Der SS-General, der bis 2001 ungestraft lebte – Wilhelm Mohnkes dunkles Geheimnis

Der SS-General, der bis 2001 ungestraft lebte – Wilhelm Mohnkes dunkles Geheimnis

Er war Hitlers letzter Kommandant, der Mann, dem der Führer im April 1945 die Verteidigung des Reichstagsviertels anvertraute. SS-Brigadeführer Wilhelm Mohnke, einst enger Vertrauter des Diktators, sollte nach dem Krieg eigentlich zur Rechenschaft gezogen werden. Doch der hochrangige SS-Offizier, dem Kriegsverbrechen vorgeworfen wurden, starb ungestraft im Jahr 2001 im Alter von 90 Jahren in seinem Haus in Barsbüttel bei Hamburg.

Eine beispiellose Geschichte von Loyalität, Vertuschung und der Ohnmacht der Nachkriegsjustiz.

Mohnke wurde 1911 in Lübeck als Sohn eines Tischlers geboren. Die wirtschaftlichen Turbulenzen der Weimarer Republik trafen seine Familie hart. Wie viele Arbeitslose seiner Generation sah der junge Wilhelm in der NSDAP eine Verheißung.

Mit nur 20 Jahren trat er 1931 sowohl der Partei als auch der SS bei. Seine Herkunft aus der Arbeiterklasse war ungewöhnlich für die als Elite geltende SS, doch sein fast zwei Meter großer Körperbau und seine unerschütterliche Disziplin öffneten ihm Türen. Bereits 1933 wurde er in die Leibstandarte SS Adolf Hitler berufen, die persönliche Leibwache des Führers.

Seine militärische Karriere war von Anfang an von brutaler Effizienz geprägt. Während des Polenfeldzugs 1939 erhielt er das Eiserne Kreuz. Doch schon damals wurde die SS mit systematischer Gewalt gegen die Zivilbevölkerung konfrontiert.

Mohnke erlebte die rassistische Vernichtungspolitik aus nächster Nähe und identifizierte sich zunehmend mit der Ideologie.

Die ersten konkreten Kriegsverbrechensvorwürfe datieren auf Mai 1940. Während der Schlacht von Wormhoudt sollen Einheiten unter Mohnkes Kommando etwa 80 britische Kriegsgefangene hingerichtet haben. Die Gefangenen wurden in eine Scheune getrieben und mit Handgranaten und Gewehrfeuer getötet.

Überlebende schilderten Szenen unvorstellbarer Brutalität. Ähnliche Vorwürfe kamen aus der Normandie, wo im Juni 1944 die Erschießung von 35 kanadischen Gefangenen in Fontenay-le-Pesnel dokumentiert wurde. Trotz dieser belastenden Zeugnisse blieb Mohnke zeitlebens unbehelligt.

Nachkriegsermittlungen scheiterten stets an fehlenden Beweisen.

Im April 1941 wurde Mohnke am rechten Bein schwer verwundet. Chirurgen mussten Teile seines Fußes entfernen, er humpelte fortan und litt unter chronischen Schmerzen. Morphium half ihm, die Qualen zu ertragen.

Nach einer Rehabilitationsphase kehrte er an die Front zurück. Im September 1943 übernahm er das Kommando über das 26. SS-Panzergrenadierregiment der Division Hitlerjugend.

Trotz der gegen ihn erhobenen Vorwürfe stieg seine Karriere unaufhaltsam. Im Januar 1945 beförderte Hitler ihn zum SS-Brigadeführer. Das Regime belohnte Loyalität und erbarmungslose Härte.

Die Ardennenoffensive im Dezember 1944 offenbarte die strategische Verblendung der Naziführung. Mohnkes Division, die Leibstandarte, führte den nördlichen Angriff. Treibstoffmangel, verstopfte Straßen und zäher amerikanischer Widerstand brachten die Operation zum Scheitern.

Das Massaker von Malmedy, bei dem 84 amerikanische Gefangene von anderen SS-Einheiten getötet wurden, schürte den Widerstand zusätzlich. Mohnke kämpfte verzweifelt, doch die Offensive brach zusammen. Hitler weigerte sich, die Niederlage einzugestehen.

Im April 1945 war Berlin von der Roten Armee eingeschlossen. Hitler übertrug Mohnke die Verteidigung des Regierungsviertels, der so genannten Zitadelle, die die Reichskanzlei und den Führerbunker umfasste. Mohnke operierte außerhalb der normalen militärischen Befehlskette und berichtete direkt an Hitler.

Seine Kampfgruppe, ein Flickwerk aus Elite-SS-Einheiten, Flakbesatzungen und überlebenden Soldaten, zählte etwa 2000 Mann. Sie standen einer überwältigenden sowjetischen Übermacht gegenüber. Die Stadt verwandelte sich in eine apokalyptische Trümmerlandschaft.

Am 27. April 1945 befahl Hitler Mohnke, ein Standgericht gegen SS-Gruppenführer Hermann Fegelein durchzuführen. Fegelein, Adjutant Himmlers und Schwager Eva Brauns, hatte den Bunker ohne Erlaubnis verlassen.

Das Gericht löste sich auf, als Fegelein betrunken die Autorität der Anwesenden verspottete. Mohnke brach die Verhandlung ab und übergab Fegelein der Sicherheitspolizei. Was genau geschah, ist bis heute umstritten.

Fegelein wurde kurz darauf erschossen.

Mohnke war in den letzten Stunden Hitlers anwesend. Nach dem Selbstmord des Führers am 30. April nahm er an der Konferenz teil, auf der General Krebs die Fluchtpläne vorstellte.

Mohnke organisierte Gruppen, die aus dem Bunker ausbrechen sollten. Seine eigene Gruppe, zu der Hitlers Sekretärinnen Traudl Junge und Gerda Christian gehörten, versuchte nach Norden zu fliehen, wurde jedoch blockiert. Sie tauchten in der Nähe der Schultheiss-Brauerei auf und schlossen sich anderen Flüchtlingen an.

Am 1. Mai versuchte Mohnkes Gruppe durch Tunnel und U-Bahn-Schächte zu entkommen, wurde jedoch nach oben getrieben und unter schweres Feuer genommen. Am 2.

Mai, dem Tag der Kapitulation Berlins, geriet Mohnke in sowjetische Gefangenschaft.

Die Sowjets hielten Mohnke sechs Jahre in Einzelhaft im Moskauer Lubjanka-Gefängnis. Sie verhörten ihn ausführlich über die letzten Tage im Bunker. Trotz der Haft wurde er nie offiziell wegen Kriegsverbrechen angeklagt.

Die Gründe sind unklar. Möglicherweise diente er als Informationsquelle, die für die Sowjets wertvoller war als eine Verurteilung. 1955, im Zuge der Verbesserung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion, wurde er repatriiert.

Nach seiner Rückkehr ließ sich Mohnke in Barsbüttel bei Hamburg nieder. Er gründete ein Geschäft für den Verkauf kleiner Lastwagen und Anhänger. Ein bürgerliches Leben, weit entfernt von den Schlachtfeldern und Bunkern.

Die deutschen Behörden leiteten in den 1980er Jahren erneut Ermittlungen gegen ihn ein. Der britische Abgeordnete Jeff Rooker forderte seine Auslieferung. Doch die Zeit arbeitete gegen die Justiz.

Zeugen starben, Beweise gingen verloren. Mohnke stritt jede Beteiligung an Kriegsverbrechen ab. Er starb 2001, ohne je vor Gericht gestanden zu haben.

Der Fall Mohnke wirft unangenehme Fragen auf. Wie konnte ein hochrangiger SS-Offizier, der im Zentrum der verbrecherischen NS-Herrschaft stand, ungestraft ein normales Leben führen? Warum scheiterten alle Versuche, ihn zur Rechenschaft zu ziehen?

Die Antwort liegt in den strukturellen Defiziten der Nachkriegsjustiz, den Prioritäten des Kalten Krieges und einer Kultur der Straflosigkeit, die es vielen Tätern ermöglichte, unterzutauchen.

Die Geschichte Mohnkes ist eine Mahnung. Sie zeigt, wie Menschen unter extremen ideologischen Bedingungen handeln und wie schwer es ist, individuelle Verantwortung zuzuweisen. Sie erinnert an die Opfer, deren Familien nie Gerechtigkeit erfuhren.

Der SS-General, der Hitler bis zum Ende die Treue hielt, starb als pensionierter Geschäftsmann. Zwischen diesen beiden Identitäten liegt eine Geschichte von Krieg, Verbrechen, Loyalität und der Ohnmacht der Geschichte. Ihre Lehren sind aktueller denn je.