Ich lag nackt und gefesselt auf einem schmutzigen Bett, als er mir die Weinflasche in den Mund steckte und schrie: „Du musst trinken!” Als ich es nicht konnte, versuchte er mich zu ersticken. Dann…

Ich lag nackt und gefesselt auf einem schmutzigen Bett, als er mir die Weinflasche in den Mund steckte und schrie: „Du musst trinken!" Als ich es nicht konnte, versuchte er mich zu ersticken. Dann...

Ich bin auf die Knie gefallen, mein Oberkörper wurde unter Wasser gedrückt, und er hat einfach nicht von mir abgelassen. Ich habe gedacht, jetzt stirbst du. Das ganze Leben ist an mir vorbeigezogen – meine Familie, meine Freunde. Und dann, zum Glück, hat er doch von mir abgelassen.

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Ich bin Natalie, Radrennfahrerin und Triathletin. 2019 war mein Sohn Jakob gerade einmal knappe drei Monate alt, als mein Leben von einer Sekunde auf die andere zerstört wurde. An dem Tag war ich müde. Ich hatte eigentlich keine Lust auf Radfahren, aber mein Mann Martin hat gesagt, ich soll eine Runde drehen, er passt auf den Kleinen auf.

Also bin ich eine flachere Strecke gefahren, mit einem kleinen Anstieg am Ende. Dann, aus dem Nichts, hat mich ein Auto von hinten erfasst. Ich wurde vom Rad gerissen und lag am Straßenrand. Im ersten Moment dachte ich noch, der Fahrer will mir helfen.

Aber dann kamen Schläge auf meinen Kopf, und ich verlor das Bewusstsein. Als ich wieder aufwachte, lag ich auf der Rückbank eines Autos. Meine Hände und Füße waren gefesselt, mein Mund mit einem Stofffetzen verbunden. Ich habe nach meinem Handy getastet, aber es war weg.

Es lag daheim auf dem Tisch. Ich wusste sofort: Martin kann mich nicht erreichen, und ich kann niemanden rufen. Mein Mann bemerkte erst nach etwa zwei Stunden, dass etwas nicht stimmte. Ich war nie so lange unterwegs, und mein Handy war nicht mit.

Zuerst dachte er an eine Panne, einen Sturz. Dann wurde ihm klar: Hier ist etwas Ernstes passiert. Er rief die Polizei und machte einen Facebook-Post, in dem er alle bat, nach mir zu suchen. Hunderte Menschen kamen.

Sie leuchteten mit Taschenlampen den Wald ab, suchten Straßengräben, sogar ein Hubschrauber kreiste. Ich habe den Hubschrauber vom Haus des Täters aus gehört und mir gedacht: Die suchen nach mir. Aber sie können mich hier nie finden. Ein verwahrlostes Haus, mitten im Wald.

Der Täter hatte mich in einen Kleiderschrank gesteckt, dann auf ein Bett gelegt – nackt, gefesselt, allein. Ich hatte Todesangst. Ich dachte an all die Entführungsfälle, an denen die Opfer jahrelang gefangen gehalten wurden. Aber am schlimmsten war der Gedanke an meinen Sohn.

Er wurde noch gestillt. Was bekommt er jetzt zu essen? Kommt Martin mit ihm klar? Dann kam der Täter zurück.

Er brachte eine Flasche Wein, steckte sie mir in den Hals und befahl mir zu trinken. Als ich nicht richtig trinken konnte, wurde er wütend und versuchte mich zu ersticken. Er ließ eine Badewanne ein – mit eiskaltem Wasser. Als ich sagte, das Wasser sei kalt, wurde er wieder wütend.

Er drückte meinen Kopf unter Wasser, immer wieder. Ich dachte, ich ertrinke. Irgendwann ließ er von mir ab und fesselte mich auf einem Bürostuhl. Ich zitterte am ganzen Körper, war nackt und durchgefroren.

Er versuchte wieder, mich zu ersticken, aber als er merkte, dass ich nicht bewusstlos wurde, hörte er auf. Vielleicht hatte er Mitleid. Er löste die Fesseln, brachte mich ins Schlafzimmer und deckte mich sogar zu. Zum ersten Mal weinte ich und fragte ihn, was er mit mir vorhat.

Ich sagte ihm, ich habe ein kleines Kind zu Hause. In dem Moment wurde er ruhig, fast menschlich. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Dann fiel mir ein Detail auf: In diesem schmutzigen, verwahrlosten Haus gab es wunderschön gepflegte Orchideen.

Ich sagte nur: „Die Orchideen sind schön. ” Das veränderte alles. Plötzlich erzählte er mir, dass er den Beruf des Gärtners gelernt hat. Er redete wie ein Wasserfall über sein Leben: keine Familie, bei den Großeltern aufgewachsen, nie eine Freundin gehabt.

Seine einzige Bezugsperson war eine Tankstellenangestellte, die eines Tages nicht mehr da war. Er fühlte sich verlassen, wurde wütend – und in seiner Fantasie war der einzige Weg zu einer Frau, jemanden anzufahren und mit nach Hause zu zwingen. Ich sagte ihm, ich könnte ihm helfen, Freunde zu finden. Da bot er an, mich am nächsten Tag freizulassen.

Ich solle erzählen, mir sei ein Tier vors Rad gelaufen, und er hätte mich gefunden. Er gab mir sogar seine Handynummer und bat mich, ihn anzurufen. Wenig später sagte er, er könne mich sofort freilassen, das wirke authentischer. Ich zog mich an und stand vor der Tür.

Ich hatte Fluchtgedanken, aber das Haus lag mitten im Wald. Wohin hätte ich laufen sollen? Also stieg ich tatsächlich in sein Auto. Er fuhr los, zuerst in die entgegengesetzte Richtung.

Ich fragte ihn, wohin wir fahren, und er sagte, er wolle mir etwas zeigen. Er hielt auf einem Feldweg an – ich dachte, jetzt bringt er mich um. Aber er zeigte mir nur das Grundstück seiner Großeltern und fuhr weiter. Wir passierten Feuerwehrautos und Suchtrupps, die mich suchten.

Er brachte mich tatsächlich nach Hause. Als das Auto in unserer Einfahrt langsamer wurde, riss ich die Tür auf und rannte zur Haustür. Meine Schwiegermutter hatte schon gehört, dass ein Auto kam, und öffnete. Ich schloss die Tür hinter mir ab – das war der schönste Moment meines Lebens.

Mein Sohn schlief in seinem Bett, er war wohlauf. Es war Mitternacht. Natalie lebt, dachte ich – die Erleichterung war unbeschreiblich. Die Rettung kam, die Polizei, ich wurde ins Krankenhaus gebracht.

Mein Arm und mein Schädelknochen waren gebrochen. Doch entscheidend für die Fahndung war mein Fahrradcomputer mit GPS-Daten. Dadurch konnte die Polizei das Haus des Täters lokalisieren. Dreieinhalb Stunden nach meiner Freilassung stürmte das Einsatzkommando Cobra das Haus.

Der Täter – Christoph Leopold K. – wurde festgenommen, ohne Widerstand zu leisten. Im Frühjahr 2020 wurde er unter anderem wegen Freiheitsentziehung, schwerer Körperverletzung und schwerer Nötigung verurteilt: sieben Jahre Haft plus Sicherungsverwahrung in einer psychiatrischen Anstalt. Zurück im Alltag war es schwer.

Meine erste Radtour dauerte drei Minuten – einmal um den Block, dann weinte ich. Jedes Geräusch eines Autos ließ mich fast vom Rad fallen. Ich hatte Flashbacks und Albträume. Aber ich wusste: Sport ist mein Leben, mein Beruf.

Wenn ich nicht wieder aufsteige, muss ich mein ganzes Leben umkrempeln. Also habe ich es immer wieder probiert. Ich habe mich meiner Angst ausgesetzt, und mit der Zeit wurde es besser. Heute fahre ich wieder Rad – auch allein, auch im Wald.

Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Warum sollte ich mich einschränken, nur weil mir etwas Schlimmes widerfahren ist?