Mein Arzt warnte mich noch am selben Tag, als ich den Korb mit den roten Früchten auf den Tisch stellte. „Du wirst Schaum vor dem Mund bekommen und hier zusammenbrechen“, sagte er mit ernster Miene. Ich sah ihn nur an, nahm eine Tomate nach der anderen aus dem Korb und aß sie in aller Ruhe auf. Nichts passierte.

Kein Schwindel, keine Übelkeit, kein Kollaps. Die Menge, die sich vor dem Gerichtsgebäude versammelt hatte, hielt den Atem an. Aber ich blieb quicklebendig stehen. Diese Szene, die Amerika später als den großen Durchbruch der Tomate feierte, hat es in dieser Form nie gegeben.
Die Geschichte wurde Jahrzehnte später ausgeschmückt und 1949 sogar im Fernsehen nachgestellt. Doch sie zeigt, wie tief die Angst vor dieser einen Frucht saß – eine Angst, die fast 200 Jahre lang ganz Europa und Nordamerika beherrschte. Die Tomate, das meistgegessene Gemüse der Welt, galt einst als tödliches Gift. Ärzte warnten vor ihr, Botaniker ordneten sie neben die Tollkirsche ein.
Und wer sie aß, wurde tatsächlich krank – vorausgesetzt, er war reich genug, um von den richtigen Tellern zu essen. Die wahre Geschichte beginnt nicht in Europa, sondern am anderen Ende der Welt. In den Anden Südamerikas, im heutigen Peru, Ecuador und Nordchile, wuchsen wilde Tomatenarten seit Jahrtausenden. Kleine, kirschgroße Früchte, die zwischen Felsen und an Flussufern gediehen.
Die Menschen dort dachten sich nichts dabei. Sie waren einfach Teil der Landschaft. Erst als die Pflanzen nach Mesoamerika gelangten, begannen die Azteken und andere Völker, sie gezielt anzubauen. Auf den riesigen Märkten von Tenochtitlan – der Hauptstadt des Aztekenreiches – waren Tomaten eine alltägliche Handelsware.
Die Azteken kochten sie mit Chili und Kräutern, verwendeten sie in Eintöpfen und aßen sie roh. Für sie war die Tomate ungefähr das, was für uns heute die Zwiebel ist: selbstverständlich, unverzichtbar, harmlos. Das änderte sich, als die Spanier kamen. 1521 eroberte Hernán Cortés die Stadt Tenochtitlan.
Was er und seine Soldaten dort fanden, war eine blühende Zivilisation mit Märkten voller unbekannter Lebensmittel. Sie brachten Samen und Pflanzen zurück nach Spanien – darunter auch Tomatensamen. In Spanien und Italien wurde die neue Frucht zunächst mit Neugier behandelt. Sie landete in den Gärten wohlhabender Familien als exotische Kuriosität.
Der italienische Arzt Pietro Andrea Mattioli erwähnte die Tomate 1544 erstmals in einem gedruckten Text und gab ihr später den Namen „Pomodoro“, goldener Apfel. Der toskanische Herzog Cosimo de Medici ließ sie als Schaupflanzen anbauen und bekam 1548 einen ganzen Korb voll davon geschickt. Gegessen hat er sie vermutlich nicht. Doch Mattioli tat in seiner Beschreibung noch etwas anderes.
Er ordnete die Tomate in die Nähe der Alraune ein, einer Pflanze, die mit Magie, Wahnsinn und Tod verbunden war. Und genau das wurde ihr zum Verhängnis. Die Blätter und Stängel der Tomate erinnerten an die Tollkirsche, eine der giftigsten Pflanzen Europas. Beide gehören zur Familie der Nachtschattengewächse.
Für die Botaniker der Renaissance war das ein klarer Fall: Wenn die Tollkirsche tödlich ist, dann muss die Tomate es auch sein. Die Blätter rochen streng und unangenehm, was nach der damaligen Medizinlehre ein direkter Hinweis auf Giftigkeit war. Dazu kam die Viersäftelehre, nach der alle Lebensmittel in warm, kalt, feucht und trocken eingeteilt wurden. Die Tomate galt als kalt und feucht, also als schwer verdaulich und potenziell schädlich.
Diese Lehre war die offizielle Medizin Europas, gelehrt an Universitäten von Oxford bis Padua. Der englische Botaniker John Gerard brachte es 1597 auf den Punkt. In seinem einflussreichen Werk „The Herbal“ ordnete er die Tomate direkt neben Alraune und Tollkirsche ein und warnte ausdrücklich davor, die Früchte zu essen. Diese Einschätzung galt in England und Nordeuropa über Generationen als maßgebliche Autorität.
Gerard lag mit seiner Warnung nicht einmal komplett daneben. Die Blätter und Stängel der Tomatenpflanze enthalten tatsächlich Solanin, ein giftiges Alkaloid, das Übelkeit und Erbrechen auslösen kann. Auch unreife, grüne Tomaten enthalten erhöhte Mengen davon. Erst wenn die Frucht vollständig reift und sich rot färbt, sinkt der Solaningehalt auf ein unbedenkliches Niveau.
Aber diese Unterscheidung existierte in der Wissenschaft des 16. Jahrhunderts nicht. Doch die botanische Verwandtschaft war nur die halbe Wahrheit. Es gab einen zweiten, viel konkreteren Grund, warum die Tomate als tödlich galt – und der hatte mit den Essgewohnheiten der Oberschicht zu tun.
Im 17. und 18. Jahrhundert aßen wohlhabende Europäer von Zinntellern. Zinn war ein Zeichen von Reichtum und Stand.
Die Teller enthielten damals hohe Mengen an Blei. Normalerweise war das kein Problem – Brot, Fleisch und gekochtes Gemüse reagierten nicht mit dem Blei. Aber Tomaten sind ungewöhnlich sauer. Diese Säure löste das Blei aus dem Teller.
Das Blei ging in die Tomate über – und wer sie dann aß, nahm eine Dosis Blei zu sich, die über die Zeit erheblichen Schaden anrichten konnte. Die Symptome einer Bleivergiftung sind Übelkeit, Bauchkrämpfe, Erbrechen, Durchfall und in schweren Fällen sogar der Tod. Genau diese Symptome traten auf, wenn Aristokraten Tomaten von ihren Zinntellern aßen. Die logische Schlussfolgerung der damaligen Zeit lag auf der Hand: Die Tomate ist schuld.
Niemand kam auf die Idee, dass es am Teller liegen könnte. Brot hatte nie jemanden vergiftet, Fleisch auch nicht. Die einzige Veränderung war die neue Frucht aus der neuen Welt. Und jetzt wird die Geschichte noch absurder.
Die ärmere Bevölkerung, die sich keine Zinnteller leisten konnte, aß ihre Tomaten von Holzbrettchen oder aus Tonschalen – manchmal direkt aus der Hand. Diese Materialien reagierten nicht mit der Tomatensäure. Bauern und einfache Arbeiter in Süditalien und Spanien aßen Tomaten und blieben völlig gesund. Aber ihre Erfahrungen zählten nichts.
In einer Gesellschaft, in der Wissen von oben nach unten floss, bestimmte die Erfahrung der Oberschicht, was als wahr galt. So entstanden zwei völlig verschiedene Wahrheiten nebeneinander. In den Palästen der Aristokratie galt die Tomate als Giftapfel. In den einfachen Küchen Süditaliens war sie längst ein normales Lebensmittel.
Die Wahrheit lag auf den Holztischen der Armen – nur hörte ihnen niemand zu. Im 18. Jahrhundert kam ein weiterer Faktor hinzu. Der schwedische Naturforscher Carl von Linné klassifizierte die Tomate offiziell als Mitglied der Nachtschattengewächse und gab ihr den lateinischen Namen „Lycopersicon“, was so viel wie „Wolfpfirsich“ bedeutet.
Der Name allein klingt wie eine Warnung. Linné bestätigte damit wissenschaftlich, was die Menschen ohnehin schon glaubten. Er wusste jedoch nicht, dass die Zugehörigkeit zu einer Pflanzenfamilie wenig über die Giftigkeit einer einzelnen Art aussagt. Auch die Kartoffel, die Paprika und die Aubergine gehören zu den Nachtschattengewächsen – alles Pflanzen, die heute weltweit konsumiert werden.
Aber diese Erkenntnis lag noch Jahrzehnte in der Zukunft. Und doch gab es ein Land, das sich von all diesen Warnungen weniger beeindrucken ließ als der Rest Europas. In Süditalien, besonders rund um Neapel, hatten die Menschen schon im 17. Jahrhundert begonnen, regelmäßig Tomaten zu kochen.
Die ersten Kochrezepte mit Tomaten tauchten in italienischen Kochbüchern auf, Jahrzehnte bevor der Rest Europas die Frucht überhaupt als essbar betrachtete. Der Koch Antonio Latini veröffentlichte in den 1690er Jahren ein Rezept für eine Tomatensoße – eines der frühesten dokumentierten Tomatenrezepte der europäischen Kochgeschichte. Warum ausgerechnet Süditalien? Das Klima rund um Neapel war ideal für den Tomatenanbau.
Gleichzeitig war Neapel eine der ärmsten und am dichtesten besiedelten Großstädte Europas. Die Bevölkerung konnte sich teure Zutaten oft nicht leisten und war offen für günstige, ertragreiche Nutzpflanzen. Und die Tomate erfüllte alle Anforderungen: ertragreich, anspruchslos und fast kostenlos, wenn man sie im eigenen Garten anbaute. Und natürlich aßen die einfachen Leute nicht von Zinntellern – niemand wurde krank.
So schlich sich die rote Frucht durch die Hintertür in die europäische Küche. Nicht über die Adelstafeln, sondern über die einfachen Tische der Armen. Im 18. Jahrhundert begann sich die Wahrnehmung langsam zu drehen.
Die Viersäftelehre verlor an Einfluss, neue wissenschaftliche Methoden traten an ihre Stelle. Ärzte und Naturforscher untersuchten nicht mehr nur das Aussehen von Pflanzen, sondern ihre tatsächliche Wirkung auf den Körper. In Spanien wurden Tomaten bereits zu einem festen Bestandteil der Küche, etwa im Gaspacho. In Südfrankreich fand die Tomate Einzug in Eintöpfe und Schmorgerichte.
In Südeuropa war die Rehabilitation der Tomate zu diesem Zeitpunkt im Grunde abgeschlossen. In Nordeuropa und Nordamerika hielt sich die Angst allerdings deutlich länger. In England waren Tomaten bis weit ins 18. Jahrhundert reine Zierpflanzen.
Die roten Früchte galten nicht nur als giftig, sondern auch als sündhaft – ihre leuchtende Farbe und sinnliche Form erinnerten manche Zeitgenossen an den verbotenen Apfel im Garten Eden. In Frankreich nannte man sie „pomme d’amour“, Liebesapfel, was nicht gerade zur Akzeptanz beitrug. Im Laufe des 19. Jahrhunderts verschwand die Angst dann Stück für Stück.
Italienische Einwanderer brachten ihre Kochtraditionen nach Amerika und zeigten, dass Tomaten nicht nur essbar, sondern auch schmackhaft waren. Wissenschaftliche Fortschritte machten klar, dass reife Tomaten kein gefährliches Solanin in relevanten Mengen enthalten. Und nicht zuletzt verschwanden die bleihaltigen Zinnteller aus den Haushalten – zugunsten von Porzellan und Keramik. Das eigentliche Problem wurde damit still und leise von selbst gelöst.
Die Tomate wurde nicht rehabilitiert, weil jemand mutig genug war, eine zu essen. Sie wurde rehabilitiert, weil sich die Welt um sie herum veränderte. Und dann ging es schnell. 1876 begann Henry John Heinz in Pittsburgh mit der kommerziellen Produktion von Tomatenketchup.
Sein Ketchup wurde innerhalb weniger Jahre zum Massenprodukt. Was als scharfe Würzsoße begann, wurde zum Standardgewürz der amerikanischen Küche. In Deutschland kam die Tomate noch später an – erst im 20. Jahrhundert begann man dort, sie in nennenswertem Umfang anzubauen und zu essen.
In Italien nahm die Geschichte eine andere Wendung. 1889 soll der Pizzabäcker Raffaele Esposito in Neapel zu Ehren von Königin Margherita eine Pizza mit Tomaten, Mozzarella und Basilikum kreiert haben – in den drei Farben der italienischen Flagge. Ob die Geschichte in allen Details stimmt, ist umstritten. Was nicht umstritten ist, ist die Wirkung: Die Pizza Margherita wurde zum Symbol der neapolitanischen Küche und trug die Tomate als Hauptzutat in die ganze Welt.
Gleichzeitig begann die industrielle Verarbeitung von Tomaten in großem Maßstab. Konservendosen machten es möglich, Tomaten das ganze Jahr über verfügbar zu haben. 1897 brachte die Campbell Soup Company ihre erste Tomatensuppe in Dosen auf den amerikanischen Markt. Was einmal eine gefürchtete Giftpflanze gewesen war, füllte jetzt Supermarktregale von der Ost- bis zur Westküste.
Heute werden jährlich weit über 180 Millionen Tonnen Tomaten weltweit produziert. China ist der größte Produzent, gefolgt von Indien, der Türkei und den Vereinigten Staaten. Weltweit gibt es schätzungsweise über 10. 000 verschiedene Tomatensorten – von der kleinen Kirschtomate bis zur Fleischtomate, gezüchtet für verschiedene Klimazonen, Böden und Verwendungszwecke.
Die Tomate ist längst nicht mehr nur ein Lebensmittel. Sie ist ein globaler Wirtschaftsfaktor. Jeder Burger, jede Pizza, jede Nudelsoße in jeder Restaurantkette der Welt hängt direkt oder indirekt von dieser einen Frucht ab, die vor 500 Jahren noch als tödlich galt. Die Tomate war nie giftig.
Das Problem waren die Teller, von denen sie gegessen wurde. Aber weil die Menschen, die krank wurden, zufällig die mächtigsten und einflussreichsten waren, setzte sich ihre Erklärung durch. Die einfachen Bauern in Süditalien, die Tomaten aßen und gesund blieben, hatten die ganze Zeit Recht. Nur hatte niemand einen Grund, ihnen zuzuhören.
Es brauchte Jahrhunderte, bis Wissenschaft, Einwanderung und der stille Wechsel von Zinn zu Porzellan diese Faktoren einzeln aus dem Weg räumten. Und die Tomate hat alles überlebt – von den Berghängen der Anden über die Märkte der Azteken bis auf jeden Kontinent der Erde. 200 Jahre lang als Giftpflanze gefürchtet, heute das meistgegessene Gemüse des Planeten. Die Tomate hat sich in all der Zeit nicht verändert.
Nur die Menschen, die sie betrachteten.


