Der 74-jährige NS-Arzt Klaus Schilling ist am 28. Mai 1946 hingerichtet worden – der Mann, der in Dachau über 400 Menschen durch Malariaexperimente tötete und noch vor seiner Exekution unter Tränen um Gnade flehte, starb ohne jedes Schuldeingeständnis. Das Urteil wurde im Gefängnis von Landsberg vollstreckt, nur ein Jahr nach der Befreiung des Konzentrationslagers.
Schilling, der sich selbst als Wissenschaftler und nicht als Verbrecher bezeichnete, hatte das Gericht noch in der letzten Verhandlung angefleht, ihn am Leben zu lassen, um “seine große Arbeit” an einem Impfstoff gegen Malaria beenden zu können. Er weinte, er bettelte, aber das Militärtribunal der US-Armee zeigte keine Milde.
Die Hinrichtung markiert das Ende einer der dunkelsten Kapitel der Medizingeschichte. Klaus Karl Schilling war einst ein angesehener Tropenmediziner, der international für seine Malariaforschung bekannt war. Geboren 1871 in München, promovierte er 1895 und arbeitete in britischen Krankenhäusern sowie in den deutschen Kolonien Togo und Deutsch-Ostafrika.
Seine Karriere erreichte 1905 einen Höhepunkt, als er die neu geschaffene Abteilung für Tropenmedizin am Robert-Koch-Institut in Berlin leitete. Er war Mitglied der Malariakommission des Völkerbundes, ein Forscher von Weltrang – und doch ließ er sich vom Nazi-Regime instrumentalisieren.
Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler wurde, begann die Umbildung der deutschen Medizin nach rassenbiologischen Prinzipien. Ärzte wurden aufgefordert, nicht mehr nur zu heilen, sondern den Staat zu stärken und alles zu beseitigen, was als Schwäche galt.
Schilling, obwohl nie NSDAP-Mitglied, widersetzte sich nicht. Er nutzte die neuen Ressourcen und die Autorität des Regimes für seine Forschung. Nach seinem Ruhestand 1936 zog er nach Italien, wo er in faschistischen psychiatrischen Anstalten bereits Immunisierungsexperimente an Patienten ohne Einwilligung durchführte – die ethische Grenze war längst überschritten.
Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde Malaria zu einer strategischen Bedrohung für die deutsche Wehrmacht, besonders in Südeuropa. Auf Anweisung von Heinrich Himmler und Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti wurde Schilling ab Februar 1942 im Konzentrationslager Dachau eingesetzt. Das Lager, errichtet im März 1933 als erstes dauerhaftes KZ, war bereits ein Zentrum verbrecherischer Medizinexperimente.
Schilling, damals über 70 Jahre alt, begann dort seine tödlichen Versuche an Gefangenen – Polen, Italienern, sowjetischen Bürgern, darunter etwa 200 katholische Priester.
Die Experimente waren brutal: Häftlinge wurden bewusst mit Malaria infiziert, indem man sie über Stunden Mücken aussetzte oder ihnen Extrakte aus infizierten Speicheldrüsen injizierte. Nach der Infektion testete Schilling experimentelle synthetische Medikamente, oft in Dosierungen, die von extrem hoch bis tödlich reichten. Die Opfer erlitten hohes Fieber, Schüttelfrost, starke Schmerzen und wochenlange Schwäche.
Wer sich weigerte, wurde bestraft. Keiner der über 1000 Infizierten hatte sich freiwillig gemeldet. Unter den Häftlingen erhielt Schilling den Beinamen “blutiger Schilling”.
Die meisten starben nicht sofort, aber rund 300 bis 400 Menschen erlagen später den Langzeitfolgen der Infektionen und der experimentellen Behandlung.

Die Experimente wurden erst am 5. April 1945 eingestellt – auf Befehl Himmlers, als die deutsche Niederlage unabwendbar war. Am 29.
April 1945 befreiten US-Soldaten das Lager Dachau. Sie fanden hungernde, kranke Menschen und Tausende Tote. Von den über 200.
000 Häftlingen, die zwischen 1933 und 1945 in Dachau interniert waren, wurden rund 42. 000 ermordet. Schilling wurde kurz nach der Befreiung festgenommen und im ersten Dachau-Prozess ab dem 15.
November 1945 vor ein US-Militärgericht gestellt. Ihm wurden zusammen mit vier weiteren Ärzten Verstöße gegen die Gesetze und Gebräuche des Krieges vorgeworfen.
Vor Gericht zeigte sich Schilling uneinsichtig. In fließendem Englisch stellte er sich als unschuldigen Wissenschaftler dar, der nur der Erkenntnis verpflichtet gewesen sei. “Ich habe diese große Arbeit geleistet.
Es wäre wirklich ein schrecklicher Verlust, wenn ich sie nicht vollenden könnte”, flehte er. Er weinte, er bettelte um sein Leben. Aber die Beweise waren erdrückend: Schilling hatte eigenständig und im vollen Bewusstsein der Folgen gehandelt.
Die Grausamkeit seiner Taten ließ keinen Zweifel. Das Tribunal verurteilte ihn im Dezember 1945 zum Tode. Mehrere Kollegen aus angesehenen medizinischen Einrichtungen reichten Gnadengesuche ein – sie argumentierten, Schilling habe keine Tötungsabsicht gehabt –, doch alle Anträge wurden abgelehnt.
Am Morgen der Hinrichtung, auf dem Weg zur Exekution, wurde Schilling nach seiner letzten Erklärung gefragt. Er antwortete knapp: “Ich bin nicht schuldig. Bitte machen Sie es kurz.”
Dann trat er vor das Erschießungskommando. Die Hinrichtung war Teil des ersten Dachau-Prozesses, der insgesamt 40 Angeklagte umfasste. Schillings Fall wurde besonders aufmerksam verfolgt, weil er stellvertretend für die Verstrickung der deutschen Medizin in die NS-Verbrechen stand.
Die Aufdeckung der Dachau-Experimente trug später maßgeblich zur Formulierung des Nürnberger Kodex von 1947 bei, der grundlegende ethische Prinzipien für medizinische Forschung am Menschen festschrieb.

Der Fall Schilling zeigt, wie ein hochangesehener Arzt Schritt für Schritt seine moralischen Grundsätze verlor. Er war überzeugt, dass der wissenschaftliche Fortschritt jedes Mittel rechtfertige. Die Grenze zwischen Wissenschaft und Verbrechen löste sich im Konzentrationslager Dachau vollends auf.
Die US-Richter urteilten, dass keine noch so edle Forschungsfrage das Leben unschuldiger Menschen opfern dürfe. Schillings Flehen und Weinen halfen nicht: Der Mann, der Hunderte mit Malaria infizierte und tötete, starb ohne Reue.
In der deutschen Öffentlichkeit wurde die Hinrichtung zunächst kaum diskutiert, da das Land noch mit den unmittelbaren Kriegsfolgen kämpfte. Doch im Laufe der Jahrzehnte wurde Schillings Fall zu einem Symbol für die Perversion der Medizin unter dem Nationalsozialismus. Viele deutsche Ärzte und Wissenschaftler mussten sich nach 1945 fragen, wie sie Teil eines solchen Systems werden konnten.
Schilling, der nie der NSDAP beitrat, zeigt, dass politische Mitgliedschaft nicht notwendig war, um sich am Massenmord zu beteiligen – genug Ehrgeiz, Loyalität zum Regime und fehlende moralische Skrupel reichten aus.
Die genaue Zahl der Todesopfer von Schillings Experimenten ist bis heute nicht endgültig geklärt. Historiker gehen von etwa 30 unmittelbaren Todesfällen während der Versuche aus, aber die Spätfolgen forderten hunderte weitere Opfer. Viele Häftlinge, die die Experimente überlebten, litten ihr Leben lang unter chronischer Malaria, Organschäden und psychischen Traumata.
Schillings Forschung brachte keinen wissenschaftlichen Fortschritt – die von ihm getesteten Medikamente waren wirkungslos oder giftig. Sein gesamtes Lebenswerk, das er mit so viel Ehrgeiz verfolgte, endete im moralischen und wissenschaftlichen Nichts.
Der Prozess gegen Klaus Schilling war einer der ersten großen NS-Medizinverbrecherprozesse. Er legte offen, wie die deutsche Ärzteschaft – die sich selbst als Elite der Gesellschaft verstand – zu Komplizen des Massenmords wurde. Die Hinrichtung des 74-Jährigen wurde als notwendiges Signal gesehen, dass die Alliierten keine Toleranz gegenüber solchen Verbrechen zeigen würden.
Die US-Militärbehörden in Deutschland betonten nach dem Urteil, dass medizinische Experimente ohne Einwilligung der Opfer und unter Zwang niemals gerechtfertigt seien – eine Lektion, die die Welt nach Dachau lernen musste.
Das Flehen und Weinen von Klaus Schilling vor Gericht wird in den Prozessakten detailliert festgehalten. Er war überzeugt, dass seine Arbeit der Menschheit nützen würde – aber er ignorierte, dass er sie an Menschen durchführte, die er zuvor ihrer Rechte beraubt hatte. In seinen Augen waren die Häftlinge “entbehrlich”.
Diese Einstellung, die tief in der NS-Ideologie verwurzelt war, war das eigentliche Verbrechen. Die Richter des Militärtribunals ließen sich von seinen Tränen nicht erweichen. Sie verurteilten nicht den Wissenschaftler, sondern den Täter.
Der 28. Mai 1946 war ein Tag der Gerechtigkeit, aber auch der Trauer. Gerechtigkeit für die über 400 Toten, Trauer darüber, dass ein Arzt sein Gelöbnis, zu heilen, so gründlich verraten hatte.
Schillings Fall bleibt eine Mahnung: Wissenschaft ohne Ethik wird zur Gefahr für die Menschheit. Der Nürnberger Kodex, der aus solchen Prozessen hervorging, schützt seither weltweit die Rechte von Probanden in medizinischer Forschung. Aber die Erinnerung an Klaus Schilling und seine Opfer muss wach bleiben, damit sich solche Verbrechen nie wiederholen.
Heute, fast acht Jahrzehnte nach der Hinrichtung, ist der Name Klaus Schilling in der medizinischen Fachwelt ein warnendes Beispiel. Seine Biografie wird in Ethikseminaren gelehrt: Wie ein Mann, der sein Leben der Malariabekämpfung widmete, zum Massenmörder wurde. Wie die Macht des Staates und die Verlockung von Forschungsgeldern die moralischen Grundfesten eines Menschen zersetzen können.
Die Hinrichtung war notwendig, aber sie kann die Toten nicht zurückbringen. Die Überlebenden von Dachau trugen die Narben dieser Experimente bis an ihr Lebensende. Viele von ihnen starben in den Jahren nach dem Krieg an den Folgen, ohne jemals Entschädigung oder auch nur eine Entschuldigung zu erhalten.
Mit dem Tod von Klaus Schilling schloss sich ein Kapitel, aber die Debatte über die Verantwortung von Wissenschaftlern ist nicht beendet. In einer Zeit, in der medizinische Forschung immer schneller voranschreitet und ethische Grenzen oft auf dem Prüfstand stehen, erinnert der Fall des “blutigen Schillings” daran, dass der Zweck niemals die Mittel heiligt. Die Vereinigten Staaten als Siegermacht zogen mit dem Prozess eine klare Linie: Wer Menschen als Versuchskaninchen missbraucht, muss mit der Todesstrafe rechnen.
Diese Botschaft hallt bis heute nach.


