Ich wollte nur ein einfaches Rezept nachkochen und brauchte dafür Mandeln aus dem Supermarkt. Als ich die Packung öffnete, erinnerte ich mich an eine Warnung meiner Großmutter: „Drei davon können…

Ich wollte nur ein einfaches Rezept nachkochen und brauchte dafür Mandeln aus dem Supermarkt. Als ich die Packung öffnete, erinnerte ich mich an eine Warnung meiner Großmutter: „Drei davon können...

Ein Berliner Farbenmacher wollte Rot herstellen und schuf aus einem Zufall heraus ein Blau, das die Welt verändern sollte. Aus diesem Blau entstand ein Gift, das unsichtbar, geruchlos und tödlich ist. Die Geschichte dieser Substanz führt von einer verunreinigten Pottasche bis in die Gaskammern von Auschwitz, von einer Goldmine bis in die Zahnlücke eines Massenmörders – und sie beginnt mit einem einzigen, winzigen Fehler. Im Europa des frühen 18.

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Jahrhunderts war Blau die Farbe der Reichen. Ultramarin, aus dem Halbedelstein Lapislazuli gewonnen, musste aus Afghanistan über tausende Kilometer transportiert werden und kostete mehr als Gold. Die meisten Maler konnten es sich nur für den Mantel der Jungfrau Maria leisten. Andere Pigmente waren blass oder verblassten auf der Leinwand.

Im Jahr 1706 arbeitete der Schweizer Farbenmacher Johann Jakob Diesbach in Berlin. Er wollte ein tiefes Rot herstellen, ein Karmesinrot aus der Cochenille-Schildlaus. Dafür brauchte er Pottasche, ein Alkali aus Pflanzenasche. Da ihm die Pottasche ausging, lieh er sich etwas aus dem Labor seines Nachbarn Johann Konrad Dippel, einem Alchemisten und Theologen.

Dippel stellte ein übelriechendes Öl her, destilliert aus Tierknochen und Tierblut, und hatte seine Pottasche benutzt, um dieses Öl zu reinigen. Die Pottasche war mit stickstoffhaltigen Verbindungen aus dem Blut kontaminiert. Als Diesbach diese verunreinigte Pottasche mit seinem Eisensulfat mischte, erwartete er Rot. Stattdessen fiel ein Niederschlag aus, der zunächst rötlich wirkte, dann blass wurde und sich schließlich in ein tiefes, leuchtendes Blau verwandelte.

Diesbach starrte erstaunt auf das Ergebnis. Er hatte keine Ahnung, was chemisch passiert war, aber er erkannte sofort, was er vor sich hatte. Er nannte es Berliner Blau. Was Diesbach nicht wusste: Die Stickstoffverbindungen aus Dippels Knochenöl hatten mit dem Eisen reagiert und eine Verbindung gebildet, die später Eisenhexacyanoferrat genannt wurde.

In dieser Verbindung versteckte sich eine Atomgruppe aus Kohlenstoff und Stickstoff, die erst Jahrzehnte später isoliert werden sollte: Zyan. Berliner Blau kostete nur ein Zehntel von Ultramarin. Innerhalb weniger Jahrzehnte verdrängte es alle anderen blauen Pigmente vom Markt. Canaletto malte damit den venezianischen Himmel, Thomas Gainsborough nutzte es für seine Porträts, und 100 Jahre später verwendete Katsushika Hokusai es für „Die große Welle vor Kanagawa“.

Doch 76 Jahre nach Diesbachs Zufall isolierte der schwedische Apotheker Carl Wilhelm Scheele 1782 aus Berliner Blau eine farblose, leicht flüchtige Flüssigkeit mit scharfem Geruch nach Bittermandeln. Blausäure. Zyanwasserstoff, die einfachste und tödlichste Zyanidverbindung. Er nannte sie Blausäure, weil sie aus dem blauen Pigment stammte.

Scheele war einer der produktivsten Chemiker seiner Epoche. Er entdeckte den Sauerstoff vor Joseph Priestley, isolierte Chlor, Mangan und Barium und identifizierte Dutzende organischer Säuren. Doch er hatte eine tödliche Angewohnheit: Er kostete seine Chemikalien und notierte ihren Geschmack in seinen Aufzeichnungen. Am 21.

Mai 1786 starb er im Alter von 43 Jahren, zwei Tage nach seiner Hochzeit. Die genaue Todesursache ist umstritten, aber die meisten Historiker gehen von einer jahrelangen Vergiftung durch seine Experimente aus. Als wäre das nicht genug, hatte Scheele 1775 auch ein leuchtend grünes Pigment erfunden. Scheeles Grün, ein Kupferarsenat, wurde das beliebteste Grünpigment des viktorianischen Zeitalters – verwendet in Tapeten, Stoffen, Kleidern und sogar Kinderspielzeug.

Es enthielt Arsen, und in feuchten Räumen setzte es arsenhaltige Gase frei. Es vergiftete tausende Menschen. Sogar Napoleons Tod wurde mit der grünen Tapete in seinem Schlafzimmer in Verbindung gebracht. Im Jahr 1815 gab der französische Chemiker Joseph Louis Gay-Lussac der Verbindung ihren endgültigen Namen: Zyan, nach dem griechischen Wort „kyanos“, dunkelblau.

Die Farbe Blau ist buchstäblich in den Namen eingeschrieben: Berliner Blau, Blausäure, Zyan. Um zu verstehen, warum Zyan so tödlich ist, muss man verstehen, wie Zellen atmen. In den Mitochondrien läuft eine Kette chemischer Reaktionen ab, die Sauerstoff verwendet, um Energie zu erzeugen. Das letzte Enzym in dieser Kette heißt Cytochromoxidase.

Genau dieses Enzym blockiert Zyanid. Es bindet sich an das Eisenatom im Zentrum des Enzyms und legt es lahm. Die Zelle hat Sauerstoff, das Blut ist voll davon, aber die Zelle kann ihn nicht verwenden. Die Haut der Opfer verfärbt sich nicht blau wie bei normalem Erstickungstod, sondern kirschrot.

Ein paradoxes Zeichen dafür, dass der Körper mit Sauerstoff gesättigt ist, den er nicht nutzen kann. Als Gas eingeatmet kann Zyanwasserstoff in einer Konzentration von 3500 Teilen pro Million innerhalb einer Minute zum Tod führen. Oral eingenommen dauert es 15 bis 45 Minuten, und die nötige Dosis passt auf die Spitze eines Teelöffels. Im Jahr 1887 meldeten der schottische Chemiker John Stewart MacArthur und die Brüder Robert und William Forrest ein Patent an, das die Goldgewinnung revolutionieren sollte.

Mit dem MacArthur-Forrest-Verfahren wurde Golderz in eine verdünnte Natriumzyanidlösung getaucht, das Zyanid löste das Gold auf, anschließend wurde es mit Zinkstaub wieder ausgefällt. Die Ausbeute stieg von 40 bis 50 Prozent auf über 90 Prozent. Plötzlich waren Erze wirtschaftlich nutzbar, die vorher als wertlos galten. Ab 1890 wurde das Verfahren in großem Maßstab in den Goldfeldern Südafrikas eingesetzt, und Südafrika wurde innerhalb weniger Jahre zum größten Goldproduzenten der Welt.

Heute werden etwa 90 Prozent des weltweit geförderten Goldes mit Zyanid gewonnen. Die globale Bergbauindustrie verbraucht schätzungsweise 200. 000 Tonnen Natriumzyanid pro Jahr. Diese Menge hat Konsequenzen.

Am 30. Januar 2000 brach ein Damm an einer Goldmine im rumänischen Baia Mare. 100. 000 Kubikmeter zyanidverseuchtes Wasser ergossen sich in den Fluss Someș, von dort in die Theiß und schließlich in die Donau.

120 Tonnen Zyanid vergifteten das Trinkwasser von zweieinhalb Millionen Menschen. 1. 240 Tonnen Fisch starben. Die Presse nannte es die schlimmste Umweltkatastrophe in Europa seit Tschernobyl.

Doch Zyanid hat noch eine andere Geschichte geschrieben. Im Zweiten Weltkrieg entwickelte die britische SOE eine Kapsel, die als „L-Pille“ bekannt wurde: eine Kaliumzyanidkapsel in einer Gummihülle. Agenten konnten sie im Mund tragen und sie zerbeißen, wenn Gefangennahme und Folter unvermeidlich waren. Am 30.

Dezember 1916 hatten russische Verschwörer unter Führung des Fürsten Felix Jussupow versucht, den Mystiker Grigori Rasputin mit Kaliumzyanid zu töten. Sie vergifteten Kuchen und Wein. Rasputin aß und trank, zeigte aber keinerlei Wirkung. Der Zucker in den Kuchen hatte teilweise mit dem Zyanid reagiert und weniger toxische Substanzen gebildet.

Am Ende erschossen und ertränkten sie ihn in der Newa. 30 Jahre später funktionierte das Gift besser. Am 15. Oktober 1946, zwei Stunden vor seiner geplanten Hinrichtung, biss Hermann Göring auf eine Kaliumzyanidkapsel und starb.

Wie er die Kapsel in seine Zelle geschmuggelt hatte, wurde nie zweifelsfrei geklärt. Am 23. Mai 1945 beendete Heinrich Himmler sein Leben auf dieselbe Weise. Von britischen Soldaten gefasst und als einfacher Soldat verkleidet, biss er während einer ärztlichen Untersuchung auf eine Zyanidkapsel, die in einer Zahnlücke verborgen war.

Er starb innerhalb von 12 bis 15 Minuten, trotz aller Rettungsversuche. Am 7. Juni 1954 wurde Alan Turing, der Mathematiker, der den Enigma-Code geknackt hatte, tot in seinem Haus aufgefunden. Neben seinem Bett lag ein halbgegessener Apfel.

Die Untersuchung ergab eine Zyanidvergiftung. Turing war 1952 wegen seiner Homosexualität verurteilt und zur chemischen Kastration gezwungen worden. Er wurde nur 41 Jahre alt. Erst 2013 erhielt er eine posthume Begnadigung.

Am 18. November 1978 ordnete Jim Jones, der Anführer der Sekte Peoples Temple, den Massensuizid seiner Anhänger in Jonestown, Guyana, an. 918 Menschen starben, darunter 276 Kinder. Das Gift war Kaliumzyanid, gemischt mit Valium und einem Fruchtgetränk.

Und im September 1982 starben in Chicago sieben Menschen, nachdem sie Tylenol-Kapseln eingenommen hatten, die mit Kaliumzyanid manipuliert worden waren. Das jüngste Opfer war 12 Jahre alt. Der Täter wurde nie identifiziert, aber der Fall führte zur Entwicklung manipulationssicherer Verpackungen. Doch all diese Tode verblassen vor der dunkelsten Seite der Zyanidgeschichte.

Und diese Seite beginnt mit einem Mann, der die Welt ernähren und gleichzeitig vergiften wollte. Fritz Haber wurde 1868 in Breslau als Sohn einer jüdischen Familie geboren. Er entwickelte gemeinsam mit Carl Bosch das Haber-Bosch-Verfahren, die Synthese von Ammoniak aus Luftstickstoff. Diese Erfindung ermöglichte die Massenproduktion von Kunstdünger und machte es möglich, Milliarden Menschen zu ernähren.

Dafür erhielt Haber 1918 den Nobelpreis für Chemie. Doch Haber war auch ein glühender deutscher Patriot. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, stellte er seine Chemie in den Dienst des Militärs. Am 22.

April 1915 leitete er persönlich den ersten großen Giftgasangriff der Geschichte. 180 Tonnen Chlorgas bei Ypern in Belgien. Etwa 5. 000 alliierte Soldaten starben, 15.

000 wurden verletzt. Seine Frau Clara, selbst Chemikerin und die erste Frau, die an der Universität Breslau promoviert hatte, war entsetzt. Am 2. Mai 1915, wenige Tage nach dem Angriff, nahm sie Habers Dienstpistole und erschoss sich im Garten ihres Hauses.

Ihr Sohn Hermann fand sie sterbend. Haber reiste am nächsten Morgen an die Ostfront, um den nächsten Gasangriff vorzubereiten. Nach dem Krieg arbeiteten Wissenschaftler in Habers Institut an Schädlingsbekämpfungsmitteln. Eines der Produkte war Zyklon B: Zyanwasserstoff, gebunden an poröse Trägerstoffe wie Kieselgur, mit einem Stabilisator und einem Warnstoff versehen, der die Anwender vor dem tödlichen Gas warnte.

Hergestellt wurde es von einer Firma, die eine Tochter der IG Farben war. Und dann kam die Modifikation, die alles veränderte. Auf Anordnung der SS wurde der Warnstoff aus dem Zyklon B entfernt. Offiziell um Kosten zu sparen.

In Wirklichkeit, damit die Opfer das Gas nicht bemerkten, bevor es zu spät war. Im September 1941 wurde Zyklon B erstmals zur Ermordung von Menschen eingesetzt, im Keller des Blocks 11 im Stammlager Auschwitz. 600 sowjetische Kriegsgefangene und 250 kranke polnische Häftlinge starben bei diesem ersten Versuch. Der Lagerkommandant Rudolf Höß beobachtete das Ergebnis und ordnete den Ausbau an.

In den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau starben auf dem Höhepunkt des Betriebs bis zu 6. 000 Menschen pro Tag. Die Opfer wurden in Räume geführt, die als Duschen getarnt waren. Durch Luken in der Decke wurden die Zyklon-B-Pellets eingeworfen.

Der Tod trat innerhalb von 15 bis 20 Minuten ein. In Auschwitz allein wurden etwa 1,1 Millionen Menschen ermordet. Fritz Haber erlebte den Holocaust nicht. Die Nationalsozialisten hatten ihn 1933 trotz seines Nobelpreises aus allen Ämtern gedrängt, weil er Jude war.

Er floh nach England, dann in die Schweiz, wo er am 29. Januar 1934 in Basel an Herzversagen starb. Mitglieder seiner erweiterten Familie starben in den Vernichtungslagern, getötet mit einer Technologie, die aus seinem eigenen Institut stammte. Zyanid existiert aber auch in der Natur.

Bittermandeln enthalten Amygdalin, eine Verbindung, die im Körper Blausäure freisetzt. 50 bis 70 Bittermandeln können für einen Erwachsenen tödlich sein. Maniok, das Grundnahrungsmittel von über 800 Millionen Menschen, enthält in seiner bitteren Variante zyanogene Glykoside und muss tagelang gewässert werden, bevor es sicher gegessen werden kann. Wer den Prozess abkürzt, riskiert Konzo, eine plötzliche Lähmung der Beine, die vor allem Kinder in Zentralafrika betrifft.

Heute wird Zyanid verwendet, um Gold aus der Erde zu holen, Stahl zu härten und Nylon herzustellen. Die Weltproduktion übersteigt eine Million Tonnen pro Jahr. Es gibt Gegenmittel: Hydroxocobalamin, eine Form von Vitamin B12, das das Zyanid im Blut bindet und in harmloses Cyanocobalamin verwandelt. Die Haut der Patienten färbt sich dabei tagelang tiefrot.

Kein anderes Gift hat so viele Gesichter. Von der Staffelei bis zur Gaskammer, vom Goldbarren bis zur Spionagekapsel, vom Apfelkern bis zum Trinkwasser. Und kein anderes Gift verdankt seinen Namen einer Farbe, die für Schönheit steht: für den Himmel, für die Unendlichkeit. Blau, die Farbe, die Europa sich nicht leisten konnte.

Die Farbe, die ein Farbenmacher durch Zufall erschuf. Die Farbe, die in jedem Zyanidmolekül weiterlebt, unsichtbar, geruchlos für jeden vierten Menschen auf der Erde – und tödlich.