Der Anruf kam am 12. September 1992. Zwei Jäger hatten eine Leiche gefunden, hoch oben im Nationalpark Hardangervidda in Norwegen. Neben den sterblichen Überresten lag ein kleiner Teddybär, alt und an Armen und Beinen geflickt.

Torstein Seim war damals Polizeibeamter in der kleinen Station in Høl. Heute ist er pensioniert, aber dieser Fall lässt ihn nicht los. Die Leiche lag auf 1200 Metern Höhe, einen Kilometer abseits des Wanderpfades. Kein Zelt, kein Schlafsack, nur Knochen, eine Landkarte und gute Wanderschuhe.
Der Tote war ein junger Mann um die zwanzig. Die Todesursache blieb unklar, Tiere hatten bereits an den Knochen genagt. Doch die Ausrüstung verriet den Ermittlern viel: Wanderschuhe von Meephisto, ein Regencape der Marke WFO, Winterlederhandschuhe von Räusch, eine italienische Jeans, die 1990 in Deutschland verkauft worden war. Und eine Wasserflasche, die in Deutschland produziert worden sein musste.
Auch die Brotverpackung stammte aus Deutschland, das Brot war im November oder Dezember 1991 nach Norwegen geliefert worden. Das Ablaufdatum war Mai 1992. All alles deutete darauf hin, dass der Tote aus Deutschland kam. Kommissar Seim suchte in Passagierlisten, Hotels, Flügen, Taxen, Bussen und Zügen.
Er überprüfte die Gästebücher der Touristenhütten. In der Htte Tøvbu entdeckte man ein aufgebrochenes Fenster und ein Bett, in das jemand geschlafen hatte. Vielleicht war das der junge Mann gewesen, der vor der Kälte Schutz gesucht hatte. Doch keine Spur führte zu seiner Identität.
1998 meldete sich eine Frau aus Deutschland, die in Norwegen lebte. Sie hatte in einer Talkshow eine weinende Frau gesehen, deren zwanzijähriger Sohn mit dem Interrail-Ticket zum Wandern nach Norwegen aufgebrochen und nie zurückgekehrt war. Die Ermittler versuchten, die Frau zu finden, aber es gelang ihnen nicht. Die Polizei fragte weltweit in 146 Ländern nach.
Ohne Erfolg. In Norwegen nennt man den Unbekannten bis heute den „Teddybären-Mann“. Torstein Seim hofft, dass sich eines Tages jemand an den Teddy erinnert und dem Toten endlich einen Namen gibt. Ein anderer Fall führte in ein Seniorenheim in Rheinland-Pfalz.
Im August 2016 rief das Heim die Polizei an: Eine Bewohnerin war verletzt worden. Zwei Mitarbeiter hatten die Pflegedienstleiterin informiert und ein Video von der Tat übergeben. Hauptkommissar Sebastian Sessig von der Kripo Ludwigshafen übernahm die Ermittlungen. Auf dem Video war die 27-jährige Altenpflegerin Celina M.
zu sehen, wie sie mit Keksen auf eine Frau war. Im Hintergrund war eine Person zu hören, die das Ganzen filmte – ein charakteristisches Räuspern und Lachen verriet Danny L. , den 24-jährigen Pflegehelfer. Die Hand der beiden wurden beschlagnahmt.
Bei der Auswertung stießen die Beamten auf einen Chat vom 29. Dezember 2015. Danny L. arbeitete in der Spätschicht, Celina M.
war zu Hause. Sie schrieben über eine demenzkranke Frau, die zitterte und im Unterzucker war. „Nachladen“, hieß es, „noch 150 nachgeladen, die bekomme ich noch weg. “ Dann: „Schreib mir den Todeszeitpunkt.
Auch, wenn ich penn. Unser erster Mord. Jetzt verbindet uns endlich alles, bis wir zusammen sterben. “ Und: „Zur Not Luft weg.
Kissen aufs Gesicht. “
Die Ermittler fragten sich, ob das nur Fiktion war. Doch auf der Station von Danny L. war in jener Nacht tatsächlich eine Frau gestorben: Gisela L.
, 87 Jahre alt, ehemalige Chefsekretärin. Ein Arzt hatte am nächsten Morgen einen natürlichen Tod bestätigt, der Leichnam war eingeäschert worden. Einen Tag nach der Tat tauschten sich die beiden erneut aus. „Hat die gezuckt?
“, fragte Celina. „Ja, weil sie aufhörte zu atmen und Schleim aus dem Mund kam“, antwortete Danny. „Okay, cool, dass du das so konntest. Respekt.
“ – „Muss ja, sonst wären wir am Arsch gewesen. “
Oberstaatsanwältin Doris Breier-Metz von der Staatsanwaltschaft Frankenthal leitete ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes ein. Celina M. und Danny L.
wurden festgenommen. Danny L. verweigerte zunächst die Aussage, doch am Abend sprang er fast auf und sagte: „Doch, ich mache Angaben. “ Er gestand die Tat und belastete Celina M.
Die Auswertung der Handys dauerte sieben Monate. Über 200. 000 Dateien, rund 1700 Chats mit teilweise 36. 000 Mitteilungen.
Zwei Ermittlerinnen lasen alles. Sie fanden heraus, dass die drei Pfleger die Bewohner systematisch bestohlen hatten. Sie nannten das „Einkaufstouren“ und nahmen den Bewohnern 10 bis 15 Euro ab. Dann entdeckten sie Fotos und Videos.
Bewohner wurden gegen ihren Willen mit Fastnachtshütchen fotografiert. Eine Frau wurde mit Lippenstift als Hitler frisiert, das Foto kommentierte man mit „Hitler lebt“. Einer anderen legte man nach dem Nassspritzen eine Scheibe Kochschinken und Käse auf die nassen Haare – „wie ein Brötchen“. Einer Bewohnerin gab man Urin zu trinken und schüttete den Rest über ihren Kopf.
Eine alte Frau fragte in die Kamera: „Seid ihr arme Menschenkinder? “ Die Ermittler standen schweigend vor dem Bildschirm. Sieben Tage vor der ersten Tat hatte Celina M. geschrieben: „Ich würde mit euch auch morden.
“ Danny L. antwortete: „Ich bin dabei. “ Sie besprachen, wie man es machen könnte und dass niemand Verdacht schöpfen würde, wenn alte, gebrechliche Menschen stürben. Dann entdeckten die Ermittler einen weiteren Chat vom 20.
Februar 2016. „Oh Gott, der andere hat auch gemordet“, sagte die Kollegin. Michael K. , 48 Jahre alt, hatte Nachtschicht.
Lydia L. , 62 Jahre alt, galt als fordernd und schwierig. Danny L. gab von zu Hause Ratschläge, welches Insulin sie spritzen sollte.
„Spritz ihr noch zwei bis sechs Mal einen aufgezogenen Pen, dass sie zur Übergabe tot ist. “ – „So, habe es gemacht. Jetzt abwarten. “
Die Frau starb tatsächlich.
Michael K. wurde festgenommen. Aus den Chats ergab sich außerdem ein Mordversuch an einer weiteren Bewohnerin, die nur durch die rechtzeitige Einlieferung ins Krankenhaus überlebte. Im Februar 2018 begann der Prozess.
Die Anklage lautete auf Diebstahl, Misshandlung von Schutzbefohlenen, Körperverletzung und Mord. Die drei Angeklagten zeigten keine Reue. Als im Gerichtssaal die Videos mit den schreienden Frauen abgespielt wurden, hielten sie sich die Ohren zu und schlossen die Augen. Am 26.
Juni 2018 fällte das Gericht das Urteil: dreimal lebenslänglich, jeweils mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Eine vorzeitige Entlassung ist damit ausgeschlossen. Ein ganz anderer Fall beschäftigte die Wiener Mordkommission im Jahr 1983. Am 15.
September fühlte sich ein Geschäftsmann in der Wolfgang-Schmelzel-Gasse von einem Gestank belästigt, der aus einem abgestellten silbergrauen Fiat drang. Im Kofferraum fanden die Beamten eine männliche Leiche, zugedeckt mit einer Decke, bedeckt von Maden. Hofrat Josef Siska ließ den gesamten Wagen in die Gerichtsmedizin bringen. Der Tote war Günther Krainik, 41 Jahre alt, Kraftfahrer aus Schwadorf.
Er war dem Alkohol sehr zugetan und in seiner Heimatgemeinde als streitsüchtig bekannt. Seine Frau hatte ihn am 3. September zum letzten Mal gesehen. Die Obduktion ergab: Der Mann war mit einem Bolzenschussgerät getötet worden, einem Schlachtschussapparat.
Drei Schüsse hatten den Schädel seitlich gestreift, der vierte war tödlich. Doch dann wurden weitere Schüsse abgegeben, insgesamt sieben. Der Gerichtsmediziner erklärte, das Gerät müsse nach jedem Schuss neu geladen werden, das dauere mindestens zehn Sekunden. Die Kriminalisten suchten den Tatort und stießen auf den Wiener Zentralschlachthof St.
Marx, nur wenige Minuten von der Fundstelle entfernt. Dort trafen sich die Schlachter nach Feierabend zum Kartenspielen, oft um hohe Beträge. Günther Krainik gehörte zu dieser Runde. Die Hypothese: Krainik geriet während einer Kartenrunde in einen Streit und wurde getötet.
Vielleicht hatte einer der Schlachter geschossen, und aus Angst vor Entdeckung hatten die anderen es ihm gleichgetan – so konnte niemand den anderen verraten. Doch die Mauer des Schweigens war nicht zu durchbrechen. Erst 2008 meldete sich ein 49-jähriger Metzger und prahlte vor Gästen in einem Lokal, er habe Krainik ermordet. Doch es gab keine Sachbeweise, und die Staatsanwaltschaft hielt es für bloße Prahlerei.
Der Fall bleibt ungelöst. Siska gibt die Hoffnung nicht auf: „Es hat schon Fälle gegeben, wo Täter am Sterbebett eine Tat zugegeben haben. “
Ein weiterer Fall, der bis heute ungeklärt ist, begann im September 2020 im Schwarzwald. Die 26-jährige Scarlett L.
aus Pattensen wollte den Schluchtensteig wandern, einen knapp 120 Kilometer langen Weg von Stühlingen nach Wehr. Danach plante sie einen Besuch bei ihrer Freundin Vanessa in Mainz. Am 9. September erreichte sie Todtmoos.
Sie schrieb Vanessa, dass sie am nächsten Tag kommen wolle. Doch sie kam nie an. Ihre Freundin rief bei den Eltern an. Scarletts Vater Ralf versuchte, seine Tochter zu erreichen, doch es kam kein Kontakt zustande.
Die Polizei suchte das unwegsame Gelände mit rund 200 Einsatzkräften ab, Drohnen und Hubschrauber waren im Einsatz. Ohne Erfolg. Nach zwei Wochen wurde die Suche vorerst eingestellt. Doch die Familie gab nicht auf.
In sozialen Medien bat sie um Mithilfe, und Menschen aus der Region gründeten eine private Suchinitiative. Andreas Asal aus Schönau war von Beginn an dabei. Er wertete Scarletts Google-Konto aus. Die Daten zeigten: Sie war im Supermarkt gewesen und hatte Proviant gekauft – Wasser, Kekse.
Danach war sie am keltischen Steinlabyrinth im Kurpark. Dort chattete sie noch mit ihrem Freund in China. Es war das letzte Mal, dass ihr Telefon ins Mobilfunknetz einwählte. Die Polizei hielt einen Suizid für unwahrscheinlich.
Auch Asal glaubte nicht daran: „Sie war happy auf der Tour. Da war nichts. “ Zwei Monate später wurde die Suche offiziell wieder aufgenommen. Der private Suchtrupp konzentrierte sich auf die letzte Etappe und ging an Stellen, an die sonst keiner geht – in die Hänge, durchs Unterholz.
Eine Zeugin wollte Scarlett am Tag ihres Verschwindens auf einem Parkplatz gesehen haben, wie sie auf einem Findling Pause machte. Sie hatte ein türkises Handtuch dabei. Das Suchteam organisierte eine private Hundestaffel, und die Tiere verhielten sich an dem Stein auffällig. Doch weiter wollten sie nicht gehen.
Ist Scarlett hier in ein Auto gestiegen? Bis heute ist ungeklärt, was mit der jungen Frau passiert ist. Die Staatsanwaltschaft hat das Todesermittlungsverfahren eingestellt. Doch Andreas Asal gibt nicht auf: „Sie kann nicht einfach vom Erdboden verschluckt sein.
“
Ralf Salze wünscht sich insgeheim, dass seine Tochter freiwillig untergetaucht ist. Doch er kann es nicht glauben. „Ich kann nicht akzeptieren, dass meine Tochter verschwunden ist und keiner etwas von ihr hört. Ein Kind darf keine Erinnerung werden.
“
Ein anderer Fall, der über 30 Jahre zurückliegt, begann am 23. Januar 1985. Die 15-jährige Ulla L. aus Isernhagen verließ gemeinsam mit ihrer Mutter das Haus, um eine Freundin in Großburgwedel zu besuchen.
Sie wollte abends wieder zu Hause sein. Es war das letzte Mal, dass ihre Mutter sie sah. Ulla war das sechste von acht Kindern, eigenwillig und dickköpfig, aber auch liebevoll. Sie besuchte eine Berufsschule.
In Großburgwedel traf sie sich mit einer Freundin in einer Stiftung der Kinder- und Jugendhilfe. Sie hörten Musik, probierten Kleidung an, aßen zusammen. Dann zog Ulla weiter. Wohin, sagte sie nicht.
Als sie nicht nach Hause kam, suchte ihre Schwester Bärbel zunächst auf eigene Faust. Am 2. Februar meldete die Familie sie als vermisst. Am gleichen Tag fanden Spaziergänger in einem Waldstück verstreute Kleidungsstücke – eine Hose, einen Pullover.
Acht Tage später entdeckten Spaziergängerinnen die Leiche eines jungen Mädchens. Es war Ulla. Sie war erdrosselt worden, mit einem roten Netzstrumpf. Ihre Kleidung lag abseits des Weges in einem Graben, sie war unbekleidet.
Ein Sexualdelikt konnte nicht ausgeschlossen werden, doch konkrete Spuren gab es nicht. 1985 gab es noch keine DNA-Analyse. Kurz nach dem Besuch bei ihrer Freundin musste Ulla auf den Täter getroffen sein. Ein 16-jähriger Bewohner der Stiftung geriet in Verdacht, weil er einen roten Pullover trug, der Ulla gehört haben sollte.
Doch er verstrickte sich in Widersprüche, und die Zeugenaussagen reichten nicht aus. Er wurde freigelassen. Ein weiterer Jugendlicher wurde verdächtigt, weil ein Zeuge ihn vor dem Mord mit einem roten Netzstrumpf gesehen haben wollte. Auch das reichte nicht.
Der Fall blieb 35 Jahre lang ungeklärt. 2020 rollte die Cold-Case-Einheit der Polizei Hannover den Fall neu auf. Seit 2022 ist Annabelle Vater im Team. Mit neuen Analysetechniken wurden Ullas Kleidung und der rote Netzstrumpf erneut auf DNA-Spuren untersucht.
„An Asservaten, die damals gesichert wurden, konnten jetzt tatsächlich noch DNA-Spuren nachgewiesen werden“, sagt sie. Doch ob sie mit der Tat in Verbindung stehen, ist unklar. Im Dezember wurden Plakate in Großburgwedel aufgehängt und Flyer an über 11. 000 Haushalte verteilt.
Für Hinweise ist eine Belohnung von 5. 000 Euro ausgeschrieben. „Auch wenn es noch so unwichtig erscheint, kann das für uns das eine Puzzleteil sein“, sagt Vater. „Und jede Straftat bis auf den Mord ist verjährt.
Da braucht man keine Sorgen haben. “
Für Ullas Familie ist der Wunsch nach Gerechtigkeit groß. „Ich hoffe, dass sie den kriegen. Es bringt unsere Ulla nicht wieder, aber man hätte die Gewissheit, dass doch noch Gerechtigkeit geschieht.
“
Ein Fall, der 27 Jahre lang ungelöst blieb, begann am 23. August 1981 in Neuenkirchen. Die 21-jährige Swantje S. arbeitete bis 17 Uhr in einem Blumenladen, duschte zu Hause, traf sich mit einem Freund und ging mit ihm spazieren.
Gegen 23:15 Uhr entschied sie sich, noch einmal allein loszugehen. Am nächsten Morgen stellte ihre Mutter fest, dass Swantje nicht in ihrem Zimmer war. Eine fast dreitägige Suchaktion begann. Am 26.
August gegen 6:30 Uhr fand ein Zeuge die Leiche. Swantje war komplett entkleidet, bis auf transparente Kniestrümpfe. Sie lag in einem Wassergraben, etwa 18 Meter von einer Kreisstraße entfernt. Sie wies 63 Messerstiche auf, 44 davon in den Rücken.
Eine Blutspur deutete darauf hin, dass Swantje noch zu einem nahegelegenen Bauernhof flüchten wollte. Sie war aus dem Graben gekrochen, dann aber zurück ins Wasser gerutscht. Am Tatort wurden ein Kälberstrick und ein weißer Kinderschal gefunden, mit denen der Täter sein Opfer gefesselt hatte. Die Tatwaffe fehlte.
Die Ermittlungen liefen ins Leere. 27 Jahre später nahmen Reiner Brenner von der Mordkommission Cuxhaven und Arne Wieben von der Staatsanwaltschaft den Fall wieder auf. Sie schickten die Opferbekleidung zur DNA-Analyse. Am T-Shirt der Ermordeten wurde eine vollständige DNA festgestellt.
Doch die Speichelproben aller Männer, die 1981 in den Fokus geraten waren, ergaben keinen Treffer. Dann stieß Brenner in den alten Akten auf eine Tonbandkassette. Eine anonyme Hinweisgeberin hatte damals die Polizei angerufen und einen gewissen Ferdinand H. ins Spiel gebracht, einen 21-jährigen Straßenarbeiter, der wie Swantje in Neuenkirchen lebte.
Die Ermittler luden ihn vor. Als sie ihm ein normales Passfoto von Swantje zeigten, reagierte Ferdinand H. mit einer starken körperlichen Reaktion: Er musste würgen. Die Beamten hielten ihm den Papierkorb hin.
„Wenn sowas passiert, ist das für mich schon ein Indiz, da stimmt etwas nicht“, sagt Brenner. Ferdinand H. gab freiwillig eine Speichelprobe ab. Die DNA am T-Shirt von Swantje stammte von ihm.
Er behauptete, er sei in einer der Nächte mit dem Auto vorbeigefahren, habe einen Mantel über einem Leitpfosten hängen sehen, sei neugierig geworden und habe die Leiche entdeckt. Dabei könnte er etwas angefasst haben. Wieben und Brenner rekonstruierten die Nacht. Sie ließen den Tatort nach den alten Fotos herrichten, mit einer Schaufensterpuppe als Leiche und einem Mantel über einem Leitpfosten.
Dann fuhren sie mit modernen Autos mit Xenon-Scheinwerfern die Straße entlang. Sie sahen den Mantel nicht. Sie stiegen aus und gingen in den Feldweg. Es war stockdunkel.
Sie sahen nichts. „Wir standen mitten in einem Tatort. Da habe ich Herrn Brenner angeschaut und er schaute mich an, und uns beiden war in dem Moment klar: Der lügt. “
Dann fanden die Ermittler einen Brief von Swantje aus dem Jahr 1978, den sie aus Amerika an eine Freundin geschrieben hatte.
Darin schilderte sie eine Vergewaltigung: „Ich wehrte mich nicht, weil ich weiß, dass viele Mädchen, die sich wehren und schreien, getötet werden. “ Das erklärte, warum Swantje keine Abwehrverletzungen hatte. Ferdinand H. verstrickte sich in Lügen und Widersprüche.
Seine Lebensgefährtin, eine Prostituierte aus Bremerhaven, sagte aus, dass er nach der Speichelprobe gefragt habe, wie lange eine DNA-Untersuchung dauere. Er habe angedeutet, dass er eventuell länger eingesperrt werden müsse. Doch das Landgericht Stade ließ die Anklage zunächst nicht zu und hob den Haftbefehl auf. Wieben und Brenner waren überrollt.
Doch das Oberlandesgericht Celle korrigierte die Entscheidung und eröffnete das Verfahren. Bei einer erneuten Tatortbegehung mit Richtern und Angeklagtem sahen alle in den VW-Bussen: Den Mantel konnte man nicht sehen, den Feldweg nicht erkennen. Ferdinand H. wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.
Er hatte Swantje in der Tatnacht zufällig getroffen, sie in den Feldweg gezwungen und sexuell bedrängt. Als er Angst bekam, erkannt zu werden, fesselte er sie und stach 63 Mal auf sie ein. Ein Fall in Südtirol begann am 23. Oktober 1995.
In Bozen verabschiedete sich die 32-jährige Prostituierte Heidi Niederbacher von ihren Kolleginnen. Sie habe noch eine Verabredung mit einem „Erich“. Danach war sie spurlos verschwunden. Zwei Kolleginnen wandten sich an die Polizei.
Die diensthabende Leiterin der Einsatzzentrale hatte ein ungutes Gefühl und informierte den Kripo-Chef Dr. Alexander Zelger. „Dottore, ich bin mir sicher, da ist etwas passiert“, sagte sie. Die Ermittlungen konzentrierten sich auf den letzten Freier.
„Erich“ hieß in Wirklichkeit Ernst Schrott, ein 51-jähriger Landarbeiter, der in einer Baracke hauste. Die Ermittler fanden ihn in einem abgelegenen Holzstadel im Eisacktal, ohne Strom und fließend Wasser. Schrott ließ sie bereitwillig ein. Die Hütte glich einer Mülldeponie: Essensreste, Dreck, Plastik, eine verschmutzte Matratze.
Schrott gab zu, Heidi zu kennen. „Das war meine Freundin. Ich wollte sie heiraten. “ Doch wo sie sei, wisse er nicht.
Ein Beamter entdeckte in dem Müll ein zierliches Lederetui. Darin lag ein Zettel mit einem anderen Namen: Petra Lunardi. Auch sie wurde vermisst, eine 40-jährige Prostituierte, seit Februar 1993 verschwunden. Zelger erwirkte eine Hausdurchsuchung.
Die Beamten fanden weitere Gegenstände von Heidi Niederbacher und die alte, dicke Brille von Petra Lunardi. „Ohne diese Brille konnte sie keinen Schritt machen“, sagt Zelger. „Das ist ein Zeichen, da ist etwas passiert. “
Zelger bestellte Schrott zur Vernehmung.
Er ließ ihn niedersitzen und fragte, was mit den beiden Damen passiert sein könnte. Schrott entschuldigte sich und sagte, er habe mit dem Verschwinden nichts zu tun – obwohl Zelger die Frage gar nicht gestellt hatte. „Je öfter er das sagte, desto sicherer war ich, dass er dahintersteckt. “
Zelger wechselte die Strategie.
„Ernst, kann es sein, dass die Heidi und die Petra nicht nett zu dir waren? “ Schrott sah zu Boden, dann wieder hoch. „Ja, die waren gemein mit mir. Sie haben alles versprochen, sie seien nett, gehen mit mir aus, sie wollen heiraten.
Und sobald sie bezahlt hatten, waren sie weg. “
Zelger setzte alles auf eine Karte. „Ernst, schau mir in die Augen. Ich verspreche dir, dass du heute nicht ins Gefängnis kommst, wenn du mir sagst, wo wir sie finden können.
“ Während er das sagte, dachte er: „Spinne ich? Wenn er sagt, er hat sie umgebracht, muss ich ihn doch festnehmen. “
Schrott packte aus. Im Februar 1993 hatte er Petra Lunardi in seinem Kleintransporter, einer Ape, mitgenommen.
„Ich habe ihr das Geld gegeben, und sobald ich das Geld gegeben hatte, wollte sie schon abhauen. Das war für mich zu viel. Ich bin einfach ausgerastet. Dann ist die Petra ohnmächtig geworden, ich weiß nicht.
Sie hat nicht mehr geantwortet. “
Er hatte ihren leblosen Körper zu einer Brücke geschleift und in den reißenden Tiesener Bach geworfen. „Wie einen Sack Kartoffeln“, sagte er. Die Leiche wurde nie gefunden.
Mit Heidi Niederbacher sei dasselbe passiert. „Ich habe sie geschlagen, das war wohl zu fest, und sie war gleich tot. “ Ihre Leiche hatte er im Flussbett des Finsterbachs mit schweren Steinen abgedeckt. Die Beamten fanden sie tatsächlich.
Zelger hielt sein Versprechen nicht. Nach der Rückkehr zur Questur spielte er Theater. „Ernst, wie geht es dir? Nicht gut?
Dreht dir der Kopf? Musst du vielleicht umfallen? “ Schrott verstand und ließ sich auf den Boden fallen. So kam er nicht ins Gefängnis, sondern ins Krankenhaus.
Ernst Schrott wurde 1996 wegen Totschlags an Heidi Niederbacher zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Im Fall von Petra Lunardi reichte es ohne Leiche nicht für eine Verurteilung. Ihr Tod blieb ungesühnt.
Ernst Schrott ist inzwischen verstorben.


