Ermittler hingeschickt. Sie kommen zurück und sagen: Das erste, was mir aufgefallen ist – dieses Lokalblatt, das wir tatsächlich zwei Jahre vorher in einem Holzstapel gefunden haben, lag bei der Vernehmung auf dem Tisch. Am Schluss der Vernehmung haben wir ihn wie die anderen Zeugen zuvor gefragt, ob er eine DNA-Probe abgibt.
Da ist er ganz komisch geworden, hat komisch reagiert, wurde blass, nervös. Schlussendlich wollte er die DNA-Probe nicht abgeben. Boleer erwirkt bei Gericht eine Anordnung auf Abgabe einer DNA-Probe und einen Durchsuchungsbefehl. Am 23.
Juli 2024 rücken hessische und bayerische Polizeibeamte nach Lützelbach aus. Wir haben in den Kellerräumen eine Art Werkstatt gefunden. Teile des Bausatzes waren feinsäuberlich gelagert: Relais, Widerstände, die für 50 Zündsätze gereicht hätten. Bei der Auswertung seines Computers konnten wir die Bestellungen der Teile nachvollziehen.
Wir haben Batteriesätze gefunden und wussten am Durchsuchungstag: Wir sind auf der richtigen Spur. Einen Tag später liefert die DNA-Analyse die letzte Bestätigung. Tobias G. wird festgenommen.
Was hat den Feuerwehrmann zum Brandstifter gemacht? Wir haben den amtierenden Kommandanten gefragt. Er war absolut qualifiziert, ließ aber nie andere Meinungen zu, ging nie auf die Leute zu, war wenig kommunikativ, nicht kompromissbereit. Als Führungskraft aus deren Sicht nicht geeignet.
Er ist auch zweimal bei einer Wahl zum Feuerwehrvorstand abgeblitzt. Alles spricht dafür, dass Tobias G. aus Frust über mangelnde Anerkennung zum Brandstifter wurde. Im März 2025 beginnt der Prozess vor dem Landgericht in Aschaffenburg.
Er hat vor Gericht ein Teilgeständnis abgelegt. Der Richter verurteilte ihn zu fünf Jahren und neun Monaten Freiheitsstrafe. Im Moment sitzt er in der JVA. Für Thomas Boleer und seine Kollegen ein Erfolg.
Für die Betroffenen in der Region die langersehnte Möglichkeit, endlich wieder zur Ruhe zu kommen. Es ist ein Monster, aber halt im Schafspelz. Da sieht es aus wie der absolute Durchschnittsbürger, dem man tausendfach in der Fußgängerzone begegnet. An einem Mainorgen 2012 bricht Andreas Voges, Leiter der Mordkommission Berlin, zu einem Einsatz auf.
Die Informationen, die wir damals bekommen haben: In einem Dark Room liegt eine tote männliche Person, ein relativ junger Mann, und es war überhaupt nicht klar, wie er zu Tode gekommen ist. Der Tatort ist ein Dark Room, ein Lokal, wo sich homosexuelle Männer zum Sex treffen. Das Lokal Große Freiheit 114 im Berliner Szenebezirk Friedrichshain. Der Dark Room ist der hintere Teil, normalerweise absolut abgedunkelt.
Der Tote Nicki M. ist Stammgast und schnell identifiziert. Er ist 37 Jahre alt. Aber handelt es sich überhaupt um ein Verbrechen?
Am Anfang ganz schwer zu sagen. Es hätte eine Intoxikation sein können. Es gab keine offenkundigen Verletzungen. Die Leiche wird obduziert, aber die Sektion liefert keine gute Erklärung für den plötzlichen Tod.
Trotzdem hat Kommissar Voges kein gutes Gefühl. Natürlich hat man Bauchgefühl, entwickelt man über all die Jahre. Es war schon irgendwie so 60 zu 40, dass etwas hier nicht gepasst hat. Aber dass sich daraus ein Serienmörder entwickelt, weiß man am Anfang nicht.
Eine verdächtige Spur führt zum Berliner Ostbahnhof. Von Nicki M. fehlen Handy und Geldbörse. Hier wurde die Karte des Opfers erstmals versucht einzusetzen, bei dem Versuch, eine Fahrkarte nach Saarbrücken zu erwerben, direkt nach dem Tod.
Allerdings ist die Karte nicht gedeckt, der Kauf misslingt. Während Voges sich ein Bild macht, kämpft nicht weit entfernt ein anderer junger Mann um sein Leben. Seine Geschichte beginnt auf der Berliner Partymeile Warschauerstraße. Er wartet morgens um sechs Uhr auf die S-Bahn, um nach einer Feier nach Hause zu fahren.
Es ist Miroslav, der heute in Rio de Janeiro lebt. In der Wartezeit sprach mich der Täter an: Was hast du in der Nacht gemacht, wo warst du unterwegs? Normal ins Gespräch gekommen. Dann meinte er, er müsse in die gleiche Richtung, stieg mit mir in dieselbe Bahn.
Bei der gemeinsamen Fahrt bietet er Miroslav einen Likör an, einen kleinen Feigling. Ich hab gesagt, warum denn nicht? Hab das Ding genommen, zwischen die Zähne geklemmt und runtergekippt. Dann war es nur noch ein Moment im Kopf, wie eine Explosion.
Das hat man nur hier oben gespürt, das vergisst man nicht mehr. Dass der freundliche Fremde ihn gerade vergiftet, ahnt Miroslav nicht. Es gab keinen Grund, warum sollte mich jemand vergiften wollen? Um sechs Uhr morgens stelle ich mir nicht vor, dass einer fremde Leute anspricht mit dem Ziel, ein Getränk unterzujubeln, um eine halbe Stunde später an die Kreditkarte zu kommen.
Bilder einer Überwachungskamera zeigen Miroslav gemeinsam mit dem Unbekannten. Das Interessante ist: Miroslav kann sich nicht erinnern, wie er mit ihm im Ostbahnhof die Strecke geht. Der letzte Moment, an den ich mich aktiv erinnere, war ein flaues Gefühl im Magen, wie wenn man sich gleich übergeben will. Miroslav geht es schnell immer schlechter.
Der scheinbar fürsorgliche Täter bringt ihn zur Bushaltestelle. Dort bricht Miroslav zusammen. Kurz darauf verliert er das Bewusstsein, fällt ins Koma. Sein Herz steht still.
Die Rettungssanitäter mussten mich ins Leben zurückholen. Es war eigentlich schon vorbei. Wenn der Anruf nicht gewesen wäre, wäre es halt einfach nur eine Leiche mehr. Eine junge Frau namens Denise entdeckt ihn zufällig, als er gerade ins Koma fällt.
Sie ruft sofort einen Krankenwagen und rettet Miroslav das Leben. Im Krankenhaus kämpfen die Ärzte um sein Leben und gewinnen. Am nächsten Tag kommt Miroslav wieder zu sich. Der Arzt fragt: „Was hast du letzte Nacht genommen?
“ Ich habe erzählt, ich hätte nur Alkohol getrunken. Dann seine Nachfrage: „Aha, und woher kommt das Liquid Ecstasy in deinem Blut? “
Liquid Ecstasy, auch KO-Tropfen genannt. Die Substanz nockt Menschen erst aus und führt in höherer Dosierung zum Tod.
Hatte der freundliche Fremde sie in den kleinen Feigling gemixt, um Miroslav Geld und Kreditkarte zu rauben? Tatsächlich sind Geld und Kreditkarte verschwunden. In seiner Online-Abrechnung sieht Miroslav zwei Abbuchungen der Deutschen Bahn. Am Ostbahnhof war eine Fahrkarte nach Saarbrücken gekauft worden, genau wie mit der Kreditkarte des Toten eine Stunde zuvor.
Miroslav erstattet Anzeige. Als ich die Anzeige gelesen habe, schrillten natürlich Alarmglocken. Eine oder zwei Stunden später hat das Telefon geklingelt von der Kriminalpolizei. Über den Hinweis, dass Miroslav KO-Tropfen im Blut hatte, konnte Voges den Obduzenten von Nicki M.
informieren. Tatsächlich konnte der Wirkstoff nachgewiesen werden, und zwar im letalen Bereich. Somit hatten wir endlich eine Todesursache: Nicki M. ist durch KO-Tropfen gestorben.
Mit Hilfe von Miroslav sichern die Ermittler weitere Videoaufnahmen vom Täter am Ostbahnhof. Wir hofften, dass er den Kopf hebt. Aber leider ist es zu diesem Zeitpunkt nicht passiert, was die Ermittlungen stark erschwerte. Trotz öffentlicher Fahndung erkennt niemand den Täter.
Rund zwei Wochen nach dem Dark-Room-Mord meldet sich eine ältere Dame bei Kommissar Voges. Sie sagte, sie könnte zu der Geschichte mit dem Dark Room nichts sagen, aber sie war in Trauerbewältigung: Ihr Enkelsohn sei Ende April 2012 verstorben, ein junger Mann Anfang bis Mitte 30, verstorben im häuslichen Umfeld, ohne greifbare Todesursache. Sie wollte sicherstellen, dass wir wissen, dass ihr Enkel homosexuell war. Und so nebenbei erzählte sie, dass Gegenstände aus seiner Wohnung fehlen.
Die Leiche von Alexander M. liegt noch in der Gerichtsmedizin. Sofort lässt Voges sie obduzieren. Es stellt sich heraus: Auch Alexander M.
wurde mit KO-Tropfen umgebracht. Voges hat einen ungeheuren Verdacht. Haben wir es mit einem Serientäter zu tun, den wir ganz schnell festnehmen müssen? Der Mann verabreicht Alexander M.
die KO-Tropfen in dessen Wohnung, bringt ihn dann ins Bett und deckt ihn zu. Anschließend stiehlt er ihm eine Jacke – eine Jacke, die er später auf dem Überwachungsvideo trägt. Damit ist klar: Es handelt sich um denselben Täter. Die Ermittler kommen ihm auf die Spur, als sie die Telefonverbindungen des Toten untersuchen.
Einer der letzten Kontakte war Dirk P. Er hatte sich mit Alexander M. per Telefon verabredet. Am Abend seines Todes hatten sich die beiden bei Alexander M.
getroffen. Jetzt schlagen die Ermittler zu. Bereits im Rahmen der Abholung, bei den ersten Kontaktaufnahmen auf der Fahrt ins Gebäude, hatte Dirk P. schon eingeräumt, dass er der letzte Kontakt von Alexander M.
war, bei ihm in der Wohnung war und dass sich da irgendetwas abgespielt hatte. Bei der Durchsuchung von Dirk P. s Wohnung finden die Ermittler eine Flasche kleinen Feigling, offen platziert. Er hat sich überhaupt keine Mühe gemacht, die Flasche zu verstecken.
Wir mussten den Eindruck gewinnen, dass diese Flasche auch für uns bestimmt war, dass er vielleicht auch wollte, dass er überführt wird. Und es gab noch mehr Opfer. Wir konnten feststellen, dass es tatsächlich noch einen weiteren Toten gegeben hatte, wieder dieselben Eckdaten: männlich, homosexuell, mittleren Alters, aufgefunden mit unerklärlicher Todesursache im häuslichen Bereich. Auch diesen Tod hat Dirk P.
zu verantworten. Dirk P. führt die Polizisten an die Orte seiner Taten. Der 37-jährige Lehramtsstudent erklärt auch, wie er vorgegangen ist.
Doch warum er getötet hat, erklärt er nicht. Psychiatrische Gutachter kommen zu dem Schluss: Es ging Dirk P. um Macht, Herrsein, Überleben und Tod, und um das Vergnügen, seinen Opfern beim Sterben zuzusehen. Wenn man diese ganzen Sachen übereinander bringt, sieht man einen psychopathischen Menschen, wahrscheinlich ohne Empathie, der glücklicherweise dann durch uns gestoppt werden konnte.
Dirk P. wird zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt. Kurz darauf nimmt er sich in der Haft das Leben. An der Ostküste Mallorcas, Oktober 2012.
Hier lebt die 66-jährige Gisela von S. , ein ehemaliges Model, das mit Immobilien in München ein kleines Vermögen gemacht hat. An ihrer Seite der vier Jahre jüngere Deutsche Axel H. Sie wohnen seit drei Jahren in Canamel.
Es war ein Lebensgefährte. Sie hatte sehr viel Charakter. Er hatte nicht so viel Charakter. Sie lebte mit einem Hund, der Max hieß.
Im Jahr 2002 geht die Softwarefirma von Axel H. in Insolvenz. Zu dieser Zeit besitzt der Mann gemeinsam mit Gisela von S. zu gleichen Teilen eine Firma, der das Haus in Canamel und ein weiteres wertvolles Grundstück auf der Insel gehört.
Der Hund war ein Kind für sie. Sie hat den oberen Teil des Hauses mit Teppichen ausgelegt, damit der Hund schön schlafen kann. Axel musste jeden Tag morgens und abends mit dem Hund spazieren gehen, obwohl er ihn nicht mochte. Seit dem 14.
August 2012 wird Gisela von S. vermisst. Andrea K. , eine Vertraute, wendet sich im September an die Guardia Civil im nahegelegenen Arta.
Axel H. befindet sich zu dieser Zeit in Singapur. Er erzählt, seine Lebensgefährtin sei im August überstürzt nach Frankreich aufgebrochen. Nach seiner Rückkehr wird er vernommen.
Vorsorglich wird auch Juan Canedo von der Mordkommission in Palma informiert. Meine Kollegin telefonierte noch mal und sagte: „Du, es ist etwas Komisches. Es gibt Sachen, die nicht logisch sind. “ Abends habe ich die Unterlagen durchgelesen und gleich gefühlt: Etwas stimmt da nicht.
Juan Canedo ist einer der erfahrensten Ermittler der Guardia Civil auf Mallorca. Ein Paar, das drei Jahre auf Mallorca wohnt. Plötzlich geht sie alleine nach Nizza mit dem Auto, niemand weiß, wo sie ist, man kann sie nicht kontaktieren, und dann will er plötzlich die Grundstücke verkaufen. Gisela kontaktiert per E-Mail nicht, und jetzt fliegt er nach Singapur.
Das war sehr komisch. Am 10. Oktober trifft Canedo in Canamel ein. Er fährt zur Villa der Vermissten, wo seine Leute bereits warten.
Axel H. sucht den Polizeiposten in Arta auf und versucht, den Mann telefonisch zu erreichen. „Sind Sie nicht zu Hause? Wann können wir uns sehen?
“ Er sagte, er wäre im Markt und in einer halben Stunde zu Hause. Dann sind wir hergefahren und warteten, dass er kam. Aber er kam nicht. Canedo glaubt nicht an einen Zufall.
Wir waren eine halbe Stunde, 40 Minuten. Ich telefonierte, dann ging das Telefon nicht mehr. Da war mir klar, dass er nicht kommen wird und dass wir sehr wahrscheinlich im Haus die Stelle finden würden, wo Gisela war. Sie erhalten eine Eintrittserlaubnis vom Gerichtsamt.
In zwei Stunden haben sie die Tür aufgebrochen und sind hineingegangen. Ein ganz normales Haus. Es war aufgeräumt, nichts kaputt. Den Garten, ein großer Garten, der bis zum Meer runtergeht, da war auch nichts.
Plötzlich bekamen wir ein Telefonat von Andrea, der Zeugin. Sie sagte, sie habe ein Telefonat von Axel bekommen. Er hat ihr gesagt, sie solle einen Anwalt suchen. Sie sollten sich in einem Hotel treffen.
Denn: Er ist am 14. August vom Einkaufen nach Hause gekommen und hat Gisela gefunden, mit Blut. Er war in Schock, wusste nicht, was er machen sollte. Dann hat er gedacht und gedacht, dass niemand ihm glauben würde, dass er es nicht gewesen war.
Da hat er Gisela ins Untergeschoss gebracht, in einen Sack gelegt und später im Garten vergraben. Canedo ist alarmiert. Irgendwo hier muss sich die Leiche von Gisela von S. befinden.
Wir suchten den Garten, aber der Garten war sehr groß. Wo sollten wir suchen? Wir riefen Streifenwagen an und sperrten Canamel ab, denn Canamel ist nur eine Straße. Wenn man sie blockiert, kann niemand rein oder raus.
In einer befahrbaren Höhle am anderen Ende der Bucht von Canamel entdecken Beamte gegen Abend den Wagen von Axel H. Er muss den Porsche überstürzt zurückgelassen haben. Ich denke, er wusste nicht, wohin. Er konnte nicht nach Hause kommen, weil wir hier waren.
Dann fuhr er rum und ging in die Hügel hinauf. Wir konnten nachts nicht in den Hügeln suchen, es war zu gefährlich. Canedo ahnt, dass Axel H. sich irgendwo in Canamel aufhält, vermutlich im Freien.
Der ganze Ort ist abgeriegelt. Axel H. hat keine Chance zu entkommen. Am nächsten Morgen ging die kriminaltechnische Untersuchung weiter.
Es war heiß, da sagte ich meinen Kollegen: „Geh Wasser kaufen. “ Er ist mit dem Auto runtergefahren, hat in einem Geschäft Wasser gekauft. Als er zurückkam, fand er einen Mann hinter einer Mülltonne, der sich versteckte. Es ist Axel H.
Er wird festgenommen und zur Villa gebracht, wo Canedo schon auf ihn wartet. Er hatte eine Leiche im Garten vergraben. Das war klar, das hat er nämlich gesagt. Da haben wir festgenommen, habe ich ihn über seine Rechte belehrt und ihm gesagt, dass er nicht aussagen muss.
Und ich habe ihm gesagt, gestern hat uns Andrea angerufen und erzählt, dass sie telefoniert haben, dass er Gisela tot vorgefunden und sie im Garten vergraben hat. Wo? Da ist er hingegangen und hat uns gesagt: hier, 1,5 Meter tief. Das Loch muss Axel H.
nicht extra graben. Es handelt sich um eine natürliche Höhle. Er bedeckt die Leiche mit einer Schicht Erde. Es fing an zu riechen, da hat er wieder Erde draufgetan.
Der Hund wusste, dass Gisela dort war, und bellte und bellte und hörte nicht auf zu bellen. Jeden zweiten Tag musste er wieder Erde draufstellen, weil es wieder stank, bis 1,50 Meter. Der Hund gibt immer noch keine Ruhe. Axel H.
will jetzt auch das Tier beseitigen. Er ging zum Tierarzt, die Ärztin war eine Deutsche. Er sagte ihr, ich will, dass der Hund eingeschläfert wird. Wir haben sie danach vernommen, und sie sagte, es war komisch, ich verstand nicht, warum wir ihn einschläfern müssten, aber wir haben es gemacht.
Acht Stunden lang graben die Ermittler, bis sie den Körper vollständig freigelegt haben. Der Körper von Gisela von S. ist mit Plastikseilen zu einem Paket verschnürt und in einer schwarzen Plastiktüte verpackt. Beim Abtransport wird die Leiche an Axel H.
vorbeigetragen. Er war traurig, er war seriös, er schaute auf den Boden. Als man die Leiche vor ihm vorbeitrug, stand er auf und nickte mit dem Kopf. Axel H.
soll ins Untersuchungsgefängnis gebracht werden. Auf der Fahrt dorthin sitzt Canedo neben ihm. Als wir losfuhren, sagte er: „Ich erinnere mich nur, dass ich die Hand oben hatte und zugeschlagen habe. “ Da habe ich meinem Kollegen gesagt: „Halt an.
“ Und dann erklärte er mir: Er wäre nach Hause gekommen, der Hund wäre oben gewesen, Gisela hätte mit ihm gestritten, weil der Hund etwas gemacht hatte. Dann stritt sie auch mit Axel. Dann ist Gisela die Treppe runtergelaufen, ausgerutscht und mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen. Dann hat er sie genommen, aufs Bett gelegt, und sie haben diskutiert.
Sie hat ihm irgendetwas gesagt, da hat er die Nachtlampe genommen und ihr zugeschlagen. Und dann war sie weg. In einem Moment hat sie nicht mehr geatmet. Die Obduktion bestätigt: Gisela von S.
starb an schweren Kopfverletzungen. Im Schlafzimmer wurden verschiedene Blutspuren an der Wand gefunden. Die Bettlampe war nicht mehr da. Auf dem Kissen gab es kleine Blutspuren, Spritzer.
Sie verblutete nicht, sondern man schlug sie, und dann spritzte das Blut an die Wand und aufs Bett. Wenig später widerruft Axel H. sein Geständnis. Dennoch wird er von dem Schwurgericht in Palma zu zehn Jahren Haft verurteilt.
Canedo erinnert sich bis heute vor allem an ein bestimmtes Detail nach der Tat: Abends hat er sie runtergebracht, in den Sack getan und dort liegen lassen. Dann ist er in sein Büro gegangen, hat per Internet Kontakt mit Frauen aufgenommen und hat „Mika“, eine deutsche Staatsbürgerin, kennengelernt, die in Singapur Ärztin war. Damals hat er Kontakt mit ihr aufgenommen, in dieser Nacht und am nächsten Tag. Dann hat er die Leiche vergraben.
Und da hat er tagelang mit ihr per Internet Kontakt gehabt und sich verliebt, nehme ich an. Anschließend trifft Axel H. seinen Flirt in Singapur, eine Begegnung, die nicht ohne Folgen bleibt. Am 10.
Oktober, dem Tag seiner Festnahme, bekam Canedo ein Telefonat von Andrea: „In Palma ist eine Frau, Mikaela, glaube ich. Sie hat mich angerufen, weil sie versucht, Axel zu finden, und sie kann ihn nicht kontaktieren. “ Logisch, er war festgenommen. Da bin ich nach Palma gefahren, habe sie besucht, einen Kaffee mit ihr getrunken und ihr erklärt, was passiert war.
Für die Frau bricht eine Welt zusammen. Sie hat ihren Job als Ärztin gekündigt und ihre Zelte in Singapur abgebrochen. Sie wollte ein neues Leben beginnen, gemeinsam mit Axel H. „Ich kann es eigentlich nicht verstehen.
Du hast gerade deine Partnerin umgebracht. Sie ist im Untergeschoss, und du schreibst E-Mails und nimmst Kontakt mit anderen Frauen auf. Das ist doch wahnsinnig. “
Nach über einem Vierteljahrhundert als Ermittler bei der Mordkommission der Guardia Civil ist Juan Canedo nichts mehr fremd.
Dieser Fall beschäftigt ihn allerdings bis heute. Wir konnten ermitteln, dass die Frau mit Chloroform betäubt worden ist. Sie wurde anschließend mit Benzin übergossen. Dann wurde die Frau durch eine Signalfackel im Fahrzeug angezündet.
Wir gehen allerdings noch davon aus, dass er das Gold vor der Brandlegung aus dem Fahrzeug geholt hat. Und wenn man bedenkt, dass der Tatverdächtige ein Polizeikollege war, dann ist das schon eine große Herausforderung. Geredet hat er sehr viel, aber gesagt hat er nichts. Tirol im Jahr 2012.
Die Mitarbeiterin einer Bank wird tot aufgefunden. Sie wurde mit Chloroform betäubt und mit einer Brandfackel angezündet. Wo sind die 8 kg Gold, die sie bei sich hatte? Norbert Schwendinger war bis zu seiner Pensionierung Leiter des Morddezernats Vorarlberg.
Es ist schon etwas Besonderes, wenn man in einem anderen Bundesland Mordermittlungen durchzuführen hat. Und wenn man bedenkt, dass der Tatverdächtige ein Polizeikollege war, dann ist das eine große Herausforderung. Ich denke, das war ein Fall, der einmalig ist. 14.
März 2012. An diesem Abend verschwindet Erika H. aus dem Tiroler Bezirk Schwaz. Die 49-Jährige ist geschieden.
Am nächsten Morgen wird sie als vermisst gemeldet. Eine junge Frau gab bei der Polizei an, dass ihre Mutter nicht nach Hause gekommen ist. Ihre Mutter war eine angesehene Filialleiterin einer größeren Bank in Tirol. Sie galt als absolut verlässlich und vertrauenswürdig.
Ein weiteres Rätsel: Die Frau hatte für ein bevorstehendes Bankgeschäft 8 kg Gold bei sich. Auch dieses Gold ist verschwunden. Man konnte bei der Überwachungskamera am Abend feststellen, wie sie mit zwei Nylontaschen die Bank verlassen hat. In der Bank war bekannt, dass es um die 8 kg Gold ging bei diesem größeren Geschäft.
Allerdings war nicht bekannt, wer der Käufer des Goldes gewesen sein könnte. Es hat dann der Zufall ergeben, dass eine Privatperson mitgehört hat, wie die Funkdurchsage bei der Polizei gekommen ist. Er sagte: „Ich habe glaube ich das Auto von ihr gesehen. “ Die uniformierten Kollegen fuhren hin und fanden das Auto.
Die Scheiben waren komplett verdunkelt. Als ein junger Kollege die Fahrertür geöffnet hat, hat er uns gegenüber später angegeben, dass er richtig erschrocken ist, weil die Frau tot auf dem Fahrersitz saß. Im Wagen finden die Beamten Hinweise darauf, dass die Frau umgebracht wurde. Sie wurde mit Chloroform betäubt, mit Benzin übergossen und dann durch eine Signalfackel, besser bekannt als bengalisches Feuer, im Fahrzeug angezündet.
Erika H. überlebt die Brandverletzungen, stirbt dann jedoch an einer Kohlenmonoxidvergiftung. Die Tiroler Kripobeamten stellen den Brand mit einem Schrottwagen nach. Das Feuer breitet sich schnell aus.
Allerdings hat der Täter einen Fehler gemacht: Er hat die Fahrertür wieder zugeschlagen. Somit konnte kein Sauerstoff mehr ins Fahrzeug gelangen, und mit der Zeit verlöschte das Feuer. Das war ein wesentlicher Punkt, denn zahlreiche Spuren blieben erhalten. Auch das Handy der Frau kann sichergestellt werden, es ist kaum beschädigt.
Am Tatabend sind zwei Kurznachrichten eingegangen, die offenbar mit dem Goldgeschäft in Verbindung stehen. Abgeschickt wurden sie von Heinz S. , einem Polizisten, mit dem die Tote, wie sich herausstellt, eine Affäre hatte. Der 51-Jährige wird als Zeuge vernommen.
Den Kontakt zu der Frau hat er gleich bestätigt. Er war sehr gesprächsbereit. Allerdings, wenn es um die Sache ging, war er sehr ruhig. Er hat versucht darzustellen, dass er dieser Frau nur behilflich war, auch durch seine sexuelle Beziehung.
Er vermutet, dass die Frau einen Suizid im Fahrzeug gemacht hat. Die Ermittler zweifeln an der Aussage. Der Mann verstrickt sich in Widersprüche. Aus dem Zeugen wird schließlich ein Verdächtiger.
Nach einer Hausdurchsuchung wird der 51-Jährige zur Polizei nach Innsbruck gebracht. Im Zuge der langen Vernehmung, die über viele Stunden ging, kam der Mordchef des LKA Tirol zu der Überzeugung: Hier stimmt vieles nicht. Er hat bei der Staatsanwaltschaft angerufen und sich eine Festnahmeanordnung geholt. Sie wurde erteilt.
Es wurde ihm erklärt: Ab jetzt bist du festgenommen. Und dort hat der Mann durchgedreht. Heinz S. stößt zwei Beamte beiseite und flieht.
Es folgt eine wilde Verfolgungsjagd. Vor dem Polizeigebäude kommt es zu einem Handgemenge. Im Zuge dessen gelang es dem Täter, die Dienstwaffe des Kripobeamten zu entreißen. Er setzte die Waffe auf seine Brust und drückte ab.
Hier kann man sagen, dass der Kripobeamte nicht nur einen Schutzengel, sondern hunderte Schutzengel gehabt hat, weil ihm eine kleine Sicherung unserer Dienstwaffe Glock das Leben gerettet hat. Da der Schlitten der Waffe minimal verschoben war, klickte es zwar, aber es löste sich kein Schuss. Der Kampf verlagert sich vor das Gebäude. Wenn es ihm gelungen wäre, von der Waffe Gebrauch zu machen, wäre mindestens ein Beamter, wenn nicht sogar zwei, schwer verletzt oder getötet worden.
Gott sei Dank gelang es einem Kripobeamten, durch einen heftigen Fußtritt ihm die Waffe aus der Hand zu schlagen. In weiterer Folge konnten sie den Täter überwältigen. Heinz S. ist dringend verdächtig, der Mörder der Bankangestellten zu sein.
Um Befangenheit zu vermeiden, geben die Tiroler Beamten die Ermittlungen an ihre Vorarlberger Kollegen in Bregenz ab. Ich habe innerhalb kurzer Zeit ein Team mit zehn Kripobeamten zusammengestellt. Logisch, man sucht sich Leute aus, mit denen man schon öfters zusammengearbeitet hat, denen man vertraut. Das Team muss funktionieren, und das hat hervorragend funktioniert.
Bereits am selben Abend haben wir die Informationen von den Tiroler Kollegen bekommen, und am nächsten Tag haben wir mit der Fallbearbeitung begonnen. Zu den Aufgaben des Vorarlberger Teams gehört es auch, den verdächtigen Streifenpolizisten zu durchleuchten. Sein Interesse galt in erster Linie dem Verkehrsdienst. Dort wurde bekannt, dass er eine Vorliebe hatte, ausschließlich Frauen zu kontrollieren.
Er hat immer wieder versucht, mit Frauen Kontakt zu schließen, auch durch Verkehrskontrollen, und hat dienstliche Möglichkeiten missbraucht, um Informationen über kontrollierte Personen zu bekommen. Man konnte ihn als Frauenheld bezeichnen. Durch die späteren Ermittlungen wurde bekannt, dass er mit mehreren Frauen gleichzeitig ein sexuelles Verhältnis hatte. Auch mit dem späteren Mordopfer hatte er zuletzt eine Affäre.
Norbert Schwendinger und sein Team betreiben einen großen Aufwand. Wir haben natürlich in alle Richtungen ermittelt. Es wäre falsch, nur einseitig eine Person zu betrachten. Wir haben insgesamt ca.
130 Personen schriftlich vernommen. Immer mehr spricht jedoch gegen Heinz S. Der 51-Jährige hatte eine Weiterbildung im Umgang mit Sprengstoff und Pyrotechnik. Er kannte sich mit Brandfackeln aus, wie sie bei dem Mord verwendet wurden, und er hielt Vorträge vor Polizeischülern über Brände und Explosionen.
Durch die Vernehmung von Polizeischülern konnten wir in Erfahrung bringen, dass der Mann den Polizeischülern immer wieder erklärt hat, wie das perfekte Verbrechen zu machen wäre und dass man dann nicht auf den Täter kommen würde. Was für uns sehr interessant war: Die Schilderungen, die er gegenüber den Polizeischülern gemacht hat, waren eigentlich ident mit dem Tatvorgang, wie die Frau ums Leben gekommen ist. Es gelingt, den mutmaßlichen Tatablauf zu rekonstruieren. Wochen vor dem Verbrechen hatte Heinz S.
der Bankangestellten ein Goldgeschäft mit einer Frau vorgeschlagen, die angeblich anonym bleiben wolle. Dieses Geschäft sollte am Abend des 14. März stattfinden. Als Preis für die Goldbarren wurden 33.
000 Euro vereinbart. Heinz S. setzt sich auf den Rücksitz des Fahrzeugs. Dort dürfte er die Frau mit dem Chloroform und mit einer Windel betäubt haben.
Dann hat er die Frau übergossen und die Signalfackel ins Fahrzeug geworfen. Als der Brand entstanden ist, hat die Frau noch gelebt. Es ist ein sehr abscheuliches Verbrechen, eine lebende Frau anzuzünden. Wir gehen davon aus, dass er das Gold vor der Brandlegung aus dem Fahrzeug geholt hat, weil er danach nicht mehr hineingekommen wäre.
Im Frühjahr 2013 findet am Landesgericht Innsbruck der Mordprozess gegen den Polizeibeamten statt. Eine Psychiaterin erstellt ein Gutachten über den Angeklagten. Das Gutachten war für ihn vernichtend. Er wurde als hochgradig narzisstisch dargestellt.
Wie sie in der Gerichtsverhandlung gesagt hat: Der würde über Leichen gehen. Genauso war es eigentlich aus seinem Verhalten. Alle Personen im Umfeld waren ihm nicht wichtig. Dazu passt, dass Heinz S.
die Schuld auf die Ermordete abwälzen will. Sie habe ihm vorgeschlagen, den Goldraub vorzutäuschen, um mit ihm ein neues Leben auf Mallorca zu beginnen. Er selbst sei gar nicht am Tatort gewesen. Am 2.
Mai 2013 verkünden die Geschworenen das Urteil. Sie haben den Beschuldigten hinsichtlich des Mordes an der Bankangestellten mit 7:1 für schuldig gesprochen. Hinsichtlich des Mordversuches an dem Kripobeamten sprachen sie ihn frei – etwas überraschend für uns. Es änderte nichts an der Situation.
Das Schwurgericht verurteilte den Mann zu einer lebenslangen Haftstrafe. Heinz S. wird zurück in die Justizanstalt Innsbruck gebracht. Einen Monat nach dem Urteil erhängt er sich in seiner Zelle.
Was bleibt, ist die Frage nach dem verschwundenen Gold. Es wurden sehr viele Ermittlungen gemacht, wohin das Gold versteckt sein könnte. Aber sämtliche Ermittlungen verliefen negativ. Sie führten uns sogar nach Ungarn.
Außerdem besaß Heinz S. eine kleine Berghütte im Zillertal, und auch diese haben wir bis ins letzte Eck durchsucht, Bretter entfernt und so weiter. Wir haben wirklich sehr viel gemacht, aber schlussendlich verlief es komplett negativ. Das Gold ist bis heute verschwunden.
In Tirol gibt es nach wie vor einen Goldsucherverein, der aktiv ist und mindestens einmal im Jahr eine Suchaktion nach diesem Gold startet. Mir ist bekannt, dass sie letztes Jahr im Herbst wieder eine größere Aktion gestartet haben, aber auch sie sind bisher nicht zum Erfolg gelangt. Der Goldmord von Tirol. Aus Habgier musste eine arglose Bankangestellte sterben.
Die Barren, nach denen Zillertaler Goldjäger noch immer suchen, sind mittlerweile mehr als eine Million Euro wert. Stühlingen im Südwesten Deutschlands. Am frühen Abend des 15. Februar 2016 geht hier ein Haus in Flammen auf.
In den Überresten eine Leiche. Bei dem Toten handelt es sich um den Waffenhändler Karl O. Der 61-Jährige lebte und arbeitete in dem Haus, das neben zwei Supermärkten liegt. Sandra Wöhler von der Kripo Waldshut-Tiengen hat in dem Fall ermittelt.
Was die Arbeit für die Kriminaltechnik sehr schwierig gestaltete, war die Tatsache, dass der Brand einen sehr großen Schaden angerichtet hatte. Es war dann so, dass der ganze Brandschutt aus dem Laden herausgeschafft und einzeln durchgesiebt werden musste. Eine mühselige Kleinarbeit für die Ermittler, die mehrere Tage in Anspruch nimmt. Experten vom LKA finden Spuren von Brandbeschleunigern, Benzin.
Alles sieht nach Brandstiftung aus. Wenig später ergibt die Obduktion: Karl O. ist nicht durch eine Rauchvergiftung oder den Brand selbst gestorben. Der Waffenhändler wurde mit gezielten Schüssen in Brust und Kopf umgebracht.
Im Verkaufsraum konnte auf der Theke eine abgefeuerte Hülse aufgefunden werden. Sie lag unter einem Buch. Das Interessante war, dass die Hülse das gleiche Kaliber aufwies wie die Projektile, die man im Körper des Leichnams auffinden konnte. Laut Obduktion war Karl O.
vermutlich nicht mehr am Leben, als das Feuer gelegt wurde. Auf der Kleidung des Toten konnte im Rahmen der Obduktion ein verschmolzenes Plastikteil gefunden werden. Wie sich im Nachhinein herausstellte, war es ein Teil einer PET-Flasche. Wir kamen zu dem Schluss, dass in dieser Flasche der Brandbeschleuniger mitgebracht worden sein musste, da auch kein anderes Gefäß hierfür aufgefunden werden konnte.
Noch im Haus vorhanden sind Bargeld und andere Wertgegenstände. Raubmord scheidet als Motiv aus. Die Kripo richtet die Sonderkommission Fabrik ein, in der bis zu 36 Beamte eingesetzt sind. Kommissarin Wöhler übernimmt die Leitung und befasst sich zunächst mit dem persönlichen Umfeld des Opfers.
Karl O. wird von allen Kunden als nett und freundlich beschrieben, auch als sehr penibler Geschäftsmann, oft als Buchhaltertyp bezeichnet. Diese Genauigkeit zeigt sich vor allem in der Buchführung. Wir konnten in den Geschäfts- und Privaträumen eine wirklich riesige Menge an schriftlichen Unterlagen sicherstellen.
Diese reichten teilweise zurück bis in die 40er Jahre. Hinzu kamen lose Zettel mit Namen, Nummern oder Verkäufen. Alle Unterlagen waren detailliert beschriftet, so dass es eine mühevolle Arbeit war, sie auszuwerten. Besonders erstaunlich: Obwohl Karl O.
als überaus korrekt galt, wird im ausgebrannten Geschäft kein Waffenhandelsbuch gefunden. Da jeder Waffenhändler gesetzlich dazu verpflichtet ist, ein Waffenhandelsbuch zu führen und dies an besonders gesicherten Örtlichkeiten aufzubewahren, war uns klar, dass ein solches Buch vorhanden sein müsste. Als einziger Aufbewahrungsort kam nur der Tresor in Betracht. Hier konnten wir allerdings kein Waffenhandelsbuch auffinden, weshalb wir davon ausgehen mussten, dass es vom Täter entwendet worden sein muss.
Während des Feuers war der Tresor geschlossen. Dennoch steckte der Schlüssel, den Karl O. eigentlich immer bei sich in der Hosentasche trug, im Schloss. Musste der Waffenhändler sterben, damit der Täter ungestört den Tresor öffnen konnte?
Die Kripo befragt Mitarbeiter, Lieferanten und Kunden der beiden Supermärkte. Eine Zeugin, die gegen 18:30 Uhr einkaufen war, berichtete, dass ihr ein Mann aufgefallen sei, der sich zum Waffengeschäft begeben hat und die Treppen nach oben stieg. Sie beschrieb ihn als auffallend groß, mit langem schwarzen Mantel bekleidet und einer Aktentasche in der Hand. Die zweite Zeugin war ein elfjähriges Mädchen, das mit seiner Mutter über den Parkplatz lief.
Das Mädchen konnte uns schildern, dass ihm ein Auto aufgefallen war. Es konnte das Auto sehr gut beschreiben als eine Art PKW-Kombi, sogar die Felgen aufmalen. Wir waren sehr erstaunt, was dieses elfjährige Mädchen uns da mitteilen konnte. Karl O.
empfing seine Kunden meist nur nach Terminvereinbarung. Haben die Zeuginnen an jenem Februar-Abend seinen letzten Kunden gesehen? Die aufwendige Auswertung der Unterlagen bringt das Team auf eine weitere Spur. Wir haben zwei Rechnungen von September 2015 gefunden, wo weder die Waffen im Geschäft waren noch im nationalen Waffenregister registriert.
Deshalb mussten wir davon ausgehen, dass diese Waffen einfach fehlen. Es handelt sich um zwei Gewehre und eine Maschinenpistole. Die Ermittler kontaktieren den Großhändler, bei dem Karl O. Anfang 2016 die Maschinenpistole bestellt hatte.
Der Großhändler konnte sich an die Bestellung erinnern. Es hatte nämlich nicht Karl O. die Bestellung aufgegeben, sondern ein anderer Mann, der sich als Mitarbeiter von Karl O. ausgegeben hatte.
Der Großhändler rief dann noch mal bei Karl O. selbst an, da er die bestellte Waffe erst prüfen musste. Karl O. ging ans Telefon und war zunächst überrascht, reagierte aber relativ geistesgegenwärtig.
Karl O. gibt an, der Anrufer, ein gewisser Michael M. , sei ein Mitarbeiter von ihm. Tatsächlich taucht der Name Michael M.
mehrmals in den Notizen des Waffenhändlers auf, unter anderem auch auf der Telefonablage. Allerdings war Michael M. kein Mitarbeiter, er war ein Kunde. Die Auswertung ergibt: Es war Michael M.
, der die zwei Gewehre und die Maschinenpistole bestellt hat, die jetzt nicht mehr auffindbar sind. Nachweislich wurden alle drei Waffen an das Geschäft geliefert, und Karl O. hatte den Erhalt in seinem Waffenhandelsbuch eingetragen – jenem Buch, das jetzt aus dem Tresor verschwunden ist. Die Kripo nimmt Michael M.
genauer unter die Lupe. Er wohnte in der Nähe von Rottweil, arbeitete als Projektmanager in einer Firma in Wehr, im Landkreis Waldshut. Er hatte ein Geschäftsfahrzeug zur Verfügung, das genau auf die Beschreibung des elfjährigen Mädchens passte. Es war auch auffallend, dass Michael M.
sehr groß war. Das passte wiederum zu der Aussage der Zeugin. Sandra Wöhler will Michael M. mit den bisherigen Erkenntnissen konfrontieren.
Doch der befindet sich zu dem Zeitpunkt für seine Firma in Hannover auf einer Messe. Die Kommissarin und ihr Team brechen nach Niedersachsen auf. Gleichzeitig wurden mehrere Objekte durchsucht, die in Zusammenhang mit Michael M. standen: seine Wohnanschrift, das Elternhaus, der Schützenverein, in dem er tätig war.
Leider konnten wir die Tatwaffe nicht auffinden. In Hannover angekommen, suchen die Ermittler Michael M. in seinem Hotel auf. Er erklärt sich bereit zur Aussage und wird ins Polizeipräsidium gebracht.
Auch in der Vernehmung zeigte er sich sehr selbstsicher, sehr gelassen. Er führte fast einen Monolog, ohne dass wir ihm konkrete Vorhaltungen gemacht haben. Er beschrieb, dass er Karl O. gut kannte, fast schon befreundet mit ihm war und ihn unterstützt hatte.
Das stand im Widerspruch zu der Aussage der Vermieter, die sich eigentlich um Karl O. in Alltagsbelangen gekümmert haben. Fünf Stunden dauert die Vernehmung. Dabei erzählt Michael M.
immer wieder ausschweifend von Dingen, zu denen er gar nicht befragt worden ist. Als Beispiel: Er hat ganz ausführlich davon berichtet, weshalb er mal von Karl O. gebeten wurde, an den Tresor zu gehen, dort die Geldkassette herauszunehmen, wie er sie dann wieder zurückgestellt hat. Letztendlich ist für uns die Erklärung, dass er damit mögliche DNA-Spuren am Tresor rechtfertigen wollte, da wir am Tatort keinerlei DNA gefunden haben.
Das konnte Michael M. nicht wissen zu dem Zeitpunkt. Was auch auffallend war: Michael M. hat ohne Bezug sehr ausführlich und mehrfach davon berichtet, dass er kein Mineralwasser trinkt.
Das hat im ersten Moment keinen Sinn gemacht. Doch dann erinnern sich die Ermittler an das verschmolzene Stück Plastik am Leichnam, das Fragment einer PET-Flasche, wie es auch für Mineralwasserflaschen üblich ist. Es machte dann für uns Sinn, nämlich dass Michael M. sich von dieser Flasche durch die Aussage, dass er kein Mineralwasser trinkt, distanzieren wollte.
Bei der Durchsuchung im Fahrzeug konnte man sogar eine Mineralwasserflasche auffinden, an deren Trinkbereich man die DNA von Michael M. feststellen konnte. Die Kripo überwacht die Telefonate von Michael M. In Gesprächen mit Bekannten gibt sich der 46-Jährige fortan betont wehmütig.
Er versuchte, bei den Bekannten eine mögliche Erklärung dafür zu finden, warum er in der Tatortfunkzelle eingeloggt gewesen sein könnte, oder ein mögliches Alibi zu rekonstruieren. Aus unserer Sicht, da er ja damit rechnete, abgehört zu werden, war das aber alles nur eine Show für die Polizei. Wenig später meldet sich ein Zeuge, der behauptet, Michael M. sei während der Tatzeit bei ihm gewesen.
Seine Freundin könne dies bezeugen. Noch während der Vernehmung des Bekannten lief, wurde dessen Freundin aufgesucht und befragt. Diese dementierte allerdings, dass Michael M. jemals bei ihnen gewesen sei.
Somit war auch dieses Alibi widerlegt. Bei der Auswertung der beschlagnahmten Datenträger finden die Ermittler mehrere PDF-Dateien mit überraschendem Inhalt. Eine dieser PDFs enthielt die Originalwaffenbesitzkarte des Michael M. Auf den anderen PDFs waren Fälschungen hinzugefügt, die sich auf genau die Waffen bezogen, von denen wir festgestellt hatten, dass sie aus den Geschäftsräumen fehlten.
Hat Michael M. seine Waffenbesitzkarte gefälscht, um die drei bestellten Waffen überhaupt erst von Karl O. kaufen zu können? Als Sportschütze hätte er nur für die zwei Gewehre einen Voreintrag vom Landratsamt bekommen.
Bei der Maschinenpistole hätte er den Voreintrag nicht bekommen, da er kein Bedürfnis hätte nachweisen können. Es bestehen sehr strenge Auflagen, die Michael M. nicht erfüllt hat. Karl O.
war als sehr penibel beschrieben worden, und so kannte ihn mit Sicherheit auch Michael M. Ihm war klar, dass Karl O. ihn beim Landratsamt angezeigt und den Verstoß gemeldet hätte. Dies hätte für Michael M.
den Verlust seiner Waffenbesitzkarte bedeutet. Man kann ihn als Waffennarr bezeichnen. Mit diesem Wissen ist es wahrscheinlich, dass, wenn er seine Waffenbesitzkarte verloren hätte, sein ganzer Lebensinhalt zerbrochen wäre. Schließlich stoßen die Ermittler noch auf E-Mail-Verkehr zwischen Michael M.
und dem Verkäufer eines anderen Waffengeschäfts. Michael M. hatte sich von diesem Verkäufer eine Walther P22 ausgeliehen. Mit einer Waffe desselben Kalibers wurde Karl O.
erschossen. Der Verkäufer gab an, dass Michael M. ihm die Waffe dann im März 2016 zurückgebracht hätte. Tatsächlich konnten wir über Videoüberwachung nachweisen, dass Michael M.
die Waffe am 18. Februar 2016 zurückgebracht hat – drei Tage nach der Tat. Das BKA untersucht die sichergestellte Walther P22. Ergebnis: Es handelt sich tatsächlich um die Tatwaffe.
Michael M. wird festgenommen. Mit den gesammelten Indizien rekonstruiert das Team den mutmaßlichen Tatablauf: In den Geschäftsräumen erschoss Michael M. Karl O.
mit zwei gezielten Schüssen. Danach entnahm er den Schlüssel, öffnete den Tresor und entnahm das Waffenhandelsbuch, in dem er natürlich schon eingetragen war. Danach überschüttete er die Leiche und die Geschäftsräume mit dem mitgebrachten Benzin und zündete sie an. Er nahm die Waffen und das Waffenhandelsbuch und verließ das Geschäft.
Dann fuhr er mit seinem Fahrzeug nach Löffingen, wo auch sein Elternhaus war. Beim Prozess am Landgericht Waldshut im Januar 2017 gibt Michael M. zwar zu, dass er die Tat begangen hat. Er äußert sich aber nicht zu dem genauen Vorgehen oder zu den Motiven.
Schließlich wird er wegen Totschlags zu elfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Zum weiteren Verbleib der drei gestohlenen Waffen hat sich Michael M. nie geäußert. Wir wissen nicht, ob er sie illegal veräußert hat.
Die Waffen fehlen bis heute, und wir sind auf jeden Fall immer noch daran interessiert, wo sich diese Waffen befinden.


