Es ist der 24. Juli 2010, ein warmer Sommertag in Duisburg. Die Love Parade soll heute wieder stattfinden – nach einem Jahr Pause. Schon am Morgen liegt Vorfreude in der Luft, Menschen strömen aus allen Richtungen herbei, bunt gekleidet, lachend, bereit zu feiern.

Maximilian ist mit seinem Bruder und Freunden unterwegs. Auch sie wollen Teil dieses großen Festes sein. Zuerst ist die Stimmung entspannt, sie machen Fotos, lachen, genießen den Moment. Doch dann, nur kurz nach zwölf Uhr, geht ein erster Funkspruch beim Ordnungsdienst ein: Die Einlässe müssen geschlossen werden, der Andrang auf die Rampe ist zu groß.
Es ist ein erstes Warnsignal – aber nicht das letzte. Das Gelände ist das alte Duisburger Güterbahnhofsgelände, ein weitläufiges Areal mit alten Gleisanlagen und Hallen. Doch der Zugang ist ein Nadelöhr: ein einziger Tunnel, der von zwei Seiten auf eine Rampe führt. Wer hinein will, muss hier durch.
Wer hinaus will, auch. Ein- und Ausgang sind identisch. Schon früh zeigt sich, dass das zum Problem wird. Immer mehr Menschen drängen von beiden Seiten in den Tunnel, auf die Rampe.
Oben läuft die Musik, unten verdichtet sich die Lage. Die Menschen stehen dicht an dicht, es gibt kein Vor und kein Zurück mehr. Maximilian erinnert sich später: „Dieser Ort fing an, immer voller zu werden. Man wird geschoben, gedrückt, und der Sauerstoff scheint knapper zu werden.
”
Aus Vorfreude wird Unruhe, aus Unruhe wird Angst. Dann die ersten panischen Schreie. „Als die ersten angefangen haben zu schreien – und das war kein Feiern mehr, sondern panisches Geschrei –, habe ich gemerkt, das ist jetzt ernst. ”
Die Lage eskaliert.
Die Polizei versucht, mit Menschenketten die verschiedenen Besucherströme zu trennen, aber der Druck der Masse ist stärker. Die Ketten halten nicht, sie lösen sich auf. Zäune werden entfernt, zusätzliche Wege geöffnet – doch die Maßnahmen kommen zu spät. Maximilian wird mit der Welle zu Boden gedrückt.
„Ich bin mit meinem Fuß in einem Bauzaunsockel hängen geblieben und wurde zu Boden gedrückt. Plötzlich war es so ruhig und dunkel. Neben mir lagen die verdreckten Beine einer anderen Person. ”
Irgendwie schafft er es, wieder aufzustehen.
Er will der Person neben ihm helfen, aber es ist unmöglich. „Wir mussten uns dem Gedränge hingeben und konnten einfach nicht helfen. Ich habe gesehen, wie Menschen über Menschen gelaufen sind. ”
Oben auf dem Gelände läuft die Party weiter.
Ein DJ erzählt später: „Uns wurde gesagt, wir sollen trotzdem weiterspielen. Das war sehr schwierig, denn Musik auflegen hat mit Freude zu tun. Aber es war eine Sicherheitsvorkehrung. Hätte man den Menschen oben gesagt, was unten passiert, hätte das vielleicht zur nächsten Massenpanik geführt.
”
Stunden später gelingt es Maximilian und seinem Bruder, sich aus der Menge zu befreien. Als ihre Mutter sie im Auto in den Arm nimmt, weint sie. Erst in diesem Moment wird Maximilian bewusst, was wirklich passiert ist. Für andere endet dieser Tag nicht so.
Auch Christian, 25 Jahre alt, wollte feiern. Er kommt nie nach Hause. Seine Mutter war einkaufen und hörte dort zum ersten Mal von einem Unglück auf der Love Parade. Sie versucht, Christian anzurufen – nur seine Mailbox.
Sie versucht, sich zu beruhigen: Vielleicht ist das Netz überlastet, vielleicht ist die Musik zu laut. Doch gegen 19 Uhr, als ihr Mann nach Hause kommt, sagt sie später: „Da wusste ich, der Christian kommt nicht mehr heim. ” Es gab noch keine Bestätigung, aber ihre Intuition ließ sie nicht los. In den frühen Morgenstunden klingelt es an der Tür.
Sie denkt: Das ist Christian, er hat keinen Schlüssel dabei. Doch vor der Tür stehen zwei Polizeibeamte, die die offizielle Todesnachricht überbringen. „Da ist man nur noch wie gelähmt. ”
Christian ist eines von 21 Todesopfern an diesem Tag.
Mindestens 20 von ihnen ersticken an den Folgen einer massiven Brustkompression – sie werden von der Menschenmenge zusammengequetscht, ihre Lungen können sich nicht mehr ausdehnen. Sie ersticken im Freien, umgeben von Luft, aber zu stark gedrängt. Die Opfer sind zwischen 17 und 38 Jahre alt, sie kommen aus Deutschland, China, Australien, Spanien, Italien und den Niederlanden. Mehr als 650 Menschen werden verletzt.
Die Rettungskräfte arbeiten unter extremen Bedingungen. Ein Rettungsassistent erinnert sich: „Wir landeten vor einem Berg aus ineinander verkeilten Leichen. Viele Verletzte schrien – ich höre diese Schreie noch heute. ” Ein Notarzt klopfte ihm auf die Schulter: „Wir müssen zum Massenanfall von Verletzten übergehen.
Alles, was kurz vor dem Sterben ist, wird liegen gelassen. ”
Erst gegen 20 Uhr wird die Veranstaltung offiziell beendet. Zu spät. Doch die Katastrophe war nicht unabwendbar.
Schon ein Jahr zuvor äußerte der Duisburger Polizeipräsident Bedenken: Das Gelände sei zu eng, der Zugang problematisch, es gebe zu wenige Fluchtwege. Im März 2010 warnte der Feuerwehrchef offen vor möglichen Toten und Verletzten. Er bezeichnete das Konzept, den Tunnel als einzigen Ein- und Ausgang zu nutzen, als „Irrsinn”. Im Juni 2010 häufen sich die Warnungen weiter, auch innerhalb der Stadtverwaltung.
Und trotzdem wird die Sondernutzung des Geländes genehmigt – von einem untergeordneten Mitarbeiter. Die geplante Besucherzahl wird ebenfalls zum Problem. Laut Sonderbauverordnung in NRW sind für Stehplätze zwei Besucher pro Quadratmeter erlaubt. Eigentlich stünden rund 110.
000 Quadratmeter zur Verfügung, was etwa 220. 000 Besuchern entspräche. Doch die Prognosen gehen von bis zu 600. 000 erwarteten Menschen aus – ein Großteil davon würde sich vor dem Gelände drängen.
Statt die Realität an die Zahlen anzupassen, werden die Zahlen angepasst. Die offiziellen Prognosen werden nach unten korrigiert, auf 400. 000 Besucher. Die Stadtverwaltung genehmigt das Gelände für 250.
000 Besucher. Gleichzeitig gibt es eine vertrauliche Besucherprognose des Veranstalters vom 8. Juli 2010, in der von insgesamt 485. 000 Teilnehmern die Rede ist – mit dem Hinweis: „Bitte behandeln Sie diese Unterlagen streng vertraulich.
Eine Veröffentlichung dieser Zahlen könnte dem Ansehen der Veranstaltung immensen Schaden zuführen. ”
Nach außen hin werden für die Öffentlichkeit sogar 1,4 Millionen Besucher angepriesen. Der Oberbürgermeister sagt später: „Die Zahlen wurden immer um den Faktor drei oder vier übertrieben. Wir mussten die Zahl der wirklich erwarteten Teilnehmer geheim halten, um der Firma keinen Imageschaden zuzufügen.
”
Ein Physiker berechnet später, dass der Tunnel eine Maximalkapazität von 20. 000 Menschen pro Stunde hätte. Die Veranstalter müssen also gewusst haben, dass die Zugangswege am späten Nachmittag siebenfach überfüllt sein würden. Auch die Fluchtwege sind ein Problem.
Für je 600 Besucher wären etwa 1,20 Meter Fluchtwegbreite nötig gewesen. Bei 250. 000 Besuchern wären das 500 Meter. Der Veranstalter kann nur wenige Meter nachweisen.
Für ihn sei das ausreichend, wenn ein Drittel der Personen entfliehen könne. Im Februar 2014 erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage gegen zehn Personen – sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg und vier Mitarbeiter des Veranstalters. Ihnen werden fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vorgeworfen. Erst am 8.
Dezember 2017 beginnt der Prozess, mehr als sieben Jahre nach dem Unglück. Doch am 4. Mai 2020 werden alle Verfahren ohne Urteil eingestellt. Die Begründung: Die individuelle Schuld der einzelnen Angeklagten sei zu gering für eine Verurteilung.
Es sei eine „Vielzahl von Umständen” gewesen, die zur Katastrophe geführt habe. Für viele Angehörige ist das ein Schock. „Es gab nie wirklich eine Aufklärung, nie ein Verfahren mit einem klaren Ergebnis. Viele haben das Gefühl, dass es hier keine Gerechtigkeit gegeben hat”, sagt ein Angehöriger später.
Als Entschädigung werden rund 8 Millionen Euro an die Opfer und Angehörigen ausgezahlt – verteilt auf etwa 700 Betroffene. Die Mutter eines Opfers sagt: „Man fühlt sich wütend und vor allem hilflos. Es ist schwer zu akzeptieren, dass in einem Land wie Deutschland niemand für den Tod von 21 Menschen zur Verantwortung gezogen werden kann. ”
Schon am Tag nach der Katastrophe wird auf einer Pressekonferenz das Ende der Love Parade verkündet: „Aus Respekt vor den Opfern, ihren Familien und Freunden werden wir die Veranstaltung nicht fortsetzen.
”
Heute ist der Karl-Lehr-Tunnel in Duisburg ein Ort des Gedenkens. Eine ehemalige Sicherheitsmitarbeiterin, die damals im Einsatz war, sagt: „Wir können und wollen das hier nicht vergessen. Ich komme jedes Jahr hierher und trauere mit den anderen. Ich kann nicht zu Hause sitzen.
Ich habe die ersten fünf Jahre wie in einer Blase gelebt. Zum Jahrestag kommen alle Gefühle hoch. ”
Die Co-Vorsitzende einer Opferstiftung sagt: „Niemand soll schuld gewesen sein. Das ist schwer zu verstehen, wenn man seine Tochter oder seinen Sohn hier verloren hat.
”
Mehr als ein Jahrzehnt später bleiben viele Fragen offen: Wer trägt die Verantwortung? Hätte das alles verhindert werden können? Und warum gibt es bis heute keine klaren Antworten? Für viele Menschen endet am 24.
Juli 2010 nicht nur ein Fest – es endet ein Stück Unbeschwertheit, ein Stück Sicherheit. Für 21 Menschen endet an diesem Tag ein ganzes Leben.

