Als meine Schwester nach einem Streit mit ihrem Mann verschwand, glaubte ich zuerst an einen schlechten Scherz. Doch als die Polizei Monate später die Suche einstellte, standen wir allein da –…

Als meine Schwester nach einem Streit mit ihrem Mann verschwand, glaubte ich zuerst an einen schlechten Scherz. Doch als die Polizei Monate später die Suche einstellte, standen wir allein da –...

Als Journalistin und Podcasterin habe ich schon viele Vermisstenfälle bearbeitet – aber keiner hat mich so mitgenommen wie der von Dorota. Jeden Tag meldet die Polizei in Deutschland zwischen 200 und 300 Menschen als vermisst. Die meisten Fälle klären sich innerhalb weniger Wochen. Nur etwa drei Prozent bleiben länger als ein Jahr ungeklärt.

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Dorotas Fall gehört zu diesen drei Prozent. Und er endete erst nach sieben Jahren – mit einem Urteil, das niemand mehr erwartet hatte. Es war der 18. Oktober 2016, als Dorota zum letzten Mal gesehen wurde.

Die 27-Jährige lebte mit ihrem Mann Manfred und dem gemeinsamen siebenjährigen Sohn in einem kleinen Ort an der deutsch-niederländischen Grenze. Beide waren an dem Tag krankgeschrieben, das Kind war bei den Großeltern. Seit elf Jahren war das Paar verheiratet, aber die Ehe war längst zerbrochen. Immer wieder standen sie kurz vor der Trennung.

Am Abend eskalierte ein Streit. Kurz vor 23 Uhr verließ Dorota wütend das Haus – und verschwand für immer. Dorotas Schwester Katarzyna erinnert sich noch genau an den Anruf, der ihr Leben veränderte. Ihre Mutter rief an und sagte: „Dorota ist weg.

“ Katarzyna konnte es nicht fassen. Das Paar hatte sich zwar oft gestritten, aber ihre Schwester war noch nie einfach weggelaufen. Manfred behauptete, er wisse nicht, wo seine Frau sei. Aber zur Polizei gehen wollte er nicht.

Das kam der Familie seltsam vor. Eine befreundete Anwältin fragte sich, warum ein Ehemann nicht sofort Anzeige erstattet, wenn seine Frau nach einem Streit nicht zurückkommt. Zwei Tage nach dem Verschwinden meldeten Katarzyna und ihr Mann Dorota als vermisst. Die Polizei suchte mit Hundertschaften, Spürhunden und Tauchern die Wälder der Umgebung ab.

Doch es gab keine Spur. Auch die Auswertung von Überwachungskameras brachte nichts. Zu der Zeit, zu der Dorota das Haus verlassen haben soll, war niemand auf den Straßen unterwegs. Kein einziger Fußgänger, kaum Fahrzeuge.

Die Ermittler fragten sich: Hat sie das Haus überhaupt verlassen? Eine Nachbarin wollte in der Nacht des Verschwindens einen Schrei aus dem Haus gehört haben. Sie konnte die Uhrzeit sogar ziemlich genau benennen, weil sie zu dem Zeitpunkt mit ihrem Freund gechattet hatte. Dorotas Schwester fiel auf, dass ihre Schwester weder Brille noch Handtasche mitgenommen hatte.

Dorota hatte eine starke Sehschwäche und ging nie ohne Brille aus dem Haus. Auch ihre Jacke und ihr Handy ließ sie zurück. Und ihr Kind. Die Ermittler konfrontierten Manfred mit diesen Widersprüchen.

Je öfter sie mit ihm sprachen, desto mehr verwickelte er sich in Ungereimtheiten. Schließlich wurde er zum Beschuldigten und vorläufig festgenommen. Zwei Wochen nach Dorotas Verschwinden kam er in Untersuchungshaft. Die Polizei durchsuchte das Haus gründlich.

Auch Leichenspürhunde wurden eingesetzt, doch sie schlugen nicht an. Es gab keine Blutspuren, keine Hinweise auf eine Gewalttat. Ohne neue Beweise musste die Kripo Manfred wieder freilassen. Die Ermittler verfolgten auch eine andere Spur: Dorota hatte vor ihrem Verschwinden Kontakt zu einem Mann namens Tomek gehabt, einem alten Bekannten aus Polen, der in den Niederlanden lebte.

Drei Tage vor ihrem Verschwinden hatte sie sich heimlich mit ihm getroffen. Als Manfred davon erfuhr, versteckte er einen GPS-Tracker in ihrer Handtasche. Am Telefon kam es zu einem heftigen Streit. Dorota drohte, sich endgültig von ihm zu trennen und mit dem Kind zu ihrer Schwester nach Bayern zu ziehen.

Die Polizei überprüfte Tomeks Aufenthaltsort zur Tatzeit. Sein Handy befand sich in den Niederlanden, sein Alibi war wasserdicht. Dafür lieferte der Chatverlauf zwischen Dorota und Tomek ein wichtiges Indiz: Der Kontakt brach genau zu dem Zeitpunkt ab, als die Nachbarin die Schreie gehört hatte. Ein weiteres Puzzleteil, das auf Manfred zeigte – aber kein Beweis.

Manfred behauptete weiterhin, nichts mit dem Verschwinden seiner Frau zu tun zu haben. Im Januar 2017 stellte die Polizei die Suche ein. Keine Spur, keine Leiche, keine Beweise. Für die Familie war das eine Katastrophe.

Katarzyna und ihr Mann fuhren immer wieder die 730 Kilometer von Bayern an die niederländische Grenze und suchten auf eigene Faust. Sie sprachen mit Anwohnern, durchsuchten Wälder, engagierten sogar Leichenspürhunde. Doch nichts führte zu Dorota. Auch andere Leute wollten helfen.

In sozialen Medien organisierten sich Hobbyermittler und durchkämmten die Gegend. Es gab sogar einen Hellseher, der behauptete, Dorota liege in einem Waldstück weit entfernt ihres Wohnorts. Die Familie griff nach jedem Strohhalm, auch wenn sie selbst nicht recht daran glaubte. Die Polizei lehnte die Zusammenarbeit mit dem Hellseher jedoch deutlich ab.

Der Fall wurde zu einem Cold Case. Die Akte wurde zur Seite gelegt, nur noch sporadisch überprüft. Doch dann kam ein entscheidender Wendepunkt – durch einen ganz anderen Fall. In Berlin war ein vermisstes Mädchen nach zwölf Jahren gefunden worden, weil verdeckte Ermittler das Vertrauen des Täters gewonnen hatten.

Genau diese Methode wollte die Aachener Kripo auch im Fall Dorota anwenden. Monatelang wurde der verdeckte Einsatz vorbereitet. Ende 2021 begann die Undercover-Aktion. Zwei Männer gaben sich als zwielichtige Geschäftsleute aus, die ein Haus für ihre Import-Export-Geschäfte suchten.

Genau das leerstehende Haus, das Manfred noch immer gemietet hatte. Die Männer boten Manfred an, ihm bei seinen Schulden zu helfen. Der Kontakt wurde vertraulicher, aus Geschäftspartnern wurden vermeintliche Freunde. Die beiden angeblichen Geschäftspartner feierten mit Manfred, gingen mit ihm in Kneipen und Clubs.

Sie spielten ihm vor, selbst keine Hemmungen zu haben, wenn es um kriminelle Geschäfte ging. Jedes Treffen wurde heimlich aufgenommen und ausgewertet. Irgendwann erzählte einer der Männer Manfred von Problemen mit seiner Exfreundin, die ihre Geschäfte gefährden könnte. Manfred ließ durchblicken, dass er wisse, wie man solche Probleme löst.

Je enger das Vertrauensverhältnis wurde, desto mehr redete Manfred. Schließlich erzählte er den beiden Männern sehr konkret, was in der Nacht seines Verschwindens passiert war. Er sagte: „Ich laufe seit sieben Jahren damit rum. Ich habe meine Frau umgebracht.

Seine Schilderung war grausam. Dorota habe ihm erotische Fotos an Tomek geschickt, behauptete er. Es sei zum Streit gekommen, er habe sie die Treppe hinuntergestoßen. Als sie am Boden lag und drohte, ihn zu verlassen, habe er eine Plastiktüte aus der Küche geholt, sie ihr über den Kopf gezogen und sie erstickt.

Die Leiche habe er zerteilt und die Überreste im Wald verstreut. Mehrfach erzählte Manfred die Geschichte, jedes Mal ein bisschen anders. Doch die entscheidende Aussage war gefallen. Die Staatsanwaltschaft sah genug Beweise.

Nach fast zwei Jahren verdeckter Ermittlungen wurde Manfred G. im August 2023 festgenommen. Er wurde auf einem Parkplatz vor einem Baumarkt überwältigt. Auf dem Weg zum Polizeipräsidium sagte er, er sei bereit, den Ort zu nennen, an dem sich die Leiche befinde – aber er sei kein Mörder.

Vor Gericht schwiegen er und sein Anwalt jedoch. Bei der Durchsuchung seines neuen Wohnhauses fanden die Ermittler in einem verschlossenen Schuppen zwei große Plastiksäcke. Ein Beamter öffnete einen davon und sagte: „Hier riecht es nach Leiche. “ Die Obduktion bestätigte: Es war Dorota.

Für die Familie war das ein Schock – aber auch eine Erlösung. Nach sieben Jahren hatten sie endlich Gewissheit. Drei Tage später wurde das alte Haus erneut durchsucht. Diesmal schlugen die Leichenspürhunde an – auf dem Dachboden.

Dort fand sich der Abdruck einer ausgelaufenen Flüssigkeit. Die Ermittler gehen davon aus, dass Manfred die Leiche zunächst außerhalb versteckt und später auf den Dachboden gebracht hatte. Das war wohl auch der Grund, warum er das zweite Haus so lange weiter gemietet hatte. Im Februar 2024 begann der Prozess vor dem Landgericht Aachen.

Die Anklage lautete auf Mord. Manfred G. schwieg zu den Vorwürfen. Sein Anwalt kritisierte die verdeckten Ermittlungen als unzulässige Vernehmungsmethode.

Doch das Gericht ließ die Aufnahmen zu, auch weil Manfred von sich aus über die Tat gesprochen hatte. Die Schwester der Toten saß dem Angeklagten im Gerichtssaal direkt gegenüber. Es war ihr wichtig, ihm ins Gesicht zu schauen – und zu verlangen, dass er das Gesicht ihrer Schwester sieht. Manfred G.

zeigte während des Prozesses keinerlei Regung. Er saß kerzengerade da, mit versteinerter Miene, und verfolgte alles genau. Am 15. März 2024 wurde Manfred G.

wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht sah das Mordmerkmal der Verdeckungsabsicht als erwiesen an: Er hatte geglaubt, dass Dorota durch den Treppensturz schwer verletzt war und ihn verraten würde – also brachte er sie um. Für Katarzyna war das Urteil eine Erleichterung, aber auch eine bittersüße Genugtuung. Nichts bringt ihre Schwester zurück.

Die schlimmste Zeit ist für sie immer der Oktober – der Monat, in dem Dorota geboren und ermordet wurde. Ein Femizid, weil ein Mann nicht damit klarkam, dass seine Frau ihn verlassen wollte. Der Schmerz wird die Familie für immer begleiten.