„Wenn mir damals jemand erzählt hätte, dass ein verrosteter Ford Ranger mit klemmender Heckklappe mich wenige Wochen später in einen Konferenzraum hoch über der Hamburger Skyline bringen würde, hätte ich ihn für einen Lügner gehalten. Ich wollte lediglich verhindern, dass ein alter Mann sich beim Heben den Rücken ruiniert, und hatte keine Ahnung, dass ich dabei ohne es zu wissen eine Prüfung ablegte. Der Regen an jenem Dienstag war kein Unwetter, eher diese norddeutsche Zumutung aus kaltem, hartnäckigem Niesel, die den Asphalt speckig glänzen lässt und einem schon beim Blick aus dem Fenster die Gelenke schwer macht. Ich war 29 und führte meinen eigenen kleinen Ausbau- und Renovierungsbetrieb, was in weniger höflichen Worten bedeutete, dass ich einen Transporter voller Gipsstaub fuhr, zu viel Kaffee von Tankstellen trank und jeden Auftrag persönlich annahm, kalkulierte und erledigte.

In einem riesigen Baumarkt in Hamburg wollte ich zwei Kartons 80-mm-Schrauben und einen Ersatzakku für meinen Akkuschrauber holen. Meine Laune war so grau wie der Himmel über der Süderelbe. Eine Kundin hatte mir gerade bei einer Badsanierung einen Teil der Rechnung gekürzt, weil die Fugenmasse angeblich nicht exakt den warmen Eierschalenton hatte, den sie sich vorgestellt hatte, obwohl sie die Probe vorher selbst abgenickt hatte. Ich schob meinen Wagen mit gesenktem Kopf durch den feinen Regen hinaus, vorbei an den überdachten Ladezonen für Handwerker, da sah ich ihn ganz hinten auf dem Parkplatz, weit weg von den reservierten Stellflächen.
Sein Pickup war ein Ford Ranger aus den späten 90ern. Der rote Lack war zu einem stumpfen Ziegelton verblichen, um die Radläufe fraß sich der Rost in unregelmäßigen braunen Inseln durch das Blech, und die Heckklappe stand offen wie eine müde, herausgestreckte Zunge. Dahinter stand ein Mann, den ich auf Ende 70 schätzte, in einer ausgefransten Arbeitsjacke aus festem Baumwollstoff, verwaschener Jeans und einer tief in die Stirn gezogenen HSV-Kappe. Zu seinen Füßen auf einer schweren Holzpalette stand eine alte Tischkreissäge aus Gusseisen.
Das Ding musste gut 90 Kilo wiegen. Der Mann hatte beide Hände unter das massive Gestell geschoben, stellte seine Arbeitsschuhe auf den nassen Asphalt, bis die Zähne zusammen und riss an. Doch die Säge hob sich kaum zwei Zentimeter, bevor ihm ein scharfer Laut entfuhr. Er ließ sie auf die Palette zurückkrachen, griff sich an den unteren Rücken und stützte sich schwer atmend am Stoßfänger des Wagens ab.
Ich blieb stehen. Kein Gedanke an Akkuschrauber, keine Rechnung, keine Fugenmasse. Ich ging hinüber und rief: „Moment, ich helfe Ihnen! “ Der Mann drehte sich um, musterte mich mit wässrigen Augen, in denen sich Trotz und Erschöpfung mischten.
„Nein, nein, ich schaff das schon“, sagte er, aber seine Stimme klang dünn und gepresst. Ich stellte meinen Einkaufswagen neben die Paletten, schob ihn behutsam zur Seite und sagte: „Sie schaffen das nicht, Sie reißen sich gerade den Rest davon kaputt. Ich hebe das Ding. Sagen Sie einfach, wohin damit.
“
Er starrte mich einen langen Moment an, dann nickte er. „Hinten in den Laderaum“, sagte er und deutete auf den Ranger. Ich krempelte die Ärmel hoch, griff unter das gusseiserne Gestell, setzte die Beine an und hob die Säge mit einem Ruck an. Der Regen hatte die Metallgriffe rutschig gemacht, aber ich stemmte sie hoch, schob sie über die offene Heckklappe und ließ sie vorsichtig auf die Ladefläche gleiten.
Der alte Mann schaute mir zu, mehr mit Staunen als mit Erleichterung. „Stark“, sagte er leise. „Ich bin Rolf. “
Ich wischte mir die Hände an der Hose ab und gab ihm die Hand.
„Jonas. “ Er lachte trocken. „Jonas. Gut zu wissen.
“ Dann schlug er die Heckklappe zu, aber sie klemmte und ließ sich nicht richtig arretieren. Er fluchte leise, griff nach einem Bungee-Seil, das im Fußraum lag, und spannte es über das Heck. „So muss das reichen“, murmelte er. Ich hätte gehen können.
Ich hatte noch einen Auftrag, eine Baustelle in Harburg, wo ich eine Abnahme machen musste. Aber etwas an diesem Mann ließ mich nicht los. Er stand da, mit nassem Rücken, die Hände an den Hüften, und starrte auf den Ranger wie auf ein altes Pferd, das er nicht mehr reiten konnte. „Wohnen Sie hier in der Nähe?
“, fragte ich. Er deutete vage über das Gelände. „Kurz hinter dem Deich. Altes Haus, klappriges Dach, ein Stall, der verfällt.
Ich baue es eigentlich aus, aber es geht nicht mehr so recht. “
Ich zögerte. Eigentlich hätte ich jetzt aufbrechen müssen. Aber ich hörte mich selbst sagen: „Ich hab ein bisschen Zeit.
Ich kann Ihnen die Säge da hinfahren, wenn Sie wollen. “ Rolf schüttelte den Kopf, aber sein Blick weichte auf. „Das würde ich nicht annehmen. Sie haben Ihre Arbeit.
“ Ich lachte. „Meine Arbeit ist gerade ein Akkuschrauber, den ich seit einer Stunde nicht gefunden habe. Kommen Sie, ich bring Sie und die Säge nach Hause. Sie fahren vor, ich folge Ihnen.
“
Rolf zuckte mit den Schultern, stieg in den Ranger und ließ den Motor stotternd anspringen. Ich folgte ihm durch den Regen über die Landstraße, vorbei an flachen Feldern und einer Baumreihe, bis er vor einem zweistöckigen Haus aus rotbraunem Backstein abbog, dessen Fassade Algen und Moos überzogen. Der Hof war voller Bretter, Sandhaufen, einem alten Betonmischer und rostigen Maschinenteilen. Rolf parkte vor einer offenen Scheune, stieg aus und deutete auf ein weißes Trapezblechdach, aus dem an einer Ecke eine Plane flatterte.
„Das ist meins“, sagte er. „Und es fällt seit zehn Jahren jeden Winter ein Stückchen mehr zusammen. “
Ich half ihm, die Säge in die Werkstatt zu tragen, eine fensterlose Kammer mit einer alten Werkbank und einem Regal voller Gläser mit Nägeln und Schrauben. Rolf räumte ein paar Bretter beiseite, machte Platz und ließ sich dann auf einen alten Holzhocker fallen.
„Setzen Sie sich“, sagte er und deutete auf einen umgedrehten Farbeimer. „Ich mach einen Kaffee. “ Er zeigte auf eine Filterkaffeemaschine, die neben einer Tüte Mehl auf einer Anrichte stand. Der Raum roch nach Holzspänen, kaltem Rauch und vergessenem Kuchen.
Ich setzte mich und trank den Kaffee, der stark und leicht bitter war. Rolf erzählte, dass er das Haus von seinen Eltern geerbt hatte und seit seiner Pensionierung versuchte, es instand zu setzen. „Meine Frau ist vor fünf Jahren gestorben“, sagte er und starrte in seine Tasse. „Seitdem ist es still.
Manchmal rede ich mit den Werkzeugen, aber die antworten nicht. “ Er lachte leise. „Meine Tochter meint, ich soll das Haus verkaufen. Sie sagt, ich soll in eine Wohnung mit Aufzug und Notrufknopf.
Aber ich bleibe. Im Haus wird es sonst zu still, wissen Sie? “
Ich nickte. Ich wusste es nicht wirklich, aber ich verstand etwas davon.
Wir saßen eine Weile schweigend da, während der Regen gegen das Wellblechdach trommelte. Dann stand ich auf. „Ich muss los“, sagte ich. „Aber wenn Sie Hilfe beim Dach brauchen, ich habe am Samstag frei.
“ Rolf schaute mich an, hob die Augenbrauen. „Das ist sehr nett, aber ich bezahle keine Sozialstunden. “ Ich lachte. „Es ist kein Sozialstunden.
Es ist Neugier. Ich will wissen, ob das Dach gerettet werden kann. “
Am Samstag kam ich mit meinem Transporter, einer Leiter und ein paar neuen Dachpfannen. Rolf stand schon im Hof, die Hände in den Taschen, und beobachtete mich mit einer Mischung aus Skepsis und Vergnügen.
Zwei Wochen lang half ich ihm jeden freien Nachmittag, das Dach zu flicken, den Stall abzustützen und die alte Elektrik zu erneuern. Rolf war ein harter Arbeiter, aber sein Rücken machte nicht mehr alles mit. Ein paar Mal musste ich ihm die schwere Lieferung aus dem Kofferraum heben, und er dankte es mir mit einem trockenen Nicken und einem Kaffee, der jedes Mal stärker und besser wurde. „Du bist ein guter Junge“, sagte er eines Abends, als wir auf der Terrasse saßen und auf seinen wild wachsenden Garten blickten.
„Aber du machst das hier nicht aus reiner Freundlichkeit, oder? “ Ich schaute ihn an. „Was meinen Sie? “ Er grinste.
„Ich hab sieben Jahre im Baugewerbe gearbeitet, bevor ich mit Maschinen angefangen habe. Ich sehe, wenn jemand mit den Augen rechnet. “ Ich musste lachen. „Okay, Sie haben recht.
Ich überlege gerade, ob ich nicht ein paar alte Bausünden an diesem Haus entdecken könnte, die sich lohnen. “ Rolf nickte. „Dachschindel auf der Nordseite verrottet, das weiß ich schon. und der Anbau hinter der Küche hat einen Riss im Fundament.
Aber das erzähl ich Ihnen erst, wenn Sie mir versprechen, dass Sie mir nicht das ganze Haus auf den Kopf reißen. “
Ich versprach es, und wir arbeiteten weiter. Nach drei Wochen war das Dach dicht, der Stall hatte neue Balken, und das Fundament war stabilisiert. Rolf war sichtlich zufrieden, aber er wurde auch nachdenklicher.
Eines Tages bat er mich, mit ihm ins Haus zu kommen. „Ich muss dir etwas zeigen“, sagte er und führte mich in ein kleines Büro neben der Küche, in dem ein alter Laptop stand und ein Stapel Ordner. Auf dem Schreibtisch lag ein Foto seiner Frau, das schwarz-weiß und vergilbt war. „Ich bin nicht nur ein alter Mann mit einem kaputten Dach“, sagte er und setzte sich schwer.
„Ich habe mein Leben lang Maschinenbau betrieben. Ich habe ein Patent auf ein Dichtungssystem, das in fast jedem Hochhaus in Norddeutschland verbaut ist. Ich habe genug Geld, um das Haus zehnmal neu zu bauen, wenn ich wollte. “ Er hielt inne.
„Meine Tochter weiß das nicht. Sie denkt, ich wohne in einer Ruine, weil ich zu stolz bin, sie nach Hause zu holen. “ Er lächelte schief. „Aber du bist nicht gekommen, um mich zu retten, oder?
“
Ich schaute ihn an, und mir wurde klar, dass er nicht nach Bestätigung suchte. Er suchte einen Partner. „Was genau schlagen Sie vor? “, fragte ich.
Rolf öffnete eine Schublade und zog einen dicken Ordner heraus. „Ich will das Haus hier nicht verkaufen“, sagte er. „Ich will es zu einem Vorzeigeobjekt machen. Mit einem Laden im Erdgeschoss, einem Büro im Obergeschoss und einer Werkstatt im Hof.
Ich hab Pläne. Aber ich brauche jemanden, der sie ausführen kann. Jemanden, der nicht gleich aufgibt, wenn der Regen durchs Dach kommt. “
Ich blätterte durch die Pläne, sah saubere Zeichnungen mit Bemaßungen und Notizen.
Es war ambitioniert. Aber es war machbar. „Und Ihre Tochter? “, fragte ich.
Rolf winkte ab. „Katharina ist eine wichtige Frau. Sie hat keine Zeit für alte Träume. Aber sie wird es erfahren.
Ich schreibe ihr noch diese Woche. “
Wir arbeiteten drei Monate an dem Haus. Ich holte mir zwei Helfer dazu, und Rolf stand jeden Morgen um sieben in der Werkstatt, mit einem Kaffee in der Hand und einer Bauarbeiterweste über dem Pullover. Seine Tochter Katharina meldete sich nicht.
Ich fragte ein paar Mal nach, aber Rolf wechselte das Thema. „Sie hat ihr eigenes Leben“, sagte er. „Und ich habe meines. “
Als das Erdgeschoss fertig war, der Ladentisch poliert und die neuen Fenster eingesetzt waren, standen wir abends im Halbdunkel und betrachteten das Ergebnis.
Rolf legte mir die Hand auf die Schulter. „Du hast mehr getan, als du weißt“, sagte er. „Ich will dir etwas geben. “ Er zog ein Blatt Papier aus der Innentasche seiner Jacke und reichte es mir.
Es war eine handgeschriebene Vollmacht. „Ab morgen bist du mein Bauleiter. Alle Entscheidungen. Alle Rechnungen.
Ich vertraue dir. “ Ich schluckte. „Das ist ein großes Vertrauen. “ Rolf grinste.
„Ich hab dir gesehen, wie du eine 90-Kilo-Säge mit einer Hand gehoben hast. Ich wusste, dass du zuverlässig bist. “
Einige Wochen später bekam ich einen Anruf von einer Frau mit einer klaren, geschäftsmäßigen Stimme. „Spreche ich mit Jonas Berger?
“, fragte sie. „Mein Name ist Katharina Lindqvist. Ich bin die Tochter von Rolf Lindqvist. Ich möchte Sie sprechen.
Kommen Sie morgen um zehn Uhr ins Konferenzzentrum an der Elbphilharmonie. Wir müssen über das Haus meines Vaters reden. “ Sie legte auf, bevor ich antworten konnte. Ich stand eine Weile mit dem Telefon in der Hand und wusste, dass Rolf mich vorgewarnt hatte.
„Sie ist zäh“, hatte er gesagt. „Sie gibt nicht auf, bis sie bekommt, was sie will. “ Am nächsten Morgen fuhr ich zum Konferenzzentrum, parkte in der Tiefgarage und nahm den Aufzug in den dritten Stock. Eine Assistentin führte mich in einen hellen Raum mit Glaswänden und einem Blick über die Hafenkrümmung.
Katharina saß am Kopf eines langen Tisches, umgeben von zwei Anwälten und einem Notizblock. Sie war Mitte 40, trug einen dunkelblauen Blazer und einen Gesichtsausdruck, der keine Verhandlungen ankündigte. „Setzen Sie sich“, sagte sie und deutete auf den Stuhl gegenüber. Ich setzte mich.
„Ich weiß, dass Sie meinem Vater geholfen haben“, begann sie. „Das war nett von Ihnen. Aber ich bin nicht hergekommen, um mich zu bedanken. “ Sie schob ein Blatt Papier über den Tisch.
„Ich habe eine Unterlassungserklärung vorbereitet. Sie besagt, dass Sie ab sofort keinen Kontakt mehr zu meinem Vater aufnehmen und keine geschäftlichen Beziehungen mit ihm eingehen werden. Im Gegenzug verzichte ich darauf, rechtliche Schritte einzuleiten. “
Ich nahm das Blatt nicht.
„Rechtliche Schritte? “, fragte ich ruhig. Katharina verschränkte die Arme. „Mein Vater ist 78 Jahre alt.
Er ist nicht mehr geschäftsfähig. Diese Vollmacht, die er Ihnen gegeben hat, war nicht freiwillig. Sie haben ihn ausgenutzt. “ Ich starrte sie an, und mir wurde klar, dass Rolf es nicht geschrieben hatte.
Sie hatte von irgendjemandem davon erfahren und sich ihren eigenen Reim gemacht. „Ich habe ihn nicht ausgenutzt“, sagte ich. „Er hat mir geholfen. Ich ihm.
Das nennt man Arbeit. “
Katharina lächelte nicht. „Arbeit“, wiederholte sie. „Sie haben meinem Vater zugeredet, sein Haus zu renovieren, ohne einen Vertrag zu unterschreiben, ohne Kostenvoranschlag, ohne alles.
Das ist kein Handwerkerverhältnis. Das ist eine Ausnutzung eines verwirrten alten Mannes. “ Ich lehnte mich zurück. „Ihr Vater ist nicht verwirrt.
Er hat mir seine Pläne selbst gezeigt. Er hat jede Entscheidung selbst getroffen. Wenn Sie mit ihm sprechen, wird er es Ihnen bestätigen. “ Katharina hob die Augenbrauen.
„Ihr Vater hat seit drei Monaten nicht mit mir gesprochen. Er weicht aus, wenn ich anrufe. Glauben Sie, mir gefällt das? “ Sie schob einen Scheck über den Tisch, der anfangs noch gar nicht sichtbar gewesen war.
„Ich mache Ihnen ein Angebot“, sagte sie. „100. 000 Euro. Damit verschwinden Sie aus seinem Leben.
Sie unterschreiben die Unterlassungserklärung, und ich zahle Ihnen das Geld aus. Keine Gerichte, keine Anwälte, keine Fragen. “
Ich sah auf den Scheck. Er war ausgestellt auf „Jonas Berger“ und auf 100.
000 Euro lautend. In meinem Kopf drehte es sich kurz. „Ihr Vater hat mir vor zwei Wochen eine schriftliche Vollmacht gegeben“, sagte ich. „Er will, dass ich das Haus fertigstelle.
Er hat den Auftrag unterschrieben. “ Katharina blinzelte nicht. „Ich bin seine Betreuerin“, sagte sie. „Seit er vor einem Jahr einen kleinen Schlaganfall hatte.
Ich habe das Sorgerecht. Jede Vollmacht, die er Ihnen gibt, ist nichtig, wenn ich sie nicht absegne. “ Sie schob den Scheck näher zu mir. „Nehmen Sie das Geld.
Es ist mehr, als Sie je bei diesem Haus verdienen würden. “
Ich sah auf den Scheck zurück und dann auf Katharina. Ich wollte etwas sagen, aber die Worte blieben mir im Hals stecken. Schließlich legte ich meine Hand auf den Scheck, schob ihn aber nicht zu mir herüber, sondern zurück über den Tisch.
„Ich nehme das Geld nicht“, sagte ich. „Und ich verschwinde nicht. Ihr Vater hat mir vertraut. Ich breche dieses Vertrauen nicht für 100.
000 Euro. “ Katharina schaute mich lange an. „Sie machen einen Fehler“, sagte sie leise. „Ich gebe Ihnen noch eine Woche.
Danach werde ich gerichtlich vorgehen. “
Ich stand auf. „Ich weiß, dass Sie das können“, sagte ich. „Aber ich weiß auch, dass Ihr Vater mir erzählt hat, dass er ein Leben lang gearbeitet hat.
Glauben Sie, er hätte sich die Mühe gemacht, wenn er nicht wüsste, was er tut? “ Ich wollte gerade gehen, als Katharina ihren Stift auf den Tisch legte und leise sagte: „Ich habe ihn am Telefon nicht erreicht, weil er nicht mit mir spricht. Er hat gesagt, er will mich nicht in seinem Leben haben, wenn ich nicht akzeptiere, dass er selbst entscheidet. “ Sie hielt inne.
„Ich habe Angst, dass er noch einen Schlaganfall bekommt, allein in diesem Haus. “ Jetzt klang ihre Stimme zum ersten Mal brüchig. „Ich will ihn nicht verlieren. Ich will nur, dass er sicher ist.
“
Ich blieb stehen. „Ihr Vater ist sicherer, als Sie glauben“, sagte ich. „Er hat mich. Und er hat ein Ziel.
Wenn Sie ihn nur lassen, wird er Ihnen beweisen, dass er noch lange nicht fertig ist. “ Katharina schaute mich an, und einen Moment lang sah ich nicht die Geschäftsfrau, sondern die Tochter, die sich Sorgen machte. „Ich kann nicht einfach wegschauen“, sagte sie. „Ich bin für ihn verantwortlich.
“
Ich zog mein Portemonnaie heraus und legte einen abgegriffenen 10-Euro-Schein auf den Tisch. „Ich würde vorschlagen“, sagte ich, „dass wir einen Kompromiss finden. Sie treffen sich mit Ihrem Vater. In diesem Haus.
Nächste Woche. Ich vermittle. Sie reden miteinander. Wenn er danach immer noch sagt, dass ich aufhören soll, gehe ich.
Wenn nicht, arbeiten wir weiter. “ Katharina starrte auf den Geldschein. „Und was regelt das? “ Ich lächelte schief.
„Das ist mein Beitrag zu einem neuen Anfang. Sie bringen den Kaffee, ich bringe die Seele. “
Katharina schloss einen Moment die Augen, dann nahm sie den Geldschein vom Tisch, faltete ihn und steckte ihn in ihre Jackentasche. „Ich melde mich“, sagte sie.
„Wenn mein Vater zustimmt, treffen wir uns am Donnerstag. “ Bevor ich die Tür erreichte, sagte sie noch: „Mit 100. 000 Euro hätten Sie sich viel ersparen können. “ Ich drehte mich um.
„Vielleicht. Aber dann hätte ich mir das erspart, das zu tun, was richtig ist. “
Am selben Abend rief ich Rolf an. „Ihre Tochter will Sie treffen“, sagte ich.
„Am Donnerstag. Bei Ihnen zu Hause. “ Rolf schwieg einen langen Moment. „Sie will mir wieder sagen, dass ich zu alt bin.
“ „Vielleicht“, sagte ich. „Aber sie hat mir gesagt, dass sie Angst hat, Sie zu verlieren. “ Ich hörte Rolf leise lachen. „Angst“, wiederholte er.
„Das ist gut. Dann kommt sie wenigstens nicht mit einem Notar. “
Am Donnerstag kam Katharina mit einem einfachen Auto vorgefahren, nicht mit einem Dienstwagen. Sie trug einen Regenmantel und hielt zwei Pappbecher Kaffee in den Händen.
Rolf stand in der Tür der Werkstatt. Sie blieben voreinander stehen, keiner schien zu wissen, wer zuerst spricht. „Ich bin nicht gekommen, um dich umzustimmen“, sagte sie schließlich. „Ich bin gekommen, um mir anzusehen, was ihr gemacht habt.
“ Rolf deutete auf das Dach, auf den neuen Ladentisch, auf die frisch gestrichene Fassade. „Das ist es“, sagte er. „Das habe ich aufgebaut. “ Katharina stellte den Kaffee auf eine Kiste, ging langsam um das Haus herum und kam schließlich zurück mit feuchten Augen.
„Es ist schön“, sagte sie. „Es ist wirklich schön. “
Sie setzten sich in die Werkstatt, und ich stand zurück und ließ sie reden. Ich hörte nicht alles, aber ich sah, wie Rolf die Hand seiner Tochter nahm und wie sie unseren Kaffee tranken.
Ich wusste, dass es kein Happy End war, zumindest nicht in dem Sinne, dass alles geklärt war, aber es war ein Anfang. Am späten Nachmittag kam Katharina zu mir. „Ich habe meinem Vater gesagt, dass ich das Haus nicht verkaufen werde“, sagte sie. „Und dass er entscheiden darf, wie er weitermacht.
Aber ich möchte eine Bedingung stellen. “ Ich wartete. „Ich möchte, dass du eine ordentliche Firma gründest. Mit Verträgen, Lohnabrechnungen und Versicherung.
Ich kann nicht einfach zusehen, wie mein Vater mit einem Handwerker zusammenarbeitet, der keine Papiere hat. “ Ich nickte. „Das verstehe ich. “ Sie lächelte zum ersten Mal.
„Gut. Dann reicht mir das. Er kann bleiben. “
Ein paar Wochen später kam ein Brief von der Handwerkskammer, mit einer vorläufigen Registrierung.
Rolf hatte mir die Unterlagen besorgt. Als ich ihn danach fragte, lachte er. „Ich habe noch ein paar alte Bekannte“, sagte er. „Die können auch mal was Gutes tun.
“
Eines Morgens im Frühling, als die ersten Blätter am Zaun sprossen und der Kaffee auf dem Herd kochte, stand ich im Hof von Rolfs Haus und sah, wie er mit einer Tasse aus der Tür kam. „Dieses Haus hat mehr gerettet als nur mich“, sagte er. „Es hat dich zu einem Geschäftsmann gemacht und meine Tochter zu einer Tochter. “ Er hielt mir die Tasse hin.
„Ich glaube, wir haben einen guten Anfang gemacht. “ Ich nahm die Tasse und stieß mit ihm an. „Prost“, sagte ich. „Auf die nächste Baustelle.
“


