„Hallo, kommst du bitte mal her? Ich muss dir was Wichtiges sagen. Es geht um deine Mutter. “
Das waren die Worte, mit denen ein Mann ein achtjähriges Mädchen dazu brachte, in sein Auto zu steigen.

Es war nicht das erste Kind, das er so anlockte. Und es sollte nicht das letzte sein. Im Mai 2004 plante Silke Leuchner ihren beruflichen Wiedereinstieg nach einer langen Erziehungspause. Ihre drei Kinder Lefke, Timo und Klara waren acht, zehn und zwölf Jahre alt.
Für zwei Wochen sollte eine Orientierungsmaßnahme beim Arbeitsamt sie tagsüber von zu Hause fernhalten. „Ihr wisst ja, dass ich ab morgen für zwei Wochen eine Orientierungsmaßnahme mache. Das heißt, ich bin den ganzen Tag weg. “
„Deswegen kommt der Papa mittags nach Hause und kümmert sich dann um euch“, ergänzte ihr Mann.
„Ja, ich mache eine längere Mittagspause und hole die Arbeit dann abends in der Firma nach, wenn die Mama wieder daheim ist. “
„Du kannst doch nicht kochen“, protestierte eines der Kinder. „Deshalb gibt’s nur Spaghetti. “
Damit die Kinder auch allein ins Haus kamen, wenn sie früher als der Vater da waren, bekam jedes einen Haustürschlüssel.
Lefke ging in die zweite Klasse der örtlichen Grundschule, die nur eine Viertelstunde zu Fuß entfernt lag. Eines Tages verlor sie ihren Schlüssel, fand ihn aber glücklicherweise wieder in einer anderen Jacke. Am Donnerstag, dem 6. Mai 2004, kam Lefke gegen 12:30 Uhr von der Schule nach Hause.
Niemand war da. Ihr Vater musste bald kommen, also beschloss sie, auf ihn zu warten. Eine Autofahrerin berichtete später, sie habe das Mädchen mit dem Schulranzen auf dem Bürgersteig stehen sehen. Als Lefkes Vater gegen 13 Uhr nach Hause kam, war seine Tochter verschwunden.
Die Nachbarn hatten sie nicht gesehen. Nirgendwo war sie. Die Eltern riefen sofort die Polizei. „Könnte es sein, dass sie zu jemandem gegangen ist, den sie nicht kennt?
“
„Ich wüsste nicht, wer das sein sollte. Außerdem hätte sie sich dann längst gemeldet. Sie ist in solchen Dingen absolut zuverlässig. “
Carsten Bettels, seit nur drei Monaten Leiter des Zentralen Kriminaldienstes der Polizei in Kuckshafen, leitete die Ermittlungen.
Zusammen mit Kollegen der Angehörigenbetreuung besuchte er noch am selben Abend die Familie. „Meine Kollegen sind ab jetzt für Sie zuständig und jederzeit ansprechbar. “
„Sie haben noch zwei Kinder“, stellte Bettels fest. „Ja, unser Timo ist zehn und unsere Klara ist zwölf.
Wir haben die beiden schon ins Bett geschickt, obwohl sie ganz bestimmt nicht schlafen können. “
„Was denken Sie, ist passiert? Hat jemand Lefke entführt? Und wie stehen die Chancen, dass sie noch lebt?
“
„Wir wissen es nicht. Wir haben jetzt erstmal einen Vermisstenfall. “
Am nächsten Tag machte ein Spaziergänger eine grausige Entdeckung. Auf einem Waldparkplatz, rund 25 Kilometer von Lefkes Wohnort entfernt, lagen ihre Sachen: der Schulranzen, eine Jacke, ein Sportbeutel.
Die Mutter identifizierte die Kleidung eindeutig. Damit war aus dem Vermisstenfall ein Verbrechen geworden. Die Polizei durchsuchte das Waldgebiet mit allen verfügbaren Kräften, fand aber nichts weiter. Eine Mitschülerin von Lefke meldete sich mit ihrer Mutter.
Sie hatte am Tag des Verschwindens einen Mann auf dem Schulparkplatz beobachtet, der lange über den Schulzaun geschaut hatte. „Er hatte so einen dunklen Fleck auf der Stirn und eine Sonnenbrille. Und einen dunklen Schnurrbart. “
Das Auto konnte sie auch beschreiben: einen dunklen dreier BMW mit Siegburger Kennzeichen.
Das Fahrzeug wurde wenig später in der Nähe von Lefkes Wohnhaus gesichtet. Die Ermittler erstellten ein Phantombild des Verdächtigen. Doch Bettels zögerte, es zu veröffentlichen. „Wenn wir damit jetzt an die Öffentlichkeit gehen, dann legen wir uns fest.
Dann kriegen wir keine Hinweise mehr auf Männer, die anders aussehen oder ein anderes Auto fahren. “
Stattdessen überprüften sie alle dunklen dreier BMWs in der Region. Auf dem Waldparkplatz stellte die Kripo gemeinsam mit der Familie einen Schaukasten auf – mit Bildern von Lefke, ihren Lieblingspuppen und ihrer Kleidung. Die Überwachungskameras registrierten jedes Fahrzeug, das den Parkplatz anfuhr.
Die Hoffnung: Der Täter kehrt zum Ort des Geschehens zurück. Doch zunächst führte keine Spur zu einem konkreten Verdächtigen. Dreieinhalb Monate nach Lefkes Verschwinden kam die traurige Gewissheit. Am 23.
August 2004 entdeckte ein Pilzsammler im Sauerland, rund 400 Kilometer von Kuckshafen entfernt, die sterblichen Überreste eines Kindes. Es war Lefke – die Hose mit dem auffälligen Blumenmotiv, die sie am Tag ihres Verschwindens getragen hatte, war unverkennbar. Die Angehörigenbetreuer informierten die Eltern. Die Geschwister merkten sofort, dass etwas Schreckliches passiert war.
Der Leichnam war nach dreieinhalb Monaten größtenteils skelettiert. Einziger wertvoller Hinweis: ein Kabelbinder, der sehr eng an der Halswirbelsäule fixiert war. Die Ermittler standen vor einem Rätsel. Es gab drei Tatorte: den Ort des Verschwindens in Kuckshafen, den Waldparkplatz, wo die Sachen gefunden wurden, und den Wald im Sauerland, wo die Leiche lag.
Die Soko bat die Öffentlichkeit um Hinweise auf Personen mit Verbindungen zwischen diesen Regionen. Die Beamten unternahmen zudem eine ungewöhnliche Maßnahme: Sie schnitten rund um den Weg, den der Täter wohl genommen hatte, Äste und Zweige bis zu einer Höhe von zwei Metern ab, sammelten Blätter und Tannennadeln ein. Sie erhofften sich feinste Spuren – Haare, Hautpartikel – und wollten dem Täter zeigen, dass sie alles unternehmen würden, um ihn zu finden. Die Auswertung der Überwachungskameras brachte keine Ergebnisse.
Doch dann kamen Hinweise auf einen Mann, der sowohl im Sauerland als auch im Norden verwurzelt war: Günther Wachter, Anfang dreißig, aufgewachsen in der Nähe des Leichenfundorts, wohnhaft jetzt im Norden. Wachter war der Polizei bekannt. 1994 hatte er sich an einer 17-jährigen Anhalterin vergriffen – Urteil: zwei Jahre Jugendstrafe auf Bewährung. Im Jahr 2000 sollte er eine geistig behinderte 17-Jährige im Auto gefesselt und geschlagen haben.
Das Verfahren wurde eingestellt, weil das Opfer ihn nicht identifizieren konnte und keine sexuelle Absicht nachgewiesen werden konnte. Auf Wachter selbst war kein Auto zugelassen. In einem kleinen Ort rund 40 Kilometer von Kuckshafen entfernt lebte die Familie Fransen mit ihren Kindern Nils und Luise. Auch sie hatten Angst wegen des Mordes an Lefke.
„Ich muss mit euch was Wichtiges besprechen. Mama hat euch ganz doll lieb und will deswegen immer wissen, wo ihr seid. Wenn ihr weggeht, egal wohin, dann gebt ihr mir vorher Bescheid. Und das Allerwichtigste: Steigt zu keinem Menschen, den ihr nicht kennt, ins Auto.
“
Der achtjährige Nils liebte sein BMX-Rad. Am Samstag, dem 30. Oktober 2004, verbrachte er den Nachmittag mit einem Freund auf dem Übungsplatz neben seiner Grundschule im Nachbarort. Der Heimweg von fünf Kilometern führte über einen Fuß- und Radweg entlang der Kreisstraße und über einen Waldparkplatz.
Um 18:50 Uhr meldete die Mutter ihren Jungen als vermisst. Die örtliche Polizei nahm sofort Kontakt zur Soko in Kuckshafen auf. Wegen der zeitlichen und örtlichen Nähe der beiden Fälle schien es möglich, dass derselbe Täter hinter beiden Taten steckte. Eine der Spuren mit Verbindungen ins Sauerland führte die Beamten zu Günther Wachter.
Er wurde zur Vernehmung vorgeladen. „Ich bin gelernter Straßenbauer, aber zurzeit arbeitslos. Ich mache gerade eine Qualifizierungsmaßnahme vom Arbeitsamt, eine Hochbau. Ich bin verheiratet, lebe aber getrennt von meiner Frau.
Ich habe einen Sohn, der ist zehn Jahre alt, der wohnt bei mir. Der ist aus einer früheren Beziehung. “
„Können Sie uns Näheres zu Ihrer Verbindung ins Sauerland erzählen? “
„Ich bin da aufgewachsen und zur Schule gegangen, bevor wir dann in den Norden gezogen sind.
Meine Großmutter wohnt immer noch da unten. Ich besuche sie ab und zu. “
„Und wie kommen Sie dorthin? “, fragte der Beamte.
„Mit dem Auto, mit dem ich heute hier bin. Es gehört meiner Mutter. Ich fahre nur sozusagen als Dauerleiher. “
Wachter sagte, er sei am Tag von Lefkes Verschwinden tagsüber in der Firma gewesen.
Er gab freiwillig eine Speichelprobe ab und erlaubte, die Sitze und den Kofferraum seines Autos auf Spuren von Lefke zu untersuchen. Dann kam der Hammer: „Ich habe im Fernsehen gesehen, dass sie die Zweige weggeschnitten haben an der Stelle, wo die Leiche gefunden wurde, und dass sie Haare gefunden haben. Es könnte sein, dass die sogar von mir sind. Ich war letzten Sommer öfters bei meiner Großmutter und danach wollte ich noch zu einem Kumpel fahren.
Die Straße führt durch den Wald und da ist mir plötzlich ein Tier vors Auto gelaufen. Ich habe angehalten, bin ihm in den Wald hinterher. Ich dachte, vielleicht ist es verletzt, vielleicht braucht es Hilfe. Ich habe es aber nicht mehr gefunden.
Danach bin ich weitergefahren. Das muss ungefähr genau da gewesen sein, wo die Leiche gelegen ist. “
Diese Geschichte konnte wahr sein – oder eine verzweifelte Ausrede. Die Ermittler ließen sich nicht festlegen.
Doch dann platzte sein Alibi. Wachter war zwar am Tag von Lefkes Verschwinden in der Firma, wurde aber gegen zehn Uhr wieder nach Hause geschickt. Der Fahrer des LKWs, auf dem er eingesetzt war, musste aus privaten Gründen freinehmen. Wachter konnte also locker um 12:30 Uhr vor dem Haus der Leuchners gewesen sein.
Und die Auswertung der Überwachungskamera auf dem Waldparkplatz zeigte: Das Auto seiner Mutter war dreimal dort gewesen. Dreimal. Die Fasern, die im Fahrgastraum und im Kofferraum seines Autos gefunden wurden, waren identisch mit den Fasern der Kleidung, die Lefke am Tag ihres Verschwindens getragen hatte. Die Ermittler wollten ihn festnehmen.
Doch Bettels zögerte. „Wir haben ausführlich darüber gesprochen. Wir brauchen ein Geständnis. Er darf uns nicht noch mal davonkommen wie bei seinen anderen Opfern.
Dafür brauchen wir ein Geständnis. “
„Und wie kriegen wir das? “
„Indem wir eine kleine Reise mit ihm unternehmen. Er soll erst einmal das Gefühl haben, dass er sich dadurch entlasten kann.
Gleichzeitig bauen wir immer mehr Druck auf ihn auf, bis er irgendwann die Karten auf den Tisch legt. “
Am 7. Dezember 2004, sieben Monate nach Lefkes Verschwinden, fuhren die Beamten mit Günther Wachter ins Sauerland. Dort sollte er ihnen zeigen, wo sich sein angeblicher Wildunfall ereignet hatte.
Die Stelle, die Wachter ihnen zeigte, lag ein gutes Stück abseits der Stelle, wo Lefkes Leiche gefunden worden war. Ein Anzeichen für einen Wildunfall wurde nicht gefunden. Am nächsten Tag durchsuchten die Beamten Wachters Wohnung. Sie fanden Kabelbinder – von derselben Art, wie sie beim Mord an Lefke verwendet worden waren.
Auf dem Weg zur anschließenden Vernehmung fuhren die Beamten einen Umweg. Sie zeigten Wachter den Schaukasten mit den Bildern von Lefke. Sie fuhren am Haus der Familie Leuchner vorbei, wo die Tat ihren Anfang genommen hatte. Auf der Dienststelle wartete ein speziell vorbereitetes Vernehmungsteam.
Ein Beamter aus dem Spurenteam hatte eine enge Beziehung zu Wachter aufgebaut – dieses Vertrauen wollten sie nutzen. „Ihr Alibi, Herr Wachter, konnten wir entkräften. Die Firma hat Sie am 6. Mai bereits um zehn Uhr nach Hause geschickt.
Ihre DNA passt zu einer Mischspur auf der Jacke von Lefke. Im Auto wurden Fasern gefunden, die mit Vergleichsstücken der Bekleidung von Lefke identisch sind. Und Sie waren nach der Tat dreimal auf dem Waldparkplatz, auf dem wir die Sachen gefunden haben. Alles nur Zufall, Herr Wachter, wie der ominöse Wildunfall ausgerechnet da, wo die Leiche gelegen hat.
Was sagen Sie dazu? “
Stille. Dann veränderte sich Wachters Gesicht. „Ich kann sie ja nicht wieder lebendig machen.
“
Er begann zu gestehen:
„Ich bin an dem Tag um zehn aus der Firma. Ich hatte Streit mit meiner Frau, da ging es mir nicht so gut. Ich habe mich ins Auto gesetzt und bin rumgefahren. Und dann stand sie da.
Hat auf irgendjemanden gewartet. Ich bin erst vorbeigefahren, aber dann zurückgekehrt. “
„Magst du mal herkommen? Ich muss dir was Wichtiges sagen.
Es geht um deine Mutter. Sie ist im Krankenhaus. Sie hat gesagt, ich soll dich zu ihr bringen. “
„Und wer bist du?
“
„Ich bin ein alter Freund. Ein Freund eurer Familie. Wir kennen uns aus Schulzeiten. “
„Das hat natürlich ein bisschen Überredung gekostet, aber schließlich ist sie eingestiegen.
“
Wachter fuhr mit dem Mädchen etwa 60 Kilometer nach Süden, hielt an einer ruhigen Stelle an und befriedigte sich an ihr. Danach fuhr er 50 Kilometer nach Norden und tötete sie mit einem Kabelbinder. Die Leiche deckte er mit Reisig zu, die Sachen und den Schulranzen legte er auf den Waldparkplatz. Am nächsten Tag holte er die Leiche, um sie im Sauerland zu entsorgen.
Als er an den Waldparkplatz zurückkehren wollte, war die Straße bereits abgesperrt. Die Polizei leitete ihn um – fast wäre ihm das Herz geplatzt. In derselben Nacht fuhr er ins Sauerland und ließ die Leiche dort zurück. In der Nacht darauf ging er noch einmal hin und zog sie tiefer in den Wald.
„Haben Sie auch Nils getötet? “, fragten die Ermittler. „Nein. “
Mehr sagte Günther Wachter zu der Tat nie wieder.
Doch im Januar kam die Überraschung: Gegenüber einem Mitgefangenen hatte Wachter den zweiten Mord gestanden. Er benannte auch die Ablagestelle. Die Beamten bargen die Leiche von Nils aus einem Fluss – in der Nacht, bei Kälte, mit einer Taucherin der Rechtsmedizin. Auch Nils war mit Kabelbindern gefesselt worden.
Dieselbe Charge wie im Fall Lefke. Am 29. Juni 2005 verurteilte das Landgericht den Mörder von Lefke und Nils zu lebenslanger Haft. Das Gericht stellte die besondere Schwere der Schuld fest und ordnete Sicherungsverwahrung an – die höchste Strafe, die das deutsche Recht kennt.
„Bei passender Gelegenheit hätten es über 1000 Opfer sein können“, hatte der Täter einmal gesagt. Gegenüber einem Mitgefangenen deutete er sogar weitere Opfer an. Die Soko untersuchte deshalb noch über ein Jahr lang über 260 Tötungsdelikte aus ganz Deutschland – ohne Ergebnis.
Aber die Eltern von Lefke und Nils hatten wenigstens die Gewissheit: Dieser Mann konnte keinen anderen Kindern mehr etwas antun.


