Jasmin wachte um Mitternacht auf, und ihr Herz schlug so heftig, dass sie für einen Moment nicht wusste, wo sie war. Die Zahlen des digitalen Radioweckers leuchteten grell in der Dunkelheit: 0:00 Uhr. Ein Gefühl kroch in ihr hoch, eine Beklemmung, die sie nicht einordnen konnte. Es war, als hätte etwas sie geweckt, eine stumme Mahnung, ein Alarm, der nur in ihrem Inneren schrillte.

Sie dachte an ihre Mutter, an das Telefonat vor ein paar Stunden, das so normal gewesen war, so alltäglich. Sie schloss die Augen und versuchte, den Gedanken zu verscheuchen. Es wird schon nichts sein, redete sie sich ein. Nur ein Albtraum.
Sie drehte sich um und versuchte, wieder einzuschlafen, aber das ungute Gefühl blieb. Am nächsten Morgen hielt es sie nicht mehr im Bett. Sie griff zum Telefon und wählte die Nummer ihrer Mutter. Es klingelte und klingelte, aber niemand nahm ab.
Das war nicht wie ihre Mutter. Die Mama war zuverlässig wie ein Uhrwerk, dachte Jasmin. Wenn sie einen Anruf versprach, dann ging sie ran. Eine innere Unruhe trieb sie aus dem Haus.
Sie rief ein Taxi und ließ sich nach Briedlingen fahren, in das flache, dunkle Backsteinhaus am Ende der ruhigen Straße. Während der Fahrt pochte ihr Puls. Je näher sie kam, desto lauter wurde das Summen in ihrem Kopf. Sie versuchte, ruhig zu bleiben, sich einzureden, dass es harmlos sei, dass ihre Mutter vielleicht nur ausgeschlafen hatte.
Doch dann sah sie das Haus. Der Vorhang im Wohnzimmer war noch zugezogen. Wenn ihre Mutter morgens aufstand, öffnete sie diesen Vorhang, ließ das Licht herein. Daran gab es keinen Zweifel.
In Jasmin zog sich alles zusammen. Sie ging um das Haus herum, ihre Schritte wurden schneller, ihre Hände feucht. Durch die Terrassenscheibe sah sie die Katze sitzen, regungslos. Sie betrat das Haus durch die Tür, die offenbar nicht abgeschlossen war.
Sie rief nach ihrer Mutter, ihre Stimme hallte durch die leeren Räume, aber niemand antwortete. Tür um Tür öffnete sie, ihr Herz schlug bis zum Hals, jedes Mal mit der Angst, etwas Schlimmes hinter der Klinke zu finden. Das Bett war unberührt, das Schlafzimmer leer. Birgit war weg.
Im Schlafzimmer auf dem Nachttisch stand eine grüne Geldkassette. Sie war offen. Alte Schwarz-Weiß-Fotos lagen darin, Bilder von Jasmin als Baby, von ihr im Sand, aus ihrer Kindheit. Auf den Bildern rieselte Zigarettenasche, als hätte jemand hastig darübergebeugt und geraucht, während er sie angeschaut hat.
In einem anderen Zimmer standen eine Flasche Sekt und zwei Gläser. An einem klebte noch Lippenstift. Jasmin konnte es nicht fassen. Zwei Gläser.
Hatte ihre Mutter Besuch gehabt? Der Vorhang war geschlossen, das Haus leer, aber diese Spuren sagten ihr: Hier war noch jemand. Sie rannte zum Telefon und rief ihren Vater an. „Papa, weißt du, wo Mutti ist?
Ich kann sie nicht erreichen. “ Harald klang überrascht. Er wusste von keinen Plänen, nur dass Birgit angeblich nach Bad Segeberg in ein Möbelgeschäft fahren wollte. Doch als Jasmin in die Garage schaute, stand das Auto ihrer Mutter noch da.
Der Motor kalt, die Reifen staubig. Sie war nicht weggefahren. Jasmin wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte. Ihr Onkel Wolfgang fiel ihr ein, der Bruder ihrer Mutter.
Er war nicht irgendwer. Er war Leiter des Landeskriminalamts in Hamburg, der Chef der Kriminalpolizei. Sie wählte seine Nummer im Büro. Ihre Stimme zitterte, als sie sagte: „Mama ist weg.
“ Wolfgang spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Er kannte seine Schwester, ihre Gewohnheiten, ihre Zuverlässigkeit. Er hob den Hörer ab und rief den Leiter der Kriminalpolizei in Lüneburg an. Er bat ihn, das Haus nicht als vermissten Fall zu behandeln, sondern von Anfang an als einen möglichen Tatort zu betrachten.
Noch am selben Tag fuhren Beamte zu dem Haus. Sie durchsuchten jeden Winkel, suchten nach Spuren, nach Blut, nach einem Kampf. Aber sie fanden nichts. Keine eingeschlagene Scheibe, kein Chaos, keine Anzeichen von Gewalt.
Alles sah aus, als wäre Birgit einfach gegangen, als hätte sie selbst die Tür hinter sich zugezogen und wäre verschwunden. Nur das Auto stand noch da. Und der Vorhang war zu. Die Ermittler notierten die Ungereimtheiten.
Die Geldkassette stand laut Polizeibericht nicht auf dem Nachttisch, sondern auf dem Boden. Jasmin war sich sicher, dass sie auf dem Nachttisch war. Widersprüche, kleine, aber sie waren da. Draußen fanden sie eine Fußspur im Gras, eine einzelne Spur, die auf das Haus zuführte.
Doch dann verlief sie sich einfach. Keine weiteren Abdrücke, keine verwischten Stellen. Der Gartenzaun war verschlossen, die Gartentür wies keine Einbruchsspuren auf. Sie schlossen ab, ohne eine Erklärung zu haben.
Was war mit Birgit passiert? August 1989, ein warmer Sommerabend in Briedlingen. Ein flaches, massives Haus aus dunklem Backstein, gebaut im Stil der siebziger Jahre. Alles wirkte kühl und zurückhaltend.
Die lange Einfahrt führte zu zwei Garagen, davor erstreckten sich große Flächen aus Beton. Hinter dem Haus lag ein gepflegter Rasen, von hohen Kiefern gesäumt, die wie stille Wächter dastanden. Links befand sich eine breite Terrasse mit einer gemauerten Natursteinwand. Es sah nach einem Ort aus, an dem man Sommerabende genoss, Kaffee trank und redete.
Hier lebte Birgit Meer mit ihren zwei Katzen, Candy und Kimby. Sie hatte kurze blonde Haare, eine schlanke Figur und grüngraue Augen. Birgit war eine kleine Frau, nur 1,65 Meter groß, aber voller Leben, wenn sie lachte. Sie hatte bei einer Zeitung eine Lehre gemacht, Kunst und Fotografie gelernt.
Ihr Mann Harald hatte schwarze Haare und einen Schnauzer. Sie hatten sich in einer kleinen Druckerei kennengelernt, wo Birgit als Freiwillige arbeitete und Harald als Schriftsetzer. Zwischen Bildern und Buchstaben hatte es gefunkt. Er verliebte sich in ihre Fröhlichkeit, ihre Lebensfreude.
Sie heirateten, als Birgit zwanzig war. Er war zwei Jahre älter. Ihre Tochter Jasmin wurde vorehelich geboren, aber das schien nie eine Rolle gespielt zu haben. Birgit und Jasmin standen sich nah, immer schon.
Harald dagegen realisierte später, dass er sich zu wenig Zeit genommen hatte, dass er vielleicht sogar vernachlässigt hatte, was ihm am wichtigsten hätte sein sollen. Er wollte Karriere machen, eine Firma aufbauen. Am 5. Oktober 1978 gründete er mit einem Kaufmann die Firma Data Color.
Sie produzierten Belege, Formulare, Druckerzeugnisse. Aus einer kleinen Druckerei wurde ein wachsendes Unternehmen, das immer mehr Geld einbrachte. Auch Birgit arbeitete dort, aber sie ließ nicht raushängen, dass sie die Frau vom Chef war. Ganz im Gegenteil, sie wurde die gute Seele des Betriebes genannt.
Sie kam immer gepflegt ins Büro, mit schicken Nägeln, und an ihrem Gang erkannte man sie, bevor man sie sah. Alle wussten: Harald war die große Liebe ihres Lebens. Doch Liebe allein reicht manchmal nicht. Ab 1986 häuften sich die Streitereien.
Jasmin beschrieb die Ehe ihrer Eltern später als eine Wohngemeinschaft, nicht als eine wirklich romantische Ehe. Die Liebe schien verflogen, der Alltag hatte sie aufgerieben. Irgendwann zog Harald aus. Für Birgit brach eine Welt zusammen.
Dazu kam, dass er eine Affäre hatte. Birgit merkte es, sie spürte es. In ihr brannten alle Sicherungen durch. Eines Tages ging sie zum Auto der anderen Frau und schrieb mit ihrem roten Lippenstift das Wort „Nutt“ auf die Windschutzscheibe.
Sie war verletzt, wütend, verzweifelt. Sie griff immer wieder zum Alkohol. Jasmin fand Flaschen im Kleiderschrank ihrer Mutter und entsorgte sie, aber Birgit schaffte es immer wieder, sich neuen Schluck zu besorgen. Die Familie wusste Bescheid.
Sie versuchte, zu helfen, fuhr sie zu Treffen der Anonymen Alkoholiker. Es waren schwere Zeiten, aber Birgit hatte ihre Familie hinter sich. Dann traf Harald ein Schicksalsschlag. Am 19.
Dezember 1988 brannte Data Color lichterloh. Der Betrieb, den er aufgebaut hatte, stand in Flammen. Offiziell ein Unfall, ein Ofen sei explodiert. Der Schaden betrug rund neun Millionen D-Mark.
Ein gewaltiger Rückschlag. Einige flüsterten von Versicherungsbetrug, andere von Rache, aber beweisen ließ sich nichts. Der Sommer 1989 kam, die Sonne schien, im Radio lief David Hasselhoffs „Looking for Freedom“ rauf und runter. Und Birgit schien darüber hinwegzukommen.
Sie erzählte ihrer Familie von einem Haus, das sie kaufen wollte. Sie wirkte glücklich, als würde sie sich ein neues Leben aufbauen. Sie lebte bereits in dem Haus in Briedlingen, hatte ihre Katzen, ihre Ruhe. Jasmin war ausgezogen, führte ihr eigenes Leben, aber der Kontakt zur Mutter war eng.
Am Montag, dem 14. August 1989, war Birgit mit Harald verabredet. Gegen 18 Uhr wollten sie über die bevorstehende Scheidung sprechen. Es wurde ein kurzes Gespräch, nur etwa zwanzig Minuten.
Er brachte die Scheidungspapiere vorbei, sie redeten sachlich und harmonisch, dann ging er wieder. Gegen 22 Uhr telefonierte Birgit mit ihrer Mutter und erzählte ihr von dem Besuch, von den Papieren. Alles schien in Ordnung. Danach rief sie Jasmin an.
Auch dieses Gespräch war normal, alltäglich. Sie fragte ihre Tochter, was sie als Nächstes tun werde. Birgit sagte, sie sei schon fertig, im Nachthemd, und würde jetzt ins Bett gehen. Am nächsten Tag würden sie sich wieder melden.
Kein Hinweis, keine Sorge. Jasmin legte sich seelenruhig schlafen. Doch dann wachte sie um Mitternacht auf, mit einem Schreck, ohne zu wissen, warum. Das Gefühl ließ sie nicht mehr los, ein Unbehagen, das sie nicht benennen konnte.
Sie schalt es als Einbildung ab und schlief wieder ein. Am nächsten Morgen rief sie an, aber niemand hob ab. Dieser Anruf war der Anfang einer Suche, die fast drei Jahrzehnte dauern sollte. Die Ermittler behandelten den Fall zunächst als einfache Vermisstensache.
Aber Wolfgang, der Bruder, ließ nicht locker. Er war von Anfang an überzeugt, dass etwas nicht stimmte. Er wies die Kollegen darauf hin, dass Birgit zuverlässig war, dass sie nie einfach so verschwinden würde. Es gab keine Anzeichen für einen Kampf, kein Blut, keine Unordnung.
Und doch: ihre Brille, ihre Handtasche, ihre Brieftasche und der Kfz-Schein waren weg. Auch ihr Nachthemd, ihre Armbanduhr und ihr Schlüsselbund fehlten. Sie soll beim Verschwinden ein schilfgrünes Hosenkleid und ein goldfarbenes Top getragen haben. Die Polizei ging davon aus, dass Birgit zwischen Montagabend, 23 Uhr, und Dienstagmorgen, 7 Uhr, das Haus verlassen hatte.
Aber warum? Und wohin? Wolfgang, Chef des LKA Hamburg, versuchte, Einfluss auf die Ermittlungen zu nehmen. Er vertraute auf die Arbeit seiner Kollegen in Lüneburg.
Birgits Mutter war verzweifelt. Sie schloss einen Suizid aus. „Meine Tochter liebte ihre Tochter abgöttisch. Das hätte sie nie getan, das Kind war ihr Ein und Alles.
“ Die Ermittler schienen andere Theorien zu haben. Sie sagten zu Wolfgang: „Warten Sie ab, bis die Maisfelder abgeerntet sind, dann finden wir sie. “ Eine makabre Andeutung, die Wolfgang nicht vergessen sollte. Dann geschah etwas Seltsames.
Am 28. August flatterte etwas in einen Briefkasten in Hamburg und landete im Zentralpostamt. Es war kein Brief, keine Postkarte. Es war ein Personalausweis.
Birgits Personalausweis. Wie kam er dorthin? Hatte sie ihn selbst eingeworfen? Die Polizei glaubte nicht daran.
Sie befragte die Postangestellten, aber niemand hatte etwas gesehen. Der Fund des Ausweises zerstörte einen Teil von Jasmins Hoffnung. Aber sie klammerte sich an den Gedanken, dass ihre Mutter zurückkehren würde. „Sonst hätte ich das nicht überlebt“, sagte sie später.
Die Familie gab nicht auf. Wolfgang verteilte Handzettel, klebte sie an Säulen und schaltete sogar eine Vermisstenanzeige in einer Sportzeitschrift. Die Kripo Lüneburg rief die Bevölkerung zur Mithilfe auf: Wer hatte Birgit gesehen, zu Fuß, in einem fremden Auto oder in einem Lokal? Wer hatte in der fraglichen Zeit ungewöhnliche Beobachtungen gemacht?
Wer hatte ihre Brieftasche, ihre Handtasche oder ihre Brille gefunden? Es wurde eine Belohnung von zehntausend D-Mark ausgesetzt. Die Telefonleitungen blieben still. Es kam kein einziger verwertbarer Hinweis.
Auch Harald suchte. Er war zwar getrennt von Birgit, aber sie hatten viele Jahre zusammen verbracht, eine gemeinsame Tochter. Er schaute sich um, ob er sie irgendwo entdecken würde. Im Fernsehen saß er in einem roten Jackett und wandte sich an mögliche Zeugen.
„Wenn jemand etwas mit dem Verschwinden von Birgit zu tun hat oder irgendetwas weiß, dann soll er sich bitte melden, auch anonym. “ Auch Jasmin sprach zu ihrer Mutter, als könnte sie sie hören: „Mutti, ich würde dich herzlich bitten, wenn du uns sehen und hören kannst, dich wenigstens bei uns zu melden. Am allerschönsten wäre es, wenn du zu uns zurückkommen würdest, da wir dich alle vermissen. “
Doch es gab noch etwas anderes, das in dieser Zeit die Ermittlungen überschattete: die Gördemorde.
Der Stadtforst Göhrde lag nur etwa zwanzig Kilometer entfernt. Vier Wochen vor Birgits Verschwinden war dort etwas Grausames geschehen. Das Hamburger Ehepaar Reinold galt seit dem 21. Mai als vermisst.
Sie waren zum Picknicken aufgebrochen und nicht zurückgekehrt. Am 12. Juli wurden sie tot im Wald gefunden. Sie war erschlagen, er stranguliert und erschossen.
Ihr silberner Honda Civic wurde später auf einem Parkplatz entdeckt. Und dann noch ein Doppelmord: Ingrid Warbier und Bernd Michael Köpping, die sich heimlich getroffen hatten und getötet wurden, nur hunderte Meter vom ersten Tatort entfernt. Vier Tote in wenigen Wochen. Die Polizei sprach von einem Serientäter.
Die Menschen mieden den Wald, der bald „Totenwald“ genannt wurde. Auch Köppings Auto war tagelang von einem Unbekannten benutzt worden, bevor es abgestellt wurde. Jasmin hatte das Gefühl, dass der Fall ihrer Mutter deshalb in den Hintergrund rückte. Die Polizei schien überfordert, der Fokus lag auf den Gördemorden.
Es wurde eine Phantombildzeichnung veröffentlicht: ein Mann, den Beerensammler am 12. Juli im Wald gesehen hatten, etwa 40 bis 50 Jahre alt, schlank, mit mittellangen braunen Haaren, grünem Hemd und dunkler Hose. Wolfgang fand das problematisch. Er hatte das Gefühl, dass man sich zu schnell auf diesen Mann gestürzt hatte.
Man wusste nicht einmal, ob der Mann wirklich etwas mit den Morden zu tun hatte oder nur zufällig im Wald war. In den Zeitungen begannen Spekulationen: Was, wenn Birgit auch ein Opfer dieses Mörders geworden war? Die Polizei schloss das kategorisch aus. „Da gibt es nicht die geringste Parallele“, hieß es, obwohl sie eigentlich noch gar nichts über Birgits Verschwinden wussten.
Jasmin verfasste ein Gedicht für ihre Mutter, ließ es in der Zeitung abdrucken: „Mein Licht geht nie ganz aus, es scheint nur manchmal schwach. Ich werde immer wieder aufstehen, noch habe ich die Sonne nicht gesehen. Ich lebe im Schatten ohne dich, dein Universum kenne ich nicht. Heute ist gestern, ist morgen, ein neuer Tag und die alten Sorgen.
Du fehlst der Mutter dem Kind. “ Darunter die Worte: „Für Mama, vermisst seit dem 14. 08. 1989.
Bitte melde dich. “
Zwei Monate waren vergangen. Die Familie war sich sicher: Birgit ist nicht einfach kurz Zigaretten holen gegangen. Ihr ist etwas zugestoßen.
Doch wer sollte ihr etwas antun wollen? Es gab eine Person, die von ihrem möglichen Tod profitieren könnte: Harald, ihr noch Ehemann. Wenn die Scheidung durchgegangen wäre, hätte Birgit eine größere Geldsumme erhalten, rund eine Million D-Mark. Harald hätte das verloren.
Die Polizei nahm ihn genauer unter die Lupe. Er war der letzte, der Birgit lebendig gesehen haben wollte. Und für die Nacht ihres Verschwindens hatte er kein Alibi. Er behauptete, er sei nach Hause gefahren und habe sich schlafen gelegt, aber niemand konnte das bestätigen.
Die Ermittler verhörten Harald sechs bis acht Stunden lang. Sie hielten ihm vor, er habe es getan, vielleicht aus einem Affekt heraus. „Geben Sie es doch zu“, drängten sie. „Sie hatten wieder einmal getrunken, es gab Streit, Ihre Hand ist ausgerutscht.
“ Harald schüttelte den Kopf. „Hören Sie auf, hier rumzuspinnen“, sagte er. Auch Birgits Bruder wurde befragt, ob er sich vorstellen könne, dass Harald etwas damit zu tun habe. Wolfgang antwortete: „Ausschließen kann ich gar nichts.
“ Ein Ermittler wurde wütend, sprang auf und forderte Harald auf, den Mord an seiner Frau endlich zuzugeben. In Haralds Augen sammelten sich Tränen. Die Ermittler glaubten, kurz vor einem Geständnis zu stehen. Die Polizei durchsuchte sogar das Motorboot, das Birgit und Harald gemeinsam an der Ostsee hatten.
Sie glaubten, er könnte seine Frau in seinem Porsche dorthin gebracht und ihre Leiche im Wasser versenkt haben. Es wurden Wegzeitberechnungen angestellt: War es möglich, in einer Nacht von Lüneburg bis zum Boot zu fahren, eine Leiche zu entsorgen und am nächsten Morgen frisch auf der Arbeit zu erscheinen? Anwohner wurden befragt, ob sie Motorgeräusche gehört hatten. Nichts führte zu einem Beweis.
Es gab noch eine andere Spur. Wolfgang war als LKA-Chef vielen Kriminellen auf der Spur. Was, wenn einer von ihnen Rache nehmen wollte, indem er Birgit etwas antat? Einige Kollegen observierten ihn.
Nach der Arbeit fuhr er absichtlich andere Wege, beobachtete im Rückspiegel, ob er verfolgt wurde. Dann schaltete sich die Öffentlichkeit ein. „Aktenzeichen XY… ungelöst“ brachte den Fall ins Fernsehen. Es gingen über einhundert Hinweise ein.
Es gab neue Hoffnung. Auch eine Freundin von Birgit meldete sich. Sie hatte am Abend des 14. August noch mit Birgit telefoniert, nur wenige Stunden vor ihrem Verschwinden.
In dem Gespräch ging es um einen Mann. Birgit war auf dem Geburtstag eines Nachbarn eingeladen gewesen, und dort war ein Mann, der als Gärtner tätig war. Auch ihren Nichten hatte Birgit von diesem Mann erzählt. Er soll etwas seltsam gewesen sein, ein Mann mit einem stechenden Blick, wie auch Harald bestätigte.
Am 26. Oktober 1989 öffnete sich beim Fachkommissariat der Polizeidirektion Lüneburg die Tür, und ein Mann trat ein. Ein großer Mann mit mittelblondem Haar, bekleidet mit einem hellbraunen Ledermantel. Ein ehemaliger Kriminalhauptkommissar beschrieb später: „Als er hereinkam, zog ein kalter Schauer mit ihm in den Raum.
Es fühlte sich an wie ein eisiges Tiefkühllager. “ Der Mann stellte sich als Kurt Werner Wiechmann vor. Trotz des eiskalten Gefühls wirkte er höflich. Er schien der Gärtner zu sein, nach dem sie gesucht hatten.
Wiechmann erzählte von dem Tag, an dem er Birgit auf dem Geburtstag getroffen hatte. Er sei mit seiner Frau dort gewesen, auch Birgit war da. Sie hätten zusammen gefeiert, die Menschen hatten Gläser mit Wein und Sekt in der Hand. Birgit wirkte angeheitert, so angetrunken, dass er sie nicht allein nach Hause gehen lassen wollte.
Er habe sie sicher nach Hause gebracht, habe sie gestützt, vielleicht sogar getragen. Jedenfalls habe er sie bis in ihr Bett bringen müssen. Das bedeutete: Er kannte ihr Haus. Die Ermittler fragten ihn, wo er an dem Abend gewesen sei, als Birgit verschwand.
Hatte er ein Alibi? Er antwortete: „Ich führte meinen Hund aus. Meine Frau kann das bestätigen. “ Mehr war er nicht.
Ein seltsamer Mann, der angeblich nie näher mit Birgit zu tun gehabt hatte. Sie waren per Sie geblieben, hatten sich nie geduzt. Nur zwei flüchtige Bekannte. Aber etwas war seltsam.
Wiechmann trug Handschuhe, auch im Inneren des Gebäudes. Er gab an, unter einer Hautallergie zu leiden, wollte aber nicht, dass die Ermittler mit seinem Arzt sprachen. Er durfte gehen, und die Ermittler warteten vergeblich auf die Schweigepflichtentbindung. Die Akte wurde geschlossen und beiseitegelegt.
Wolfgang war mit allem unzufrieden. Die Ermittlungen hatten sich auf Harald eingeschossen, und der Fall wurde wie ein einfacher Vermisstenfall behandelt. Immer wieder wies er auf Widersprüche hin, aber niemand schien zuhören zu wollen. Anfang der neunziger Jahre übernahm der Kriminalhauptkommissar Klaus Werner den Fall.
Die Gördemorde hatten immer noch höchste Priorität, aber Werner wollte Birgit nicht einfach links liegen lassen. Er las die Akte genau durch, sprach sogar mit dem Tierarzt von Birgits Katzen. Er schaute sich auch Harald noch einmal an. Das Motiv des Geldes wirkte für ihn nicht stark genug.
Für Haralds Verhältnisse war die Million fast ein Tropfen auf den heißen Stein. Werner fiel der eiskalte Mann mit den Handschuhen auf. Er wandte sich an die Staatsanwältin, und 1993 erließ das Amtsgericht einen Durchsuchungsbeschluss für Wiechmanns Haus und Fahrzeuge, dreieinhalb Jahre nach Birgits Verschwinden. Am 24.
Februar 1993 klingelte Werner am Haus in Streitmoor 15 in Adendorf. Wiechmanns Frau öffnete, sagte, ihr Mann sei nicht da, werde aber bald zurück sein. Die Ermittler beschlossen, kurz zu warten. Dann taten sie etwas, das sie später vermutlich bitter bereuten: Sie riefen Wiechmann an und teilten ihm mit, dass sie vor seinem Haus stünden und es durchsuchen wollten.
Seine Antwort: „Ja, ich komme. “ Doch er kam nicht. Die Zeit verging, und die Ermittler merkten, dass der Anruf ein Fehler gewesen war. Sie hatten ihren Hauptverdächtigen vorgewarnt.
Wolfgang sagte später: „Wenn bei mir einer so gehandelt hätte wie die Lüneburger, hätte ich ihn sofort gefeuert. “ Der Mann, den sie suchten, rief stattdessen seinen Chef an, behauptete, einen Unfall mit einem Reh gehabt zu haben, und ließ sich krankschreiben. Die Durchsuchung begann ohne ihn. Werner stieg die Treppe hinauf, bis er im Dachgeschoss vor einer verschlossenen Tür stand.
Frau Wiechmann konnte sie nicht öffnen, nur ihr Mann habe einen Schlüssel. Die Tür wurde aufgebrochen. Dahinter lag ein geheimer Raum: niedrige Decken, schräge Wände, ein Schreibtisch mit verstreuten Papieren, ein großes Regal mit Ordnern und Büchern. Ein Sofa mit gemustertem Bezug, eine Stehlampe, ein kleiner Fernseher.
Es wirkte beklemmend, abgeschlossen wie ein Rückzugsort, in dem nur Wiechmann und sein Bruder Zutritt hatten. Werner durchsuchte das Zimmer und entdeckte ein Geheimfach hinter einer Verkleidung. Darin fand er Werkzeug, um Menschen zu fesseln: Handschellen, Ketten. Er fand Waffen: ein Kleinkalibergewehr, einen umgebauten Revolver, Schalldämpfer, Messer und Munition.
Und dann das entscheidende Beweisstück: eine Schussweste mit einer Handschelle, an der noch Blut klebte. Dazu Betäubungsmittel, Spritzen, Dolche und Elektroschocker. In einer Wandöffnung entdeckten sie eine Abhöranlage, mit der Wiechmann seine Untermieter in ihrem eigenen Schlafzimmer belauschen konnte. Und ein Strick führte direkt in die Garage, mit einer Schlaufe am Ende.
Wollte er sich damit im Notfall abseilen oder sogar das Leben nehmen? Wer war dieser Mann? Kurt Werner Wiechmann wurde am 8. Juli 1949 in Lüneburg geboren, wuchs ab 1950 in einer Behelfsheimsiedlung für Hilfsbedürftige auf, ohne Kanalisation und Heizung.
Er wurde sozial ausgegrenzt, hatte kaum Freunde. Nur sein neun Jahre jüngerer Bruder schien ihm nahezustehen. Ein ehemaliger Klassenkamerad erinnerte sich an einen Mittelpunktkomplex: Kurt habe immer Anerkennung und Aufmerksamkeit gewollt. Er fehlte oft in der Schule, hunderte Tage pro Jahr, unter Vorwänden wie Kopfschmerzen und Bauchschmerzen.
In Schulunterlagen stand: „Die Eltern des Jungen seien so primitiv, dass von ihnen keinerlei Unterstützung zu erwarten und daher Hopfen und Malz verloren sei. “ Ein hartes Urteil über ein Kind. Der Vater soll vor den Augen der Jungen einen ihrer Hunde so lange geschlagen haben, bis er tot war. Eine Rechtspsychologin vermutete später, dass Wiechmann durch seine Kindheit eine Bindungsstörung entwickelt habe.
Schon als Heranwachsender zeigte er sadistische Neigungen, quälte und tötete Tiere. Er schoss mit einer Zwille auf Vögel, blies Frösche auf, trat sie zu Tode. Anderen Kindern jagte er Angst ein, beobachtete sie vom Waldrand aus. Er lief von zu Hause weg und wurde mehrfach in Heimen und Jugendpsychiatrien untergebracht.
Mit 14 Jahren hatte er Begegnungen mit der Polizei. Eines Morgens legte er seine Hände um den Hals der Frau seines Untermieters, während sie schlief, einen Dolch dabei. Das Baby schrie, und er ließ ab. Mit 16 belästigte er eine Radfahrerin.
Als die Polizei ihn holen wollte, drohte er mit einem Kleinkalibergewehr, wurde angeschossen, entkam aber. Mit 21 Jahren nahm er eine Anhalterin mit, vergewaltigte sie und versuchte, sie zu töten. Er würgte sie, bis sie sich nicht mehr regte, verstaute sie in seinem Kofferraum und wollte sie vergraben, wie er es als Kind mit Tieren getan hatte. Doch er ließ sie gehen.
Er ging sogar selbst zur Polizei, nicht aus Schuldgefühl, sondern um die Presse zu korrigieren, weil er die Berichterstattung über seinen Fall nicht richtig fand. Er wurde zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt, aber vorzeitig entlassen. Die nächsten neunzehn Jahre blieb er still. Oder hatte er nur gelernt, seine Taten besser zu verstecken?
Er heiratete 1981 eine Frau namens Alice. Zusammen lebten sie in Streitmoor 15, ein großes Haus, umgeben von Natur, angrenzend an ein Waldgebiet. Er arbeitete als Friedhofsgärtner, wechselte aber ständig die Stelle, fälschte Lebenslauf und Zeugnisse. Nach außen gab er den eleganten, gut situierten Mann mit Ehefrau und vielen Autos, aber die Menschen kannten ihn auch als arroganten Playboy mit Kontrollzwang und eiskalten Augen.
Er betrog seine Frau und schaltete sogar Anzeigen in Kontaktmagazinen: „Braun gebrannter, durchtrainierter und attraktiver Dreißiger sucht Frau bis 40 für liebevolle und versaute Beziehung. “ Eine Kontaktanfrage kurz vor den Gördemorden suchte nach zwei Personen für eine Begegnung im Wald. Eine angebliche ehemalige Liebhaberin berichtete später: Er habe seine Hände um ihren Hals gelegt, bei einem Spaziergang. Bei ihm zu Hause habe er versucht, sie mit Handschellen an die Heizung zu ketten.
Einmal sei er wütend zu ihr gekommen und wolle einen Entführungsfall inszenieren, ihr Mann solle Lösegeld zahlen. Sie habe Kinder, das konnte sie ihnen nicht antun. Danach sei er abweisend geworden. „Mann, habe ich ein Glück gehabt“, dachte sie später.
Während all der Jahre blieb Wolfgang aktiv. Eines Tages erreichte ihn eine Nachricht: Wiechmann hatte angerufen. „Ihr jagt den Falschen. Ich habe mit Birgits Verschwinden überhaupt nichts zu tun.
“ Doch wenn das so war, warum war er auf der Flucht? Trotz des Durchsuchungsbeschlusses, trotz der Flucht wurde kein Haftbefehl erlassen. Bei einer Verkehrskontrolle in Lüneburg wurde ein gestohlener Mercedes angehalten, aber der Besitzer saß selbst am Steuer: Wiechmann. Er behauptete, das Auto aus Versicherungsgründen als gestohlen gemeldet zu haben, um etwas vor seiner Frau zu verheimlichen.
Sie mussten ihn gehen lassen. Man hatte ihm so nah sein können und konnte nichts tun. Neun Tage war er flüchtig, dann gab es eine Sichtung. Sein Auto stand einen Kilometer von seinem Haus entfernt.
Die Ermittler observierten es, aber er kam nicht. Im Inneren lagen ein Bundeswehrschlafsack, ein Ledermantel, Wegkarten, Proviant und ein Fernglas für Nachtbeobachtung. Es wirkte, als würde er weiterhin andere beobachten, wie damals als Kind. Das BKA schickte eine Tatortgruppe, die sein Grundstück untersuchte, mit Leichenspürhunden und Metalldetektoren, auch unter einem Steingarten, den Wiechmann selbst gebaut hatte.
Plötzlich schlug das Gerät an. Sie gruben und entdeckten ein ganzes Auto, ein rotes Leasingfahrzeug, übersät mit Erde, Windschutzscheibe zerstört. Die Spürhunde schlugen am Kofferraum an: Hier war eine Leiche transportiert worden. Auf den Rückbank fanden sie dunkle Spuren, vielleicht Blut.
Am 24. Tag der Flucht saß Harald in seiner Firma im Meeting, als die Sekretärin ihn herausholte. Am Telefon eine Stimme: „Das habe ich jetzt davon. Das habe ich dir, deinem Schwager zu verdanken.
Du wirst noch von mir hören. “ Harald fragte, wer da sei. Die Antwort: „Du weißt genau, wer hier ist. “ Dann legte der Unbekannte auf.
Es klang sehr nach Wiechmann. Am 11. April, dem 46. Tag der Flucht, verbrachte Wiechmann Ostern bei seiner Familie.
Auf die Frage seiner Frau, was er vorhabe, antwortete er: „Es ist besser, du weißt nicht, was ich vorhabe. “ Vier Tage später, am 15. April, verursachte er einen Verkehrsunfall in Bad Wimpfen. Die Polizei kam, nahm den Unfall auf und entdeckte in seinem Wagen Bargeld und Checks, versteckt in verschiedenen Verstecken, dazu Teile einer Maschinenpistole und Munition für etwa hundert Schuss.
Endlich legten sie ihn in Handschellen. Nach fünfzig Tagen auf der Flucht kam er in Untersuchungshaft. Eine Ermittlungsgruppe wurde aufgebaut, doch bevor sie richtig loslegen konnte, kam die grausame Nachricht: Wiechmann hatte sich in seiner Zelle mit seinem Anstaltsgürtel erhängt. In einem Abschiedsbrief schrieb er: „Meine Lieben, ich bin unendlich traurig, dass ich unser gemeinsames Leben ruiniert habe.
Ich hoffe und erwarte von meinen Hinterbliebenen Harmonie. Helft euch beiden nach besten Kräften. Und liebster Ali, denke immer daran, er ist mein Bruder. Auch ihm habe ich schweres Leid zugefügt.
“ In seiner Todesanzeige stand: „Plötzlich und unerwartet verstarb am 25. April mein lieber Mann, guter Bruder und Schwiegersohn Kurt Werner Wiechmann. “ Und gegen Tote wird nicht ermittelt. Für Birgits Mutter war das ein schwerer Schlag.
Sie wusste bis zu ihrem Tod nicht, was mit ihrer Tochter geschehen war. Zweimal versuchte sie, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Beide Male konnte man sie retten. Die Trauer blieb.
Sie starb ohne Antworten. Auch eine enge Freundin sagte später: „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Birgit denke. “
Dreizehn Jahre nach Birgits Verschwinden setzte Wolfgang seiner beruflichen Laufbahn ein Ende. Aber er legte die Füße nicht hoch.
Er wollte die Antworten finden, die seine Mutter nie bekommen hatte. Er stellte sich ein Team zusammen: den Kriminalisten Reinhard Chedor, den Juristen Dr. Gerhard Strate und die Psychologin Claudia Brockmann. Sie gingen die Ermittlungen noch einmal durch.
Die Terrassentür war offen, das Nachthemd fehlte. In einem Aschenbecher fanden sich zwei verschiedene Zigarettensorten, eine Marke, die Birgit selbst nicht rauchte. Hatte sie jemanden ins Haus gelassen? Auf dem Schlafzimmerboden lag ein zusammengeknülltes Taschentuch.
Wurde sie damit betäubt? Die Polizei hatte das Taschentuch damals vermutlich nicht sichergestellt. Eine Nachbarin berichtete von einem laufenden Motor mitten in der Nacht, etwa um 0:30 Uhr. Womöglich war er nach zwölf Minuten wieder leiser geworden.
Das Team schaute sich auch unaufgeklärte Tötungsdelikte in der Nähe an. In Cuxhaven verschwanden in den achtziger Jahren jährlich Frauen – die berüchtigten Discomorde. Unter Wiechmanns Sachen hatte man eine Straßenkarte von Cuxhaven gefunden. Er hatte sechs Autos und legte etwa 30.
000 Kilometer pro Jahr zurück, doppelt so viel wie der Durchschnitt. Wohin war er gefahren? Vielleicht zu weiteren Opfern. Die Psychologin in Wolfgangs Team erkannte in Wiechmanns Abschiedsworten keine Reue.
Sie klangen wie ein Geständnis. Wieso sonst sollte er für Jahre ins Gefängnis müssen, wenn nicht für mindestens einen Mord? Es schien, als wäre es ihm wichtig gewesen, dass niemand das Haus oder das Grundstück betritt. Einige glaubten, dass Wiechmanns kleiner Bruder sein Komplize gewesen sein könnte, aber er wollte nicht mit Wolfgangs Team sprechen.
Wolfgang bat sogar seinen Schwager Harald um Hilfe, um das Grundstück Streitmoor 15 zu kaufen, aber Harald schrieb zurück: „Ich halte das für ganz unmöglich und makaber. Das wäre eine weiterlebende schreckliche Erinnerung. “ Doch Wolfgang gab nicht auf. Alice, Wiechmanns Frau, war 2006 gestorben.
Wolfgang rief ihren Witwer an, und der war bereit zu helfen. Er ließ Wolfgang nach all den Jahren wieder in das Haus. Das geheime Zimmer war noch da, alles wie damals. Sie fanden Videokassetten mit Nazi-Propaganda und grafischen Inhalten.
Auf anderen Kassetten hatte Wiechmann selbst „Aktenzeichen XY“-Sendungen über den Fall Birgit Meer und die Gördemorde aufgenommen. Dann stießen sie auf Spannervideos: Frauen, die sich umzogen, sich sonnten oder ahnungslos einen Weg entlangliefen. Er schien eine besondere Leidenschaft für ihre Füße oder Schuhe gehabt zu haben. Die Daten auf seinem alten Computer zeigten, dass er kurz nach den Gördemorden nach der Familie Köpping gesucht hatte.
Auf einer anderen Kassette ging es um zwei weitere Mordfälle an Frauen in Ludwigshafen, die per Anhalter unterwegs gewesen waren. In der Zeit der Morde soll Wiechmann in der Gegend gewesen sein. Auch Zeitungsartikel über den Mord an Ilse Gerkens wurden gefunden, eine Frau, die 1968 am helllichten Tag im Wald viermal erschossen wurde. Lüneburg hatte einen neuen Polizeipräsidenten, der die Ermittlungen zu Birgit Meer wieder aufleben lassen wollte.
Doch viele Akten fehlten. Birgits Fall war nur als Vermisstenfall behandelt worden, einige Akten waren vernichtet worden, auch mögliche Beweisstücke aus Wiechmanns Haus. Nur noch etwa zwanzig Prozent der Unterlagen existierten. Doch dann stießen sie auf eine Seite, die Hoffnung gab: die Schussweste mit der Handschelle, an der Blut klebte.
Mithilfe von Birgits Familie wurde eine DNA-Probe erstellt und mit dem Blut verglichen. Mehr als zwanzig Jahre später. Und das Ergebnis war eindeutig: Das Blut stammte mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,999 Prozent von Birgit. Für Wolfgang war das eine schreckliche Gewissheit, aber auch eine Art Erleichterung.
Endlich hatten sie etwas in der Hand. Das Team suchte erneut auf Wiechmanns Grundstück und im angrenzenden Wald, mit Leichenspürhunden und Technik, ohne Erfolg. Sie ließen sechs Gräber exhumieren, die zum Zeitpunkt von Birgits Verschwinden offen gewesen waren, weil Wiechmann als Friedhofsgärtner gearbeitet hatte. Auch keine Spur.
Aber das Team gab nicht auf. Am Muttertag 2017 gingen sie wieder ins Streitmoor 15. Um 10:30 Uhr begannen sie einzeln zu suchen, jeder mit seinem Fachgebiet. In der Garage befand sich eine achtzig Zentimeter tiefe Grube, zu niedrig zum Autoschrauben.
Aus einem Loch in der Seitenwand rieselte heller Sand. Eine Vermutung kam auf: Was, wenn Birgit hier unten lag, unter einer zweiten Schicht? Die Polizei kam, aber ihr Leichenspürhund nahm keine Witterung auf. Doch im Raum lag schwerer Geruch von Farbe und Öl.
Hatte das die Spur verfälscht? Das Team entschloss sich, selbst zu graben. Harald besorgte einen diskreten Handwerker. Am 29.
September 2017 ging es los. Sie öffneten den Boden der Grube an einigen Stellen, fanden nichts. Als ein Handwerker aus der Grube steigen wollte, sackte sein Fuß im Boden ein. Eine forensische Anthropologin grub vorsichtig mit einer kleinen Kelle weiter.
Dann hielt sie etwas in der Hand, schaute es sich an und sagte: „Mittelfußknochen. Eindeutig menschlich. “
Alle kamen angestürmt. Wolfgangs Körper durchströmte ein seltsames Gefühl.
Er rief den Rechtsmediziner an, der sein Team unterstützte. Sie fanden immer mehr Knochen, dann ein Becken, offensichtlich von einer Frau. Auch Harald war jetzt da, der jahrelang verdächtigt worden war, und konnte zusehen, wie die Knochen aus der Grube gehoben wurden. Eine blaue Plastiktüte lag im Graben, umwickelt mit einem Strick.
Im Inneren: der Schädel. Vorsichtig legten sie ihn frei. Der Rechtsmediziner blickte auf das Ohr. Das Opfer trug noch einen kleinen Ohrring.
Als Harald den Ohrring sah, blieb die Welt stehen. Er erkannte den Schmuck. Das Gebiss bestätigte es: Es war Birgit. Sie war kopfüber mit angewinkelten Beinen in die Grube gelassen, hineingedrückt und einbetoniert worden.
Harald machte sich auf zu Jasmin. Er drückte ihre Klingel, immer wieder. Als sie die Tür öffnete, sagte er nur: „Wir wissen jetzt, wo die Mama ist. “ Nach fast dreißig Jahren hatte Jasmin Antworten.
Ihre Mutter war ermordet worden. Harald bekam nie eine Entschuldigung, keine Veröffentlichung in der Zeitung, die ihn von den Vorwürfen freigesprochen hätte. In Birgits Schädel entdeckten die Rechtsmediziner ein Projektil. Andere Gewaltspuren gab es nicht.
Vermutlich wurde Birgit in der Nacht vom 14. auf den 15. August entführt und in Wiechmanns geheimes Zimmer gebracht. Wie lange sie dort festgehalten wurde, bleibt unklar.
Vielleicht Minuten, vielleicht Tage oder Monate. Der Schuss in den Kopf beendete ihr Leben. Die Ermittler fragten sich, ob Birgit sein einziges Opfer war. Ulrike Burmester war vierzehn Jahre alt, als sie im Mai 1969 nach ihrer Nachhilfestunde in Lüneburg nicht zu Hause ankam.
Neun Tage später trieb ihre Leiche im Elbwasser. Ein anderer Fall: Eine Siebzehnjährige, die trampte, um in eine Diskothek zu kommen, wurde von einem spießig aussehenden Mann in einen Waldweg entführt, stundenlang festgehalten und missbraucht. Er sagte zu ihr: „Du weißt nicht, was ich schon für schreckliche Taten gemacht habe. “ Sie überlebte durch ihre Lebensgeschichte.
Jahre später erkannte sie sein Gesicht nach einem Podcast über die Gördemorde wieder. Auf Wiechmanns Grundstück fanden die Ermittler insgesamt etwa vierhundert mögliche Beweisstücke: Frauenschuhe, Handtaschen, Kleidung, Brillen, Portemonnaies, einen rostigen Revolvergriff, einen Koffer, Schmuck, Messer, Schlüssel. Die DNA-Spuren aus dem Auto der ermordeten Köppings stimmten mit der von Kurt Werner Wiechmann überein. Ein starkes Indiz, auch wenn es den Mord nicht endgültig bewies.
Es wird spekuliert, dass Wiechmann über vierundzwanzig Menschen auf dem Gewissen haben könnte, andere sprechen von hunderten Taten in ganz Deutschland. Die Beweise fehlen. Am 20. November 2017 wurde Birgit beerdigt.
Es hieß, richtig Abschied zu nehmen. Jasmin hatte ihren Vater bei sich. Die Urne zu sehen, war schwer für sie. Sie freute sich, als es vorbei war.
Harald sagte über diesen Tag: „Ich glaube, das war der schlimmste Tag in meinem Leben. “ Jasmin las ein Gedicht vor, das sie für ihre Mutter geschrieben hatte: „Du hast meinen Ballon weit gezogen. Durch dich bin ich am höchsten geflogen. Ich werde dich für immer und ewig lieben.
“ Harald wird nie aufhören, die Schuldvorwürfe zu spüren, die die Menschen ihm gemacht haben. Er sagte einmal: „Wenn ich das hätte rückgängig machen können, hätte ich meine Frau nicht verlassen, weil der Preis für das Verlassen ihr Tod war. “ Dann schnappte er nach Luft und Tränen standen in seinen Augen. Birgits Familie wird sie immer vermissen.
Sie bleibt der leere Platz am Esstisch. Aber sie haben nie aufgehört, für sie zu kämpfen, vor allem ihr Bruder Wolfgang. In einer abschließenden Botschaft heißt es: „Birgit, du wirst nie vergessen. Ruhe in Frieden, Birgit Meer.
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