Zwei Monate nachdem mein Mann gestorben war, gehörte seine Firma meinem Schwiegersohn. Man sagte mir, ich hätte unterschrieben. Es gab ein Dokument, meinen Namen darunter, alles ordentlich beim Notar. Nur eines stimmte nicht: An dem Tag, an dem ich unterschrieben haben soll, lag ich in einer Klinik in Augsburg und bekam eine Vollnarkose.

Ich bin nicht zur Polizei gegangen. Ich habe etwas anderes getan. Etwas, das mein Schwiegersohn bis heute jeden Monat spürt. Ich heiße Marianne Ostermann, bin 70 Jahre alt und lebe in Augsburg im Antonsviertel.
Dieses Haus habe ich 1985 mit meinem Mann Ludwig gebaut. Bevor ich erzähle, was ich getan habe, würde ich gern wissen, von wo aus Sie mir heute zuhören. Schreiben Sie mir Ihre Stadt in die Kommentare. Es tut gut zu wissen, dass jemand zuhört.
Ludwig war Elektromeister. 1978 hat er Ostermann Elektrotechnik gegründet, mit einem Lieferwagen und zwei Gesellen. Als er starb, hatten wir dreißig Mitarbeiter und Aufträge bis ins übernächste Jahr. Ich war nie die Frau im Hintergrund.
Ich habe die Buchhaltung gemacht, die Lohnabrechnung, den ganzen kaufmännischen Teil – jahrelang. Wenn man mich um drei Uhr nachts geweckt hätte und nach unserer Umsatzrendite gefragt hätte, ich hätte es gewusst. Merken Sie sich das. Es wird wichtig.
Wir haben zwei Kinder. Michael ist 45, Elektroingenieur, arbeitet aber nicht bei uns, sondern bei einem großen Zulieferer in Ingolstadt. Er wollte nie in den Familienbetrieb, und Ludwig hat das akzeptiert. Und Claudia, 42, ist mit Ralf verheiratet.
Über Ralf muss ich ausführlicher sprechen. Ralf kam vor zwölf Jahren als Claudias Freund in unser Leben und vor neun Jahren in unsere Firma. Gelernter Elektrotechniker, dazu ein betriebswirtschaftliches Aufbaustudium. Redegewandt, gut aussehend, dieser feste Händedruck, den man auf Seminaren lernt.
Ludwig mochte ihn. Ludwig sah in ihm den Nachfolger, den er in Michael nicht hatte. Ich mochte ihn nie ganz. Ich kann nicht einmal genau sagen, warum.
Es gab nichts Konkretes, nur dieses Gefühl: Ralf hörte immer ein bisschen zu genau zu, wenn es um Zahlen ging, und ein bisschen zu ungenau, wenn es um Menschen ging. Ludwig sagte, ich sei ungerecht. Vielleicht war ich das. Aber ich habe 42 Jahre lang Rechnungen geprüft, und irgendwann entwickelt man ein Gefühl für Posten, die nicht stimmen.
Bei Ralf hatte ich dieses Gefühl, ohne je etwas gefunden zu haben. Was ich damals nicht wusste, erfuhr ich erst viel später: Ralf und Claudia steckten tief in Schulden. Sie hatten ein Haus in Stadtbergen gebaut, größer als nötig. Zwei Autos geleast, die sie sich nicht leisten konnten.
Und Ralf hatte – ohne dass jemand in der Familie davon wusste – vor sechs Jahren einen Geschäftskredit aufgenommen, für irgendetwas mit Photovoltaik, das nicht funktioniert hatte. 260. 000 Euro verloren, die er abbezahlen musste. Er stand mit dem Rücken zur Wand, und niemand wusste es.
Ludwig starb im März, vor zwei Jahren. Ein Aortenriss, in der Firma, an einem Dienstagvormittag. Er war 70 und wollte im Herbst aufhören. Von den ersten Wochen danach will ich Ihnen nichts Ausführliches erzählen.
Sie wissen, wie das ist – oder Sie wissen es nicht. Und dann kann ich es Ihnen nicht erklären. Ich funktionierte. Ich saß in einem Haus, das zu still war, und beantwortete Beileidskarten.
Und ich war krank. Das ist der Punkt, an dem alles hängt. Ich hatte seit Monaten Beschwerden an der Galle. Ich hatte es aufgeschoben, erst weil Ludwig krank war, dann weil Ludwig starb.
Am 17. wurde ich operiert. Ralf hat mich im Krankenhaus besucht. Ich war dankbar.
Ich saß vielleicht 20 Minuten auf einem Parkplatz in Friedberg, und mein Kopf ging alles durch. Das war keine Not. Das war Planung. Er war zuerst still, so still, dass ich fragte, ob er noch dran sei.
Dann sagte er: „Verlegung auf die Station um 14 Uhr, Entlassung am 20. Das ist ein Fall, den jeder Staatsanwalt in 20 Minuten versteht. “
260. 000 Euro Geschäftskredit bei einer regionalen Bank.
Der Mann, der meine Unterschrift gefälscht hatte, während ich in Narkose lag, schuldete mir jetzt 230. 000 Euro – und ich hielt eine Klinikakte in der Hand, mit der ich ihn jederzeit ins Gefängnis bringen konnte. Es war sehr still in diesem Zimmer.


