Ich stand in der Küche meiner Großmutter in Mexiko und sah zu, wie sie Tortillas machte – genau wie ihre Mutter und deren Mutter vor ihr. Sie kochte den Mais mit Kalk, und ich fragte mich, warum…

Ich stand in der Küche meiner Großmutter in Mexiko und sah zu, wie sie Tortillas machte – genau wie ihre Mutter und deren Mutter vor ihr. Sie kochte den Mais mit Kalk, und ich fragte mich, warum...

Über eine Milliarde Tonnen pro Jahr. Mais ist die meistproduzierte Getreideart der Erde. Er steckt im Tank deines Autos, im Futter der Tiere, deren Fleisch du isst, im Sirup deiner Limonade und in der Verpackung, in der sie verkauft wird. Auf den riesigen Feldern im Mittleren Westen der USA wachsen Maispflanzen so dicht und so weit, dass man vom Rand eines Feldes in Iowa das Ende nicht sehen kann.

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Rund 60 Prozent aller verarbeiteten Lebensmittel in einem amerikanischen Supermarkt enthalten ein Maisprodukt in irgendeiner Form – was kaum jemand weiß. Diese Pflanze, die heute die globale Ernährung, die Energiepolitik und den Welthandel mitbestimmt, gab es vor 10. 000 Jahren noch gar nicht. Nicht in dieser Form.

Nicht einmal ansatzweise. Der Vorfahre des Mais war ein dünnes Wildgras mit winzigen Ähren, das kein Mensch heute als Nahrungsquelle erkennen würde. Die Geschichte, wie aus diesem Gras die mächtigste Kulturpflanze der Welt wurde, ist gleichzeitig eine Geschichte von Genialität, von tödlicher Ignoranz und von einer Abhängigkeit, aus der sich die Menschheit vermutlich nie wieder befreien wird. Was die Spanier jahrhundertelang versäumten, als sie die Pflanze nach Europa brachten, hätte Millionen von Menschenleben retten können.

Eine einzige Information, die nie das Schiff verließ. Das ist die Geschichte des Mais, und sie beginnt an einem Ort, an dem heute noch das Gras wächst, aus dem alles entstand: das Balsas-Becken im Südwesten Mexikos, vor rund 9. 000 Jahren. Ein heißes, trockenes Tiefland, durchzogen von Flussläufen und bewachsen mit dornigem Buschwerk.

Hier wuchs ein Gras, das die moderne Botanik Teosinte nennt – Zea mays subsp. parviglumis, um genau zu sein. Wer heute eine Teosinte-Pflanze neben einen modernen Maiskolben stellen würde, würde nicht glauben, dass die beiden verwandt sind. Die Ähren der Teosinte waren kaum fünf Zentimeter lang.

Jede trug nur sechs bis neun harte Körner, eingehüllt in eine steinähnliche Schale, die sich beim Reifen von selbst öffnete und die Samen in den Wind streute. Die Pflanze brauchte keinen Menschen. Sie vermehrte sich völlig selbstständig. Und genau das war der Punkt, an dem sich alles änderte.

Irgendwann begannen die Menschen in dieser Region, Pflanzen auszuwählen. Nicht mit einem Plan, nicht mit einer Vorstellung davon, was in 3. 000 Jahren daraus werden könnte. Sie sammelten schlicht die Körner, die ein bisschen größer waren, ein bisschen leichter zu öffnen, ein bisschen ergiebiger – und sie pflanzten sie wieder ein.

Generation um Generation, Ernte um Ernte, über Jahrtausende hinweg. Was diese frühen Bauern betrieben, war Gentechnik ohne Labor, nur mit Geduld und dem Instinkt dafür, welche Pflanze ein bisschen besser war als die andere. Sie konnten nicht wissen, dass sie mit jeder Auswahl die genetische Architektur der Pflanze verschoben. Moderne Genetiker haben herausgefunden, dass der Unterschied zwischen Teosinte und Mais auf erstaunlich wenigen Genen beruht.

Etwa fünf Schlüsselregionen im Erbgut steuern die Veränderungen, die den Mais vom Wildgras trennen. Fünf Regionen – das klingt nach fast nichts. Aber die Auswirkungen dieser wenigen Mutationen waren gewaltig. Die Kolben wurden auf das Fünfzigfache der ursprünglichen Größe gezüchtet.

Aus sechs Körnern wurden Hunderte. Die Ähren wuchsen, die Körner wurden weicher, die Schalen dünner. Irgendwann hörte die Pflanze auf, ihre Samen selbst zu verbreiten. Die Körner saßen jetzt fest am Kolben, geschützt von Hüllblättern, die sich nicht mehr von allein öffneten.

Der Mais war von diesem Moment an vollständig abhängig vom Menschen. Ohne jemanden, der die Körner löst, sie aussät und die Pflanze pflegt, stirbt jeder Maiskolben auf dem Feld, ohne dass ein einziger Nachkomme daraus entsteht. Es gibt keine andere Kulturpflanze auf der Welt, die derart auf den Menschen angewiesen ist. Der Mais kann ohne uns nicht existieren – und wie sich herausstellen sollte, wir können es umgekehrt auch kaum noch.

Archäologen fanden in der Gila-Naqitz-Höhle im mexikanischen Oaxaca Maiskolben, die auf etwa 3. 300 vor Christus datiert wurden. Diese Kolben waren winzig, keine fünf Zentimeter lang. In der Höhle von Tehuacán tauchten Überreste auf, die Genetiker dazu zwangen, die bisherige Erzählung vom Mais komplett zu überarbeiten.

Die DNA von 5. 000 Jahre altem Mais zeigte: Was dort gefunden wurde, war kein fertiges Produkt. Es war ein Prototyp, eine Pflanze auf halbem Weg zwischen Wildgras und Kulturpflanze, mit einer Mischung aus wilden und domestizierten Genen. Die Domestizierung war kein einzelnes Ereignis an einem einzelnen Ort, wie man lange angenommen hatte.

Sie fand an mehreren Stellen unabhängig voneinander statt, über Jahrtausende verteilt, von Mexikos Tiefland bis ins Hochland, vom südwestlichen Amazonasgebiet bis an die Küste Perus. Verschiedene Völker auf verschiedenen Kontinenten formten die Pflanze nach ihren eigenen Bedürfnissen, ohne voneinander zu wissen. Von Mexiko aus wanderte der Mais nach Süden. Vor rund 6.

700 Jahren tauchte er in Südamerika auf. In Panama sind Spuren sogar 7. 800 Jahre alt. Die Pflanze passte sich an neue Klimazonen an, kreuzte sich mit lokalen Teosinte-Varianten und entwickelte immer neue Formen.

Gelber Mais, weißer Mais, roter, blauer, schwarzer Mais. In Mexiko existieren bis heute 64 verschiedene Landsorten, jede angepasst an ihr Klima, ihren Boden, ihre Höhenlage. Aber der Mais war weit mehr als nur Nahrung. Für die Völker Mesoamerikas war er der Ursprung von allem.

Im Popol Vuh, dem heiligen Buch der Maya, steht die Geschichte so: „Als die Erde noch leer war, versuchten die Götter, den Menschen zu erschaffen. Sie probierten es mit Lehm. Der Lehm zerbröselte. Sie probierten es mit Holz.

Die Holzmenschen hatten kein Herz und keinen Verstand. Dann nahmen die Götter weißen und gelben Mais, mahlten ihn und formten daraus den Menschen. Und dieser Mensch konnte fühlen, konnte denken, konnte die Götter ehren. “

Die Maya nannten sich selbst „Menschen aus Mais“.

Das war kein Bild, keine Metapher. Das war ihr Verständnis davon, wer sie sind. Auch bei den Azteken durchzog Mais das gesamte religiöse und gesellschaftliche Leben. Centeotl, der Maisgott, wurde in aufwendigen Zeremonien verehrt.

Mehrere Gottheiten, männlich und weiblich, waren dem Mais zugeordnet. Eine Göttin für den frischen Kolben, eine für den trockenen, ein Gott für die Aussaat. Menschenopfer sollten die Ernte sichern und den Kreislauf des Lebens erneuern. Das klingt für heutige Ohren grausam, aber für die Azteken war es logisch: Wenn die Götter den Menschen aus Mais erschaffen hatten, dann musste der Mensch den Göttern etwas zurückgeben, damit der Mais weiterwuchs.

Doch der Mais war nicht nur heilig, er war das wirtschaftliche Fundament, auf dem alles andere ruhte. Ein einzelnes Maisfeld lieferte pro Fläche genug Kalorien, um eine Familie das ganze Jahr zu ernähren. Zweimal im Jahr konnte geerntet werden. Die Bodenbearbeitung war minimal.

Kein Pflug war nötig, kein Zugtier, ein Grabstock und die Arbeit weniger Wochen reichten aus. Weil der Maisanbau so hohe Erträge lieferte und die Pflanze so wenig Pflege brauchte, konnten die mesoamerikanischen Gesellschaften etwas tun, das nomadische Jäger und Sammler nicht konnten: sesshaft werden, Städte bauen, Beamte bezahlen, Armeen unterhalten, Schriften entwickeln und Pyramiden errichten. Die Maiskolben, die Archäologen in den Fundamenten von Tenochtitlan gefunden haben, sind nicht weniger wichtig als die Steine, die darüber lagen. Und dann war da das Milpa-System.

Die indigenen Bauern pflanzten Mais nicht allein. Sie pflanzten ihn zusammen mit Bohnen und Kürbis, ein Dreiergespann, das als die „Drei Schwestern“ bekannt wurde. Der Mais wuchs hoch und gab den Bohnen eine natürliche Rankhilfe. Die Bohnen fixierten Stickstoff aus der Luft und düngten den Boden für den nährstoffhungrigen Mais.

Der Kürbis breitete seine großen Blätter über die Erde aus, hielt die Feuchtigkeit, unterdrückte Unkraut und schützte mit seinen stacheligen Ranken die Pflanzen vor Tieren. Drei Pflanzen, die sich gegenseitig stützten und ernährten, ohne dass ein Gramm Dünger nötig war. Zusammen lieferten sie alles, was ein Mensch zum Überleben braucht: Kohlenhydrate aus dem Mais, Proteine aus den Bohnen, Vitamine und Mineralstoffe aus dem Kürbis. Das Milpa-System ist über 3.

000 Jahre alt und es funktioniert bis heute auf den Feldern indigener Kleinbauern in Mexiko und Guatemala genauso wie am ersten Tag. In Oaxaca, in Chiapas, auf der Halbinsel Yucatán bauen Familien ihre Milpa-Felder nach denselben Prinzipien an, die ihre Vorfahren entwickelt haben. Permakulturbewegungen in Europa und Nordamerika entdecken das System gerade erst für sich. 3.

000 Jahre bevor jemand das Wort „nachhaltig“ in den Mund nahm, hatten die Maya es bereits erfunden. Aber die eigentliche Meisterleistung der mesoamerikanischen Küche lag woanders. Und dieser Teil der Geschichte ist der, der alles veränderte, als der Mais die alte Welt erreichte. Die indigenen Völker wussten etwas über den Mais, das Europa jahrhundertelang nicht begreifen würde.

Roher Mais enthält Niacin, also Vitamin B3, in einer Form, die der menschliche Körper nicht aufnehmen kann. Das Vitamin ist fest an die Pflanzenfasern gebunden, und egal wie viel Mais man isst, das Niacin bleibt unerreichbar. Die indigenen Völker lösten dieses Problem mit einer Methode, die so alt ist wie die Maiskultur selbst: der Nixtamalisierung. Sie kochten die Maiskörner in Wasser, dem sie Kalk oder Holzasche zugesetzt hatten.

Diese alkalische Lösung brach die chemische Bindung auf und machte das Niacin für den Körper verfügbar. Außerdem wurden die Eiweiße im Mais besser verdaulich. Schimmelpilzgifte wurden zu über 90 Prozent abgebaut, und der Teig, der so entstand, ließ sich zu Tortillas formen. Das Wort „Nixtal“ stammt aus dem Nahuatl, der Sprache der Azteken.

„Nextli“ bedeutet Asche, „Tamalli“ bedeutet Maisteig. Nur so zubereiteter Mais war sicher als Hauptnahrungsmittel. Die Azteken und Maya wussten das. Sie kannten den Grund nicht in chemischen Formeln, aber sie kannten das Ergebnis seit Jahrtausenden.

Jede Frau, die Tortillas machte, kannte die Schritte. Es war so selbstverständlich wie das Atmen. Und genau diese Selbstverständlichkeit wurde zum Problem, als der Mais auf ein europäisches Schiff verladen wurde. Denn niemand erklärte den Spaniern, warum man den Mais so und nicht anders zubereiten muss.

Und die Spanier fragten nicht. Im Oktober 1492 betrat Christoph Kolumbus die Insel San Salvador. Unter den vielen Dingen, die ihm dort auffielen, war eine Pflanze, die die Einheimischen auf ihren Feldern anbauten. Kolumbus hielt sie für eine Hirseart und notierte die Beobachtung als Randbemerkung in seinem Tagebuch.

Er packte Samen ein und segelte zurück nach Spanien. Seine Rückkehr im März 1493 wurde mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Er hatte schließlich nicht Indien erreicht, aber die Samen, die in seinen Laderäumen lagen, würden mehr verändern als jede Goldlieferung. Was folgte, war einer der folgenreichsten biologischen Transfers der Menschheitsgeschichte: der Kolumbianische Austausch.

Mais, Kartoffeln und Tomaten wanderten von Amerika nach Europa. Weizen, Reis, Pferde und Rinder gingen in die andere Richtung, und Krankheiten wie Pocken und Masern reisten mit den Schiffen nach Westen und töteten Millionen von Menschen, die noch nie Kontakt mit europäischen Erregern gehabt hatten. Der Mais war Teil dieses Austauschs, und er verbreitete sich mit einer Geschwindigkeit, die selbst die Kartoffel nicht erreichte. Innerhalb weniger Jahrzehnte wanderte die Pflanze über die Iberische Halbinsel, über Italien, den Balkan, das Osmanische Reich, nach Nordafrika und weiter nach China und Südostasien.

Die Pflanze hatte Eigenschaften, die europäische Bauern sofort überzeugten, und Eigenschaften, die sie von keiner einheimischen Getreideart kannten. Sie wuchs schnell, lieferte hohe Erträge, kam mit unterschiedlichen Böden zurecht und konnte auch dort gedeihen, wo Weizen und Roggen versagten. Im Vergleich zu den europäischen Getreidesorten war der Mais unglaublich produktiv. Ein einzelner Kolben lieferte Hunderte von Körnern.

Ein Feld konnte monatelang eine Familie ernähren. In den ärmeren Regionen Südeuropas, wo die Böden dünn und die Winter hart waren, wurde Mais innerhalb weniger Generationen zum wichtigsten Nahrungsmittel. Die Bauern in Norditalien aßen ihn als Polenta morgens, mittags und abends. In Rumänien wurde Mămăligă zum Nationalgericht.

In Spanien, auf dem Balkan, überall dort, wo Menschen wenig hatten und viel brauchten, wurde der Mais zur Lebensgrundlage. Und dann begannen die Menschen zu sterben. Es fing langsam an: Hautrötungen an den Stellen, die der Sonne ausgesetzt waren. Die Haut wurde rau, rissig, dunkel verfärbt.

Dann kamen Durchfälle, die nicht aufhörten. Schleimhäute entzündeten sich, und schließlich, in den fortgeschrittenen Fällen, die Demenz. Die Betroffenen verloren den Verstand Stück für Stück, bis der Tod sie erlöste. Die Medizin hat der Krankheit später eine grausame Formel gegeben, die 4D: Dermatitis, Diarrhö, Demenz, Death – Hautschäden, Durchfall, Wahnsinn, Tod.

In dieser Reihenfolge. Die Ärzte nannten die Krankheit Pellagra, ein Wort, das der italienische Arzt Francesco Frapolli 1771 aus den italienischen Wörtern „pelle“ für Haut und „agra“ für rau zusammensetzte. Der spanische Arzt Gaspar Casal hatte die Symptome schon 1735 beschrieben, aber niemand konnte die Ursache erklären. War es ein Gift im Mais, eine ansteckende Seuche, eine Erbkrankheit?

Das 18. Jahrhundert rätselte, das 19. Jahrhundert rätselte weiter, und das Sterben ging weiter. Im 18.

und 19. Jahrhundert wüteten regelrechte Pellagra-Epidemien in Norditalien, in Spanien und auf dem Balkan. Hunderttausende erkrankten. In der Lombardei, in Venetien und in der Emilia-Romagna füllten sich die Armenhäuser und Irrenhäuser mit Pellagra-Kranken, deren Haut sich abschälte und deren Geist sich auflöste.

Die Krankheit traf fast ausschließlich die Armen, diejenigen, die sich nichts anderes leisten konnten als Mais. In wohlhabenden Haushalten, wo Fleisch, Milch, Käse und Gemüse auf dem Tisch standen, tauchte Pellagra nie auf, weil diese Lebensmittel genug Niacin aus anderen Quellen lieferten. Auch in den Südstaaten der USA breitete sich die Krankheit im frühen 20. Jahrhundert unter armen Arbeitern und Sharecroppern aus, die sich hauptsächlich von Maismehl, Schweinefett und Melasse ernährten – einer Dreifaltigkeit des Mangels.

Und hier schärft sich der Blick auf ein Detail, das diese ganze Geschichte auf den Punkt bringt. In Mexiko, wo der Mais herkam und wo die Menschen mehr Mais aßen als irgendwo sonst auf der Welt, gab es kein Pellagra. Nie gegeben. Nicht ein dokumentierter Fall.

Die Bauern in Oaxaca aßen morgens Tortillas, mittags Tortillas und abends Tortillas, und sie waren gesund. Ihre europäischen Gegenstücke, die genau dasselbe taten, nur mit Polenta statt Tortillas, starben daran. Der einzige Unterschied: Die mexikanischen Tortillas waren nixtamalisiert, die europäische Polenta nicht. Die Konquistadoren hatten das Korn mitgenommen, aber die Zubereitungsweise hatten sie ignoriert.

Die Nixtamalisierung, diese jahrtausendealte Technik, die den Mais erst sicher machte, war ihnen offenbar zu unwichtig, zu primitiv, zu fremd erschienen. Ein Verfahren, das Millionen von Menschenleben hätte retten können, blieb am Kai zurück, weil niemand den Wert einer Technik erkannte, die von Indios stammte. Erst im 20. Jahrhundert identifizierte die Wissenschaft den Zusammenhang.

Pellagra ist ein Mangel an Vitamin B3. Der Mais enthält das Vitamin, aber in einer gebundenen Form, die der Körper ohne alkalische Vorbehandlung nicht nutzen kann. Die Nixtamalisierung löst genau diese Bindung. Das Rätsel, das Europa über 300 Jahre lang nicht lösen konnte, hatten die Azteken schon vor Jahrtausenden beantwortet.

In ihrer eigenen Sprache steckte die Lösung im Namen des Verfahrens. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der Mais in Nordamerika längst eine ganz andere Entwicklung genommen. Die europäischen Siedler übernahmen die Pflanze von den indigenen Völkern und begannen, sie in einer Dimension anzubauen, die die Welt so noch nicht gesehen hatte.

Im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten, wo das Klima warm und feucht und die Böden tief und fruchtbar sind, entstand eine Region, die bald einen eigenen Namen bekam: der Corn Belt, der Maisgürtel. Iowa, Illinois, Nebraska, Indiana – ein breiter Streifen aus Maisfeldern, der sich über Hunderte von Kilometern erstreckt. Wer im Sommer mit dem Auto durch Iowa fährt, sieht zwei Dinge: Mais und Himmel, sonst nichts. Im 20.

Jahrhundert beschleunigte sich das Wachstum. Die Einführung von Hybridmais in den 1930er Jahren vervielfachte die Erträge. Ein Kolben trug jetzt nicht mehr Hunderte, sondern Tausende von Körnern. Forscher kreuzten verschiedene Maislinien, selektierten auf Ertrag, auf Standfestigkeit, auf Resistenz gegen Schädlinge und schufen Sorten, die ein Vielfaches dessen produzierten, was die alten Landrassen liefern konnten.

Gleichzeitig kam die Mechanisierung. Mähdrescher ersetzten Erntearbeiter, Traktoren ersetzten Pferde, Flugzeuge versprühten Pestizide über Felder, die so groß waren, dass man sie zu Fuß nicht mehr an einem Tag durchqueren konnte. Künstlicher Stickstoff düngte Böden, die ohne ihn längst ausgelaugt gewesen wären. Der Maisanbau verwandelte sich in eine industrielle Massenproduktion, die mit dem, was die Azteken auf ihren Milpa-Feldern betrieben hatten, nichts mehr gemeinsam hatte.

Ein einzelner Farmer in Iowa konnte jetzt mit einem einzigen Mähdrescher mehr Mais ernten, als ein ganzes Dorf in Mexiko in einem Jahr verbrauchte. In den 1960er Jahren verdrängten diese Hochleistungssorten in Europa die jahrhundertealten Landrassen. Hunderte lokaler Sorten, jede perfekt an ihren Standort angepasst, verschwanden aus den Feldern. Sortenvielfalt gegen Wuchertrag.

Was übrig blieb, lagert heute in Genbanken. Die Zahlen, die dabei herauskamen, sind schwer zu greifen. Die USA produzieren heute rund 380 Millionen Tonnen Mais pro Jahr. Das allein wäre schon beeindruckend, aber China folgt mit etwa 270 Millionen Tonnen, und Brasilien liegt auf dem dritten Platz.

Insgesamt erntet die Welt jährlich über eine Milliarde 200 Millionen Tonnen. Damit ist Mais die meistproduzierte Getreideart der Erde, noch vor Weizen und Reis. Und nein, das ist kein Tippfehler. Mais, nicht Reis.

Die Pflanze, die als winziges Wildgras in einem mexikanischen Tal begann, hat Reis und Weizen überholt. Aber hier wird die Geschichte seltsam, denn der meiste Mais, der heute angebaut wird, landet nie direkt auf einem Teller. Weltweit werden rund 60 Prozent der Maisernte als Futtermittel verwendet – für Rinder, Schweine, Geflügel und Zuchtfische. Das Steak auf deinem Teller, das Hühnchen im Sandwich, die Milch im Kühlschrank, die Eier zum Frühstück.

All das existiert in dieser Menge, in dieser Geschwindigkeit und zu diesem Preis nur, weil irgendwo ein Maisfeld dafür geerntet wurde. Der Mais verschwindet in den Mägen von Nutztieren und kommt als tierisches Protein auf der anderen Seite wieder heraus. Wer Fleisch isst, isst indirekt Mais. Das gilt auch für den Lachs aus der Aquakultur und das Hundefutter im Napf.

Dann ist da die Ethanolproduktion, und sie hat das Spiel noch einmal komplett verändert. Der Renewable Fuel Standard, den die USA 2005 einführten, schrieb eine Mindestbeimischung von Biokraftstoff zum Benzin vor. Hinter dem Gesetz stand das Versprechen, die Abhängigkeit vom Erdöl zu reduzieren und Arbeitsplätze im ländlichen Amerika zu schaffen. Was entstand, war ein riesiger, gesetzlich garantierter Absatzmarkt für Mais.

Über ein Drittel der gesamten US-Maisernte fließt heute in die Herstellung von Bioethanol, das dem Benzin beigemischt wird. 2010 überholten die USA Brasilien als größter Bioethanol-Produzent der Welt. Mais treibt nicht nur Tiere an, er treibt Autos an. Und der Mais, der im Tank verbrennt, fehlt auf dem Teller.

Dieses Dilemma hat einen Namen: der Tank-oder-Teller-Konflikt. Und dann gibt es noch den Bereich, den die wenigsten sehen. Mais steckt in Produkten, bei denen man ihn niemals vermuten würde. Maisstärke findet sich in Papier, in Textilien, in Medikamenten, in Kosmetik, in Klebstoffen und in Baustoffen.

Maissirup, vor allem der sogenannte High Fructose Corn Syrup, süßt einen großen Teil der Softdrinks, Süßigkeiten und Fertiggerichte in den USA und zunehmend auch weltweit. In den USA wurde er ab den 1970er Jahren zum bevorzugten Süßungsmittel, weil er billiger war als Rohrzucker, und heute steckt er in Cola, in Ketchup, in Brot, in Müsliriegeln und in Fertigsoßen. Zitronensäure, die in praktisch jeder Limonade und jedem Reinigungsmittel steckt, wird industriell aus Mais gewonnen. Sogar die biologisch abbaubaren Kunststoffe, die als Alternative zu Erdölplastik vermarktet werden, basieren häufig auf Maisstärke.

Xanthan, das Verdickungsmittel in Salatdressings und Zahnpasta, kommt aus Mais. Das Ethanol, mit dem manche Desinfektionsmittel hergestellt werden, kommt aus Mais. Die Pflanze ist nicht mehr nur ein Lebensmittel, sie ist ein Industrierohstoff, ein Energieträger und ein Werkstoff in einem. Und diese Vielseitigkeit hat den Mais in eine Position gebracht, in der er nicht mehr nur Wohlstand schafft, sondern auch Krisen auslösen kann.

2007, Mexiko-Stadt. Zehntausende Menschen gingen auf die Straßen. Familien mit Kindern, Marktfrauen, Arbeiter, Studenten. Sie protestierten nicht gegen eine Regierung oder ein Gesetz, sie protestierten gegen den Preis von Tortillas.

Die Tortilla ist in Mexiko nicht irgendein Lebensmittel. Sie ist das Lebensmittel. Jede Mahlzeit beginnt mit Tortillas und endet mit Tortillas. Für Millionen ärmerer Mexikaner sind sie die Hauptkalorienquelle, das, was zwischen ihnen und dem Hunger steht.

Und plötzlich, innerhalb weniger Monate, hatte sich der Preis verdoppelt. Familien, die ohnehin jeden Peso zweimal umdrehen mussten, konnten sich ihr tägliches Brot nicht mehr leisten. Der Grund lag tausende Kilometer entfernt in den Maisfeldern von Iowa und Nebraska. Der Ethanolboom in den USA hatte die Nachfrage nach Mais so stark angeheizt, dass die Weltmarktpreise explodierten.

Mexiko, das einen großen Teil seines Mais aus den USA importiert – für fünfeinhalb Milliarden Dollar pro Jahr –, wurde davon kalt erwischt. Die Tortillakrise zeigte auf einen Schlag, wie verletzlich ein Land wird, wenn sein Grundnahrungsmittel gleichzeitig als Treibstoff in den Tanks einer anderen Nation verschwindet. Das Timing dieses Details erklärt alles, was danach kam, denn die Verwundbarkeit besteht bis heute, und sie betrifft nicht nur Mexiko. Als der Krieg in der Ukraine begann und die Schwarzmeerhäfen blockiert wurden, stiegen die Maispreise erneut scharf an.

Die Ukraine gehört zu den größten Maisexporteuren der Welt und liefert jährlich Millionen Tonnen Futtermais nach Europa und Nordafrika. Die Blockade traf ärmere Importländer in Nordafrika und im Nahen Osten besonders hart – Länder, deren Bevölkerung wächst und deren eigene Landwirtschaft nicht genug produziert. Mais ist längst ein geopolitisches Instrument, ein Hebel, an dem Regierungen drehen können, um Verbündete zu belohnen und Gegner unter Druck zu setzen. Der Corn Belt im Mittleren Westen der USA hat nicht nur wirtschaftliches Gewicht, er hat politisches Gewicht.

Die Präsidentschaftsvorwahlen beginnen traditionell in Iowa, mitten im Maisgürtel, und kein ernsthafter Kandidat wagt es dort, die Ethanolsubventionen offen in Frage zu stellen. Der Mais bestimmt, wer ins Weiße Haus einziehen darf. Auch in Deutschland zeigten sich die Schattenseiten der Maisabhängigkeit. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz machte den Anbau von Energiemais für Biogasanlagen jahrelang so attraktiv, dass ganze Landstriche in Monokulturen versanken.

In Niedersachsen und Schleswig-Holstein standen Maisfelder bis an den Horizont, wo vorher Wiesen und Weiden gelegen hatten. Die „Vermaisung“ wurde zum geflügelten Wort in ländlichen Gemeinden. Naturschützer warnten vor dem Verlust der Artenvielfalt, vor ausgelaugten Böden und vor Nitratwerten im Grundwasser, die durch die intensive Düngung der Maisfelder nach oben schossen. Erst ein gesetzlicher Deckel bremste den Trend, aber die Biogasanlagen stehen noch, und die Maisfelder auch.

Der Mais hat, wo auch immer er hinkommt, die Eigenschaft, Platz zu beanspruchen und nicht mehr herzugeben. Und so schließt sich ein Kreis, der vor 9. 000 Jahren begann. In einem heißen Tal im Südwesten Mexikos pflückten Menschen ein paar Körner von einem unscheinbaren Gras und legten sie zurück in die Erde.

Sie konnten nicht wissen, dass sie damit die Grundlage legten für Zivilisationen, für Religionen, für Imperien, für Industrien und für Konflikte, die bis heute andauern. Sie taten es, weil die Körner ein bisschen größer waren als die anderen. Das war alles. Ein kleiner Vorteil, wiederholt über tausende Generationen.

Heute existieren 92 Prozent der US-Ernte als gentechnisch veränderte Sorten. Mexiko versuchte, den Import von Gentechnik-Mais zu beschränken, verlor den Streit vor einem Schiedsgericht und hob die Sperre Anfang 2025 auf. In Afrika bauen Länder wie Nigeria und Südafrika inzwischen eigene Maislinien an, während ärmere Nachbarn auf Importe angewiesen bleiben. Die Pflanze, die einmal in Mexiko gezähmt wurde, gehört heute niemandem und allen gleichzeitig.

Saatgutkonzerne kontrollieren die Hochleistungslinien, aber auf den Feldern indigener Bauern in Oaxaca wachsen noch immer Sorten, die kein Labor je gesehen hat. Der Mais ernährt, und er macht abhängig. Er schafft Reichtum, und er vertieft Armut. Beides, und zwar zur selben Zeit.

Am Ende steht eine Pflanze, die sich über den ganzen Planeten ausgebreitet hat, die Autos antreibt und Rinder mästet, die in Plastik steckt und in Medikamenten, die Wahlen entscheidet und Straßenproteste auslöst. Aber diese Pflanze kann ohne den Menschen, der sie einst erschuf, keinen einzigen Tag überleben. Lass einen Maiskolben auf dem Feld liegen, und er verrottet. Kein Samen löst sich, kein Keimling wächst.

Der Mais braucht eine Hand, die ihn erntet und wieder aussät. Und die Welt braucht den Mais. Wir haben uns gegenseitig erschaffen, Mensch und Pflanze.

Und keiner von beiden kommt mehr ohne den anderen aus.