Am Geldautomaten hob ein maskierter Mann 1000 Euro ab – mit der EC-Karte meines verschwundenen Nachbarn. Wir dachten, er sei einfach verreist. Dann fanden wir Blut in seinem Schlafzimmer….

Am Geldautomaten hob ein maskierter Mann 1000 Euro ab – mit der EC-Karte meines verschwundenen Nachbarn. Wir dachten, er sei einfach verreist. Dann fanden wir Blut in seinem Schlafzimmer....

Eine Überwachungskamera in Wiesbaden filmt eine Szene, die alles verändern sollte. Es ist spätabends, eine Person hebt 1000 Euro ab. Soweit unspektakulär, doch der Mann trägt Latexhandschuhe und eine Faschingsmaske. Von Reiner M.

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, dem Kontoinhaber, fehlt seit Tagen jede Spur. In seinem Haus findet die Kripo Blut. Reiner M. lebt zurückgezogen in einem schlichten Familienhaus im gehobenen Wiesbadener Stadtteil Sonnenberg.

Nur seine Nachbarn haben regelmäßig Kontakt zu ihm, besonders Frau P. und ihr Sohn Dirk. Als Reiner plötzlich nicht mehr ans Telefon geht und auch seine geliebte Weimaraner-Hündin Ida nicht mehr mit ihm Gassi geht, werden sie misstrauisch. Frau P.

betritt mit ihrem Sohn die Wohnung. Überall liegen Medikamente, das Handy ist noch da, auf dem Herd steht ein Topf mit Essensresten. So hinterlässt Reiner sein Haus nie. Er ist ein sparsamer, verlässlicher Mann.

Eine Hundebesitzerin aus dem Viertel gibt Frau P. den entscheidenden Tipp: „Haben Sie schon im Tierheim angerufen? “ Tatsächlich wurde Ida dort abgegeben – von einem gewissen Herrn S. Der behauptet, Reiner habe ihn gebeten, den Hund abzugeben, weil er in die Schweiz ziehen wolle.

Für alle, die Reiner kennen, klingt das absurd. Dirk P. meldet Reiner M. als vermisst.

Die Polizei findet im Arbeitszimmer aufgeschlagene Reiseführer über die Schweiz, doch Dirk ist skeptisch. Reiner war gerade erst dort, und er hätte Bescheid gesagt. Reiner M. ist spurlos verschwunden.

Die Cousine von Reiner M. erstattet Anzeige und heuert zusätzlich einen Privatdetektiv an. Der befragt den Untermieter, der zum Zeitpunkt des Verschwindens verreist war – für den Detektiv ein erster Verdachtspunkt. Bei der Bank stellt Dirk P.

dann einen Schock fest: Seine Kontovollmacht wurde widerrufen. Warum sollte Reiner seinem engsten Vertrauten das Vertrauen entziehen? Dann kommt der entscheidende Hinweis. An einem Geldautomaten außerhalb von Wiesbaden wurden zweimal 500 Euro abgehoben – am Tag nachdem Ida ins Tierheim gebracht wurde.

Die Überwachungsbilder zeigen einen scheinbar alten Mann mit Latexhandschuhen und Faschingsmaske. Die Polizei fährt alle Systeme hoch. Es wird klar: Hier hat jemand etwas zu verbergen. Und dann erfährt die Kripo die Wahrheit über Reiner M.

s Vermögen: Der bescheiden lebende Rentner war mehrfacher Millionär. Auf seinen Konten liegen rund sechs Millionen Euro. Jetzt gibt es ein Motiv – Habgier. Die Soko durchsucht das Haus von Reiner M.

akribisch nach Spuren. Um das Bett herum finden sie kleinste Blutspuren, im Bad eine Abwischspur. Die DNA-Auswertung bestätigt: Es ist Reiner M. s Blut.

Doch ein Täter fehlt. Der Privatdetektiv observiert Herrn S. , den Mann, der den Hund abgegeben hat. Der wirkt nervös und unglaubwürdig.

Er behauptet, einen Brief von Reiner M. erhalten zu haben, in dem er gebeten wurde, Ida ins Tierheim zu bringen. Doch der Brief ist plötzlich verschwunden. Auf seinem Laptop wurden genau im Tatzeitraum Dateien gelöscht.

Dann erreicht die Polizei ein brisantes Fax von einem Notar: Ein handschriftliches Testament von Reiner M. , abgeschickt aus der Schweiz. „Verzeiht mir, ich will nicht mehr leben“, beginnt es. Darin vermacht Reiner M.

sein Vermögen an gemeinnützige Einrichtungen – aber auch 500. 000 Euro an Herrn S. und 1,7 Millionen Euro plus Haus an Dirk P. Doch das Testament ist voller Fehler.

„St. Moritz“ und „Weimaraner“ sind falsch geschrieben. Als Herr S. diese Wörter während der Vernehmung aufschreiben soll, macht er genau dieselben Fehler.

Die Ermittler sind sich sicher: Herr S. hat das Testament gefälscht und sich selbst bedacht. Dirk P. war nur ein Ablenkungsmanöver.

Die Ermittlungen fördern weitere Details zutage: Herr S. war früher Finanzberater bei einer der Banken von Reiner M. und wusste genau über dessen Vermögen Bescheid. Er hatte sogar Dokumente über Reiner M.

s Finanzstatus auf seinem Laptop gespeichert. Am Tag der Geldabhebung ließ er sein Handy ausgeschaltet in der Nähe des Frankfurter Messegeländes, während er mit einem Bargeldticket nach Zürich fuhr – vermutlich um das Testament aus der Schweiz zu schicken. Ein Rechtsmediziner vergleicht die Venenmuster der Hand des Geldabhebers mit denen von Herrn S. – sie stimmen überein.

Herr S. wird festgenommen und wegen Mordes aus Habgier angeklagt. Doch ohne Leiche bleibt der Fall komplex. Die Verteidigung argumentiert: „Keine Leiche, kein Mord.

“ Sie beantragt eine Blutspurenmusteranalyse. Dabei entdecken die Gutachter zwei Mischspuren: das Blut von Herrn S. vermischt mit dem Blut von Reiner M. Ein eindeutiger Beweis, dass Herr S.

am Tatort war. Am 14. Prozesstag kündigt die Verteidigung ein Geständnis an: Herr S. habe Reiner M.

am 16. August 2013 besucht, um sich zu verabschieden. Er habe die verwahrloste Wohnung als Zumutung empfunden. Als Reiner M.

ihn daraufhin angefasst habe, habe er ihn weggeschubst. Reiner M. sei gestürzt und habe sich den Kopf an der Bettkante aufgeschlagen. In der anschließenden Rangelei habe er eine Tonfigur gegriffen und zugeschlagen – Reiner M.

sei sofort tot gewesen. Dann schildert Herr S. , wie er die Leiche in eine Mülltüte wickelte, mit Benzin übergoss und auf einem Grillplatz im Wald verbrannte. Die Asche vergrub er.

Erst später habe er die Idee gehabt, sich zu bereichern. Das Gericht folgt dieser Notwehrdarstellung nicht. Die Blutspuren zeigen ein anderes Bild: Es muss bereits vorher zu einer blutigen Auseinandersetzung gekommen sein. Am 8.

Januar 2015 wird Herr S. wegen Mordes aus Habgier, Urkundenfälschung und Computerbetrug zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Revision wird verworfen. Dirk P.

bleibt bis heute etwas, das ihn beschäftigt: Wie kam der Täter an die PIN-Karte? Für ihn ist ausgeschlossen, dass die Nummer neben der Karte lag. „Ich fürchte, der Täter hat Reiner gefoltert“, sagt er. Die ganze Wahrheit wird wohl nie ans Licht kommen.

Doch eines steht fest: Reiner M. ist tot. Seine Nachbarn behalten ihn als freundlichen, hilfsbereiten Mann in Erinnerung.

Und seine geliebte Hündin Ida fand dank ihnen ein neues Zuhause – in derselben Nachbarschaft, in der sie mit ihrem Herrchen spazieren gegangen war.