Als ich in Potsdam am Grab Friedrichs des Großen stand, traute ich meinen Augen nicht: Auf der Grabplatte des Königs lagen Kartoffeln – frische, von Besuchern abgelegt, mitten im Winter. Ich…

Als ich in Potsdam am Grab Friedrichs des Großen stand, traute ich meinen Augen nicht: Auf der Grabplatte des Königs lagen Kartoffeln – frische, von Besuchern abgelegt, mitten im Winter. Ich...

Auf einem Feld vor den Toren Berlins standen Soldaten mit geladenen Gewehren Wache. Sie bewachten keine Goldlieferung und kein Waffenlager, sondern einen Acker voller Kartoffeln. Der Befehl dazu kam vom König persönlich. Was wie ein schlechter Witz klingt, war einer der gerissensten Schachzüge der europäischen Geschichte, denn Friedrich II.

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von Preußen wusste genau, was er tat. Er hatte verstanden, dass die Menschen vor allem das begehren, was ihnen verboten wird. Und er wusste, dass diese unscheinbare Knolle sein Volk vor dem Hungertod bewahren konnte. Was er nicht ahnte: Diese Knolle würde nicht nur Preußen verändern.

Sie würde die ganze Welt verändern, Millionen Menschen das Leben retten und Millionen andere das Leben kosten. Die Geschichte der Kartoffel beginnt nicht in Preußen und nicht in Europa. Sie beginnt tausende Kilometer entfernt, hoch oben in den Anden Südamerikas, in einer Landschaft aus Eis und Stein, in der kaum etwas wächst. Vor etwa 7000 Jahren begannen die Ureinwohner in der Region um den Titicacasee zwischen dem heutigen Peru und Bolivien, eine wilde Pflanze zu kultivieren.

Das Hochland der Anden ist einer der unwirtlichsten Orte der Erde: dünne Luft, extreme Temperaturschwankungen, karge Böden, an denen die meisten Pflanzen scheitern. Genau dort entdeckten die Menschen eine Pflanze, die auf den ersten Blick unscheinbar wirkte: kleine, bittere, teils giftige Knollen, die tief in der Erde wuchsen. Aber diese Pflanze hatte eine Eigenschaft, die alles veränderte. Sie gedieh dort, wo sonst nichts mehr wuchs.

Auf 3000 oder 4000 Metern Höhe, wo der Wind eisig über die Hochebenen fegte und Mais längst nicht mehr reifte, lieferte diese Knolle noch verlässliche Erträge. Und sie produzierte auf derselben Fläche ein Vielfaches an Kalorien im Vergleich zu Getreide. Ein kleines Stück Land reichte aus, um eine ganze Familie zu ernähren. Die Völker der Anden nannten sie „Papa“, was aus der Sprache der Inka stammt und schlicht „Knolle“ bedeutet.

Für die Inka war die Kartoffel weit mehr als ein Nahrungsmittel. Sie war die Grundlage ihres Überlebens und das Fundament ihres Reiches. Religiöse Feste richteten sich nach den Pflanz- und Erntezeiten, die Kalender waren Kartoffelkalender. In einer Welt ohne Schrift und ohne Geld war die Kartoffel beides zugleich: Nahrung und Währung.

Über 4000 verschiedene Sorten existierten allein in den Anden – rote, gelbe, violette, weiße, große und kleine, süße und bittere. Jede Sorte war an eine andere Höhenlage, einen anderen Boden, ein anderes Klima angepasst. Doch die Inka lösten noch ein ganz anderes Problem. Frische Kartoffeln verderben innerhalb weniger Tage.

Für ein Reich, das seine Armeen über hunderte Kilometer versorgen musste, war das ein gewaltiges Hindernis. Also erfanden sie etwas, das seiner Zeit um Jahrtausende voraus war: die Gefriertrocknung. Das Produkt hieß „Chuño“. Die Herstellung war einfach wie genial.

Man legte kleine Kartoffeln auf den eiskalten Boden der Hochebene, ließ sie in den Frostnächten gefrieren und taut sie am Tag in der scharfen Sonne wieder auf. Diesen Zyklus wiederholte man mehrere Tage. Dann trat man auf den Kartoffeln herum wie ein Winzer auf Trauben und presste das restliche Wasser heraus. Übrig blieben kleine, schrumpelige, schwarze Klumpen, die fast nichts wogen und sich jahrzehntelang lagern ließen.

Manche Berichte sprechen sogar von Jahrhunderten. Chuño war das Geheimnis hinter der Expansion des Inka-Reiches. Es war leicht, nahrhaft und verdarb nicht. Ohne eine haltbare, transportable Nahrungsquelle hätte kein Heer die gewaltigen Distanzen überwinden können.

Die Gefriertrocknung einer Kartoffel, bewerkstelligt mit nichts als Frost und Füßen, war im Grunde eine militärstrategische Waffe. Dann kamen die Spanier. 1532 landete der Konquistador Francisco Pizarro an der Küste Perus und zerstörte das Inka-Reich. Die Kartoffel interessierte ihn nicht besonders – sie war kein Gold.

Aber spanische Chronisten bemerkten die seltsame Knolle. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gelangte sie schließlich nach Europa, wahrscheinlich auf zwei getrennten Wegen: einmal nach Spanien, einmal nach England. Und dort begann eines der seltsamsten Kapitel der Nahrungsgeschichte – ein Kapitel, das fast 200 Jahre dauerte und in dem die nützlichste Pflanze der Welt behandelt wurde wie ein Feind.

Die Europäer wussten schlicht nicht, was sie mit der Kartoffel anfangen sollten. In Italien nannte man sie „Tartufoli“, weil sie entfernt an Trüffel erinnerte. Daraus wurde im Deutschen über „Tartuffeln“ und „Ertoffel“ schließlich „Kartoffel“. Der Botaniker Kaspar Bauhin gab ihr den wissenschaftlichen Namen Solanum tuberosum esculentum – essbarer knolliger Nachtschatten.

Allein das Wort Nachtschatten machte den Leuten Angst. In der Schweiz kam die Kartoffel zunächst als Zierpflanze in botanische Gärten, weil ihre violetten Blüten hübsch waren. In Frankreich hielt man sie für giftig, in Deutschland betrachtete man sie bestenfalls mit Argwohn, schlimmstenfalls mit offenem Hass. Das Misstrauen war nicht völlig unbegründet.

Die Kartoffel gehört zur Familie der Nachtschattengewächse, wie Tollkirsche und Stechapfel. Und wer die kleinen grünen Beeren aß, die oberirdisch an der Pflanze wachsen, wurde tatsächlich krank. Manche Bauern versuchten genau das, denn niemand hatte ihnen gesagt, dass man die Knollen unter der Erde essen soll und nicht die Früchte darüber. Die Folge waren Magenkrämpfe, Übelkeit und in schweren Fällen Vergiftungserscheinungen.

Der logische Schluss der Bauern war klar: Diese Pflanze ist vom Teufel geschickt. In manchen Regionen hieß es, die Kartoffel verursache Lepra, in anderen, sie mache unfruchtbar. Die Kirche war skeptisch, weil die Kartoffel in der Bibel nicht erwähnt wird. Und dass sie im Dunkeln unter der Erde wächst, in der Nähe des Teufels, wie manche Prediger behaupteten, machte die Sache nicht besser.

Fast 200 Jahre lang blieb die Kartoffel in Europa ein Kuriosum. Und dann kam Friedrich. Friedrich II. von Preußen hatte ein Problem.

Seine Provinzen, besonders die Mark Brandenburg, bestanden größtenteils aus schlechten Sandböden. Getreide wuchs dort nur mäßig, und bei jeder Missernte drohte eine Hungerkatastrophe. Friedrich war ein Pragmatiker. Er wusste, dass ein Staat nur so stark ist wie seine Bevölkerung, und eine hungrige Bevölkerung ist ein schwacher Staat.

Von seinen Beratern hatte er erfahren, dass die Kartoffel eine Lösung sein konnte: Sie wuchs auf schlechten Böden, vertrug Nässe besser als Weizen, vermehrte sich schnell und lieferte deutlich mehr Kalorien pro Anbaufläche als jede Getreideart. Ein Acker Kartoffeln ernährte mehr Menschen als ein Acker Korn. 1746, nach einer schweren Hungersnot in Pommern, erließ Friedrich seinen ersten sogenannten Kartoffelbefehl. Er wies seine Beamten an, den Bauern den Nutzen der Kartoffel begreiflich zu machen und sie zum Anbau aufzufordern.

Das Problem war nur, dass Befehle wenig halfen, solange die Einsicht fehlte. Die Bauern wollten keine Kartoffeln. Sie kannten das Zeug nicht und trauten ihm nicht. Und überhaupt: Warum sollte ein freier Bauer etwas anpflanzen, das man bisher nur als Schweinefutter kannte?

Friedrich gab nicht auf. Fünfzehn Kartoffelbefehle sind heute dokumentiert. Der berühmteste stammt vom 24. März 1756.

Darin ordnete er an, dass die Beamten seinen Untertanen den Nutzen dieser Pflanze begreiflich machen sollten. Pastoren wurden zu Knollenpredigern ernannt und sollten die Bauern von der Kanzel aus zum Kartoffelanbau bekehren. Und dann kam der Trick, der Friedrich zum Kartoffelkönig machte. Er ließ auf königlichen Gütern Kartoffeln anpflanzen und stellte Soldaten auf, die die Felder bewachen sollten.

Als neugierige Bauern fragten, was dort wachse, antworteten die Soldaten, sie bewachten die kostbaren Knollen für die königliche Tafel. Jeder Diebstahl sei strengstens verboten. Es war Psychologie in Reinkultur: Was der König für sich beanspruchte, musste wertvoll sein. Was bewacht wurde, musste kostbar sein.

Und was verboten war, musste man unbedingt haben. Ob Friedrich die Soldaten anwies, gelegentlich wegzuschauen, ist historisch nicht gesichert. Aber die Legende sagt genau das – und die Rechnung ging auf. Die Bauern stahlen die Kartoffeln von den königlichen Feldern und begannen, sie selbst anzubauen.

Zwischen 1765 und 1774 verdoppelte sich der Kartoffelanbau in Brandenburg. Preußen war nicht das einzige Land, in dem die Kartoffel einen Fürsprecher brauchte. In Frankreich spielte sich zur gleichen Zeit eine fast identische Geschichte ab – geschrieben von einem ehemaligen Kriegsgefangenen Friedrichs des Großen. Antoine-Augustin Parmentier war Apotheker und Agronom.

Im Siebenjährigen Krieg geriet er in preußische Gefangenschaft. In einem Lager in Westfalen machte er eine Erfahrung, die sein ganzes Leben bestimmen sollte: Die Preußen fütterten ihre Gefangenen mit Kartoffeln, fast täglich. Vierzehn Tage lang, schrieb Parmentier später, seien Kartoffeln seine einzige Nahrung gewesen. Zu seiner eigenen Überraschung fühlte er sich dabei nicht schlecht.

Das war für einen Franzosen eine Offenbarung, denn in Frankreich galten Kartoffeln als Viehfutter, und das Pariser Parlament hatte ihren Verzehr zeitweise sogar verboten, weil man sie für giftig hielt. Parmentier beschloss, sein Land vom Gegenteil zu überzeugen. 1771 gewann er mit einer Abhandlung über die Kartoffel den Preis der Akademie zu Besançon. Aber das Volk und der Adel ließen sich schwer überzeugen.

Also wurde Parmentier kreativ. Er schickte König Ludwig XVI. einen Strauß Kartoffelblüten. Der König war beeindruckt und steckte sich eine Blüte ins Knopfloch.

Marie Antoinette trug die violetten Blüten im Haar. Plötzlich waren Kartoffelblüten in Versailles in Mode. Parmentier inszenierte Bankette, bei denen jeder Gang aus Kartoffeln bestand: Kartoffelsuppe, Kartoffelsalat, Kartoffelbrot, sogar ein Kartoffeldessert. Der König gab ihm zwei Hektar steiniges Land in der Nähe von Paris, auf dem eigentlich nichts wachsen wollte.

Genau das war der Punkt: Parmentier wollte beweisen, dass die Kartoffel überall gedeiht. Er pflanzte die Knollen und ließ das Feld von Soldaten bewachen – wie Friedrich in Preußen, aber mit einem entscheidenden Unterschied: Die Soldaten bewachten das Feld nur tagsüber, nachts nicht. Die Neugier der Pariser war stärker als jedes Verbot. Nachts schlichen sich die Menschen auf das Feld und ernteten die Kartoffeln.

Genau das hatte Parmentier gewollt. Wenige Jahre später, als die Französische Revolution ausbrach, wurde die Kartoffel zum Revolutionsessen. Napoleon ernannte Parmentier zum Generalinspektor des Sanitätswesens. Die Kartoffel hatte Europa erobert.

Innerhalb weniger Jahrzehnte stieg sie vom verachteten Unkraut zum Grundnahrungsmittel auf. Die Rechnung war simpel: Ein Hektar Kartoffeln lieferte etwa doppelt so viele Kalorien wie ein Hektar Weizen. Familien, die vorher regelmäßig hungerten, hatten plötzlich genug zu essen. Die Kindersterblichkeit sank, die Bevölkerung wuchs.

In Preußen verdoppelte sich die Bevölkerung im 18. Jahrhundert – und Historiker sind sich einig, dass die Kartoffel daran einen erheblichen Anteil hatte. Aber genau darin lag auch eine Gefahr, die zunächst niemand sah. Wenn eine ganze Nation von einer Pflanze abhängt, wird diese Pflanze zur Achillesferse.

Kein Land zeigt das deutlicher als Irland. Im frühen 19. Jahrhundert war Irland ein Land der Armut. Die Insel stand seit Jahrhunderten unter britischer Herrschaft.

Der Boden gehörte englischen Großgrundbesitzern, die irischen Pächter bewirtschafteten winzige Parzellen, auf denen sie kaum etwas anderes anbauen konnten als Kartoffeln. Das Getreide, das sie ernteten, ging als Pacht an den Grundbesitzer. Was ihnen blieb, war die Kartoffel. Ein irischer Arbeiter aß im Durchschnitt rund fünf Kilogramm Kartoffeln am Tag.

Eine Familie von sechs Personen konnte mit einem halben Hektar Kartoffelfeld und einer Kuh das ganze Jahr überleben. Die Abhängigkeit war total – und gefährlich einseitig. In ganz Irland wurden im Grunde nur zwei Kartoffelsorten angebaut, beide von sehr schmaler genetischer Basis. Keine Vielfalt, kein Sicherheitsnetz.

1845 schlug die Katastrophe zu. Ein Schädling namens Phytophthora infestans, ein pilzähnlicher Organismus, der sich ab 1842 von Nordamerika aus über den Atlantik verbreitet hatte, erreichte die irischen Felder. Er befiel zuerst die Blätter und färbte sie braun, dann fraß er sich in die Knollen: schwarz, matschig, stinkend nach Verwesung. Im September 1845 meldeten die ersten Bauern verfärbte Blätter.

Innerhalb weniger Wochen war klar, dass die halbe Ernte verloren war. Man hoffte auf das nächste Jahr – doch 1846 war es genauso schlimm, und 1847 und 1848. Im feuchten, milden Klima Irlands fand der Schädling perfekte Bedingungen. Seine Sporen wurden vom Wind über die ganze Insel getragen.

Was folgte, war eine der größten humanitären Katastrophen Europas. Eine Million Iren verhungerten. Eine weitere Million verließ das Land, floh auf überfüllten Schiffen über den Atlantik. Auf den Schiffen starben so viele Menschen an Typhus und Cholera, dass man sie Sargschiffe nannte.

Die britische Regierung reagierte mit einer Gleichgültigkeit, die bis heute in Irland nicht vergessen ist. Die offizielle Politik lautete: Der freie Markt werde das Problem lösen. Während in Irland Menschen an den Straßenrändern verhungerten, exportierten britische Großgrundbesitzer weiterhin Getreide von der Insel. Es gab Nahrungsmittel in Irland – Weizen, Hafer, Gerste –, aber sie gehörten nicht den Iren.

Sie gehörten den britischen Landbesitzern, die ihre Ernte nach England verschifften, während ihre Pächter wenige Meter daneben verhungerten. Vor der Hungersnot lebten rund 8 Millionen Menschen in Irland, danach kaum noch 6 Millionen. Die Auswanderung hörte nicht auf. Bis heute hat Irland seine Einwohnerzahl von vor 1845 nicht wieder erreicht.

Kein anderes europäisches Land hat jemals eine solche demografische Katastrophe erlebt. Die große Hungersnot dezimierte die irische Sprache, befeuerte den Nationalismus und legte den Grundstein für den Unabhängigkeitskampf im 20. Jahrhundert. Aber die Tragödie hatte eine Nebenwirkung, die niemand vorhersah.

Die Millionen irischer Auswanderer, die in die Vereinigten Staaten strömten, veränderten ein ganzes Land. Sie kamen mit nichts, viele sprachen kaum Englisch. Sie wurden diskriminiert und in die ärmsten Viertel der Städte gedrängt. In Boston und New York hingen an Wirtshäusern und Fabriken Schilder mit der Aufschrift „No Irish Need Apply“.

Trotzdem kämpften sie sich durch. Sie bauten Eisenbahnen, Kanäle und Fabriken. Sie wurden Polizisten, Lehrer und Politiker. Innerhalb weniger Generationen stiegen die irischen Einwanderer von der untersten Stufe der amerikanischen Gesellschaft in ihre Mitte auf.

John F. Kennedy, der 35. Präsident der USA, war ein Urenkel irischer Hungerflüchtlinge. Die Kartoffel hatte die Iren fast ausgelöscht – und gleichzeitig eine der einflussreichsten Einwanderungswellen der Menschheitsgeschichte ausgelöst.

Die Lehre aus Irland war bitter: Monokultur tötet. Genetische Vielfalt ist keine Luxus, sondern eine Überlebensversicherung. Die über 4000 Sorten, die die Inka über Jahrtausende gezüchtet hatten, waren eine Strategie – eine Absicherung gegen genau die Katastrophe, die Irland ab 1845 auslöschte. Europa brauchte eine Million Tote, um diese Lektion zu lernen.

Und trotz allem blieb die Kartoffel unverzichtbar. Kein Getreide lieferte so viele Kalorien auf so wenig Fläche. Sie wuchs auf Sand, auf Lehm, auf steinigem Boden, in Skandinavien und in den Tropen, in den Bergen Nepals und in den Ebenen der Niederlande. Im 19.

und 20. Jahrhundert wurde sie zur Grundlage der europäischen Ernährung. Ohne die Kartoffel wäre die Industrialisierung kaum möglich gewesen. Die Arbeiter in den Fabriken von Manchester, Berlin und Pittsburgh brauchten billige, sättigende Nahrung – die Kartoffel lieferte sie.

Heute ist die Kartoffel das drittwichtigste Nahrungsmittel der Welt, nach Weizen und Reis. Jedes Jahr werden weltweit über 300 Millionen Tonnen geerntet, in mehr als 130 Ländern wird sie angebaut. Für über eine Milliarde Menschen ist sie ein Grundnahrungsmittel. Von Pommes frites in Belgien über Rösti in der Schweiz bis zu Wodka in Russland und Causa in Peru hat sie sich in praktisch jede Küche der Welt eingeschrieben.

Und die Reise ist noch nicht vorbei. 2015 ordnete die chinesische Regierung an, den Kartoffelanbau massiv auszuweiten, weil der Wasserverbrauch für Weizen und Reis zu hoch geworden war. In Afrika, wo die Bevölkerung schneller wächst als auf jedem anderen Kontinent, wird die Kartoffel in den Hochlandregionen Ostafrikas zunehmend zur wichtigsten Ernte. Sogar die NASA hat getestet, ob man Kartoffeln auf dem Mars anbauen könnte – mit vielversprechenden Ergebnissen.

Die Kartoffel, die vor 7000 Jahren auf 4000 Metern Höhe in den Anden domestiziert wurde, könnte eines Tages auf einem anderen Planeten wachsen. Und dann ist da noch ein Detail, das vielleicht das schönste Ende dieser Geschichte liefert. In Potsdam, auf dem Gelände von Schloss Sanssouci, liegt das Grab Friedrichs des Großen. Ein schlichtes Grab neben dem Schloss, das er so liebte.

Daneben ruhen seine Lieblingshunde. Und auf der Grabplatte liegen, egal zu welcher Jahreszeit, egal bei welchem Wetter, Kartoffeln. Besucher aus aller Welt legen sie dort ab – Touristen, Geschichtsinteressierte, Schulklassen. Manchmal eine einzelne Kartoffel, manchmal ein halbes Dutzend.

Es ist eine stille Geste der Dankbarkeit, fast 300 Jahre nach dem ersten Kartoffelbefehl. In Paris liegt Parmentier auf dem Friedhof Père-Lachaise – auch auf seinem Grab wachsen Kartoffelpflanzen. Friedrich II. wollte seine Bauern ernähren.

Parmentier wollte Frankreich vor dem Hunger bewahren. Die Inka wollten ihre Armeen versorgen. Keiner von ihnen ahnte, dass die Kartoffel am Ende die Welt verändern würde.

Jedes Mal, wenn du eine Kartoffel schälst, hältst du ein Stück Weltgeschichte in der Hand.