Der Stuhl wackelte schon seit Wochen. Jedes Mal, wenn ich mich setzte, kippte ich zur Seite, und das Holz knarrte, als würde es gleich nachgeben. Ich hätte den Küchenstuhl wegwerfen können, aber daran dachte niemand in unserer Wohnung. Stattdessen holte ich einen kleinen Holzkeil aus der Kiste unter der Werkbank, feuchtete ihn an und trieb ihn in die lockere Sprosse.

Das Holz sog das Wasser auf und dehnte sich aus. Es presste sich gegen das alte Holz, und mit einem Mal saß die Sprosse wieder bombenfest. Kein Leim, kein neuer Stuhl. Nur ein Stück Holz und ein bisschen Wasser.
Das Prinzip nennt man Holzquellung, und es kannte damals jeder, der einmal einen wackeligen Stuhl repariert hatte. Heute greifen die meisten sofort zum Kleber oder zum Geldbeutel, bevor sie überhaupt ans Wasser denken. In unserer Nachkriegswohnung in Leipzig war das anders. Herbst 1949, das Winterlicht fiel schräg durch das Kellerfenster, und auf der Werkbank lag eine Hose mit durchgescheuertem Knie.
Meine Mutter holte den Stopfpilz aus dem Nähkorb, einen kleinen runden Holzknauf mit Stiel. Sie schob ihn unter das Loch, spannte den Stoff darüber und begann zu weben. Erst zog sie Fäden längs, dicht an dicht, dann Fäden quer, immer abwechselnd drüber und drunter. So entstand ein neues kleines Gewebe, ein Fadengitter, das genau da saß, wo der Stoff gefehlt hatte.
Es trug wie das Original, weil es aufgebaut war wie das Original. Kein Fleck oben drauf, sondern neuer Stoff aus Faden. Als sie fertig war, sah man das Loch kaum noch, und die Hose hielt noch Jahre. Auch die Socken wurden gestopft, nicht geflickt.
Man legte sie über die runde Kuppe des Holzpilzes, genau in die Ferse. Die Rundung führte die Nadel und hielt das Gewebe unter Spannung. Der Stoff konnte nicht einknicken, nichts rutschte weg, und die Stopfstelle blieb glatt. Eine geflickte Socke drückte im Schuh.
Eine gestopfte spürte man nicht. Das war der Unterschied zwischen behelfsmäßig und richtig. Mein Vater saß oft am Küchentisch und nähte einen abgebrochenen Hemdknopf wieder an. Er tat das nicht einfach flach, sondern legte einen kurzen Gegenstich unter, ein Fädchen quer auf der Rückseite.
Das verteilte die Zugkraft. Jedes Mal, wenn man das Hemd zuknöpfte, zerrte der Faden am Stoff. Ohne Unterlage scheuerte er sich langsam durch das Gewebe, und der Knopf fiel wieder ab. Mit dem Gegenstich zog er nicht mehr an einem einzigen Punkt, sondern verteilt.
Der Knopf hielt Jahre. Im Waschbecken tropfte der Wasserhahn. Heute würde man den ganzen Hahn austauschen. Damals schraubte mein Vater ihn auf, nahm die kleine Ledermanschette heraus und legte eine neue ein.
Nur dieses eine weiche Teil. Beim Zudrehen presste sie sich in den Sitz, das harte Metall darunter, und schloss den Spalt vollständig ab. Weich auf hart, das dichtet. Kein Tropfen mehr, für ein Ersatzteil, das kaum etwas kostete und in fünf Minuten drin war.
Bis hierher war alles Textil oder Holz oder eine weiche Dichtung. Nachgiebiges Zeug, das sich schieben, spannen und pressen ließ. Aber dann kam der Imalopf mit dem Loch. Meine Mutter wollte ihn nicht wegwerfen, und löten konnte sie nicht.
Stattdessen holte sie eine kleine Nietscheibe mit einer weichen Einlage, legte sie in die Öffnung und zog sie von beiden Seiten fest. Die weiche Einlage quetschte sich ins Loch und presste sich fest, bis kein Wasser mehr durchkam. Kein Löten, kein Spezialwerkzeug. Ein Mensch am Küchentisch, ein Schraubenzieher, fertig.
Am nächsten Morgen stand der Topf wieder auf dem Herd, als wäre nie etwas gewesen. Die Schere in der Küchenschublade war stumpf geworden. Sie schnitt das Papier nicht mehr sauber durch, sie quetschte es nur. Mein Großvater hätte jetzt gesagt: Zieh sie nach.
Er nahm den Wetzstein, und wenn keiner da war, den unglasierten Rand einer Tasse. Ein paar Züge über den harten Rand, in einem flachen Winkel, immer in dieselbe Richtung. Die Schneide eines Messers ist nie perfekt glatt. Beim Schneiden legt sich die feine Kante um, sie wird wellig und matt.
Der harte Rand richtet sie wieder auf und zieht einen winzigen Grad, eine neue frische Schneide. Keine Zauberei, sondern Physik am Küchentisch. Im Hof stand mein Fahrrad, und das Vorderrad eierte. Beim Fahren schleifte es an der Bremse, und ich wusste sofort, was los war: eine gebrochene Speiche.
In den Vierziger- und Fünfzigerjahren war das kein Grund für ein neues Laufrad, das sich sowieso kaum jemand leisten konnte. Ich nahm den Speichenschlüssel, ein kleines Ding, das in jede Hosentasche passte, und drehte an den Nippeln. Nicht wild, sondern gefühlvoll. Hier ein Stück fester, da ein Stück loser.
Ein Laufrad hält seine Form nur, weil alle Speichen gleichmäßig ziehen. Sie sind wie kleine Zugseile, die die Felge von allen Seiten in der Mitte halten. Fällt eine aus oder lockert sich eine, kippt das Gleichgewicht, und die Felge wandert zur Seite. Zog man die Spannung rings wieder ins Lot, lief das Rad wieder rund.
Kein Ersatz, nur ein Ausgleich. Am Küchenschrank war der Griff locker. Die Schraube drehte durch, das Bohrloch war ausgeleiert, das Holz gab keinen Halt mehr. Mein Vater steckte ein Streichholz ins Loch, manchmal zwei, brach den Rest ab und drehte die Schraube wieder hinein.
Das Streichholz füllte das ausgeleierte Loch, und die Schraube fand wieder frisches Holz, in das sich ihr Gewinde graben konnte. Fleisch zum Greifen, wie die Tischler sagten. Ein Griff, der jahrelang wieder saß, wegen eines halben Streichholzes. Die Schuhsohle war durchgelaufen.
Schuhe waren teuer, und ein Loch in der Sohle bedeutete nicht neue Schuhe, sondern eine neue Sohle. Beim Schuster abgeschaut, zu Hause nachgemacht. Man nagelte die Sohle nicht mit Metallstiften fest, sondern mit Holznägeln. Der Holznagel wurde ins Leder getrieben, und sobald er nass wurde, quoll er auf, dehnte sich im Loch aus und saß bombenfest.
Je feuchter der Weg, desto fester hielt der Schuh zusammen. Das Holz arbeitete für den Schuster, nicht gegen ihn. Bis hierhin war jeder Handgriff einer, den ich guten Gewissens weitergeben kann. Aber der nächste Punkt ist der, bei dem ich dir sagen muss: Bitte mach ihn nicht nach.
In den Fünfzigerjahren wurde ein durchgescheuertes Bügeleisenkabel einfach mit Isolierband umwickelt und weiterbenutzt. Alte Textilkabel altern. Das Band löst sich, der Draht liegt frei, und bei Strom ist das lebensgefährlich. Man würde das heute nicht mehr so machen, und der Grund ist gut.
Heute tauscht man das ganze Kabel, und das ist richtig so. Das ist der eine Handgriff aus dieser Liste, der zurecht zurückblieb. Nicht weil man das Können vergessen hätte, sondern weil man später besser verstand, was Strom mit altem Stoff macht. Die Winterjacke meines Bruders hatte einen klemmenden Reißverschluss.
Der Schieber hakte, er wollte nicht mehr rauf und nicht mehr runter. Statt den ganzen Verschluss zu tauschen, nahm mein Vater einen Bleistift und fuhr mit der Miene über die Zähne. Graphit aus der Bleistiftmiene ist ein feiner Schmierstoff. Er legt sich zwischen die Metallzähnchen, und der Schieber gleitet wieder, als wäre nichts gewesen.
Ein paar Sekunden Arbeit, und die Jacke hielt noch einen Winter. Die Tür im Flur hing schief. Die Schraube drehte durch, das Loch im Rahmen war ausgeleiert. Kein Grund, den ganzen Rahmen auszutauschen.
Mein Vater nahm ein paar Zünder, tauchte sie in Leim und stopfte das Bündel ins ausgerissene Bohrloch. Die Hölzchen füllten das leere Loch wieder aus, der Leim band sie zu einem festen Kern, und in diesen neuen Kern fand die Schraube wieder Halt. Dasselbe Prinzip wie beim Möbelgriff, nur größer gedacht. Neues Material an die Stelle, wo altes fehlte.
Auf dem Küchenregal stand die gesprungene Porzellantasse, das Lieblingsstück meiner Mutter mit dem feinen Riss quer über die Wand. Weggeworfen wurde sie nicht. Geklebt wurde sie mit Kasein aus Magermilch. Man gewann aus der Milch das Eiweiß, verrührte es zu einem zähen Brei, strich ihn in die Bruchstelle und presste die Teile zusammen.
Das Eiweiß härtet beim Trocknen zu einem festen, steinartigen Kitt aus. Diese Klebekraft war so gut, dass man Kasein früher sogar im Holzleim und in Farben fand. Aber ein Hinweis gehört dazu: So eine geklebte Tasse würde man heute nicht mehr für Essen oder Trinken nehmen. Für Speisen gelten heute andere Maßstäbe, und eine alte Klebestelle gehört da nicht hin.
Als Andenken im Schrank? Ja. Zum Kaffee? Nein.
Und dann war da noch der überraschendste Handgriff von allen, der, an den sich fast niemand mehr erinnert. Die Fensterscheibe im Wohnzimmer war blind geworden, milchig, mit einem grauen Belag, den kein Lappen wegbekam. Der Ofen war matt und stumpf. Meine Mutter nahm kein Mittel aus der Flasche.
Sie nahm zerknülltes Zeitungspapier und rieb das Glas und über das Metall, bis alles wieder blank war. Die feine Druckerschwärze auf dem Papier wirkt wie ein ganz mildes Schleifmittel. Sie löst den Belag ab, ohne die Fläche zu zerkratzen. Fein genug zum Putzen, zu weich zum Ritzen.
Trocken, umsonst, in jeder Küche vorhanden. Wenn ich mir diese fünfzehn Sachen anschaue, sehe ich keinen Notbehelf. Ich sehe einen Alltag, in dem Dinge einen Wert hatten, weil man wusste, wie sie funktionierten. Ein loser Stuhl, eine stumpfe Schere, eine blinde Scheibe.
Für jedes Problem gab es einen Griff, und der lag im eigenen Kopf und in der eigenen Hand. Das war kein Basteln, das war Können, das jeder im Haus teilte, vom Keller bis zur Küche, im ruhigen Winterlicht über der Werkbank. Und genau darum ging es nie ums Geld. Es ging ums Verstehen.
Wer versteht, wie etwas kaputt geht, weiß auch, wie man es wieder ganz macht.


