Ein römischer Kaiser, der jeden einzelnen Tag frische Gurken auf seinem Teller verlangte, und dessen Gärtner dafür die ersten Gewächshäuser der Geschichte bauten. Ein französischer General, der eine kleine Vermögen auslobte, weil seine Soldaten nicht an feindlichen Kugeln starben, sondern am Hunger. Eine Frucht, die zu 97 Prozent aus Wasser besteht und trotzdem Imperien geprägt hat. All das ist die Geschichte der Gurke.

Sie beginnt nicht in Rom und nicht in Frankreich, sondern an einem Ort, den kaum jemand erwarten würde. Am Fuß des Himalaya, im heutigen Nordindien, wächst noch heute eine kleine bittere Frucht, die man auf keinem Markt der Welt kaufen würde. Cucumis sativus var. hardwickii, so der wissenschaftliche Name, sieht aus wie eine Miniatur der Gurken, die wir aus dem Supermarkt kennen.
Kaum größer als ein Daumen, mit einer dicken, stacheligen Schale und einem Geschmack, der eher an Medizin erinnert als an Salat. Niemand würde freiwillig hineinbeißen. Trotzdem ist diese unscheinbare Wildpflanze am Südhang des Himalaya der direkte Vorfahre jeder einzelnen Gurke, die heute auf der Erde angebaut wird. Jeder Salatgurke im Kühlregal, jedes Cornichons auf dem Burger, jeder Gewürzgurke im Glas.
Forscher gehen davon aus, dass Menschen in den feuchten Ebenen Nordindiens diese Wildform vor etwa viertausend Jahren zum ersten Mal gezielt anbauten. Viertausend Jahre klingen beeindruckend, aber in Höhlen an der Grenze zwischen dem heutigen Thailand und Myanmar haben Archäologen Gurkensamen gefunden, die fast zehntausend Jahre alt sind. Ob diese Samen von kultivierten oder von wilden Pflanzen stammen, darüber streiten sich Wissenschaftler bis heute. Sicher ist nur, dass die Beziehung zwischen Mensch und Gurke sehr viel älter ist, als die meisten vermuten würden.
Die frühen Bauern in den Flusstälern Nordindiens erkannten schnell den Nutzen dieser Pflanze. In einer Region, in der die Temperaturen im Sommer regelmäßig über vierzig Grad steigen, war eine Frucht, die fast nur aus Wasser besteht, ein natürlicher Durstlöscher. Die Gurke wurde damals nicht gegessen, wie wir es heute tun. Sie wurde getrunken.
Feldarbeiter in der Hitze schnitten die Frucht auf und pressten den Saft direkt in den Mund. In der ayurvedischen Medizin, die in Indien seit Jahrtausenden praktiziert wird, galt die Gurke als kühlendes Mittel gegen innere Hitze, als essbare Medizin gegen Fieber und Erschöpfung. Das war kein Snack, das war Überlebenshilfe. Kein Wunder also, dass die Gurke sich nicht auf ihre Heimat am Himalaya beschränkte.
Wo immer Händler und Wanderer sie hinbrachten, wurde sie angebaut. Zuerst breitete sie sich in die heißen Tiefebenen Südindiens aus, dann nach Osten in das Gebiet des heutigen Myanmar und Thailand. Im Südwesten Chinas bauen die Hani, ein Bergvolk in der Provinz Yunnan, bis heute eine eigene Gurkenvarietät an, die Xuan Bang Gurke. Ihre Sprosse werden bis zu sieben Meter lang, ihre Früchte bis zu drei Kilogramm schwer, und die Schale ist nicht grün, sondern leuchtend orange.
Eine Gurke, die aussieht wie aus einer anderen Welt, aber genetisch ist sie eindeutig eine Verwandte unserer Salatgurke. Von Indien wanderte die Gurke auch nach Westen, über die Handelswege des Altertums, mit Karawanen durch die Wüsten Persiens und über die Häfen des Indischen Ozeans. Aus dem Gebiet des heutigen Irak stammen die ältesten bekannten schriftlichen Beschreibungen der Gurke, entstanden etwa sechshundert Jahre vor Christus. Mesopotamische Händler brachten die Samen über den Persischen Golf nach Ägypten, und von dort erreichte die Gurke die Küsten des Mittelmeers.
Die alten Griechen kannten die Gurke gut und schätzten sie nicht nur als Nahrungsmittel, sondern auch in der Kosmetik. Das griechische Wort für die Gurke war Sikyos, und in den Schriften griechischer Ärzte taucht sie als feuchtigkeitsspendendes Heilmittel auf. Griechische Frauen im antiken Athen nutzten den Saft der Gurke, um ihre Haut feucht und geschmeidig zu halten, besonders nach Tagen in der Sommersonne am Mittelmeer. Ein Schönheitstrick, der sich über zweieinhalbtausend Jahre gehalten hat.
Die berühmten Gurkenscheiben auf den Augen im Spa sind bis heute dieselbe Praxis. Der Wirkstoff Cucurbitacin in der Gurkenschale kühlt die Haut und fördert die Durchblutung. Die wahre Liebesgeschichte zwischen Mensch und Gurke begann jedoch in Rom. Als die Gurke etwa zweihundert Jahre vor Christus in den Mittelmeerraum gelangte, wurde sie sofort zum Statussymbol an den Tafeln der römischen Oberschicht.
Plinius der Ältere, einer der bedeutendsten Naturforscher der Antike, beschrieb die Gurke in seiner Naturalis Historia als das absolute Lieblingsgemüse von Kaiser Tiberius. Und Tiberius meinte es ernst. So ernst, dass seine Obsession eine der bemerkenswertesten Erfindungen der Agrargeschichte hervorbrachte. Tiberius regierte das Römische Reich von 14 bis 37 nach Christus und bestand darauf, jeden einzelnen Tag frische Gurke auf seinem Teller zu haben.
Jeden Tag, 365 Tage im Jahr, auch im Winter, wenn Schnee auf den Hügeln Roms lag, auch auf Reisen in die Provinzen, auch auf Feldzügen, wenn das ganze Heer durch feindliches Gebiet marschierte. Das Problem war offensichtlich. Gurken sind tropische Pflanzen, die Wärme und Sonne brauchen und bei Frost sofort eingehen. Ein römischer Winter war für Gurken der sichere Tod.
Aber einem Kaiser sagte man nicht, dass etwas unmöglich war. Nicht in Rom, nicht zu dieser Zeit. Also wurden seine Palastgärtner erfinderisch. Plinius berichtet, dass sie die Gurkenpflanzen in Beete pflanzten, die auf Rädern standen.
Rollende Gärten mitten im Palastgelände in Rom. Tagsüber wurden die Beete in die Sonne geschoben. Sobald das Wetter umschlug oder eine Wolke aufzog, rollten die Gärtner ihre Konstruktionen hinter Wände aus Spekularstein. Spekularstein, auch Lapis specularis genannt, war ein durchscheinendes Mineral, das die Römer als eine Art frühes Fensterglas verwendeten.
Die Sonnenstrahlen kamen durch, die Kälte blieb draußen. Man muss sich das vorstellen. Im ersten Jahrhundert nach Christus bauten römische Gärtner mobile Treibhäuser auf Rädern, geschützt durch durchscheinende Mineralplatten, nur damit ein einzelner Mann seine tägliche Portion Gurke essen konnte. Diese Konstruktionen gelten heute als die frühesten bekannten Vorläufer des modernen Gewächshauses.
Eine Technologie, auf der ein gewaltiger Teil der globalen Landwirtschaft beruht, geboren aus der Laune eines Kaisers, der seine Gurken nicht aufgeben wollte. Aber die Gurke war im antiken Rom weit mehr als nur eine kaiserliche Marotte. Sie war Teil des täglichen Lebens. Römische Ärzte verschrieben Gurkensaft gegen Fieber, Sonnenstich und Hautkrankheiten.
Kosmetikerinnen in den Thermen Roms mischten den Saft in Cremes und Salben für wohlhabende Römerinnen. Auf den großen Märkten der Stadt gehörte die Gurke zu den beliebtesten und teuersten Gemüsearten. Der Anbau war aufwendig, die Erntezeit kurz, und die Nachfrage lag immer höher als das Angebot. Wer im Rom des ersten Jahrhunderts regelmäßig Gurke aß, zeigte damit auch seinen Wohlstand.
Die Römer entwickelten auch die ersten Rezepte für eingelegte Gurken. In Salz und Essig konserviert, hielten sich die Früchte deutlich länger als im frischen Zustand. Man könnte sagen, das römische Einlegeverfahren war ein ferner Vorläufer dessen, was Jahrhunderte später in Napoleons Frankreich zur Perfektion gebracht werden sollte. Dann fiel Rom.
Mit dem Zusammenbruch des Weströmischen Reiches im fünften Jahrhundert nach Christus verschwand weit mehr als nur eine politische Ordnung. Ein ganzes System des Wissens brach zusammen. Bibliotheken brannten ab, Handelswege verfielen, und das Wissen über den systematischen Anbau anspruchsvoller Kulturpflanzen ging verloren. Die rollenden Gewächshäuser des Tiberius gerieten in Vergessenheit wie so vieles andere aus der römischen Welt.
In den Jahrhunderten der Völkerwanderung und des frühen Mittelalters wurde die Gurke in Mittel- und Nordeuropa zu einer Randerscheinung, angebaut von wenigen Kennern, vergessen von der breiten Bevölkerung. In den Klostergärten des frühen Mittelalters überlebte die Gurke, bewahrt von Mönchen, die antike Texte kopierten und die Beschreibungen von Plinius kannten. Karl der Große, der mächtigste Herrscher des frühmittelalterlichen Europa, erließ um das Jahr 800 seine berühmte Landgüterverordnung, das Capitulare de villis. In dieser Verordnung legte er akribisch fest, welche Pflanzen auf den königlichen Gütern angebaut werden sollten.
Unter den aufgelisteten Gewächsen finden sich auch die Cucumeres, die Gurken. Ein kaiserlicher Erlass für ein Gemüse. Zum zweiten Mal in der Geschichte war es ein Herrscher, der das Überleben der Gurke in Europa sicherte. Trotzdem blieb die Gurke im europäischen Mittelalter ein Nischenprodukt, weit weniger verbreitet als Kohl, Rüben oder Lauch.
Sie taucht weder bei Hildegard von Bingen noch bei Konrad von Megenberg auf, zwei der bekanntesten Pflanzenkundler jener Epoche. Der Anbau beschränkte sich auf wenige Klostergärten in Süddeutschland und Frankreich. Im Vergleich zur Antike war die Gurke in Europa praktisch verschwunden. Erst im 15.
und 16. Jahrhundert änderte sich das grundlegend. Neue Handelswege öffneten sich, der Kontakt mit dem Osmanischen Reich brachte frische Gurkensorten nach Europa, und die Küche des Adels wurde vielfältiger. Das Wort Gurke selbst tauchte in dieser Zeit zum ersten Mal in deutschen Texten auf, entlehnt aus dem Tschechischen.
Kaiser Karl V. ordnete den verstärkten Anbau der Gurke an, weil seine Berater in dem Gemüse ein Schutz- und Heilmittel gegen die Pest vermuteten. Gegen die Pest hat die Gurke natürlich nicht geholfen, aber dem Gurkenanbau in ganz Europa gab diese kaiserliche Anordnung einen Schub, der bis heute nachwirkt. In einer Region wurde die Gurke besonders heimisch, im Spreewald im heutigen Brandenburg, einer einzigartigen Flusslandschaft, in der sich die Spree in hunderte von kleinen Wasserarmen aufteilt.
Slawische Siedler, die Wenden, hatten dort schon im 7. und 8. Jahrhundert Gurken angebaut. Die feuchten, humusreichen Böden und das vergleichsweise milde Klima waren wie gemacht für das wärmeliebende Kürbisgewächs.
Der eigentliche Durchbruch kam jedoch Jahrhunderte später, aus einer unerwarteten Richtung, aus den Niederlanden. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wanderten niederländische Siedler in die Gegend um Lübbenau ein. Offiziell kamen sie als Tuchfabrikanten und Weber, um die lokale Wirtschaft anzukurbeln.
Aber mit der Tuchproduktion hatten sie weit weniger Erfolg als mit etwas anderem, das sie im Gepäck hatten, Gurkensamen. Die holländischen Sorten waren ertragreich, widerstandsfähig und perfekt geeignet für die Spreewaldböden. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts war der Gurkenanbau zum wichtigsten Wirtschaftszweig der gesamten Region geworden, wichtiger als Weberei, wichtiger als Fischfang.
Die Spreewaldgurke war geboren, Jahrhunderte bevor sie diesen Namen offiziell tragen sollte. Die dramatischste Wendung in der Geschichte der Gurke spielte sich aber nicht auf einem Acker ab, sondern auf einem Schlachtfeld, genauer gesagt auf den Schlachtfeldern der napoleonischen Kriege in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts. Diese Wendung veränderte nicht nur die Geschichte der Gurke, sondern die gesamte Geschichte der menschlichen Ernährung.
Napoleon Bonaparte stand vor einem Problem, das gravierender war als jede feindliche Armee, gravierender als die britische Flotte, gravierender als die russischen Winter, die später kommen sollten. Seine Truppen starben massenweise, aber nicht durch Kugeln, Bajonette oder Kanonenkugeln. Sie verhungerten. Auf den langen Feldzügen quer durch den europäischen Kontinent verdarben die Lebensmittel innerhalb weniger Tage.
Brot verschimmelte im Regen, Fleisch wurde in der Sommerhitze ranzig, Gemüse verfaulte in den Versorgungswagen, oft schon bevor es die Frontlinien überhaupt erreichte. Skorbut wütete, und die Plünderung lokaler Bauernhöfe, jahrhundertelang die Standardmethode der Truppenversorgung, reichte bei weitem nicht mehr aus, um eine Armee dieser Größe zu ernähren. Die Grande Armée war auf ihrem Höhepunkt eine Streitmacht von fünfhundert- bis sechshunderttausend Mann, Soldaten aus zwanzig europäischen Nationen, die alle gefüttert werden mussten. In manchen Feldzügen starben mehr Soldaten an Unterernährung, Durchfall und den Folgen verdorbener Nahrung als in allen Gefechten zusammen.
Der Russlandfeldzug von 1812 sollte dieses Versorgungsproblem auf die schlimmstmögliche Weise bestätigen, als die russische Armee die Strategie der verbrannten Erde anwandte und Napoleons Truppen in einem verwüsteten Land praktisch nichts mehr zu essen fanden. Napoleon erkannte dieses Problem und handelte direkt. Er lobte einen Preis von zwölftausend Goldfranken aus, eine gewaltige Summe, für denjenigen, dem es gelingen würde, Lebensmittel dauerhaft haltbar zu machen. Die offizielle Formulierung verlangte nichts weniger als die Kunst, alle animalischen und vegetabilischen Substanzen in voller Frische zu erhalten.
Das war Ende der 1790er Jahre. Napoleon war zu diesem Zeitpunkt sechsundzwanzig Jahre alt, bereits Oberbefehlshaber der französischen Armee, aber noch weit entfernt von der Kaiserkrone. Er wusste allerdings schon damals, was spätere Generäle erst lernen mussten, dass Kriege nicht nur mit Waffen gewonnen werden, sondern mit Logistik. Und Logistik bedeutete in erster Linie eines, Essen, das nicht verdirbt.
Die Person, die dieses Problem schließlich löste, war kein Wissenschaftler, kein General und kein Ingenieur. Es war ein Zuckerbäcker aus der Champagne. Nicolas Appert, geboren am 17. November 1749 in Châlons-en-Champagne, hatte sein gesamtes Berufsleben in Küchen verbracht.
Er war Koch, Konditor und Süßwarenhersteller. Kein Chemiker, kein Physiker. Aber er hatte eine Besessenheit, die all sein Wissen in den Schatten stellte, die Frage, wie man Lebensmittel vor dem Verderben bewahren konnte. Bei seiner Suche stieß Appert auf die Forschungsergebnisse eines italienischen Gelehrten namens Lazzaro Spallanzani.
Der hatte bereits 1768 in einem berühmten Experiment nachgewiesen, dass Mikroorganismen sich nicht weiter vermehren, wenn man eine Flüssigkeit gründlich erhitzt und danach luftdicht abschließt. Appert nahm diese Erkenntnis und verwandelte sie mit der Geduld und Präzision eines Konditors in ein praktisches Verfahren. In seiner Werkstatt südlich von Paris experimentierte er jahrelang mit verschiedenen Lebensmitteln, verschiedenen Temperaturen und verschiedenen Verschlüssen. Am Ende hatte er ein System, das funktionierte.
Er füllte Lebensmittel in dickwandige Glasflaschen, erhitzte das Ganze auf hundert Grad Celsius und verschloss die Flaschen dann mit Kork und Draht, fest und luftdicht. Das Ergebnis war verblüffend. Die Nahrung in den versiegelten Flaschen blieb frisch, nicht Tage, nicht Wochen, sondern Monate und sogar Jahre. Obst, Gemüse, Fleisch, Brühe, alles ließ sich so konservieren.
Die französische Marine testete Apperts Konserven auf langen Seereisen über den Atlantik. Bei schweren Stürmen gingen einige der gläsernen Konserven zu Bruch, das war die Schwachstelle des Systems. Aber die Lebensmittel in den unversehrten Behältern waren noch genießbar, als die Schiffe Monate später wieder in den Hafen zurückkehrten. Gemüse, Fleisch und Obst, alles noch frisch.
1810 war es so weit. Nicolas Appert erhielt die zwölftausend Goldfranken und dazu den Ehrentitel Wohltäter der Menschheit. Vierzehn Jahre hatte er experimentiert, seit der Preis ausgeschrieben worden war. Sein Buch über das Konservierungsverfahren durfte er allerdings erst nach der Preisverleihung veröffentlichen, weil Napoleon die Methode als militärisch bedeutsam einstufte und sie zunächst exklusiv für die Armee haben wollte.
Appert wurde sogar Napoleons Leibkoch. Die Konservierung, zunächst in Glasflaschen und bald darauf in den widerstandsfähigeren Blechdosen, veränderte innerhalb weniger Jahrzehnte die Kriegsführung, die Seefahrt und schließlich die gesamte Art und Weise, wie Menschen Lebensmittel aufbewahren. Die Gurke profitierte von dieser Erfindung ganz unmittelbar. Eingelegte Gurken, Cornichons und Gewürzgurken gehörten zu den ersten Gemüsearten, die in den neuen Konserven haltbar gemacht wurden.
Die Kombination aus Essig, Salz und Apperts Erhitzungsverfahren machte die Gurke zum perfekten Kandidaten für die Langzeitlagerung. Napoleons Soldaten trugen tatsächlich Gurken in ihren Tornistern mit auf den Feldzug, nicht frisch vom Feld, sondern eingelegt in Gläsern und versiegelt nach Apperts Methode. Es gibt ein berühmtes Zitat, das Napoleon zugeschrieben wird. Eine Armee marschiert auf ihrem Magen.
Ob er es wirklich so gesagt hat, darüber streiten Historiker bis heute. Aber die Wahrheit hinter dem Satz ist unbestreitbar. Ohne Apperts Erfindung wäre die moderne Lebensmittelindustrie undenkbar, und ohne Napoleons Preis hätte Appert seinen Durchbruch vielleicht nie geschafft. Die Konservierung war der Startschuss für die Industrialisierung des Gurkenanbaus.
Im 19. Jahrhundert verbreiteten sich Gewächshäuser über ganz Europa, zunächst in Großbritannien, wo wohlhabende Landbesitzer mit beheizten Glashäusern experimentierten, und dann auf dem gesamten Kontinent. Gurken, die zuvor nur in den kurzen Sommermonaten verfügbar gewesen waren, konnten jetzt das ganze Jahr über unter Glas herangezogen werden, mit bis zu fünf Ernten pro Jahr. In den Niederlanden, in Spanien und in Polen entstanden die ersten großen kommerziellen Gurkenplantagen unter Glas.
Die Gewächshausgurken erzielten die höchsten Preise, weil sie besonders lang, schlank und makellos aussahen, mit dünner Schale und fast ohne die kleinen Stacheln, die Freilandgurken oft haben. Die Glashaus-Technologie, die einst für einen einzelnen römischen Kaiser erfunden worden war, wurde zum Rückgrat einer globalen Industrie. In Deutschland wurde der Spreewald endgültig zum Zentrum der Gurkenkultur. Brandenburg ist nach Bayern das zweitgrößte Gurkenanbaugebiet des Landes, und die Spreewaldgurke wurde zum bekanntesten Gemüse Ostdeutschlands.
Sie überlebte zwei Weltkriege, ein Kaiserreich, zwei Republiken und eine Diktatur. Während der DDR-Zeit produzierte der volkseigene Betrieb Spreewaldkonserve in der Stadt Golßen die Gurken für den gesamten Osten des Landes. Die Spreewaldgurke war eines der wenigen Lebensmittel aus der DDR, die auch im Westen einen gewissen Ruf genossen. Als die Mauer fiel, verschwanden viele DDR-Marken innerhalb von Monaten aus den Regalen.
Die Spreewaldgurke nicht. Nach der Wiedervereinigung 1990 blieb sie eines der wenigen ostdeutschen Produkte, die ohne jede Unterbrechung weiter im Handel blieben, als wäre nichts geschehen. 1999 erhielt sie den EU-Schutz als geschützte geografische Angabe, in einer Reihe mit Champagner, Parma-Schinken und griechischem Feta. Seitdem darf sich nur eine Gurke Spreewaldgurke nennen, die im Wirtschaftsraum Spreewald verarbeitet wurde, wobei mindestens siebzig Prozent der verwendeten Rohgurken aus der Region stammen müssen.
Rund zwanzig Einlegereien verarbeiten dort bis heute die Ernte, traditionell mit Dill, Basilikum, Zitronenmelisse, Wein-, Kirsch- oder Nussblättern, nach Gewürzrezepten, die teilweise seit Generationen von Familie zu Familie weitergegeben werden. Und global sind die Zahlen gewaltig. Im Jahr 2023 wurden weltweit fast 98 Millionen Tonnen Gurken geerntet. China allein baut 82 Prozent der weltweiten Ernte an, eine Dominanz, die kein anderes Land bei irgendeinem anderen Gemüse erreicht.
Die größten europäischen Produzenten sind Spanien und Polen. Deutschland, obwohl es eines der gurkenbegeistertsten Länder Europas ist, spielt als Anbauland im globalen Vergleich kaum eine Rolle. Nur 29 Prozent der Gurken, die in Deutschland gegessen werden, wachsen auch hier. Der Rest wird importiert, aus den Niederlanden, aus Spanien, aus der Türkei.
Pro Kopf essen die Deutschen im Durchschnitt rund sieben Kilogramm frische Salat- und Einlegegurken im Jahr, dazu kommen Gewürzgurken aus dem Glas und Cornichons zum Grillabend. Insgesamt werden in Deutschland jährlich rund 540. 000 Tonnen Gurken verbraucht. Die Gurke ist damit das viertbeliebteste Gemüse des Landes nach Tomaten, Möhren und Zwiebeln.
Was steckt eigentlich in diesem Gemüse, das Kaiser süchtig gemacht und Konservierungsverfahren angestoßen hat? Auf den ersten Blick erstaunlich wenig. 97 Prozent Wasser, nur 12 Kilokalorien pro 100 Gramm. Eine ganze Gurke mit 300 Gramm bringt es auf gerade einmal 42 Kilokalorien, weniger als ein halber Apfel.
Botanisch gesehen ist die Gurke übrigens weder eine Frucht im landläufigen Sinne noch ein klassisches Gemüse. Sie ist eine Beere. Ja, eine Beere. Genau wie der Kürbis und die Wassermelone, ihre nächsten Verwandten aus der Familie der Kürbisgewächse.
Aber in den verbleibenden drei Prozent, die nicht Wasser sind, steckt mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Kalium und Eisen, Vitamin K, Vitamine der B-Gruppe und Vitamin C. Und das meiste davon sitzt direkt in der Schale oder knapp darunter. Wer seine Gurke schält, wie es in vielen deutschen Haushalten üblich ist, wirft den nährstoffreichsten Teil weg.
Dann ist da noch der Wirkstoff Cucurbitacin, der in der Schale steckt. Er fördert die Durchblutung der Haut, weshalb Gurkenscheiben auf den Augen im Kosmetikstudio nicht nur ein Klischee sind, sondern tatsächlich wirken. Die Kosmetikindustrie nutzt Gurkenextrakt in Cremes, Masken und Augengels, von der Luxusmarke bis zur Drogerie. Die alten Griechen in Athen wussten das vor über zweitausend Jahren.
Wir haben es zwischendurch vergessen und irgendwann wieder entdeckt. Nur der Bitterstoff in der Gurke kann ein Problem werden. Wenn eine Gurke bitter schmeckt, sollte man sie nicht essen, denn dann ist der Cucurbitacin-Gehalt zu hoch und kann Magenprobleme auslösen. Aber das kommt bei modernen Zuchtformen nur noch selten vor.
Die Gurke hat auch einen festen Platz in der deutschen Sprache gefunden, auch wenn dieser Platz nicht besonders schmeichelhaft ist. Eine schlechte Fußballmannschaft ist eine Gurkentruppe. Eine langweilige Veranstaltung ist eine Gurkenveranstaltung. Ein einzelner Mensch kann mit der Bemerkung, das ist vielleicht eine Gurke, abgewertet werden.
Und die ruhige Zeit im Sommer, in der in den Zeitungen und Nachrichtenredaktionen nichts Spannendes passiert, heißt Saure-Gurken-Zeit, benannt nach der Jahreszeit, in der traditionell die Einlegegurken geerntet und verarbeitet werden. In Österreich und Bayern kennt man die Gurke übrigens auch als Kukumer oder Umurke. Regionale Bezeichnungen, die direkt auf das lateinische Cucumis zurückgehen. Das hochdeutsche Wort Gurke selbst kam erst im 16.
Jahrhundert in die Sprache, entlehnt aus dem tschechischen Okurka, das seinerseits auf das mittelgriechische Angourion zurückgeht. Also letztlich auf die Griechen, die das Gemüse vor über zweitausend Jahren schon so gerne aßen. Und was sagt das alles über die Gurke? Vielleicht das.
Die spannendsten Geschichten verstecken sich oft in den unscheinbarsten Dingen. Eine bittere, stachelige Wildpflanze am Südhang des Himalaya wurde zum Lieblingsgemüse eines römischen Kaisers, der für sie die ersten Gewächshäuser der Agrargeschichte erfinden ließ. Sie überlebte den Untergang Roms in den Klostergärten christlicher Mönche und tauchte Jahrhunderte später in der Landgüterverordnung Karls des Großen auf. Sie landete in den Tornistern der Soldaten Napoleons und gab den Anstoß für eine Erfindung, ohne die unsere heutige Lebensmittelindustrie nicht existieren würde.
Und sie schaffte es vom VEB Spreewaldkonserve in Golßen auf die Tische der gesamten Europäischen Union, mit EU-Schutzsiegel und allem, was dazugehört. Von einer Höhle in Südostasien, in der fast zehntausend Jahre alte Samen im Erdreich lagen, bis zu den 98 Millionen Tonnen, die heute jedes Jahr weltweit geerntet werden. Das ist die Reise der Gurke. Kein anderes Gemüse kann eine solche Geschichte erzählen.
Wenn man das nächste Mal im Supermarkt achtlos eine Gurke in den Einkaufswagen legt, lohnt es sich, kurz innezuhalten. Kaiser, Feldherren und Erfinder haben an genau diesem Gemüse Geschichte geschrieben.


