Die Großmutter bot ihrem Enkel einen Handel an – eine Eigentumswohnung im Wert von einer halben Million Euro gegen die Wahrheit über seine Verlobte. Was Felix Wagner dann durch die heimlich installierte Wanze im Telefon seiner Zukünftigen hörte, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren und entlarvte ein perfides Komplott, das weit über eine bloße Berechnung hinausging. Hanne Lore Wagner hatte ihr Leben lang die Gabe besessen, Menschen zu lesen. Diese Fähigkeit hatte ihr geholfen, aus dem Nichts eine Apothekenkette mit zwölf Filialen in der ganzen Stadt aufzubauen, den Tod ihres Mannes zu überwinden und nicht daran zu zerbrechen, als vor 18 Jahren ihr einziger Sohn und ihre Schwiegertochter bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen. Damals blieb der zehnjährige Felix mit ihr allein zurück und sie schwor sich, alles zu tun, damit der Junge glücklich aufwächst. Sie hatte ihn großgezogen und ihm eine gute Ausbildung ermöglicht. Felix schloss sein Studium an der Technischen Universität mit Auszeichnung ab, bekam eine Stelle als Programmierer in einem großen Unternehmen und mietete eine Wohnung in der Nähe, kam aber jeden Sonntag zum Mittagessen zu seiner Großmutter. An jenem Abend im Mai, als Felix anrief und fragte, ob er nicht allein, sondern mit einer Freundin kommen dürfe, freute sich Hanne Lore. Der Enkel war 27. Es war an der Zeit, eine Familie zu gründen. Sie holte das gute Porzellanservice mit dem feinen Goldrand aus dem Schrank, das ihr Mann einst von einer Geschäftsreise aus Meißen mitgebracht hatte. Sie breitete eine Leinentischdecke mit Stickereien auf dem Tisch aus, die sie noch als junges Mädchen selbst bestickt hatte. Sie bereitete ihre berühmte Ente mit Äpfeln zu und backte einen Kirschkuchen. Im Haus duftete es nach Zimt und Vanille. Hanne Lore zog ihr Lieblingskleid an, richtete vor dem Spiegel ihr graues Haar und steckte sich eine Brosche mit einem Saphir an, ein Geschenk ihres Mannes zu ihrem 40. Hochzeitstag. Felix kam pünktlich um 19 Uhr. Hanne Lore schaute aus dem Fenster und sah, wie er die Beifahrertür öffnete und einer großen Blondine in einem hellen Hosenanzug beim Aussteigen half. Die junge Frau musterte die Fassade der zweistöckigen Stadtvilla. Ihr Blick glitt über den gepflegten Vorgarten mit den Fliederbüschen, über den schmiedeeisernen Zaun und über Hannelores Auto, das in der Einfahrt parkte. Etwas an diesem Blick stach der Großmutter ins Auge. Er war zu abschätzend, zu berechnend. Felix sah glücklich aus. Er umarmte seine Großmutter, küsste sie auf die Wange und führte das Mädchen in den Flur. „Oma, das ist Sabrina. Sabrina, das ist meine Großmutter, Hanne Lore. “ Sabrina streckte die Hand zum Gruß aus. Die Handfläche war kühl, der Händedruck kurz und formell. … Read more