Mein Vater war Briefträger. Kein Held, kein Supermann, einfach ein freundlicher Mann, der jeden Monat die Renten austrug. Eines Morgens, der 2. Dezember 1975, verließ er das Haus mit seiner…

Mein Vater war Briefträger. Kein Held, kein Supermann, einfach ein freundlicher Mann, der jeden Monat die Renten austrug. Eines Morgens, der 2. Dezember 1975, verließ er das Haus mit seiner...

Der Verlobte fand sie am nächsten Morgen nicht zu Hause. Er dachte, sie wäre zurück zur Halle gegangen, um aufzuräumen. Doch als er dort nachschaute, war sie nicht da. Er verbrachte den Tag mit Freunden, kehrte erst am späten Nachmittag zurück.

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Nachbarn ließen ihn in die Wohnung. Im Schlafzimmer, vor dem Bett, lag Ursula S. Sie war blutüberströmt. Über siebzig Messerstiche hatten ihr Leben beendet.

Die Obduktion bestätigte: Der Täter hatte mit äußerster Brutalität zugestochen. Die Mordkommission fuhr noch in derselben Nacht nach Ostönnen. In der Wohnung gab es keine Aufbruchspuren. Ursula trug Jogginghose und T-Shirt.

Sie musste jemanden hereingelassen haben, vermutlich einen Bekannten. Die Ermittler grenzten die Tatzeit auf zwischen 3:30 Uhr und 6 Uhr morgens ein. Wenn sie ihren Mörder kannte, war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er am Abend zuvor mit ihr gefeiert hatte. Alle 120 Gäste wurden vernommen.

Doch viele konnten sich aufgrund des vielen Alkohols kaum erinnern. Die Staatsanwaltschaft setzte eine Belohnung von 3. 000 D-Mark aus. Die Tatwaffe wurde nie gefunden.

DNA-Spuren spielten 1987 noch keine Rolle. Die Ermittler konzentrierten sich auf Finger- und Faserspuren. Sie sammelten die Kleidung aller Partygäste ein. Einer gab zunächst die falsche Kleidung ab.

Erst anhand von Fotos konnte die Polizei feststellen, dass er auf der Feier andere Kleidung getragen hatte. Er behauptete, er habe sich übergeben, sei nach Hause gegangen und habe sich umgezogen. Als die Beamten die Kleidung sicherstellen wollten, hing sie bereits in der Waschmaschine. Unbrauchbar für die Spurensuche.

Die Gerüchte im Dorf wurden lauter. Wer hatte Ursula getötet? Und warum? Es gab Leute, die sich selbst bezichtigten, weil sie sich an nichts erinnern konnten und Angst hatten, sie könnten die Täter sein.

Mehrere Personen wurden erkennungsdienstlich behandelt. Doch der Mörder wurde nicht gefunden. Im August 1987 waren alle Spuren ausermittelt. Der Fall kam nie zur Ruhe.

Auch Jahrzehnte später machten Verdächtigungen und Gerüchte die Runde. Gregor Schmidt wuchs in der Nähe auf und spielte zeitweise sogar in Ostönnen Fußball. Später ging er zur Polizei nach Köln. Doch die Verbindung zur alten Heimat blieb.

Bei einem Schiurlaub mit der Landjugend nahm ihn ein Betreuer zur Seite: „Köger, du bist jetzt bei der Polizei. Sieh zu, dass du zur Mordkommission nach Dortmund kommst und diesen Fall neu aufrollst. Damit dieser Ort endlich zur Ruhe kommt. “ 2008 wechselte Schmidt tatsächlich zur Mordkommission in Dortmund.

Sein Dienststellenleiter sagte am ersten Tag: Jeder Sachbearbeiter übernimmt eine Partnerschaft für einen ungeklärten Altfall. Schmidt wählte Ostönnen. Er kannte das Dorf, die Zeugen, die Menschen. Sie waren froh, dass jemand den Fall noch einmal aufrollte, der sich auskannte.

Schmidt studierte die Akte akribisch und befragte mit seinem Team alle Zeugen von damals erneut. Zeitgleich erhielt Hauptkommissar Norbert Krüger den Auftrag, alle Asservate mit modernsten Mitteln zu untersuchen. Die Kleidung, die Ursula getragen hatte, die Bettwäsche, die gelbe Wolldecke, alles war noch vorhanden. Die Ermittler entschieden sich für das Ethanolverfahren, um DNA-Spuren zu finden.

Die Sachen wurden in Ethanol ausgewaschen. Das Risiko: Die Asservate könnten danach unbrauchbar sein. Der Staatsanwalt gab grünes Licht. Er wollte den Fall endlich abschließen.

Zehn Monate dauerten die Untersuchungen. Zuerst wurden die Blutspuren des Opfers herausgeschnitten, weil sie andere Spuren überlagerten. Dann wurden die Gegenstände abgeklebt, in Teile geschnitten, in Plastikbeutel gelegt und mit Ethanol ausgewaschen. Vierzehn mögliche Tatverdächtige wurden notiert.

Im Dezember 2008 wurden an mehreren Gegenständen DNA-Spuren einer unbekannten männlichen Person entdeckt. Die beste Spur lag auf der gelben Wolldecke. Sie hatte den höchsten biostatistischen Wert. Auch an der Jogginghose des Opfers fanden sich passende Spuren.

Die Ermittler baten die vierzehn Verdächtigen zur Speichelprobe. Dreizehn kamen sofort. Thomas R. zögerte.

Er habe keine Zeit, sagte er. Er wollte nicht, dass seine Frau davon erfuhr. Zwei Monate lang vertröstete er die Beamten. Schmidt rief ihn eines Abends an: „Wenn Sie nicht freiwillig kommen, besorge ich mir einen Beschluss vom Amtsgericht.

Dann komme ich abends bei Ihnen vorbei. Und dann erfahren es auch Ihre Frau und Ihre Mutter. “ Thomas R. gab nach.

Auf dem Parkplatz der Polizei in Soest entnahm Schmidt ihm die Speichelprobe. Bei einem Besuch in Ostönnen sprach sie ein Anwohner an: „Seid ihr von der Mordkommission aus Dortmund? “ Schmidt bestätigte. Der Mann erzählte: In der Tatnacht habe er einen lauten Schrei gehört, aus Richtung der Tatortwohnung.

Und am selben Tag habe er gesehen, wie Thomas R. mehrfach die Straße rauf- und runterging, immer wieder in Richtung Tatort schaute. Vorher habe er ihn dort nie gesehen. Das käme ihm sehr verdächtig vor.

Im Februar 2009 kam das Ergebnis: Die DNA-Spur von der gelben Wolldecke stimmte exakt mit der DNA von Thomas R. überein. Thomas R. war zur Tatzeit achtzehn Jahre alt.

Er war ein sehr guter Fußballspieler, beliebt im Dorf, auch bei Frauen. Er war polizeilich völlig unbekannt. Und er war derjenige, der damals die falsche Kleidung abgegeben hatte. Das Amtsgericht Arnsberg erließ Haftbefehl.

Schmidt und seine Kollegen vollstreckten ihn. Thomas R. bestritt die Tat nie. Er weinte, schwieg aber, bis sein Anwalt da war.

Im Herbst 2009 begann der Prozess vor der Jugendkammer. Thomas R. verweigertedie Aussage. Doch die Beweislage war erdrückend.

Die Richter waren überzeugt: In der Nacht zum 28. Mai 1987 hatte Thomas R. das Fest verlassen, war zur Wohnung von Ursula S gegangen, um sie zu vergewaltigen. Als sie sich wehrte, schlug er sie bewusstlos.

Dann stach er siebzigmal auf sie ein, um die Tat zu vertuschen. Er wurde wegen Mordes zu einer Jugendstrafe von sechseinhalb Jahren verurteilt. Für die Angehörigen war es nach über zwanzig Jahren eine Erlösung. Endlich wussten sie, wer Ursula getötet hatte.

Und endlich wurde der Täter zur Rechenschaft gezogen. .