Ein elfjähriger Junge verlässt sein Elternhaus mit dem grünen Rennrad. Es ist der 30. September 1986, kurz nach halb vier nachmittags. Mark will zu einem Freund fahren, ein paar Kilometer entfernt, auf der anderen Seite eines Feldes.

Seiner Mutter sagt er, er sei um sechs zurück. Er kommt nie an. Nicht bei seinem Freund, nicht zu Hause. Um 20:30 Uhr erstattet die Mutter Vermisstenanzeige.
Die Polizei sucht die ganze Nacht, am Morgen durchkämmen Beamte das Feld zwischen Wohnhaus und Freund. Sie finden Mark im Mais, tot. Der Mais an der Stelle niedergedrückt, die Verletzungen am Kopf stammen von massiver stumpfer Gewalt. Der Junge wurde erschlagen.
Nicht weit entfernt steht sein Fahrrad, abgestellt im zwei Meter hohen Mais. Zwei Reifenspuren finden die Ermittler, aber sie passen zu keinem bekannten Rad. Die Tat hat kein Motiv. Kein sexuelles, kein räuberisches, nichts.
Ein heller Sommertag, ein Feldweg, ein Kind. Die Ermittler befragen Spaziergänger, Radfahrer, Freunde, Schulkameraden. Niemand hat etwas gesehen. Kein Tatverdacht.
Der Fall wird zu den Akten gelegt. Jahrzehnte später nimmt Jana Hoppe von der Kripo Dortmund den Fall wieder auf. Sie arbeitet in einer Ermittlungsgruppe für ungelöste Mordfälle. Die Asservaten von damals sind noch da, darunter die Kleidung des Jungen.
1986 hatte man den Körper mit Klebestreifen abgeklebt, um Fasern zu sichern. Diese Streifen existieren noch. Hoppe lässt sie auf DNA untersuchen. Es findet sich tatsächlich eine Spur einer unbekannten Person.
Aber in der Datenbank der Polizei gibt es keinen Treffer. Trotzdem bringt die Spur die Ermittler weiter. Personen, die damals mit dem Fall zu tun hatten, können jetzt als Täter ausgeschlossen werden. Die Ermittler suchen sie auf, nehmen Speichelproben, sprechen mit Zeugen.
Unterstützung bekommt Hoppe von Ulrich Kaiser, einem 64-jährigen pensionierten Kriminalhauptkommissar, der aus eigenem Antrieb im Cold-Case-Team mitarbeitet. Beim Studium der Akte fällt ihm die Sinnlosigkeit auf. „Bei den meisten Straftaten steckt eine Motivation dahinter, sexuell, Geld, Rache. Hier ist nichts davon erkennbar.
Das ist außergewöhnlich. “
Warum wurde ein elfjähriges Kind im Maisfeld erschlagen? Die Ermittler hoffen, dass der Täter irgendwann in den fast vier Jahrzehnten mit jemandem darüber gesprochen hat. Dass sich ein Mitwisser meldet.
„Vielleicht erinnert sich jemand an eine Kleinigkeit, von der er dachte, sie sei egal. Für uns ist jede Kleinigkeit wichtig. “
Kaiser sagt: „Ich habe einen Enkel in dem Alter. Wenn ich mir vorstelle, dass ihm so etwas passiert, gibt mir das einen besonderen Antrieb.
Ich möchte diesen Fall klären, bevor ich endgültig aufhöre zu arbeiten. “
Mord verjährt nie. Aber ob der Täter jemals gefasst wird, bleibt offen. Die Leiche einer jungen Frau liegt in einem Park in Frankfurt am Main.
Ein Spaziergänger findet sie an einem Morgen im Mai 2018, wenige Meter vom Gehweg entfernt, mitten auf einer Wiese. Sie ist stark blutverschmiert. Tiefe Schnittwunden im Gesicht, an Armen, am Oberkörper. Staatsanwältin Miriam Hasbecker übernimmt den Fall.
Das Erste, was sie wahrnimmt, ist der Eindruck eines heftigen Kampfes. „Aber man hatte auch das Gefühl, sie ist nicht weit gekommen. Fundort und Tatort waren ein kleiner, umgrenzter Bereich. “
Die Frau hat keine Ausweise bei sich.
Keine Handtasche, keine Papiere. Auffällig ist, dass sie keine Schuhe anhat. Die Beamten finden sie verstreut im Gras. Eine Tatwaffe gibt es nicht.
Dafür Blutspuren an einer Parkbank in der Nähe. Die Rechtsmedizin bestätigt: Hier hat jemand gestanden und geblutet. Ein erster Hinweis, der nicht zu einem Kampfgeschehen passt. Die Identität der Toten klärt sich über ihre Brustimplantate.
Die Seriennummer führt zum Hersteller, der zum Arzt, der zur Patientin: Irina A. , 29 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern. In der Frankfurter Gastronomie- und Clubszene ist sie gut bekannt – ein Szenegesicht, das gern auffällt, das sich gern zeigt. Sie ist im Fernsehen aufgetreten, in der Zeitung gestanden: als angebliches Opfer einer sogenannten Sexmob-Affäre.
Später stellt sich heraus, dass das inszeniert war. Inszeniert hatte es Irina selbst, als PR-Kampagne für eine Bar in der Frankfurter Innenstadt, die sie gemeinsam mit einem Freund betrieb: Jan M. , erfolgreicher Szenegastronom, Lebemann. Er wohnt gut, reist viel, fährt Harley, hat viele Frauen, macht teure Geschenke.
Nach außen lebt er auf der Sonnenseite. Zeugen beschreiben das Verhältnis zwischen ihm und Irina als gut – bis sie eines Tages in ihrer eigenen Bar zufällig ein Gespräch mitanhört. Am Nebentisch prostet sich jemand zu, dass er die Bar gekauft hat. Irina versteht die Welt nicht mehr.
Sie versucht herauszufinden, was passiert ist, und stellt Jan M. zur Rede. Die Ermittler prüfen die Geschäfte von Jan M. und stoßen auf ein System.
Er hat Geschäfte erfunden, Investoren gesucht, eine Krebserkrankung vorgetäuscht, um Darlehen zu bekommen. Auch Irina ist auf ihn hereingefallen: 230. 000 Euro hat sie investiert, im Glauben, Teilhaberin zu sein. Als sie den Betrug bemerkt, will sie ihr Geld zurück, will aus dem Vertrag raus.
Sie fühlt sich hintergangen. Jan M. wird mehrfach vernommen. Er sagt, man habe sich geeinigt.
Mit dem Tod von Irina will er nichts zu tun haben. Er ist nie mit Gewalt oder Aggression aufgefallen. Niemand hätte ihm das zugetraut. Die Staatsanwältin ist trotzdem überzeugt, dass er mehr weiß.
Die Ermittler werten Handydaten aus, erstellen Bewegungsprofile. Sie können nachweisen: Jan M. und Irina haben sich im Mai 2018 im Park getroffen. Und die Blutspuren an der Parkbank stammen von ihm.
An Irinas Socken finden sie eine blutige Griffspur. Sie ziehen daraus ihre Schlüsse. Die Mörder muss Irina an den Füßen gezogen haben, um sie ins hohe Gras zu schleifen. Dabei sind ihr die Schuhe ausgefallen.
Und beim Blutspuren-Verursachen hat er sich offenbar selbst an der Hand verletzt, ohne es zu merken – in der Panik, im Adrenalin. Jan M. wird festgenommen. Er gibt zu, dass er sich mit Irina im Park getroffen hat.
Aber er bestreitet, sie getötet zu haben. Die Ermittler rekonstruieren die Tat so: Jan M. hat Irina unter dem Vorwand, einen Geldgeber zu treffen, in den Park gelockt. Den Geldgeber gab es nicht.
Stattdessen hat er ein Messer benutzt, mehr als zwanzig Mal auf sie eingestochen. Irina starb noch am Tatort. Danach zieht er die Tote ein paar Meter ins hohe Gras, fährt mit dem Motorrad nach Hause und geht am Abend mit seiner Freundin essen. Das Landgericht Frankfurt verurteilt Jan M.
wegen Mordes zu lebenslanger Haft. Für Staatsanwältin Hasbecker bleibt der Fall besonders, auch wegen der Täterpersönlichkeit. „Alle hätten gesagt, so etwas macht er auf keinen Fall. “
Andreas S.
ist kurz vor sechzig, als er arbeitslos wird. Er hat Angst, keinen neuen Job zu bekommen, Angst, dass sein Erspartes nicht reicht. Dann sieht er im Internet eine Anzeige für einen sogenannten Bitcoin-Superstar. Es klingt nicht übertrieben.
Er meldet sich, investiert zuerst 250 Euro. „Ich bekam Zugang zum Portal und mir wurde ein Betreuer vorgestellt. Er rief mich immer an, kündigte an, was er macht. So konnte ich sehen, wie viel er gesetzt hat.
Er hat Vertrauen aufgebaut, ist auf mich eingegangen und hat gesagt, ich solle mir keine Sorgen machen. “
Diese Kundenbetreuer sitzen in Callcentern. Sie bauen über Wochen ein Verhältnis zum Opfer auf. Aus 500 Euro werden schnell 1.
500 Euro im Online-Portfolio – nur dass dieses Portfolio komplett manipuliert ist. Die Betreuer können den Kontostand nach Lust und Laune verändern. Sie spielen Gewinne vor, um höhere Einzahlungen zu provozieren, oder sie melden Verluste, um die Opfer zu weiteren Investitionen zu drängen. Das Geld wird nie angelegt.
Der Betreuer von Andreas S. fragt ihn über seine Finanzen aus, weiß genau, was er noch übrig hat. Andreas lässt sich überreden, weitere 10. 000 Euro einzuzahlen.
Dann fällt der Kontostand rapide. Als Andreas versucht, seinen Betreuer zu erreichen, geht niemand mehr ans Telefon. „Ich habe E-Mails geschrieben, die Nummer ständig angerufen. Niemand hat reagiert.
Sie waren von der Bildfläche verschwunden. “
Andreas S. zeigt die Betrüger an. Er ist einer von Zig-Tausenden.
Oberstaatsanwalt Nino Goldbeck von der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Internetkriminalität in Bamberg bekommt es mit mehreren Anzeigen zu tun. Websites mit Namen wie Trade Capital, Fibonacetics oder Nobel Street versprechen Zinsen von fünf bis zehn Prozent pro Monat. Jürgen Schlund, Erster Kriminalhauptkommissar, bildet eine Sonderkommission. Zunächst wissen sie nicht, wie dieses System funktioniert.
„Es war wie ein Dickicht, ein großer Urwald. Wir wussten nicht, wohin wir gehen sollten. “
Die Ermittler werten Computer und Handys der Opfer aus. Jede E-Mail enthält eine IP-Adresse, aber die lässt sich leicht verschleiern.
Also folgen sie dem Geld. Das ist zuerst auf deutschen Konten gelandet, bei Scheinfirmen. Dann wird es weitergeschickt, von Konto zu Konto, von Land zu Land. „Das Geld ist gesprungen von Deutschland nach Ungarn, von dort nach Rumänien, zurück nach Ungarn, weiter nach England.
Es war ein riesiges Pingpong-Spiel. Innerhalb einer Woche wurde es bis zu sechsmal weitergeschickt. “
Am Ende landet es bei den Betrügern. Die Ermittler verfolgen die Spur zu Immobilien, Luxusuhren, Autos.
Die Tätergruppe hat sich einen Rolls-Royce und einen Lamborghini gegönnt, alle mit Seriennummern, die sich zurückverfolgen lassen. So stoßen sie auf Namen: Thomas V. , einer der Kundenbetreuer. Und auf eine Person, die sie nur als „C“ bezeichnen – den operativen Kopf.
Dann meldet sich ein Whistleblower bei der deutschen Botschaft in Belgrad. Er will über Anlagebetrug sprechen. Die Ermittler sind skeptisch, prüfen jede Angabe. Aber die Informationen sind wertvoll: Callcenter in Sofia und Belgrad, gesteuert aus der Ukraine.
Hunderte Angestellte, hochprofessionell aufgestellt. Die Ermittler finden außerdem heraus, dass die betrügerischen Websites bei einem deutschen Provider gehostet werden. Die Täter haben mit derselben Kreditkarte, mit der sie die Seiten bezahlt haben, auch einen VPN-Server angemietet. Die Polizei überwacht diesen Server über Monate.
Die Täter merken nicht, dass jemand mitliest. So gelingt es, die Standorte der Callcenter zu bestätigen. An einem koordinierten Aktionstag durchsuchen Einsatzkräfte Callcenter, Privatwohnungen und Firmen in Sofia, Belgrad und Berlin. Mehrere Kundenbetreuer werden festgenommen, auch Thomas V.
Er bekommt vier Jahre Haft. „C“ kann kurz vor dem Zugriff entkommen, wird aber 2021 in Kiew gefasst, sein Prozess läuft. Die Ermittler haben ein System aus vier Säulen identifiziert: Marketing, das frische Kunden anlockt; Callcenter, die sie bearbeiten; Geldwäschenetzwerke, die die Beute verschleiern; und technische Dienstleister, die alles zusammenhalten. Sie sichern fast sieben Millionen Euro.
Andreas S. bekommt nur einen Teil seines Geldes zurück. Er ist froh, dass die Täter gefasst wurden. „Aber es gibt kein wirksames Mittel dagegen.
Wenn man heute ins Internet guckt, gibt es immer noch solche Anzeigen. “
Goldbeck und Schlund ermitteln weiter.

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