Am 1. Januar 1980, kurz nach acht Uhr abends, rief Fred Gaster in Bad Wildbad an. Er wollte sichergehen, dass Heidrun T. tot war.

Auf der anderen Seite der Leitung hob jemand ab. Es war Heidrun selbst. Eineinhalb Stunden lang hatte sie versucht, zu sterben. Auf seinen Befehl.
Sie hatte den Föhn ins Badewasser geworfen, immer wieder, mit frischem Wasser, neuen Positionen, verändertem pH-Wert. Der Strom war nicht geflossen. Die Badewanne war nicht ordnungsgemäß geerdet. Fred Gaster war sehr überrascht, dass sie noch lebte.
Der Plan war perfekt gewesen. Heidrun sollte wie bei einem Unfall sterben, damit die Lebensversicherung über 500. 000 D-Mark ausgezahlt würde. Begünstigter: Fred Gaster.
Er hatte ihr erzählt, er stamme vom Stern Sirius, und dort wolle er mit ihr ein neues Leben beginnen. Das Leben dort sei teuer. Sie müsse sich ihrer irdischen Hülle entledigen. Deshalb die Versicherung.
Deshalb das Bad. Deshalb der Föhn. Heidrun hatte ihm geglaubt. Sie war bereit gewesen, für diese Reise zu den Sternen zu sterben.
In Baden-Baden, in einer weißen Villa auf dem Berg, hatte Fred Gaster die Fäden gezogen. Er war ein Mann mit dunkler Ausstrahlung, der okkultistische Sitzungen abhielt, mit Hypnose experimentierte, Drogen und Giftpflanzen nutzte. Er behauptete, Verbindungen ins Jenseits aufbauen zu können. Und er fand Menschen, die ihm das abnahmen.
Eine davon war Heidrun. Eine andere: Marianne Priel. Marianne war an jenem Abend bei Fred Gaster in der Wohnung. Sie hatte gehört, wie er Heidrun befahl, zurückzufahren und das zu tun, was er mit ihr besprochen hatte.
Heidrun zögerte. Das Wetter war schlecht. Fred wurde sauer, massiv. Dann fuhr sie.
Fred Gaster forderte Marianne auf zu meditieren. Dann sagte er: „Heute Abend wird noch jemand sterben. “ Sie fragte: wer, wie, wo. Er sagte: weiblich, heute Abend, Heidrun.
Marianne war wie gelähmt. Hypnotisiert, sagte sie später. Willenlos. Sie habe sich nicht wehren können.
Gegen 18 Uhr rief Fred in Bad Wildbad an und sprach von der „Generalprobe“. Marianne hörte nur Fragmente. Kurz vor acht sollte Heidrun in die Badewanne steigen, um Punkt acht den Föhn hineinwerfen. Marianne griff nicht ein.
Sie saß da, hörte zu, tat nichts. „Ich war quasi das Alibi“, sagte sie Jahrzehnte später. Sie machte sich Vorwürfe, damals und noch immer. Der Sirius-Fall ging in die Rechtsgeschichte ein.
Jurastudenten lernen ihn bis heute. Die Kernfrage war: Wer ein Motiv hat, jemandem eine Lebensversicherung abzuschwatzen und ihm dann zu befehlen, sich mit dem Föhn in die Badewanne zu legen – ist das Mord? Oder nur Anstiftung zum Suizid, die nicht strafbar ist? 1982 entschieden die Richter in Baden-Baden: Das Opfer wurde in einen Irrtum versetzt.
Heidrun glaubte, sie sterbe nicht wirklich, sondern lebe auf dem Sirius weiter. Sie wusste also nicht genau, was sie tat. Sie wurde zum Werkzeug des Täters gemacht – zum Werkzeug gegen sich selbst. Fred Gaster wurde zu sieben Jahren verurteilt.
Versuchter Mord. Aber das Urteil erwähnte noch etwas anderes: fünf rätselhafte Todesfälle im Umfeld von Fred Gaster. Eine Krankenschwester starb am 29. August 1976, als sie auf trockener Fahrbahn gegen einen Baum fuhr.
Eine Sekretärin erschoss sich am 3. Dezember 1979, während ihr Mann angeblich schlafend auf der Couch lag. Auch Fred Gasters eigene Frau Heike gehörte zu den Toten. Die Fälle waren nie richtig aufgeklärt worden.
Etwa 40 Jahre später rollten zwei ARD-Journalisten den Fall wieder auf. Marie-Claire Schneider, Archivarin beim SWR, und Holger Schmidt, Jurist und Podcasthost, recherchierten für ihren Podcast „Sprechen wir über Mord“. Als sie den Sirius-Fall entdeckten, fand Marie-Claire einen Artikel über die erste Verhandlung am Landgericht Baden-Baden. Sie rief Holger aufgeregt an: „Es ist hier bei uns in Baden-Baden.
“
Im SWR-Archiv gab es noch Unterlagen. Schon damals hatte man spekuliert, dass Fred Gaster mehr Menschen auf dem Gewissen haben könnte. Fünf Tote im Umfeld, nie vollständig überführt. Ein möglicher Serientäter, der seine Opfer so manipulierte, dass sie ihm hörig wurden und Dinge taten, die sie nicht tun wollten.
Die Journalisten wollten mehr wissen. Sie suchten nach Gaster, der 1947 geboren war und heute noch leben könnte. Sie brauchten die Ermittlungsakte. Aber die war nicht einfach zu bekommen.
Nach 40 Jahren hatten sich Zuständigkeiten verschoben, Polizeipräsidien waren umgezogen, Staatsanwaltschaften hatten gewechselt. Die große Frage war: Gibt es die Akten überhaupt noch? Sie fuhren nach Karlsruhe, um Rainer Griesbaum zu treffen, einen früheren stellvertretenden Generalbundesanwalt, der in den 70er-Jahren die RAF jagte. Griesbaum kannte den Sirius-Fall.
Er sagte, das Urteil wimmle von seltsamen Todesfällen. Man habe sich immer nur auf die Frau in der Badewanne konzentriert, die überlebt hatte. Die anderen Fälle seien nie richtig angeschaut worden. Er bot seine Unterstützung an.
Zurück in Baden-Baden richteten sich Marie-Claire und Holger in einem leerstehenden Serverraum im Keller des SWR ein Hauptquartier ein. An einer Wand sortierten sie die Namen: die Verstorbenen, die noch Lebenden. Es war ein komplexes Geflecht aus Querverbindungen. Von einigen Todesopfern hatten sie Namen, aber keine verlässlichen Informationen.
Über Meldeanfragen wollten sie herausfinden, wo Fred Gaster heute lebt. Dann fanden sie im ARD-Archiv einen Treffer: Heidrun T. , die Frau aus der Badewanne, war 1993 in einer Talkshow aufgetreten. Thema: „Kraft der Gedanken“.
Sie arbeitete als Heilpraktikerin. Im NDR-Sendegebiet. Und tatsächlich: In der Nähe von Hamburg stand ihr Name noch im Telefonbuch. Es war ein krasser Moment, sagte Marie-Claire.
Aber Heidrun nahm nicht ab. Und auf Briefe reagierte sie nicht. Dann fanden sie den Nachlass eines Lokalreporters im Stadtarchiv Baden-Baden. Karl Reinbothe hatte über den Prozess berichtet, hatte Aufzeichnungen und Fotos hinterlassen.
Das Archiv war ein riesiger Berg ungeordneten Materials. Die meisten Bilder waren unbeschriftet. Aber dann stießen sie auf handschriftliche Prozessnotizen. Zeugennamen.
Einer stach hervor: Marianne Priel. Marianne war damals eine der wichtigsten Zeuginnen gewesen. Sie hatte an dem Abend in Fred Gasters Wohnung gesessen, als er Heidrun in den Tod schickte. Sie stand nicht im Telefonbuch, aber über eine Firma konnten sie einen Kontakt herstellen.
Frau Priel, woran erinnern Sie sich von diesem Abend? Sie erzählte. Von der Wohnung in Baden-Baden, von Heidrun, die zögerte, von Fred, der massiv wurde. Von dem Telefonat um 18 Uhr, als er Heidrun die Anweisungen gab: Generalprobe.
Sie solle ein Stück Seife im Badewasser auflösen, damit der Strom besser fließt. Um kurz vor acht einsteigen. Um Punkt acht den Föhn hineinwerfen. Marianne sagte, sie sei in einem Zustand gewesen, gelähmt, hypnotisiert.
Sie habe sich nicht wehren können. Und dann: „Ich war quasi das Alibi. “ Sie mache sich Vorwürfe, bis heute. Nach dem Gespräch fuhren die Journalisten nach Bad Wildbad.
Die Wohnung, in der Heidrun 1980 fast gestorben wäre, existierte noch. Sie war in Hanglage, mit Blick über das Tal. Eine holzgetäfelte Dachgeschosswohnung. Der heutige Besitzer ließ sie hinein.
Die Badewanne war herausgerissen worden, ersetzt durch eine Dusche. Aber die Steckdose am Waschbecken war noch da. Die Entfernung zur Wanne betrug knapp zwei Meter. Die Angaben mit dem extra langen Kabel am Föhn passten.
Hier hätte Heidrun sterben können, sagte Holger. Wenn es geklappt hätte. Die Kuchenform stand noch irgendwo im Raum. Heidrun hatte vor ihrem „Unfalltod“ einen Kuchen gebacken, wie Fred es ihr befohlen hatte.
Damit es nicht wie Selbstmord aussieht. Außerdem sollte sie Wäsche waschen und einen Brief schreiben. Alles Dinge, die ein lebensmüder Mensch vor dem Suizid nie tun würde. Dann kam die Nachricht, die alles veränderte: Das Staatsarchiv in Freiburg hatte noch Akten aus dem Sirius-Fall.
Aber um sie einzusehen, brauchten die Journalisten Heidruns Einverständnis, aus Datenschutzgründen. Also fuhren sie nach Norden. Knapp 700 Kilometer. Unangemeldet.
Marie-Claire blieb im Auto, Holger ging allein zur Tür. Sie wollten Heidrun nicht überwältigen. Ob sie noch an der Adresse wohnte, war unklar. Aber ihr Name stand noch an der Klingel.
Holger drückte. Die Tür öffnete sich. „Guten Tag, Holger Schmidt vom SWR.
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