Ich lag auf dem Deck der HMS Salisbury, das Zahnfleisch blutete mir, und ich konnte nicht mehr aufstehen. Wir waren acht Wochen auf See, ohne frisches Essen, und jeder zehnte Mann an Bord war…

Ich lag auf dem Deck der HMS Salisbury, das Zahnfleisch blutete mir, und ich konnte nicht mehr aufstehen. Wir waren acht Wochen auf See, ohne frisches Essen, und jeder zehnte Mann an Bord war...

Im Jahr 1745 stach der britische Admiral George Anson mit einer Flotte von Portsmouth aus in See. Das Ziel war eine Weltumsegelung und ein Angriff auf spanische Besitzungen im Pazifik. Als die Flotte vier Jahre später nach England zurückkehrte, lebten von der Besatzung nur noch fünfhundert Mann. Die wenigsten von ihnen waren in Seeschlachten gefallen.

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Eine Krankheit hatte sie geholt, eine, die langsam kam und qualvoll tötete. Ihr Name war Skorbut. Das Absurde daran: Die Heilung existierte bereits. Sie lag in einer gewöhnlichen Zitrone.

Doch es sollte über vierzig Jahre dauern, bis jemand das ernst genug nahm, um tatsächlich etwas zu ändern. Anson selbst hatte die Expedition als militärischen Triumph verkauft, weil seine Männer eine spanische Manila-Galeone gekapert und eine gewaltige Beute nach Hause gebracht hatten. Aber die Wahrheit hinter diesem Triumph war eine Katastrophe. Auf einem seiner Schiffe waren so viele Männer an Skorbut gestorben, dass die Überlebenden das Schiff kaum noch steuern konnten.

Und Ansons Expedition war kein Einzelfall. Sie war nur die jüngste in einer langen Reihe. Wer die Geschichte der Seefahrt zwischen dem fünfzehnten und achtzehnten Jahrhundert liest, stößt auf eine erschreckende Konstante. Nicht Stürme, nicht feindliche Flotten und nicht die Navigation waren das größte Risiko auf hoher See.

Es war eine Krankheit, die sich zuverlässig nach zwei bis drei Monaten ohne frische Nahrung einstellte und mehr Seeleute tötete als alle Schlachten und Schiffbrüche zusammen. Die britische Marine verlor nach zeitgenössischen Einschätzungen mehr Matrosen an Skorbut als im Kampf gegen Frankreich und Spanien. Die Krankheit begann schleichend. Nach einigen Wochen auf See spürten die Seeleute eine bleierne Müdigkeit.

Dann begannen die Gelenke zu schmerzen. Das Zahnfleisch schwoll an, wurde dunkelrot und begann zu bluten. Die Zähne lockerten sich und fielen nach und nach aus. Unter der Haut bildeten sich Flecken, kleine Blutungen, die sich über Arme und Beine ausbreiteten und schließlich den ganzen Körper überzogen.

Alte Wunden, die längst verheilt waren, rissen plötzlich wieder auf. Knochen wurden brüchig, Muskeln bauten ab. Die Betroffenen verloren so viel Gewicht, dass sie kaum noch ihre eigene Kleidung tragen konnten. Manche wurden so schwach, dass sie in ihren Hängematten lagen und nicht mehr aufstehen konnten, tagelang, wochenlang.

Am Ende, nach diesem langsamen, qualvollen Verfall, versagte das Herz. Antonio Pigafetta, der Chronist der ersten Weltumseglung im Jahr 1521, beschrieb in seinem Tagebuch, wie das Zahnfleisch der Erkrankten derart anschwoll, dass es die Zähne bedeckte und die Männer keine Nahrung mehr zu sich nehmen konnten. Sie litten unter Schmerzen in Armen, Beinen und im ganzen Körper, konnten sich nicht mehr aufrecht halten und keine Arbeit verrichten. Bei dieser Expedition kam die Hälfte der gesamten Besatzung durch Skorbut ums Leben.

Die alten Ägypter hatten die Symptome bereits vor dreieinhalbtausend Jahren in Papyrus-Schriften festgehalten. Hippokrates identifizierte die Krankheit rund tausend Jahre später als eigenständiges Leiden. Und es gab immer wieder Zufallsentdeckungen. Die Mannschaft des französischen Seefahrers Jacques Cartier wurde 1535 bei einer Überwinterung am Sankt-Lorenz-Strom in Kanada von Skorbut befallen.

Die Ureinwohner an der Küste zeigten den Franzosen, wie man einen Sud aus Fichtennadeln kocht. Die Kranken erholten sich, aber niemand verstand, warum. Über Jahrtausende hinweg blieb Skorbut trotz solcher Zufallsbeobachtungen ein lokales und seltenes Problem, weil die Menschen ihre Nahrung direkt aus der Umgebung bezogen und selten lange genug ohne frisches Essen auskamen. Das änderte sich mit dem Zeitalter der Entdeckungen.

Ab dem fünfzehnten Jahrhundert verbesserten sich Schiffbau und Navigation so weit, dass monatelange Fahrten über offene Ozeane möglich wurden. Genau diese Fahrten wurden für Hunderttausende von Seeleuten zum Todesurteil. Das Problem war die Verpflegung an Bord. Auf den hölzernen Segelschiffen der frühen Neuzeit bestand die Nahrung aus Schiffszwieback, Pökelfleisch, getrocknetem Fisch, Käse und verschiedenen Getränken, meist Bier oder Rum.

Alles davon war haltbar, nichts davon war vitaminreich. Kein frisches Obst, kein Gemüse, denn Obst und Gemüse verdarben innerhalb weniger Wochen, und eine Überfahrt nach Indien oder in die Karibik konnte Monate dauern. Was der Körper in dieser Zeit verlor, war das, was ihn zusammenhielt. Denn ohne Vitamin C, das wissen wir heute, kann der menschliche Organismus kein Kollagen bilden.

Kollagen ist das Protein, das Bindegewebe, Haut, Blutgefäße und Knochen zusammenhält. Fehlt es, zerfällt der Körper buchstäblich von innen. Die Blutungen unter der Haut, die aufbrechenden Wunden, die ausfallenden Zähne, all das waren Symptome eines Körpers, dem das Baumaterial ausging. Die Zahlen, die sich über die Jahrhunderte ansammelten, waren verheerend.

Als Vasco da Gama 1498 auf seiner ersten Indienreise den Seeweg nach Asien eröffnete, verlor er rund einhundert seiner hundertsechzig Mann starken Besatzung. Die meisten starben nicht im Kampf und nicht in einem Sturm, sondern langsam und leise in ihren Koien, während das Schiff über den Indischen Ozean segelte. Francis Drake, der berühmte Pirat und Entdecker im Dienst der englischen Krone, büßte im Jahr 1585 auf einer einzigen Expedition über sechshundert seiner zweitausenddreihundert Crewmitglieder ein, ohne dass ein Sturm oder eine Seeschlacht dafür verantwortlich war. Die Mannschaft der ersten Weltumseglung unter Ferdinand Magellan, die 1519 begann, wurde ebenfalls vom Skorbut dezimiert.

Auf der Überquerung des Pazifik, die über drei Monate dauerte, starben Dutzende von Seeleuten, während die Überlebenden Leder und Ratten aßen, weil der Proviant aufgebraucht war. Schätzungen zufolge starben allein zwischen 1500 und 1700 rund zwei Millionen Seeleute an Skorbut. Zwei Millionen Menschen, getötet von einer Krankheit, die sich mit ein paar Orangen hätte verhindern lassen. Und dabei gab es durchaus Leute, die den Zusammenhang erkannten.

Schon lange bevor James Lind seine berühmte Studie durchführte, hatten einzelne Ärzte und Reisende das Muster beobachtet. Der französische Apotheker François Martin schrieb bereits 1604 in seinem Reisebericht über Ostindien, dass es nichts Besseres gäbe, um sich vor dieser Krankheit zu bewahren, als regelmäßig Zitronen- oder Orangensaft zu sich zu nehmen. Er empfahl auch Sauerampfer und ein Kraut namens Löffelkraut, von dem er glaubte, es enthalte das wahre Gegenmittel. Dreizehn Jahre später, 1617, empfahl John Woodall, der Leiter des medizinischen Dienstes der englischen Ostindien-Kompanie, den Seeleuten ausdrücklich den Verzehr von Zitrusfrüchten zum Schutz vor Skorbut.

Woodall verfasste sogar ein Handbuch für Schiffsärzte, in dem er Zitronensaft als das beste verfügbare Mittel gegen die Krankheit beschrieb. Und 1734 forderte der deutsche Theologe und Mediziner Johann Friedrich Bachstrom ganz offen die Verwendung von frischem Obst und Gemüse zur Heilung der Krankheit. Auch der österreichische Militärarzt Johann Georg Heinrich Kramer hatte bereits 1720 bei einer Skorbutepidemie unter Soldaten in Ungarn erkannt, dass frisches Gemüse, Orangen und Zitronen wirksame Mittel waren, und dies in seinem Tagebuch notiert. Das Wissen schwebte also seit über hundert Jahren durch medizinische Kreise und Reiseberichte, aber niemand konnte erklären, warum Zitrusfrüchte halfen.

Und in einer Zeit, in der die Medizin auf Theorien über Körpersäfte und giftige Ausdünstungen basierte, reichte ein heilsamer Ratschlag ohne Begründung nicht aus, um Institutionen zum Handeln zu bewegen. Man brauchte einen Beweis, der sich nicht ignorieren ließ. Den lieferte im Mai 1747 ein schottischer Schiffsarzt namens James Lind auf dem Deck der HMS Salisbury. Lind war seit März als Chirurg auf dem Kriegsschiff eingesetzt, das in den Gewässern der Biskaya patrouillierte, zwischen der englischen Kanalküste und der französischen Atlantikküste.

Es war Kriegszeit. Die HMS Salisbury gehörte zum Westgeschwader der Royal Navy, und das Schiff konnte nicht einfach in den nächsten Hafen einlaufen, um frische Vorräte zu laden. Die Besatzung zählte rund dreihundertfünfzig Mann. Nach acht Wochen auf See, acht Wochen mit nichts als Schiffszwieback, Pökelfleisch und abgestandenem Wasser, lag bereits jeder zehnte Seemann krank im Vorschiff der Salisbury.

Die Symptome waren dieselben wie auf jeder anderen langen Fahrt: blutendes Zahnfleisch, Flecken auf der Haut, schmerzende Gelenke, eine Erschöpfung, die den ganzen Körper lähmte. Lind hatte die Schriften seines Vorgängers John Woodall gelesen und kannte auch andere Berichte, die auf einen Zusammenhang zwischen Ernährung und Skorbut hindeuteten. Er vermutete, dass die Krankheit von einer fehlerhaften Verdauung herrührte, einer Art Fäulnis im Körper, die sich womöglich mit Säuren bekämpfen ließ. Am 20.

Mai 1747 fasste er einen Entschluss, der ihn in die Medizingeschichte bringen sollte. Er beschloss, verschiedene angebliche Heilmittel gegen Skorbut systematisch miteinander zu vergleichen. Lind wählte zwölf Matrosen aus, deren Zustand möglichst ähnlich war. Allen zwölf faulten das Zahnfleisch, alle hatten die dunklen Hautflecken, alle waren schwach und apathisch.

Er brachte sie in einem separaten Raum im Vorschiff unter, wo sie zusammen in ihren Hängematten lagen. Alle bekamen die gleiche Grundverpflegung. Dann teilte er sie in sechs Zweiergruppen auf, und jede Gruppe erhielt eine andere Zusatzbehandlung. Die erste Gruppe bekam täglich knapp einen Liter Apfelwein.

Die zweite fünfundzwanzig Tropfen verdünnte Schwefelsäure, dreimal am Tag. Die dritte sechs Löffel Essig. Die vierte ein halbes Glas Meerwasser. Die fünfte eine Paste aus Knoblauch, Senfsaat und Muskatnuss.

Und die sechste Gruppe bekam täglich zwei Orangen und eine Zitrone. Innerhalb von sechs Tagen war das Ergebnis so eindeutig, dass es eigentlich keine Diskussion hätte geben dürfen. Einer der beiden Matrosen aus der Zitrusgruppe war nach sechs Tagen wieder diensttauglich. Er konnte aufstehen, sich bewegen, arbeiten.

Der andere hatte sich so weit erholt, dass er die restlichen Kranken pflegen konnte. Die übrigen zehn Matrosen, die mit Schwefelsäure, Essig, Meerwasser, Apfelwein und Gewürzpaste behandelt wurden, blieben alle krank. Einige verschlechterten sich sogar. James Lind hatte gerade die erste kontrollierte klinische Studie der Medizingeschichte durchgeführt.

Dieselbe Methode, verschiedene Behandlungen an vergleichbaren Patienten unter gleichen Bedingungen zu testen, gilt bis heute als Goldstandard der medizinischen Forschung. Jedes Medikament, das heute auf den Markt kommt, muss diese Art von Test bestehen. Und die Vorlage dafür entstand nicht in einem Universitätslabor, sondern im feuchten, dunklen Krankenlager eines Kriegsschiffes in der Biskaya im Mai 1747. Die Antwort lag direkt vor ihm.

Zitronen und Orangen heilten Skorbut, die anderen fünf Behandlungen taten es nicht. Ein klareres Ergebnis hätte man sich kaum wünschen können. Aber genau hier beginnt der Teil der Geschichte, der einen fassungslos zurücklässt. Denn wenn man sich vorstellt, dass das Ergebnis dieses Experiments sofort umgesetzt worden wäre, dann hätte ab 1747 kein einziger britischer Seemann mehr an Skorbut sterben müssen.

Ein paar Kisten Zitronen auf jedem Schiff, und das Problem wäre erledigt gewesen. Aber das ist nicht das, was passiert ist. James Lind tat mit seinem Ergebnis nicht das, was wir heute erwarten würden. Er rannte nicht zur Admiralität und verlangte, dass jedes Schiff der Royal Navy mit Zitronen beladen werden sollte.

Stattdessen verfasste er ein umfangreiches Buch, das er sechs Jahre nach dem Experiment veröffentlichte, 1753, unter dem Titel A Treatise of the Scurvy. Auf über vierhundert Seiten beschrieb er die Krankheit, ihre Geschichte, verschiedene Behandlungsansätze und auch sein Experiment. Aber er zog daraus nicht die Schlussfolgerung, die uns heute so offensichtlich erscheint. Anstatt Zitrusfrüchte als die eindeutige Behandlung zu erkennen, betrachtete Lind sie als eine Möglichkeit unter mehreren.

Er empfahl weiterhin auch frische Luft und körperliche Betätigung zur Vorbeugung. Der Grund für diese Zurückhaltung lag in seinem eigenen Verständnis der Krankheit. Lind glaubte, dass Skorbut von verdorbenen Körpersäften herrühre, eine Art Fäulnis, die durch die feuchten und ungesunden Verhältnisse an Bord ausgelöst werde. Das Konzept eines fehlenden Nährstoffs, eines Vitamins, existierte in seiner Welt schlichtweg nicht.

Und ohne dieses Konzept ergab das Ergebnis seines Experiments für ihn nur begrenzt Sinn. Man muss sich klar machen, wie ungewöhnlich das war. Lind hatte das Experiment selbst durchgeführt. Er hatte mit eigenen Augen gesehen, wie die Zitrusgruppe innerhalb einer Woche gesund wurde, während alle anderen krank blieben.

Und trotzdem traute er seinem eigenen Ergebnis nicht genug, um daraus die einzig logische Schlussfolgerung zu ziehen. Das zeigt, wie mächtig das damalige medizinische Weltbild war. In einer Wissenschaft, die auf der Vier-Säfte-Lehre basierte, war die Idee, dass ein einziges Nahrungsmittel eine Krankheit heilen konnte, kaum denkbar. Dann machte Lind einen zweiten Fehler, der vielleicht noch schwerer wog.

Er versuchte das Problem der Haltbarkeit zu lösen, indem er Zitronensaft einkochte und zu einem dickflüssigen Sirup reduzierte, einem sogenannten Rob. Die Idee klang vernünftig. Frische Zitronen verdarben nach wenigen Wochen, aber ein konzentrierter Sirup ließ sich monatelang aufbewahren. Was Lind nicht wissen konnte, war, dass das Erhitzen genau den Wirkstoff zerstörte, der die Heilung bewirkte.

Vitamin C, die Ascorbinsäure, ist hitzeempfindlich. Sein Rob war praktisch wirkungslos. Und als die Marine diesen eingekochten Saft testete und feststellte, dass er nicht half, schien das Linds eigene Ergebnisse zu widerlegen. Sein Buch wurde weitgehend ignoriert.

Es war lang, schwer lesbar, und Lind war kein besonders prominenter Arzt, kein Professor, kein Berater der Admiralität. Seine eigene Theorie über die Ursache der Krankheit war nicht überzeugend, und sein eingekochter Zitronensirup hatte bei Folgetests versagt. Für die Admiralität in London sah es so aus, als sei die Sache unklar. Warum sollte man teure Zitrusfrüchte für die gesamte Flotte beschaffen, wenn selbst der Mann, der sie empfahl, nicht erklären konnte, warum sie wirkten, und sein eigenes Konzentrat nicht funktionierte?

Dazu kam ein Problem, über das selten gesprochen wird. Für die Reeder und die Marine waren tote Seeleute zwar bedauerlich, aber kein wirtschaftliches Desaster. Seeleute gab es genug. Man stach einfach mit einer überbesetzten Mannschaft in See und rechnete ein, dass ein Teil der Männer die Reise nicht überleben würde.

Sehr pragmatisch, sehr zynisch, und ein Grund, warum sich weniger Druck aufbaute, als man erwarten würde. Kanonen, Schiffe und Mannschaftsstärke hatten Priorität. Obst nicht. In der Zwischenzeit brach James Cook 1768 zu seiner berühmten ersten Südseereise auf.

Cook hatte von den Debatten über Skorbut gehört und nahm im Auftrag der Admiralität gezielt verschiedene Lebensmittel mit, um ihre Wirkung an Bord zu vergleichen. Kistenweise Sauerkrautfässer ließ er in den Bauch seiner Schiffe rollen, dazu eingekochten Zitronen- und Orangensaft, Malzextrakt und Stammwürze. Seiner Mannschaft gab er zu jeder Mahlzeit Sauerkraut und andere Beilagen. Das Ergebnis war beeindruckend.

Auf Cooks Reisen starb kein einziger Seemann an Skorbut. Aber Cook und sein Schiffsarzt William Perry schrieben den Erfolg nicht dem Zitronensaft zu, sondern dem Malzextrakt, eine Fehleinschätzung, die den Fortschritt um weitere Jahre zurückwarf. In Wahrheit war es das Sauerkraut gewesen, das einen Teil der Besatzung schützte, denn fermentierter Kohl enthält tatsächlich Vitamin C, wenn auch deutlich weniger als frische Zitronen. Dazu kam, dass Cook bei jedem Landgang frische Lebensmittel, Obst, Gemüse und frisches Fleisch an Bord nehmen ließ.

Es war die Kombination aus allem, die seine Mannschaft rettete, nicht ein einzelnes Mittel. Aber das erkannte damals niemand. Die anderen Seefahrtsnationen verspotteten Cooks Besessenheit von Sauerkraut. Seine eigenen Matrosen weigerten sich anfangs, das fermentierte Kraut zu essen.

Cook griff zu einem Trick. Er ließ das Sauerkraut zuerst nur den Offizieren servieren. Als die Mannschaft sah, dass die Offiziere etwas bekamen, was ihnen vorenthalten wurde, wollten sie es plötzlich auch haben. Menschliche Psychologie, jahrhundertealter Seemannsbrauch.

Lind wurde 1763 zum leitenden Arzt des Royal Naval Hospital in Haslar ernannt, dem größten Marinekrankenhaus Großbritanniens. Dort verbrachte er fünfundzwanzig Jahre damit, skorbutkranke Seeleute zu behandeln, die ihm zu Hunderten eingeliefert wurden. Er sah Tag für Tag, was die Krankheit anrichtete, und doch konnte er die Marine nicht davon überzeugen, seine eigene Entdeckung in der Praxis umzusetzen. Lind starb 1794, ein Jahr bevor die Admiralität schließlich nachgab.

Er erlebte die Umsetzung seiner Entdeckung nicht mehr. So vergingen die Jahrzehnte, und Seeleute starben weiter, bis sich gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts endlich etwas änderte. Die treibende Kraft dahinter war ein schottischer Arzt namens Gilbert Blane, und er brauchte vierzehn Jahre und eine gehörige Portion Sturheit, um sich durchzusetzen. Blane wurde 1780 zum Flottenarzt der Royal Navy ernannt und diente unter Admiral Rodney in Seeschlachten gegen Frankreich und Spanien in der Karibik.

Er hatte über Jahre hinweg aus erster Hand mit angesehen, welche Verwüstung Skorbut in den Besatzungen anrichtete. Er verlangte von den Schiffsärzten der gesamten Flotte monatliche Berichte über Krankheitsfälle, und die Zahlen, die er zusammentrug, waren erschreckend. Er kannte James Linds Forschung, aber im Gegensatz zu Lind war Blane überzeugt, dass der Schlüssel im frischen Zitronensaft lag, nicht im eingekochten Sirup, nicht im Malzextrakt, nicht im Sauerkraut, sondern in frischem, unbehandeltem Saft aus echten Zitronen. Er hatte gesehen, was passierte, wenn Seeleute frische Zitrusfrüchte bekamen, und er hatte gesehen, was passierte, wenn sie keine bekamen.

Im Jahr 1781 reichte Blane ein offizielles Memorandum bei der Admiralität ein. Er forderte darin, dass jeder Matrose der Royal Navy täglich eine Ration frischen Zitronensaft erhalten sollte. Die Admiralität nahm das Schreiben entgegen und legte es zur Seite. Vierzehn Jahre lang geschah nichts.

Dann kam der Wendepunkt. Im Jahr 1794 schlug Konteradmiral Alan Gardner ein Experiment vor. Die HMS Suffolk sollte auf ihrer dreiundzwanzigwöchigen Reise nach Indien eine komplette Ladung Zitronensaft mitführen, und jeder Matrose an Bord sollte täglich eine Ration davon erhalten. Die Admiralität stimmte zu, vermutlich, weil sie es eher als Versuch betrachtete denn als Grundsatzentscheidung.

Die HMS Suffolk stach in See. Dreiundzwanzig Wochen auf offenem Wasser, eine Route, die in der Vergangenheit regelmäßig Dutzende von Skorbutopfern gefordert hatte. Und als das Schiff sein Ziel erreichte und die Nachricht nach London durchdrang, war das Ergebnis nicht zu übersehen. Nicht ein einziger Matrose an Bord der Suffolk war an Skorbut erkrankt.

Kein einziger, auf einer Reise, die normalerweise eine blutige Spur hinterlassen hätte. Im Jahr darauf, 1795, gab die Admiralität endlich nach. Sie erließ eine Anordnung, die besagte, dass ab sofort jeder Matrose der Royal Navy eine tägliche Ration Zitronensaft zu erhalten hatte. Achtundvierzig Jahre nach James Linds Experiment auf der HMS Salisbury.

Fast ein halbes Jahrhundert, in dem Zehntausende von Matrosen an einer heilbaren Krankheit gestorben waren, während die Antwort in medizinischen Büchern stand. Die Wirkung dieser Anordnung lässt sich am deutlichsten an zwei Zahlen ablesen. Im Jahr 1780 lagen 1457 skorbutkranke Matrosen im Royal Naval Hospital in Portsmouth. Zwischen 1806 und 1810, also nur elf Jahre nach Einführung der Zitronensaftpflicht, wurden insgesamt zwei Skorbutfälle registriert.

Nicht zweitausend, nicht zweihundert. Zwei. Und die Folgen gingen weit über die Gesundheit einzelner Seeleute hinaus. Der Zitronensaft verdoppelte die Zeit, die ein Schiff auf See bleiben konnte, ohne einen Hafen anlaufen zu müssen.

Und genau dieses Detail veränderte den Lauf der europäischen Geschichte. Denn die Fähigkeit, monatelang auf See zu bleiben, ermöglichte es der Royal Navy während der napoleonischen Kriege, die französischen Häfen zu blockieren. Von 1793 bis 1815 hielt die britische Marine diese Blockade aufrecht und verhinderte damit eine französische Invasion Englands. Ein Krieg, der mitentschieden wurde durch eine tägliche Ration Zitronensaft.

Das ist eine Tatsache, über die man einen Moment nachdenken sollte. Eine der wichtigsten militärischen Operationen der europäischen Geschichte, die Blockade, die Napoleon daran hinderte, seine Armeen über den Ärmelkanal zu schicken, war nur möglich, weil britische Seeleute jeden Tag ein Glas Zitronensaft tranken. Ohne diesen Saft hätte die Flotte alle paar Wochen in den Hafen zurückkehren müssen, um die Skorbutkranken auszutauschen. Die Blockade wäre zusammengebrochen.

Die britischen Seeleute bekamen dafür einen Spitznamen, der sich bis heute gehalten hat. Weil sie zu jeder Mahlzeit Zitronensaft tranken und später auch Limonensaft, verspotteten andere Nationen sie als Limonensaftler. Im Englischen wurde daraus der Begriff Limeys, ein Spitzname für Briten, der bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein gebräuchlich war und in manchen Teilen der Welt noch heute benutzt wird. Was allerdings noch fehlte, war die wissenschaftliche Erklärung.

Man wusste, dass Zitronensaft wirkte, aber warum er wirkte, blieb über hundert Jahre lang ein Rätsel. Die Antwort kam erst in den 1930er Jahren, und sie kam auf einem überraschenden Umweg. Albert Szent-Györgyi, ein ungarischer Biochemiker, der 1893 in Budapest geboren wurde, arbeitete Ende der 1920er Jahre an der Universität Cambridge in England. Er forschte dort nicht etwa an Skorbut, sondern an den chemischen Reaktionen, die bestimmte Früchte braun werden lassen, wenn man sie aufschneidet.

Dabei fand er in den Nebennieren von Schlachtrindern eine unbekannte Substanz, die diese Bräunung verhinderte. Er nannte sie Hexuronsäure und konnte sie isolieren, aber er hatte keine Ahnung, was er da in den Händen hielt. Als Szent-Györgyi 1930 nach Ungarn zurückkehrte, um Professor für medizinische Chemie an der Universität Szeged zu werden, war sein Vorrat an Hexuronsäure aufgebraucht. Er brauchte neues Material, aber die Nebennieren von Rindern lieferten nur winzige Mengen.

Dann, eines Abends, passierte etwas, das er später als Zufall beschrieb. Es gab bei ihm zu Hause frische rote Paprika zum Abendessen. Er hatte keinen Hunger, aber plötzlich fiel ihm ein, dass er diese Pflanze nie untersucht hatte. Er nahm die Paprika mit ins Labor, und gegen Mitternacht wusste er, dass er eine Schatztruhe gefunden hatte.

Ungarische Paprikaschoten enthielten Hexuronsäure in riesigen Mengen, rund zwei Milligramm pro Gramm. Innerhalb weniger Wochen konnte er aus den Paprikaernten rund um Szeged Kilogramm des Stoffes isolieren, mehr, als je ein Forscher vor ihm zur Verfügung gehabt hatte. Mit seinem Mitarbeiter Joseph Svirbely, einem jungen amerikanischen Forscher, testete Szent-Györgyi die Substanz an Meerschweinchen. Meerschweinchen gehören neben Menschen und Affen zu den wenigen Lebewesen, die kein eigenes Vitamin C produzieren können.

Die Tiere, die Hexuronsäure erhielten, blieben gesund. Die anderen entwickelten alle Symptome von Skorbut. Im April 1932 stand fest, dass Hexuronsäure identisch war mit dem lang gesuchten antiskorbutischen Faktor, dem geheimnisvollen Stoff, der Skorbut verhinderte. Zur gleichen Zeit, fast auf den Tag genau, gelang dem amerikanischen Biochemiker Charles Glen King in Pittsburgh die gleiche Identifikation.

Ein wissenschaftliches Wettrennen, das innerhalb von zwei Wochen entschieden wurde. King veröffentlichte am 4. April 1932 in der Fachzeitschrift Science. Szent-Györgyi folgte zwei Wochen später im Journal Nature.

Zusammen mit dem britischen Chemiker Norman Haworth gab Szent-Györgyi der Substanz einen neuen Namen: Ascorbinsäure. Das Wort setzt sich zusammen aus dem lateinischen a für ohne und scorbutus für Skorbut. Ein Stoff, der Skorbut verhindert. Im folgenden Jahr, 1933, gelang dem Schweizer Industriechemiker Tadeus Reichstein etwas, das die Geschichte des Vitamin C endgültig veränderte.

Er fand einen Weg, Ascorbinsäure synthetisch aus Traubenzucker herzustellen. Reichstein verkaufte sein Patent an das Schweizer Pharmaunternehmen Hoffmann-La Roche, und damit begann die industrielle Massenproduktion von Vitamin C. 1937 erhielt Albert Szent-Györgyi den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Hundertneunzig Jahre lagen zwischen James Linds Experiment im Krankenlager der HMS Salisbury und dem Moment, in dem die Wissenschaft endlich den Wirkstoff identifizierte, der in seinen Zitronen gesteckt hatte.

Hundertneunzig Jahre, um eine Antwort zu benennen, die Lind bereits in der Hand hielt, ohne sie zu erkennen. Und genau das macht diese Geschichte so besonders. Nicht die Entdeckung an sich, die war simpel. Zwölf kranke Männer, sechs Behandlungen, ein eindeutiges Ergebnis.

Was diese Geschichte erzählt, geht tiefer. Sie zeigt, wie schwer es für eine Gesellschaft sein kann, eine bewiesene Lösung zu übernehmen, wenn die bestehenden Institutionen kein Interesse daran haben oder sie nicht verstehen. Die Admiralität wollte kein Geld für Zitronen ausgeben. Die Medizin konnte sich nicht erklären, warum Obst helfen sollte.

Und James Lind selbst machte seine eigene Entdeckung rückgängig, indem er den Saft einkochte und damit seinen Wirkstoff zerstörte. Zwischen 1500 und 1700 starben schätzungsweise zwei Millionen Seeleute an Skorbut. Nicht weil die Antwort fehlte, sondern weil das System, in dem sie lebten und arbeiteten, nicht bereit war, eine einfache, billige, funktionierende Lösung zu übernehmen. Die Reeder rechneten mit den Toten.

Die Ärzte verstanden die Ursache nicht. Die Admiralität hatte andere Prioritäten. Und der Mann, der den Beweis lieferte, verstand sein eigenes Ergebnis nicht gut genug, um daraus die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Die Zitrone lag die ganze Zeit auf dem Tisch.

Zwischen dem Beweis und der Umsetzung lagen über vierzig Jahre, und zwischen dem ersten Hinweis und der endgültigen wissenschaftlichen Erklärung vergingen fast dreihundert Jahre. In dieser Zeit hätte eine einzige Frucht, die an fast jeder Mittelmeerküste wuchs, hunderttausende von Menschenleben retten können.