Ein niederländischer Chemiker namens Coenraad van Houten erfand 1828 eine hydraulische Presse, die das Fett aus den gerösteten Kakaobohnen presste. Zurück blieb ein Pulver, das sich mühelos in Wasser oder Milch löste. Schokolade wurde zum ersten Mal in der Geschichte erschwinglich. Und diese Erfindung tat noch etwas Entscheidendes: Sie trennte die Kakaobutter von der Kakaomasse und schuf damit die Grundlage für alles, was danach kam.

Denn 1847 fand die britische Firma Fry & Sons heraus, dass man Kakaopulver, Zucker und geschmolzene Kakaobutter zu einer glatten Masse mischen konnte, die zu einer festen Tafel erstarrte. Drei Jahrtausende lang war Schokolade ein Getränk gewesen. An einem einzigen Nachmittag in einer Fabrik in Bristol wurde daraus etwas, das man in der Hand halten und überall essen konnte. Die nächsten Jahrzehnte wurden zu einem Rausch der Erfindungen.
1875 versuchte der Schweizer Daniel Peter seit Jahren, Milch mit Schokolade zu verbinden. Das Problem war das Wasser in der Milch, das die Schokolade körnig machte. Dann zeigte ihm sein Nachbar ein Produkt, das er gerade erfunden hatte: pulverförmige Kondensmilch. Der Name dieses Nachbarn war Henri Nestlé.
Peter kombinierte die Kondensmilch mit Schokolade und die Milchschokolade war geboren. Vier Jahre später ließ ein anderer Schweizer, Rodolphe Lindt, aus Versehen seine Rührmaschine über Nacht laufen. Am Morgen war die Schokolade unglaublich zart und samtig. Er nannte das Verfahren Konchieren, und es ist bis heute Standard in der Herstellung.
In nur fünfzig Jahren war aus dem teuren Getränk der Aristokraten ein zartes, festes Massenprodukt geworden. Dann kam ein Mann, der die Schokolade in die ganze Welt tragen sollte. Auf der Weltausstellung von 1893 in Chicago sah der Karamellhersteller Milton Hershey aus Pennsylvania deutsche Schokoladenmaschinen bei der Arbeit. Er war so gebannt, dass er seine erfolgreiche Karamellfirma für eine Million Dollar verkaufte und alles auf Schokolade setzte.
Hersheys Genie lag nicht darin, die beste Schokolade zu machen, sondern darin, sie so billig zu machen, dass jeder sie sich leisten konnte. Er baute eine ganze Stadt um seine Fabrik und nannte sie schlicht Hershey, mit Straßen namens Chocolate Avenue und Cocoa Avenue. Und dann geschah etwas, das niemand hätte vorhersehen können: Die Schokolade zog in den Krieg. Im Zweiten Weltkrieg beauftragte das amerikanische Militär Hershey, einen besonderen Riegel für die Soldaten herzustellen.
Er musste energiereich sein, hohe Temperaturen aushalten und, das ist der seltsame Teil, durfte nur knapp besser schmecken als eine gekochte Kartoffel. Man wollte nicht, dass die Soldaten ihre Notration einfach aufnaschten. Über den Krieg hinweg stellte Hershey mehr als drei Milliarden dieser Riegel her. Und wenn amerikanische Truppen Städte in Europa befreiten, verteilten sie Schokolade an die Kinder.
Auch die andere Seite hatte ihre Schokolade. Die deutsche Wehrmacht gab ihren Piloten und Panzerbesatzungen eine mit Koffein angereicherte Sorte, die Scho-Ka-Kola, im Volksmund Fliegerschokolade genannt, um die Männer wach zu halten. In Großbritannien war da schon lange die Familie Cadbury, fromme Quäker, die ins Schokoladengeschäft gingen, weil sie darin eine gesunde Alternative zum Gin sahen. Auch sie bauten für ihre Arbeiter ein ganzes Musterdorf.
Im 20. Jahrhundert wurde Schokolade untrennbar von unserer Kultur, vom Valentinstag mit seinen herzförmigen Schachteln bis zu den Eiern und Hasen zu Ostern. Doch der heutige Schokoladenmarkt ist über 130 Milliarden Dollar wert. Und rund siebzig Prozent des weltweiten Kakaos wachsen in Westafrika.
Allein die Elfenbeinküste und Ghana liefern mehr als die Hälfte. Der Kakao ernährt Millionen Kleinbauern auf winzigen Feldern. Und hier liegt die unbequeme Wahrheit: Viele dieser Farmen sind auf Kinderarbeit angewiesen. Berichte dokumentieren weit über eine Million Kinder, die unter gefährlichen Bedingungen auf Kakaofarmen arbeiten, manche erst fünf Jahre alt, mit Macheten und giftigen Pestiziden.
2001 unterschrieben die großen Konzerne ein Abkommen, um die schlimmste Kinderarbeit zu beenden. Über zwanzig Jahre später besteht das Problem fort. Die Ironie ist bitter: Ein Genussmittel, das hunderten Millionen Freude schenkt, ruht auf Menschen, die sich das fertige Produkt oft selbst nicht leisten können. Genau diese Spannung treibt heute eine der spannendsten Bewegungen der Lebensmittelwelt an.
Kleine Manufakturen kaufen ihren Kakao direkt bei den Bauern und behandeln die Bohne so, wie ein Winzer seine Trauben behandelt. Denn Schokolade hat ein Terroir. Eine Tafel aus Kakao aus Madagaskar schmeckt völlig anders als eine aus Ecuador oder Vietnam. Doch die Zukunft der Schokolade ist nicht gesichert.
Der Kakaobaum ist überaus empfindlich. Er braucht gleichmäßige Wärme, hohe Luftfeuchtigkeit und Schatten und gedeiht nur in einem schmalen Gürtel rund um den Äquator. Klimamodelle deuten darauf hin, dass viele der heutigen Anbaugebiete bis zum Jahr 2050 zu heiß werden könnten. Steigende Temperaturen stressen die Bäume schon jetzt, und Pilzkrankheiten zerstören ganze Plantagen.
Forscher züchten widerstandsfähigere Sorten, andere testen neue Anbaugebiete, und manche Unternehmen arbeiten sogar an Schokolade aus dem Labor, ganz ohne echte Bohne. Denk einen Moment über den ganzen Bogen dieser Geschichte nach. Eine Dschungelfrucht, die ein altes Volk für göttlich hielt, wurde zur Währung eines Reiches, zum heimlichen Vergnügen europäischer Könige, zur Ration der Soldaten im Krieg und schließlich zum begehrtesten Geschmack der Welt. Schokolade war Geld, Medizin, Ritual, Waffe und Geschenk.
Und doch hat sich im Kern etwas nie geändert: Der Grund, warum die Schokolade uns heute fesselt, ist derselbe, aus dem sie schon die Maya fesselte. In der Kakaobohne steckt eine Mischung aus Hunderten von Aromastoffen und anregenden Substanzen, die im menschlichen Gehirn eine Antwort auslöst, wie es kein anderes Nahrungsmittel schafft. Die Menschen, die vor 3000 Jahren im Dschungel Kakao mahlten, hätten sich niemals eine Welt vorstellen können, in der ihr heiliges Getränk in Hasen geformt und in Tüten an Flughäfen verkauft wird. Und doch isst ein Mensch in den Vereinigten Staaten heute rund fünf Kilogramm Schokolade im Jahr, ohne einen einzigen Gedanken an die 3000-jährige Reise, die sie in seine Hand gelegt hat.
Vom heiligen Ritual zur globalen Sucht, das ist die Geschichte der Schokolade.


