Die Veröffentlichung eines Video-Interviews mit vier ehemaligen Angehörigen der SS-Panzerdivision „Das Reich“ hat in Deutschland und Europa eine Welle der Empörung ausgelöst. In dem rund zweistündigen Film, der im Internet kursiert, rechtfertigen die Männer, die in der NS-Zeit hohe Ränge wie Obersturmbannführer und Bataillonskommandeur bekleideten, ihre Vergangenheit und bestreiten systematisch die historisch belegten Kriegsverbrechen der Waffen-SS.
Die Aufnahmen, die offenbar von einem privaten Interviewer stammen, zeigen die Veteranen in ungeschminkter Detailtreue. Sie sprechen über ihre Beweggründe für den Eintritt in die SS, die sie als „Elite“ und „das Beste von Deutschland“ bezeichnen. Einer der Männer, der ehemalige Obersturmbannführer Otto Weidinger, beschreibt seine Rekrutierung durch eine Rede von Heinrich Himmler.
„Ich war überzeugt, dass es mein Schicksal war“, sagt er in dem Video. „Die SS stand über unseren Feinden, selbst in der Niederlage. Die SS blieb loyal, auch wenn alle anderen illoyal wurden.
Das war unsere Devise. “
Besonders brisant sind die Aussagen zu den Konzentrationslagern. Einer der Befragten, der in Dachau stationiert war, versucht die Lager als normale Gefängnisse darzustellen. „Das Lager war nicht geheim.
Die Menschen konnten die Häftlinge besuchen und die Post konnte frei verschickt werden“, behauptet er. Er spricht von „Theaterstücken, Abendessen und Partys, die die Häftlinge organisiert haben“. Diese Darstellung widerspricht fundamental der historischen Forschung, die die systematische Vernichtung von Millionen Menschen dokumentiert.
Die Veteranen äußern sich auch zu den Massakern in Frankreich, insbesondere zu Oradour-sur-Glane, wo die Division „Das Reich“ am 10. Juni 1944 642 Zivilisten, darunter 247 Frauen und 205 Kinder, ermordete. Die Männer bestreiten die Verantwortung der SS und schieben die Schuld auf die französische Résistance.
„Die deutschen Soldaten waren wütend über das, was sie ihren Kameraden angetan hatten, das stimmt. Aber sie hätten niemals ein Gotteshaus mit Frauen und Kindern darin angezündet“, sagt Weidinger. Er behauptet, dass die Kirche durch illegale Phosphormunition der Alliierten in Brand geraten sei.
„Die Augenzeugen, die etwas anderes behaupten, erzählen einfach eine Lüge, die ihrer Politik entspricht“, fügt er hinzu.
Die Aussagen der Veteranen sind durchzogen von einer Opfererzählung. Sie beklagen, dass die Alliierten „fantasievolle Geschichten über Konzentrationslager und Juden“ erfunden hätten. „Sie stellen uns als eine Superrasse dar, die wir nie sein wollten“, sagt einer der Männer.
„Wir wollten nur ein besseres Leben für unsere Kinder und das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen sichern. “ Sie sehen sich als Opfer einer einseitigen Geschichtsschreibung der Siegermächte. „Nach dem Krieg wurden wir alle als Kriminelle abgestempelt.
Das war ungerecht“, sagt ein anderer.
Die Männer äußern sich auch über ihre Zeit an der Ostfront. Sie beschreiben die russischen Soldaten als „fanatisch“ und „grausam“. Sie behaupten, dass die Deutschen die Zivilbevölkerung gut behandelt hätten.
„Wir haben die Russen sehr gut behandelt, und der Beweis dafür ist die große Zahl von Menschen, die uns im Kampf gegen den Kommunismus unterstützt haben“, sagt Weidinger. Sie bestreiten jegliche Kenntnis von systematischen Verbrechen. „Ich habe keine Beweise für deutsche Kriegsverbrechen gesehen“, sagt ein Bataillonskommandeur.
„Vielleicht haben einige Soldaten die Nerven verloren, aber das habe ich nicht gesehen. “
Die Veröffentlichung des Videos hat sofortige Reaktionen ausgelöst. Historiker und Politiker verurteilen die Darstellung als gefährliche Verharmlosung des Nationalsozialismus. „Diese Männer versuchen, die Geschichte umzuschreiben und die Verbrechen der Waffen-SS zu leugnen“, sagt ein Sprecher des Zentrums für Antisemitismusforschung.
„Es ist eine Schande, dass solche Aufnahmen heute noch verbreitet werden können. “ Die Staatsanwaltschaft prüft, ob der Film gegen die Strafgesetze zur Leugnung des Holocausts verstößt.
Die Veteranen zeigen keine Reue. „Bereuen Sie es, bei der Waffen-SS gewesen zu sein? “, fragt der Interviewer.
„Nein, niemals, und das werde ich auch nie“, antwortet einer von ihnen. „Ich habe mit den besten und elitärsten gedient, die die Welt je gesehen hat. “ Sie warnen davor, dass ihre Wahrheit nach ihrem Tod nicht mehr gehört werde.
„Ich fürchte, dass es nach unserem Tod niemanden mehr geben wird, der unsere Wahrheit ausspricht und die Geschichten der Sieger in Frage stellt“, sagt Weidinger. „Unsere Helden werden als Verbrecher behandelt werden, während die Verbrechen der Sieger ungesühnt bleiben werden. “
Die Aufnahmen werfen ein grelles Licht auf die anhaltende Verklärung der NS-Zeit in bestimmten Kreisen. Die Männer, die heute zwischen 95 und 100 Jahre alt sind, sprechen mit einer Selbstverständlichkeit, die viele Beobachter schockiert. Sie zeigen keine Distanz zu ihrer Vergangenheit, sondern verteidigen sie mit Vehemenz.
„Die SS war die Vorhut des neuen Deutschlands“, sagt einer von ihnen. „Wir waren die Leibwächter der Bewegung. “ Die Veröffentlichung des Videos ist ein Weckruf für die Gesellschaft, sich mit den ungebrochenen Kontinuitäten der NS-Ideologie auseinanderzusetzen.
Die Diskussion um den Film ist noch nicht abgeschlossen. Die zuständigen Behörden prüfen rechtliche Schritte. Die Gesellschaft steht vor der Frage, wie mit solchen Relikten der Vergangenheit umzugehen ist.
Die Veteranen selbst scheinen keine Zweifel zu haben. „Ich glaube, dass unser Schöpfer das letzte Gericht halten wird“, sagt Weidinger. „Und die meisten werden über das Urteil schockiert sein.
“ Die Worte hallen nach, ein Echo aus einer Zeit, die nie ganz vergangen zu sein scheint.


