Mein Großvater hatte im Keller eine Holzkiste, die er nie aufschloss, solange jemand anderes im Raum stand. Als ich nach seinem Tod endlich den Deckel hob, lag da zwischen Kurbelradio und…

Mein Großvater hatte im Keller eine Holzkiste, die er nie aufschloss, solange jemand anderes im Raum stand. Als ich nach seinem Tod endlich den Deckel hob, lag da zwischen Kurbelradio und...

Die Holzkiste stand hinter dem Kohlenkasten, dort, wo die Kellermauer auch im August kühl blieb. Du konntest sie öffnen, du durftest hineinschauen, aber nichts anfassen. Zwölf Weckgläser mit Schweinefleisch im eigenen Fett. Eine Blechdose mit Streichhölzern, der Rand mit Kerzenwachs versiegelt.

Thumbnail

Ein Kurbelradio aus dem Jahr 1958. Und da hinten, in der Ecke, der kleine Lederbeutel mit den Silbermünzen, über den er kein einziges Wort verlor. „Das nennt man nicht Prepping”, sagte er immer. „Das nennt man Vorrat.

Was auf den Brettern dieses Kellers stand, ist heute vergessen, reguliert oder leise verboten worden. Das meiste davon haben die Leute weggeworfen, weil sie nicht mehr wissen, wozu es gut war. Aber früher gehörte diese Liste zur Grundausstattung eines ordentlichen deutschen Haushalts. Nicht, weil die Männer Angst hatten.

Sondern weil sie wussten, was sie konnten. Wir fangen von hinten an. Nummer 15 – das Kurbelradio. Ein Radio, das keine Batterie braucht, keine Steckdose, keinen Mast aus Beton.

Nur eine Hand und ein bisschen Geduld im Handgelenk. Wer in den Sechzigern groß geworden ist, kennt das Gewicht eines Grundigs in der Hand, das Klicken der Kurbel und das Rauschen der Mittelwelle, bis sie eine Station gefunden hatte. Solide Geräte, die nicht alle zwei Jahre erneuert werden mussten. Ein vernünftiges Kurbelradio kostet heute achtzig bis hundertzwanzig Euro.

Eine Investition fürs Leben, sagte mein Großvater. Wenn das Stromnetz ausfällt, verschwinden zuerst die Nachrichten. Kein Internet, kein Mobilfunk, kein Fernsehbild. Dann zählt nur noch, was du im Keller stehen hast.

Ein Mann, der die Welt noch hören kann, kann seine Familie noch schützen. Aber ein Radio nützt dir nichts in einer dunklen Küche. Und damit kommen wir zu Nummer 14 – die Petroleumlampe mit dem richtigen Docht. Keine Kerze, sondern eine richtige Lampe mit Glaszylinder und flachem Docht.

Ich sehe sie noch vor mir, die alte Feuerhand-Sturmlaterne aus dem Hofladen. Das gedämpfte Gelb auf dem Küchentisch, der Geruch des Petroleums, wenn der Docht frisch geschnitten war. Den Docht haben die Männer früher mit der Schere schräg angeschnitten, damit die Flamme gleichmäßig brennt und nicht rußt. Wer das einmal richtig beigebracht bekommen hat, vergisst es nicht.

Eine Kerze brennt vielleicht vier Stunden. Eine Petroleumlampe brennt die ganze Nacht und die nächste dazu. Ein Liter Petroleum kostet keine drei Euro und hält vier Abende. Mein Opa kannte den Unterschied.

Heute stehen in den meisten Haushalten nicht einmal mehr richtige Sturmlaternen. Dafür dreißig Teelichter aus der Großpackung, die nach zwei Stunden ausgehen. Nummer 13 – das Brennholz. Ein Jahr im Voraus geschlagen und ordentlich gelagert.

Keine Pellets, keine Briketts aus dem Baumarkt. Gespaltene Buche und Eiche, unter einem Dach gestapelt, mindestens zwölf Monate getrocknet. Wer einmal eine Axt auf den Hackklotz hat fallen lassen, vergisst das Geräusch nicht. Und den Geruch frisch gespaltener Buche im November.

Der Holzfeuchtemesser wurde ans Hirnholz gehalten. Achtzehn Prozent oder weniger, sonst rußt der Ofen, und der Schornsteinfeger macht ein Gesicht, das sich keiner zweimal ansehen will. Drei Raummeter pro Winter – das war eine vernünftige Rechnung für ein kleines Haus. Aber seit der neuen Verordnung im Januar 2024 dürfen viele alte Kaminöfen aus den Achtzigern nicht mehr betrieben werden.

Stillgelegt, verschrottet. Wer einen behalten will, braucht einen Filter, der teurer ist als der Ofen selbst. Ein Haus, das sich selbst heizen kann, verhandelt mit niemandem. Das wussten die Männer, die noch wussten, wo der Wald anfängt.

Nummer 12 – die Weckgläser. Eingewecktes Schwein im eigenen Fett, im Glas eingeschlossen und im kühlen Keller gelagert, jahrelang haltbar. Die Gläser mit der Erdbeere auf dem Deckel, die jeder kennt. Der Gummiring, der beim Abkühlen den Deckel ansaugt, und das satte Klicken, wenn das Glas zugezogen hat.

Am Sonntagnachmittag brummte der Einkochautomat in der Speisekammer, während die Frauen am Küchentisch saßen und die Klammern aufsetzten. Schweinebraten mit Salz, Pfeffer und Lorbeer hielt zwei Jahre und länger. Leberwurst, Sülze, Wurzelfleisch. Ein Keller voll davon hat eine Familie durch den ganzen Winter gebracht, ohne einen Pfennig beim Metzger zu lassen.

Die Hausschlachtung, die dazu gehörte, ist heute praktisch nicht mehr möglich. Ohne amtliche Fleischbeschau. Ohne EU-Zulassung. Ohne Zertifikat.

Ein Glas Fleisch, das meine Großmutter im Oktober eingeweckt hat, ernährte die Familie im Februar. Heute bräuchtest du dafür einen Schein und einen Beamten. Nummer 11 – ein richtiger Werkzeugkasten. Nicht der bunte Plastikkoffer aus dem Baumarkt, der nach zwei Reparaturen die Scharniere verliert.

Ein ordentlicher Kasten aus Stahlblech oder Holz mit deutschem Werkzeug, das den Besitzer überlebt. Hazet aus Remscheid. Gedore, ebenfalls aus Remscheid. Knipex aus Wuppertal.

Die Wasserpumpenzange, die in keiner ordentlichen Schublade fehlen darf. Dazu der Zollstock von Stabila, die Wasserwaage, die Feile, das Schleifpapier, der Hammer mit dem Eschenstiel, der nicht aus dem Heft rutscht. Ich erinnere mich an das kalte Gewicht eines Maulschlüssels in der Hand und das satte Klicken einer Knipex, wenn sie greift. Ein vernünftiger Steckschlüsselsatz hat 1972 vielleicht sechzig Mark gekostet.

Der hängt heute noch in derselben Werkstatt. Heute kostet derselbe Satz dreihundertfünfzig bis vierhundert Euro, und die meisten greifen lieber zum chinesischen Nachbau aus dem Sonderangebot, der nach drei Anwendungen rundgedreht ist. Wenn der Handwerker drei Wochen nicht kommt, wartet der Mann mit dem richtigen Werkzeugkasten nicht. Halten wir kurz inne.

In den letzten zwanzig Jahren haben in Deutschland über hunderttausend Handwerksbetriebe für immer zugemacht. Bäcker, Schuster, Schlosser, Schreiner. Der Meisterbrief hat früher ein paar tausend Mark gekostet, heute kostet er je nach Gewerk zwischen fünfzehntausend und dreißigtausend Euro. Und die Jungen kommen nicht mehr nach.

Wer heute einen Handwerker ruft, wartet drei Wochen und legt achtzig Euro für die Anfahrt auf den Tisch, bevor der Mann den Koffer überhaupt geöffnet hat. Der Handwerkernotstand ist kein Pech. Er ist die Rechnung für vierzig Jahre, in denen man den Jungs gesagt hat, sie sollen lieber studieren, anstatt sich die Hände schmutzig zu machen. Heute wirft der Nachbar den Toaster weg, weil er die Schraube nicht findet.

Er ruft den Notdienst, weil ein Wasserhahn tropft. Sein Großvater hätte das nie verstanden. Der hat den Wasserhahn aufgeschraubt, die Dichtung gewechselt und ist Sonntagabend in den Garten gegangen. Nummer 10 – die richtigen Kerzen.

Langbrennende Stearinkerzen oder echte Bienenwachskerzen vom Imker. Kein Paraffin aus dem Ein-Euro-Regal. Die gelbe Flamme einer Bienenwachskerze, der leise Honiggeruch, wenn der Docht gerade gezogen hat. Ein gleichmäßiger, langsamer Abbrand, der nicht tropft und nicht qualmt.

Wer einmal eine Imkerkerze aus der Lüneburger Heide neben einem Supermarkt-Teelicht gesehen hat, kauft das Teelicht nie wieder. Eine ordentliche Bienenwachskerze von zwanzig Zentimetern brennt acht bis zehn Stunden. Ein Teelicht brennt zwei. Was willst du im Keller stehen haben, wenn der Strom drei Tage weg ist?

Etwas beim Imker kostet die Kerze drei bis vier Euro. Das sollte einem Mann der Schutz seiner Familie wert sein. Nummer 9 – Trinkwasser auf Vorrat, in Glas, nicht in dünnem Plastik, das nach einem halben Jahr nach Chemie schmeckt. Mindestens zwanzig Liter pro Person, sagt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

Die wenigsten wissen, dass es diese Empfehlung überhaupt gibt. Ein Wasserkanister aus Bundeswehrbeständen kostet zwanzig Euro. Alle sechs Monate austauschen, kühl lagern, dunkel stellen. Wer das Ahrtal im Juli 2021 gesehen hat, weiß, wie schnell aus einem Wasserhahn nichts mehr kommt.

Tagelang, wochenlang, in manchen Dörfern monatelang. Ein Mann hält drei Tage ohne Wasser durch. Nach zwei Tagen denkt er nicht mehr klar. Nach drei Tagen nützt er niemandem mehr, auch nicht der eigenen Frau.

Nummer 8 – der Grundvorrat. Mehl, Salz, Zucker, Hefe, Hülsenfrüchte. Kühl und trocken gelagert, in Glas oder in der alten Emaille-Dose. Die Speisekammer mit dem schmalen Fenster, dem Steinboden und dem Geruch eines Sacks Weizenmehl aus der Mühle nebenan.

Daneben Roggenmehl fürs Schwarzbrot, Salz aus Bad Reichenhall in der blauen Pappschachtel, Zucker im Papiersack, der nie ganz dicht war. Trockenhefe in der Folie hält drei Jahre. Ein Hefewürfel hält drei Wochen. Beides gehört dazu, sagte mein Großvater.

Dazu Hülsenfrüchte, Linsen aus dem Schwäbischen, getrocknete Bohnen, Erbsen. Zwei Kilo davon kosten keine fünf Euro und retten dir vier Wochen, wenn es darauf ankommt. Brot ist das politischste Lebensmittel überhaupt. Ein Haushalt mit Mehl, Salz und Hefe muss morgens niemanden um Erlaubnis fragen.

Das wusste meine Großmutter ohne Studium. Nummer 7 – die Gusseisenpfanne und der gusseiserne Topf. Eine richtige Eisenpfanne, die du direkt aufs Feuer stellen kannst, wenn der Herd ausfällt. Die Bratpfanne aus Alfeld in Niedersachsen, von Hand gegossen seit 1857.

Das schwarze Eingebrannte, das sich über Jahrzehnte aufbaut und besser wird mit jeder Runde Reibekuchen. Daneben ein gusseiserner Topf mit Deckel, ein Schmortopf, der dir sogar über Glut gar wird. Wer einmal Rinderbraten aus so einem Topf gegessen hat, vergisst den Geschmack nicht. Die Pfanne braucht keinen Strom, keine besondere Pflege, kein neues Beschichtungspulver alle zwei Jahre.

Ein bisschen Fett, ein sauberes Tuch, fertig. Daneben die Teflonpfanne aus dem Discounter, die nach zwei Jahren kratzt und in den Müll wandert. Eine gute Pfanne kostet heute siebzig bis hundert Euro. Sie wird deinen Enkel überleben.

Die Pfanne, in der meine Großmutter für vier Kinder Reibekuchen gebraten hat, brutzelt heute Abend noch in irgendeiner Küche. Garantiert. Nummer 6 – Streichhölzer. Richtige Holzstreichhölzer in einer Blechdose mit festem Deckel, gegen Feuchtigkeit versiegelt.

Der rote Reibstreifen an der Schachtelseite, der Geruch des angerissenen Schwefels, das Knistern, wenn der Holzspan Feuer fängt. Wer die Streichhölzer in eine alte Tabakdose gelegt und den Rand mit Kerzenwachs versiegelt hat, hatte auch nach zehn Jahren noch trockenes Holz und einen trockenen Reibstreifen. Dazu Sturmstreichhölzer, die auch bei Wind und Nässe nicht ausgehen. Eine Schachtel im Auto, eine im Keller, eine in der Werkstatt.

In vielen deutschen Haushalten findest du heute überhaupt keine Streichhölzer mehr. Nur zwei oder drei billige Feuerzeuge, die bei Kälte versagen oder leer sind, wenn du sie brauchst. Feuer ist das älteste, was ein Mann zu machen weiß. Das zu verlieren heißt mehr zu verlieren als nur Bequemlichkeit.

Geh einmal durch eine Schrebergartenkolonie am Stadtrand. Du siehst sie sofort. Die Lauben, die langsam verfallen, weil der neue Pächter nie gelernt hat, ein Dach zu decken oder ein Fenster zu kitten. Du siehst die Werkstätten in den Hinterhöfen, in denen auf der Lochwand noch die Umrisse der Werkzeuge zu erkennen sind, die längst verkauft wurden.

Du siehst den Meisterbrief an der Wand eines Ladens, der nach achtundsechzig Jahren endgültig zumacht, weil kein Nachfolger da ist. Das ist die deutsche Kleinstadt im Jahr 2026, und sie sieht so aus, weil die nächsten Punkte aus den meisten Haushalten verschwunden sind. Nummer 5 – ein richtiger Erste-Hilfe-Vorrat im Haus. Nicht die kleine Plastikbox aus dem Handschuhfach, in der seit zwölf Jahren dieselbe abgelaufene Mullbinde liegt.

Ein ordentlicher Hauskasten, wie ihn das Deutsche Rote Kreuz früher in jeden Flur gehängt hat. Mullbinden, Verbandpäckchen, Jodtinktur, Schmerztabletten, eine richtige Verbandsschere, eine ordentliche Pinzette, sterile Kompressen. Dazu Heftpflaster auf der Rolle, ein Dreieckstuch, eine Rettungsdecke und etwas gegen Durchfall. Wer einen Garten hat und mit der Axt arbeitet, hat irgendwann eine Schnittwunde.

Wer Holz hackt, hat irgendwann einen blauen Daumen. Wer auf der Leiter steht, fällt irgendwann von der Leiter. Erste-Hilfe-Kurse hat in den Sechzigern fast jeder Bauarbeiter und jede Hausfrau gemacht. Heute liegt der letzte Kurs bei über der Hälfte der Deutschen mehr als zehn Jahre zurück.

Wenn die Hilfe vierzig Minuten entfernt ist, ist der Mann im Raum die Hilfe. Sonst niemand. Nummer 4 – Bargeld in kleinen Scheinen, an einem Ort, den nur du kennst. Nicht im Portemonnaie, nicht auf dem Konto.

Ein paar hundert Euro in Zehnern und Zwanzigern in einer alten Blechdose hinter den Büchern oder ganz hinten in der Schublade mit dem Werkzeug, das man selten braucht. Die Älteren erinnern sich noch an die Ausfälle der EC-Karten im Mai 2022, als in ganz Deutschland Supermärkte plötzlich nichts mehr verkaufen konnten. Ein paar Stunden, mehr nicht, aber lang genug, um zu begreifen, wie dünn das Eis ist. Wer die Bilder aus dem Ahrtal kennt, weiß, was Bargeld in einer Notlage wert ist.

Die Geldautomaten waren weg, die Stromleitungen waren weg. Wer eine Blechdose mit Scheinen im Keller hatte, konnte beim Bäcker im Nachbarort einkaufen. Wer nur eine Karte hatte, ging leer aus. Wenn der Bildschirm schwarz wird, ist Papier immer noch Papier.

Das hat mein Großvater schon zweimal erlebt. 1923 und 1948. Nummer 3 – ein funktionierendes Taschenmesser und die Fähigkeit, es scharf zu halten. Ein richtiges Taschenmesser aus Kohlenstoffstahl, schleifbar und geölt.

Das Mercator-Klappmesser aus Solingen, schwarz mit der Katze auf dem Griff. Das kleine Taschenmesser mit der Messingbacke. Und der Wetzstein, den mein Vater in der Schublade hatte, mit einem Tropfen Öl darauf. Ich sehe noch, wie der Daumen eines alten Mannes über die Schneide streicht, ganz vorsichtig, ohne hinzuschauen, und sofort weiß er, ob das Messer scharf ist oder nicht.

Das richtige Schleifen hat einem der Vater oder der Lehrmeister beigebracht. Den Winkel halten, beide Seiten gleichmäßig abziehen, zuletzt auf dem Lederriemen. Eine Sache von ein paar Minuten am Sonntagabend, und das Messer war wieder ordentlich. Heute haben die meisten jungen Männer kein Messer mehr in der Tasche, und wenn doch, dann eines, das sie nicht schärfen können.

Ein stumpfes Messer ist gefährlicher als ein scharfes. Genauso wie jemand, der den Unterschied nie gelernt hat. Nummer 2 – echtes Saatgut. Samenfeste Sorten, keine Hybriden, deren Nachkommen nichts mehr taugen.

Die kleinen Papiertütchen in der Kellerschublade, mit der Schrift meines Vaters darauf und dem Erntejahr daneben. Die Bauerntomate, die er von seinem Vater bekommen hat. Die dicke Ackerbohne, der Wintersalat, der im November noch etwas hergibt. Der Feldsalat, die Zwiebel, die in jeder Suppe lag.

Wer einmal eine alte Sorte angebaut und mit einer modernen Sorte aus dem Gartencenter verglichen hat, schmeckt den Unterschied sofort. Mehr Aroma, mehr Tiefe. Etwas, das man nicht züchten kann, weil es nur durch jahrzehntelange Auslese entstanden ist. Seit dem Sortenschutzgesetz und den EU-Verordnungen sind über tausend alte Sorten still und leise aus dem legalen Handel verschwunden.

Die Kleingärtner reichen sie unter der Hand weiter, über den Zaun, beim Vereinsabend. Bei der Jahreshauptversammlung des Schrebergartenvereins werden sie nicht in der Tagesordnung erwähnt, aber sie wechseln den Besitzer. Ein Mann mit Saatgut hat das nächste Jahr. Ein Mann ohne ist auf die Gnade dessen angewiesen, der noch welches hat.

Und damit kommen wir zum letzten Punkt. Zu dem, was mein Großvater nie anfassen ließ, nicht einmal meinen Vater. Nummer 1 – der kleine Lederbeutel mit den Silbermünzen. Echtes Silber.

Keine neuen Sammlerstücke aus der Tageszeitung. Die alten Fünfmarkstücke, die bis 1965 in echtem Silber geprägt wurden. Daneben, wenn die Familie sie durch alles hindurchbehalten hat, ein paar alte Reichsmarkstücke aus den Zwanzigern. Vielleicht eine einzelne Goldmark, die der Urgroßvater versteckt hatte.

Ich kenne das Gewicht eines Fünfmarkstücks von 1951, das in der Hand liegt. Den dumpfen Klang, wenn man es auf die Hobelbank fallen lässt. Die Art, wie es nicht anläuft, wie falsches Silber anläuft. Sieben Gramm reines Silber pro Stück, schon damals.

Heute ist dasselbe Stück sechzehn bis zwanzig Euro wert, je nach Silberpreis. Und der Silberpreis kennt über die langen Strecken nur eine Richtung. Wo die Männer es versteckt haben, ist eine eigene Geschichte. Hinter dem Sicherungskasten, unter dem Dielenbrett der Werkstatt, in einem ausgehöhlten Buch, im obersten Regal, in einer Zigarrenkiste hinter dem Schornstein.

Mein Großvater hat den Banken nicht getraut. Er hatte sie zweimal scheitern sehen. Er hatte gesehen, wie eine Mark im November 1923 nichts mehr wert war, wie die Leute mit Schubkarren voller Geldscheine zum Bäcker gingen und am Abend für einen Laib Brot eine ganze Tasche voll brauchten. Er hatte gesehen, wie die Reichsmark im Juni 1948 über Nacht zu Papier wurde, wie aus tausend Reichsmark vierzig Deutsche Mark in der Tasche wurden und der Rest gestrichen war.

Er hat das Silber behalten, weil Silber die Mark, die Reichsmark und jedes Versprechen auf Papier überlebt hat. Er ließ niemanden daran, weil er genau wusste, wofür es war. Die Männer, die diese Keller gefüllt haben, hatten keine Angst. Sie waren vorbereitet.

Der Unterschied zwischen Angst und Vorbereitung ist, ob du die Arbeit gemacht hast, solange das Licht noch brannte. Irgendwo steht heute noch eine Holzkiste hinter einem Kohlenkasten. Die Wand ist kühl. Die Hand wüsste noch, wohin sie greifen muss.

Nur greift keiner mehr.