Im Jahr 2003 öffnete ein Archäologenteam in der Republik Georgien, nahe dem Dorf Sakire, eine 5500 Jahre alte Grabkammer. In den Keramikgefäßen fanden sie eine goldgelbe Substanz. Die Pollenanalyse unter dem Mikroskop und die chemische Untersuchung im Labor lieferten ein Ergebnis, das die Wissenschaftler kaum fassen konnten: Der Honig war noch intakt. Nicht fermentiert, nicht zersetzt, nicht verdorben.

5500 Jahre unter der Erde – und theoretisch immer noch essbar. Die Forscher konnten sogar die Pflanzenarten bestimmen, von denen der Nektar ursprünglich stammte. Und das war kein Einzelfall. In derselben Region entdeckten Archäologen in einer 4000 Jahre alten Grabkammer Früchte, die in Honig eingelegt worden waren.
Als sie sie aufschnitten, strömte ihnen der Duft frischer Früchte entgegen, als wären sie gerade erst gepflückt worden. Dieser Honig wurde in die Erde gelegt, als es noch keine Schrift gab, als das Rad gerade erfunden worden war. Und er war noch genießbar, als moderne Labore die Versiegelung brachen. Jedes andere Lebensmittel hat ein Verfallsdatum.
Obst fault innerhalb von Tagen, Fleisch zersetzt sich in Wochen, Brot schimmelt nach wenigen Tagen. Selbst getrockneter Reis wird irgendwann ranzig. Konservendosen halten vielleicht fünf bis zehn Jahre, bevor das Metall korrodiert. Nur Honig gehorcht diesen Gesetzen nicht.
Die Antwort steckt in einer Kombination aus Chemie und Biologie, die so elegant ist, dass kein Lebensmitteltechnologe sie hätte erfinden können. Es war 1922, als der britische Archäologe Howard Carter im ägyptischen Tal der Könige das Grab von Pharao Tutanchamun öffnete. Neben goldenen Masken, Schmuck und kunstvollen Sarkophagen fanden seine Leute auch versiegelte Tongefäße. Der Inhalt: Honig.
Auf einem Gefäß stand eine Inschrift, die übersetzt „Honig von guter Qualität“ bedeutete. Obwohl dieser Honig über 3000 Jahre in der Grabkammer gelegen hatte, war er in bemerkenswert gutem Zustand – nicht vergoren, nicht zersetzt, theoretisch noch genießbar. Die Archäologen konservierten die Funde, statt sie zu probieren, was verständlich ist. Aber die Tatsache allein wirft eine Frage auf: Warum verdirbt Honig nicht?
Die Antwort beginnt bei etwas, das Lebensmittelchemiker Wasseraktivität nennen. Bakterien, Pilze und Hefen brauchen Wasser, um zu überleben. Die meisten Mikroorganismen brauchen einen Wert von mindestens 0,85, um wachsen zu können. Honig liegt bei etwa 0,5 bis 0,6.
Das ist so niedrig, dass Bakterien, die mit Honig in Kontakt kommen, durch den osmotischen Druck regelrecht austrocknen. Der Zuckergehalt von rund 80 Prozent, bestehend aus Glucose und Fruktose, entzieht den Bakterienzellen das Wasser und tötet sie ab. Paradoxerweise kann gerade weil Honig so süß ist, in ihm nichts Lebendiges Fuß fassen. Weil Honig hygroskopisch ist, also aktiv Feuchtigkeit aus seiner Umgebung anzieht und bindet, entzieht er sogar Bakterien auf einer Wundoberfläche das Wasser.
Das ist einer der Gründe, warum er seit Jahrtausenden zur Wundbehandlung eingesetzt wird. Das allein würde aber nicht reichen. Es gibt andere Lebensmittel mit hohem Zuckergehalt – Marmelade, Ahornsirup, Zuckerrübensirup. Sie verderben alle irgendwann.
Honig hat zwei weitere Schutzmechanismen, und erst die Kombination aller drei macht ihn wirklich einzigartig. Der zweite Mechanismus ist der pH-Wert. Honig ist erstaunlich sauer, mit einem pH-Wert zwischen 3,2 und 4,5 – ungefähr so sauer wie Orangensaft. Die meisten krankheitserregenden Bakterien bevorzugen eine neutrale bis leicht alkalische Umgebung zwischen 6,5 und 7,5.
In einem Milieu, das so sauer ist wie Honig, können sie weder überleben noch sich vermehren. Diese Säure stammt hauptsächlich von der Gluconsäure, einem Nebenprodukt der chemischen Reaktionen während der Honigherstellung. Der dritte Faktor ist der faszinierendste. Bienen tragen in ihrem Magen ein Enzym namens Glucoseoxidase.
Wenn sie den gesammelten Nektar in die Waben würgen, kommt dieses Enzym mit der Glucose im Nektar in Kontakt und spaltet sie. Dabei entstehen zwei Produkte: Gluconsäure, die den Honig noch saurer macht, und geringe Mengen Wasserstoffperoxid – genau das Desinfektionsmittel aus der Apotheke. Honig produziert also sein eigenes Antiseptikum. Nicht genug, um dir zu schaden, aber mehr als genug, um Bakterien effektiv abzutöten.
Und dieser Prozess läuft langsam und kontinuierlich ab, solange der Honig existiert. Diese drei Faktoren – niedriger Wassergehalt, saurer pH-Wert und die ständige Eigenproduktion von Wasserstoffperoxid – bilden ein dreifaches Sicherheitssystem. Wenn eine Barriere versagt, halten die anderen beiden stand. Kein anderes natürliches Lebensmittel hat alle drei Eigenschaften gleichzeitig.
Salz ist antibakteriell, aber es ist ein Mineral. Zucker hat eine niedrige Wasseraktivität, aber er ist ein raffiniertes Industrieprodukt. Honig ist das einzige unverarbeitete natürliche Lebensmittel, in dem Verderbnis verursachende Organismen nicht überleben können. Zusätzlich enthält Honig Flavonoide und phenolische Säuren – Antioxidantien, die ihn vor Oxidation schützen, also vor dem chemischen Prozess, der bei den meisten Lebensmitteln Geschmack, Farbe und Nährwert verändert.
Honig hat also nicht nur ein Abwehrsystem gegen Bakterien, sondern auch eines gegen den chemischen Zerfall selbst. Um wirklich zu verstehen, warum diese Eigenschaften so bemerkenswert sind, muss man sich ansehen, wie Honig entsteht. Eine Biene verlässt den Stock und fliegt zu einer Blütenwiese. Vorher hat sie von einer anderen Sammlerin eine präzise Wegbeschreibung erhalten – nicht in Worten, sondern in Form eines Tanzes.
Die Schwänzeltanzkommunikation der Honigbiene ist eines der komplexesten Kommunikationssysteme im Tierreich. Die Tänzerin bewegt sich in einer Acht und zeigt durch den Winkel ihres Tanzes die Richtung zur Nahrungsquelle relativ zum Sonnenstand an. Durch die Dauer des Tanzes verrät sie die Entfernung. Auf einem einzigen Sammelflug besucht eine Biene zwischen 50 und 100 Blüten.
Mit ihrem langen Rüssel saugt sie den Nektar auf und speichert ihn in ihrem Honigmagen, einem separaten Organ, das ausschließlich für den Transport von Nektar existiert. Bereits auf dem Rückflug beginnen die Enzyme in diesem Magen, den Nektar chemisch umzubauen. Komplexe Zucker werden in einfache Zucker aufgespalten, und die Glucoseoxidase wird zugesetzt. Zurück im Stock übergibt die Sammlerin den Nektar von Mund zu Mund an eine Stockbiene.
Die Stockbiene kaut den Nektar etwa 20 Minuten lang durch, wobei die Enzyme weiter einwirken und der Wassergehalt bereits sinkt. Dann wird der Nektar in eine offene Wabenzelle abgelegt. Jetzt beginnt der entscheidende Schritt: Die Bienen fächern mit ihren Flügeln Luft über die offenen Zellen und schlagen dabei rund 12. 000 Mal pro Minute.
Der frische Nektar enthält 60 bis 80 Prozent Wasser, und dieser Wassergehalt muss auf unter 20 Prozent sinken, bevor er als Honig gilt. Dieser Trocknungsprozess dauert mehrere Tage und läuft rund um die Uhr. Erst wenn der Wassergehalt niedrig genug ist, versiegeln die Bienen die Zelle mit einer dünnen Wachsschicht – das Qualitätssiegel der Bienen. Die Zahlen dahinter sind schwer zu begreifen.
Um ein einziges Kilogramm Honig herzustellen, müssen Bienen rund 5,7 Millionen Blüten besuchen. Die Flugstrecke dafür beträgt ungefähr 176. 000 Kilometer – mehr als vier Erdumrundungen. Eine einzelne Arbeitsbiene, die nur etwa sechs Wochen lebt, produziert in ihrem gesamten Leben rund ein Zwölftel eines Teelöffels Honig.
Das Glas in deinem Küchenschrank ist das kollektive Lebenswerk von Tausenden Bienen. Dass Honig nicht verdirbt und gleichzeitig süß, nahrhaft und heilend wirkt, haben Menschen schon vor sehr langer Zeit bemerkt. Die älteste bekannte Darstellung von Honigsammlern stammt aus einer Höhle namens Coves de la Aranya bei Bicorp in der spanischen Region Valencia. Die Malereien sind rund 8000 Jahre alt und zeigen eine menschliche Figur, die an Lianen eine Felswand hochklettert, um Honig aus einem wilden Bienennest zu holen.
Rund um die Figur schwirren aufgebrachte Bienen. Das war keine Imkerei im heutigen Sinne, sondern gefährliche Wildtierjagd. Die Menschen riskierten Stürze aus großer Höhe und Hunderte Bienenstiche, weil der Honig dieses Risiko wert war. 8000 Jahre lang hat sich an diesem Grundprinzip nichts geändert.
Honig ist den Aufwand wert – und das spiegelt sich in fast jeder großen Kultur und Religion wider. In der Bibel wird das verheißene Land als Land beschrieben, in dem Milch und Honig fließen. Im Koran wird Honig als Heilmittel erwähnt. Im Hinduismus ist Honig eines der fünf Elixiere der Unsterblichkeit.
In der nordischen Mythologie trank Odin Met, um die Dichtkunst zu erlangen. Über Kontinente, Jahrtausende und Religionsgrenzen hinweg taucht Honig immer wieder als Symbol für etwas Reines, Göttliches und Unvergängliches auf. Diese kulturelle Bedeutung ist kein Zufall. Sie wurzelt in einer einfachen Beobachtung: Alles andere verdirbt – Honig bleibt.
Von der wilden Honigjagd zur organisierten Bienenhaltung vergingen Jahrtausende. Die ersten professionellen Imker waren aller Wahrscheinlichkeit nach die alten Ägypter. Aufzeichnungen aus der Zeit um 2400 vor Christus zeigen organisierte Bienenstöcke entlang des Nils, gebaut aus horizontal gestapelten Tonröhren. Dieses Design wird in Teilen Ägyptens bis heute verwendet, fast viereinhalbtausend Jahre nach seiner Erfindung.
Die Ägypter waren auch die ersten Wanderimker: Sie transportierten ihre Bienenstöcke auf Booten den Nil entlang, um verschiedene Blütezeiten in unterschiedlichen Regionen zu nutzen. Für die alten Ägypter war Honig weit mehr als ein Süßungsmittel. Er war Währung, Medizin, Kosmetikprodukt und religiöses Symbol zugleich. Arbeiter wurden in Honig bezahlt, Steuern wurden in Honig abgeführt.
Honig war so wertvoll, dass sein Diebstahl hart bestraft wurde. Laut ägyptischer Mythologie entstanden die Bienen aus den Tränen des Sonnengottes Ra, und seit der ersten Dynastie war die Biene Teil des königlichen Titels. Im 12. Jahrhundert vor Christus opferte Pharao Ramses III.
15 Tonnen Honig an Hapi, den Gott des Nils. Die vielleicht bemerkenswerteste Verwendung fand Honig bei der Mumifizierung. Die Ägypter hatten beobachtet, dass Honig konservierende und desinfizierende Eigenschaften besitzt, auch wenn sie die chemischen Gründe nicht kannten. Sie verwendeten ihn in Einbalsamierungsmitteln, versiegelten Sarkophage mit Bienenwachs und legten ihren Toten Honiggefäße als Proviant für die Reise ins Jenseits bei.
Der 3000 Jahre alte Honig im Grab von Tutanchamun war genau das – ein Vorrat, der für die Ewigkeit gedacht war. Und er hat die Ewigkeit tatsächlich überdauert. Der Edwin-Smith-Papyrus, ein medizinischer Text aus der Zeit um 1600 vor Christus, beschreibt die Behandlung von Wunden mit Honig. Das ist bemerkenswert, weil die moderne Wissenschaft dreieinhalbtausend Jahre später bestätigt hat, dass genau dieser Einsatz medizinisch korrekt war.
Die Ägypter wussten nicht, warum Honig Wunden heilt, aber sie dokumentierten die Ergebnisse – und die Ergebnisse waren konsistent genug, um sie in ein medizinisches Lehrbuch zu schreiben. Von Ägypten wanderte das Wissen über Honig nach Mesopotamien und dann in die griechische Welt. Die Griechen waren die ersten, die Honig nicht nur nutzten, sondern systematisch erforschten. Aristoteles beschrieb in seinem Werk „Historia Animalium“ als erster das Verhalten von Bienen in wissenschaftlicher Form.
Er dokumentierte die Struktur des Bienenstocks, die Aufgabenverteilung unter den Bienen und den Prozess der Honigproduktion. Er irrte sich bei einigen Details – er hielt die Bienenkönigin etwa für einen König –, aber er legte den Grundstein für alles, was danach kam. Die Bienenhaltung war in Athen um 594 vor Christus so verbreitet, dass der Gesetzgeber Solon ein Gesetz erließ, das den Mindestabstand zwischen Bienenstöcken regelte – eines der ältesten bekannten Nachbarschaftsgesetze der Welt. Hippokrates, geboren um 460 vor Christus und weithin als Begründer der modernen Medizin anerkannt, verschrieb Honig gegen eine erstaunlich breite Palette von Leiden.
Er mischte Honig mit Essig zu einem Mittel namens Oxymel gegen Schmerzen. Er verwendete Honigwasser, Hydromel genannt, gegen Fieber und Dehydrierung. Er behandelte Geschwüre, offene Wunden und Augenkrankheiten mit verschiedenen Honigpräparaten. In seinen Schriften heißt es: „Honig reinige Wunden und Geschwüre, erweiche verhärtete Lippen und heile Karunkel.
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Die Philosophen Demokrit und Pythagoras behaupteten, ihre außergewöhnliche Langlebigkeit dem regelmäßigen Verzehr von Honig zu verdanken. In der griechischen Mythologie war Honig göttlich: Die Ambrosia, die Nahrung der olympischen Götter, soll Honig enthalten haben. Met, der vergorene Honigwein, war eines der ältesten alkoholischen Getränke Griechenlands, älter sogar als der Traubenwein. Frisch verheiratete Paare tranken in ihren ersten gemeinsamen Wochen Met – und tatsächlich leitet sich das englische Wort „Honeymoon“ von genau dieser griechischen Tradition ab.
Im römischen Reich wurde Honig zum festen Bestandteil des Alltags, zumindest für die Wohlhabenden. Die Römer mischten Honig mit Wein zu einem Getränk namens Mulsum, das bei Banketten als Zeichen von Raffinesse galt. Römische Köche verwendeten Honig in einer Vielzahl von Gerichten, von Soßen über Gebäck bis zur Konservierung von Obst und Nüssen – Jahrhunderte bevor es Einmachgläser oder Kühlschränke gab. Wenn du im antiken Rom einen Apfel bis zum Winter aufbewahren wolltest, hast du ihn in Honig eingelegt.
Römische Soldaten trugen Honig auf Feldzügen als Energiequelle und Wundbehandlung bei sich. Die Legionen wussten aus Erfahrung, dass eine Wunde, die mit Honig bestrichen wurde, besser heilte als eine unbehandelte. Der römische Naturforscher Plinius der Ältere dokumentierte die heilenden Eigenschaften von Honig ausführlich in seiner „Naturalis Historia“. Und der griechische Arzt Dioskurides, der im ersten Jahrhundert nach Christus im römischen Reich praktizierte, widmete dem Honig in seinem Werk „Materia Medica“ ein eigenes Kapitel.
Dieses Buch blieb über 1500 Jahre lang das Standardwerk der Pharmakologie. Was all diese Zivilisationen über Jahrtausende verband, war eine gemeinsame empirische Erkenntnis: Honig heilt, Honig konserviert, Honig hält sich. Sie hatten keine Mikroskope, kein Wissen über Bakterien, kein Verständnis von Enzymen oder pH-Werten. Aber sie beobachteten die Ergebnisse über Generationen hinweg – und diese Ergebnisse waren so konsistent, dass sie Honig in ihre Medizin, ihre Religion und ihre Wirtschaft integrierten.
Im Mittelalter übernahmen die Klöster die Rolle der antiken Imker. Mönche hielten Bienen, teils für das Wachs, das sie für Kerzen brauchten, teils für den Honig selbst. In klösterlichen Krankenstationen gehörte Honig zur Standardausstattung. Er wurde mit Kräutern wie Thymian, Rosmarin oder Salbei vermischt und als medizinisches Getränk verabreicht.
Met war in ganz Europa verbreitet und galt als Getränk der Könige und Krieger. In Skandinavien hieß es, Met sei das Getränk der Götter, und Wikinger tranken ihn sowohl bei Festen als auch vor Schlachten. Die Herstellung von Met ist wahrscheinlich eine der ältesten Formen der Alkoholproduktion überhaupt, möglicherweise älter als die Weinherstellung – es gibt Hinweise auf die Fermentation von Honig, die bis 7000 Jahre vor Christus zurückreichen. Dann kam der Zucker.
Ab dem 16. Jahrhundert verbreitete sich Rohrzucker aus der Neuen Welt über Europa und verdrängte Honig als wichtigstes Süßungsmittel. Zucker war billiger zu produzieren, leichter zu transportieren und gleichmäßiger im Geschmack. Die industrielle Zuckerproduktion des 18.
und 19. Jahrhunderts machte Honig vom Alltagsprodukt zum Luxus- und Nischenprodukt. Und mit der Entdeckung der Antibiotika im 20. Jahrhundert verlor Honig auch seine letzte große Rolle als Medikament.
Penicillin war schneller, billiger und einfacher zu dosieren. Warum sollte ein Arzt Honig auf eine Wunde streichen, wenn es eine Tablette gab? Aber die Geschichte dreht sich weiter. In den vergangenen Jahrzehnten ist ein wachsendes Problem aufgetaucht: Antibiotikaresistenzen.
Bakterien wie MRSA, der Methicillin-resistente Staphylococcus aureus, reagieren nicht mehr auf die gängigen Antibiotika. Die Weltgesundheitsorganisation nennt Antibiotikaresistenzen eine der größten Bedrohungen für die globale Gesundheit. Und genau in diesem Kontext ist Honig wieder ins Blickfeld der Wissenschaft gerückt. Manuka-Honig, gewonnen aus dem Nektar der Südseemyrte in Neuseeland und Australien, enthält neben dem üblichen Wasserstoffperoxid eine zusätzliche antibakterielle Substanz namens Methylglyoxal.
Dieser Wirkstoff verleiht Manuka-Honig eine antimikrobielle Potenz, die unabhängig vom Wasserstoffperoxid funktioniert. Während normaler Honig seine antibakterielle Wirkung verliert, wenn man das Wasserstoffperoxid neutralisiert, bleibt Manuka-Honig auch dann wirksam. Er hat gewissermaßen ein viertes Schloss an der Tür. Forscher der University of Technology Sydney haben gezeigt, dass medizinischer Manuka-Honig, bekannt unter dem Handelsnamen Medihoney, die Wirksamkeit von Antibiotika verbessern kann.
In Kombination mit dem Antibiotikum Rifampicin konnte Medihoney Infektionen mit dem Superkeim MRSA behandeln, gegen den das Antibiotikum allein machtlos war. Der Honig verhinderte, dass die Bakterien Resistenzen gegen das Medikament entwickelten. Und das ist vielleicht der bemerkenswerteste Aspekt der gesamten Geschichte: Bis heute gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass Bakterien eine Resistenz gegen Honig entwickeln können. Gegen Penicillin haben sie es geschafft, gegen Meticillin haben sie es geschafft, gegen dutzende moderne Antibiotika haben sie Resistenzen aufgebaut.
Aber gegen ein Mittel, das Bienen seit Millionen von Jahren produzieren, haben sie bis heute keine Antwort gefunden. Im Jahr 2007 wurde Medihoney von der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA als Medizinprodukt für die Wundpflege zugelassen. Seitdem hat sich medizinischer Honig in der klinischen Praxis etabliert. Er wird als Gel, als getränkter Verband oder als Paste auf Wunden aufgetragen.
Die Einsatzgebiete reichen von Verbrennungen über diabetische Fußgeschwüre und Druckgeschwüre bis hin zu postoperativen Wundinfektionen. In der pädiatrischen Onkologie wird Medihoney eingesetzt, weil das Immunsystem dieser Patienten durch die Chemotherapie geschwächt ist und konventionelle Antibiotika oft nicht ausreichen. Was Medihoney von einem gewöhnlichen Antibiotikum unterscheidet, ist sein Wirkprinzip. Antibiotika greifen Bakterien in der Regel über einen Mechanismus an, etwa indem sie die Zellwand zerstören oder die Proteinsynthese blockieren.
Die Bakterien müssen nur eine einzige Schwachstelle in diesem Angriff finden, um resistent zu werden. Honig greift gleichzeitig über mehrere Mechanismen an: osmotischer Stress, Säure, Wasserstoffperoxid und im Fall von Manuka-Honig zusätzlich Methylglyoxal. Für ein Bakterium ist es nahezu unmöglich, gegen alle diese Angriffe gleichzeitig Resistenzen zu entwickeln. Es gibt nur eine einzige Bedingung, unter der Honig tatsächlich verderben kann – und die ist so simpel, dass sie fast enttäuschend klingt: Wasser.
Wenn Feuchtigkeit in den Honig gelangt, etwa durch einen nassen Löffel, einen undichten Deckel oder Lagerung an einem feuchten Ort, steigt die Wasseraktivität. Sobald genug freies Wasser vorhanden ist, können Hefepilze anfangen, den Zucker zu fermentieren – der Honig beginnt zu gären. Deshalb die einfache Regel: trockenes Besteck, verschlossenes Glas, Raumtemperatur, kein Kühlschrank nötig. Kühlschränke beschleunigen sogar die Kristallisation, ohne irgendeinen Konservierungsvorteil zu bieten.
Kristallisation selbst ist kein Verderb. Wenn Honig im Glas fest wird und körnig aussieht, ist das ein rein physikalischer Vorgang: Die Glucose löst sich vom Wasser und bildet Kristalle. Der Honig ist danach genauso sicher, genauso nahrhaft und genauso lecker wie vorher. Ein paar Minuten im warmen Wasserbad, einmal umrühren, und er ist wieder flüssig.
Das Mindesthaltbarkeitsdatum auf dem Etikett ist gesetzlich vorgeschrieben und bezieht sich auf die Qualität, nicht auf die Sicherheit. Reiner Honig, trocken und verschlossen gelagert, hat kein echtes Verfallsdatum. Wenn man all das zusammennimmt – die Chemie, die Biologie der Bienen, die Jahrtausende menschlicher Geschichte –, ergibt sich ein Bild, das weit über ein einzelnes Lebensmittel hinausgeht. Honig wurde geerntet, bevor die Menschen Ackerbau betrieben.
Er war Nahrung, bevor es Brot gab. Er war Medizin, bevor irgendjemand wusste, was Bakterien sind. Er war Währung, bevor Münzen geprägt wurden. Er hat Pharaonen ins Jenseits begleitet und Wunden römischer Legionäre geheilt.
Und heute, in einer Zeit, in der unsere modernsten Antibiotika zunehmend wirkungslos werden, kehren Krankenhäuser zu genau diesem Mittel zurück. Diese Geschichte zeigt auch, wie abhängig wir von einem einzigen Insekt sind. Honigbienen bestäuben rund 70 Prozent der Nutzpflanzen, von denen die Menschheit lebt. Ohne Bienen gäbe es keinen Honig, aber es gäbe auch einen Großteil des Obsts und Gemüses nicht, das wir jeden Tag essen – Äpfel, Mandeln, Kirschen, Gurken, Kürbisse.
Und genau diese Bienen sind bedroht. Pestizide, industrielle Monokulturen, Parasiten wie die Varroa-Milbe, Pilzinfektionen und der Verlust natürlicher Lebensräume setzen den Bienenpopulationen weltweit zu. In manchen Regionen sind die Bestände in den vergangenen 20 Jahren um 30 bis 40 Prozent zurückgegangen. Honigbienen gibt es seit mindestens 150 Millionen Jahren.
Fossile Funde zeigen, dass sie sich seit 20 Millionen Jahren kaum verändert haben. Ein Insekt mit einem Gehirn von der Größe eines Sesamkorns hat ein Produkt geschaffen, das über 200 Inhaltsstoffe enthält, drei unabhängige Abwehrsysteme gegen Verderb besitzt und seit 8000 Jahren von Menschen genutzt wird – ohne dass wir es bis heute vollständig verstanden haben.


