Der Anruf kam spät am Abend. Die kleine Jan war seit Stunden verschwunden, das Abendessen stand längst kalt auf dem Tisch. Doch als die Türglocke endlich ging, stand nicht ihre Tochter davor – sondern Roberts Frau Gale, genauso aufgewühlt und ahnungslos wie sie selbst. Jan war zwölf, als sie an diesem Nachmittag im Oktober 1974 zu einem Ausflug mit dem Familienfreund Robert aufbrach.

Sie sollte zu einem Ponyhof reiten gehen, ein Traum für das lebhafte, neugierige Mädchen. Jan war das älteste von drei Töchtern der Familie Browberg aus Pocatello, Idaho. Die Familie war eine Bilderbuchfamilie: Der Vater Bob führte einen kleinen Blumenladen, die Mutter Mary Ann kümmerte sich um den Haushalt und leitete den Kirchenchor. Das Haus war voller Kinderlachen, die drei Mädchen waren unzertrennlich, und jeden Morgen riefen sie gemeinsam: „Heute wird ein toller Tag.
“ Jan sprühte vor Lebensfreude, spielte Klavier und fürchtete sich vor nichts. Sie war wie eine kleine Pippi Langstrumpf. An einem Sonntag im Juni 1972 entdeckte Mary Ann in der Kirche eine neue Familie. Robert Berchtold, seine Frau Gale und ihre fünf Kinder.
Robert hinterließ sofort einen gepflegten, sympathischen Eindruck. „Wir haben die netteste Familie getroffen“, schwärmte Mary Ann zu Hause. Schon bald luden die Browbergs die Berchtolds zu sich ein, und zwischen Bob und Robert klickte es sofort. Aus der Bekanntschaft wurde eine enge Freundschaft.
Vor Robert verstand sich besonders gut mit Jan. Er spielte mit den Kindern, war albern und lustig, und das Mädchen hing ihm regelrecht an. Auf einem Foto klammerte sie sich an ihn, grinste über beide Ohren und umarmte ihn fest. Sie vertraute ihm bedingungslos.
Genau dieses Vertrauen nutzte Robert eiskalt aus. Er umwarb Mary Ann mit Komplimenten und Schmeicheleien, flirtete mit ihr, bis sie sich verliebte. Auch Bob verfiel ihm: Bei einem gemeinsamen Ausflug beklagte Robert sich über sein Liebesleben mit seiner Frau und bat Bob um einen sehr intimen Gefallen. Bob tat es.
Von da an hatte Robert beide Eltern in der Hand. Er erpresste sie mit den Geheimnissen, um sein eigentliches Ziel zu erreichen: die kleine Jan für sich zu haben. Am Tag des geplanten Ponyausflugs bettelten Robert und Jan so lange, bis Mary Ann zustimmte – unter der Bedingung, dass die beiden pünktlich zum Abendessen zurück sein würden. Robert nickte: „Ich bringe sie zurück.
“ Doch als es dunkel wurde, kamen die beiden nicht zurück. Stunden vergingen, die Nacht brach herein. Gale, Roberts Frau, saß mit den Browbergs zusammen und beruhigte sie: Robert werde bestimmt gleich auftauchen, man müsse ja nicht die Polizei rufen. Erst fünf Tage später schaltete sich das FBI ein.
Roberts Auto wurde gefunden – verwaist, mit eingeschlagenem Fenster und Blutspuren im Inneren. Doch das Fenster war von innen eingeschlagen worden. Alles deutete auf eine inszenierte Entführung hin, und schnell war klar: Robert hatte die kleine Jan. Eine landesweite Fahndung lief an.
Und dann rief Robert an – nicht selbst bei den Browbergs, sondern bei seinem Bruder. Seine Bitte war unfassbar: Er solle eine schriftliche Erlaubnis besorgen, damit Jan und er zurück in die USA kommen und heiraten könnten. In Mexiko hatte der Mittvierziger die Zwölfjährige bereits geheiratet. Das FBI hörte den nächsten Anruf ab und ortete Robert in der Nähe eines Hotels in Mazatlán.
Sie traten die Tür seines Wohnwagens ein und fanden Jan. Robert wurde festgenommen. Auf der Polizeistation versuchte er, einen Beamten mit einem goldenen Ring zu bestechen, um zu Jan zu dürfen – und der Beamte ließ sich tatsächlich darauf ein. Robert redete auf das verängstigte Mädchen ein: Das alles sei bloß ein missratener Urlaub gewesen, und sie dürfe niemandem von der Mission erzählen.
Als Jan ihre Eltern wiedersah, war sie nicht erleichtert. Sie war still, verschlossen, in sich gekehrt. Ihr Vater weinte, als er sie in den Armen hielt. Doch Jan sprach nicht darüber, was in Mexiko geschehen war.
Zu groß war ihre Angst vor den Konsequenzen. Die schockierende Wahrheit kam erst nach und nach ans Licht: Roberts Wohnwagen war mit einer Gegensprechanlage ausgestattet. Er hatte Stimmen aufgenommen, die sich als Aliens ausgaben. Sie drohten Jan, dass ihre Familie Schlimmes erleiden würde, wenn sie ihre Mission nicht erfülle: Sie müsse ein Kind bekommen, noch vor ihrem sechzehnten Geburtstag, um den Planeten der Aliens zu retten.
In der Dunkelheit redeten diese Stimmen auf das kleine Mädchen ein, machten sie gefügig. Robert hatte sich selbst verletzt und mit Blut beschmiert, um seine Entführung zu inszenieren. Jan glaubte ihm jedes Wort. Sie weigerte sich nicht, als er sie nach Mexiko verschleppte, und sie weigerte sich nicht, als er sie heiratete.
Und obwohl Robert entlarvt war, hörte der Terror nicht auf. Die Browbergs wurden erpresst: Sie mussten ihre Anzeige zurückziehen und eine eidesstattliche Erklärung unterschreiben, dass Jan nicht gegen ihren Willen mitgenommen worden sei. Robert wurde freigelassen. Er tauchte nachts in Jans Zimmer auf, redete weiter von der Mission, schickte ihr Liebesbriefe.
Auch Mary Ann konnte sich nicht von ihm lösen: Sie fuhr zu ihm, schlief wieder mit ihm, obwohl er ihre Tochter entführt und geheiratet hatte. Es war eine Spirale aus Manipulation und Angst, aus der die Familie kaum entkam. Doch irgendwann schafften Mary Ann und Bob es, wieder zusammenzufinden. Mary Ann sagte zu Bob: „Ich kann die Kinder nicht alleine großziehen.
Ich weiß, dass sie uns beide brauchen. “ Sie beschloss, Robert aus ihrem Leben zu streichen. Robert musste zwar eine Haftstrafe antreten – ganze sieben Tage. Danach war er wieder frei.
Und dann, im August, verschwand Jan erneut. Sie hinterließ einen Abschiedsbrief mit Worten, die eindeutig nach Robert klangen: „Ihr lasst mich nicht tun, was richtig ist, also werde ich tun, was falsch ist. “ Die Familie wartete zwei Wochen, bevor sie die Polizei einschaltete. Über hundert Tage lang blieb Jan verschwunden.
Robert hatte sie unter falschem Namen an einer katholischen Mädchenschule in Kalifornien angemeldet. Den Nonnen erzählte er, er sei ein CIA-Agent, Jans Mutter sei getötet worden, und sie müssten sich verstecken. Als Jan schließlich gefunden wurde, war die Familie zwar vereint, aber der Schaden war riesig. Robert ließ sogar von seiner Zelle aus den Blumenladen der Familie anzünden.
Jan machte sich dafür selbst verantwortlich – sie glaubte, es sei eine Strafe der Aliens, weil sie ihre Mission noch nicht erfüllt hatte. Erst als Jan sechzehn wurde und nichts Schlimmes geschah, begann sie zu verstehen. Keine Aliens, keine Strafe, keine Mission – alles war nur Robert gewesen. Das Weltbild des Mädchens brach zusammen, doch damit begann auch ihre Befreiung.
Sie fing an zu reden, schrieb zusammen mit ihrer Mutter ein Buch, gründete die Jan Browberg Foundation, um Überlebenden von Missbrauch zu helfen. Robert wurde für die zweite Entführung wegen geistiger Störung nicht verurteilt, saß weniger als sechs Monate in der Psychiatrie. Jan erwirkte eine gerichtliche Verfügung gegen ihn – bis zum Ende seiner Tage. Im November 2005 nahm Robert sich das Leben.
Heute ist Jan eine erwachsene Frau, die anderen Mädchen helfen will. Sie sagt: „Der Böse war die Person, die dir das angetan hat. Du bist niemals falsch. Du bist immer zu 100 Prozent wertvoll.
“ Robert war wie ein Geschwür, das sich langsam in ihrer Familie ausgebreitet und alles an sich gerissen hat, was in seiner Nähe war. Doch Jan hat es geschafft, sich davon zu befreien. Sie hat der Liebe eine neue Chance gegeben und einen Sohn bekommen.
Und sie hat sich selbst eine zweite Chance gegeben.


