Ich dachte, ich träume, als mein Kollege mir aufgeregt das Bild vom Laptop zeigte. Es war eine Mail von meiner eigenen Frau – abgeschickt aus einem Hotel in Paris. Aber ich war zu Hause, und sie…

Ich dachte, ich träume, als mein Kollege mir aufgeregt das Bild vom Laptop zeigte. Es war eine Mail von meiner eigenen Frau – abgeschickt aus einem Hotel in Paris. Aber ich war zu Hause, und sie...

Es war der Nachmittag des 20. Februar 2014, als François Martin auf einer Polizeistation im Rheingau-Taunus-Kreis erschien. Er wollte seine Frau Nadin als vermisst melden. Er behauptete, er sei am Morgen überstürzt von einer Geschäftsreise aus Frankreich zurückgekehrt, weil er seit zwei Tagen nichts mehr von ihr gehört habe.

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Das Haus habe er leergeräumt vorgefunden, die Rollläden herabgelassen, die Haustür verschlossen. Ihr Handy und ihre Geldbörse lägen noch im Haus, nur eine Jacke und Wanderschuhe fehlten. Der Mann wirkte beherrscht, und die Beamten wiesen darauf hin, dass seine Frau als erwachsene Person frei über ihren Aufenthaltsort bestimmen könne. Doch Martin drängte auf die Anzeige.

Kurz darauf durchsuchten Polizisten das Haus und die Umgebung. Nadin Martin blieb unauffindbar. Weder bei ihren Eltern noch bei den wenigen Freunden des Paares wusste jemand, wo sie sein könnte. Das Ermittlungskommissariat unter der Leitung von Stefan Lange wurde eingeschaltet.

Man führte erste Gespräche, durchsuchte das Gelände und ließ sogar einen Hubschrauber aufsteigen. Doch die Suche blieb erfolglos. Im Haus fanden die Ermittler ihr Handy und ihren Laptop. Die Auswertung der Geräte förderte ein merkwürdiges Detail zutage.

In den Daten des Laptops entdeckte man eine Mail, die angeblich von Nadin stammte und an ihren Ehemann gerichtet war. Aber der Standort des Laptops zum Zeitpunkt des Versands war nicht das heimische WLAN. Das Gerät war in ein Hotel in Paris eingebucht gewesen. Ausgerechnet dort, wo François Martin behauptete, zu diesem Zeitpunkt gewesen zu sein.

Der Verdacht verdichtete sich: Hatte François Martin sich mit dieser Mail selbst ein Alibi verschaffen wollen? Die Ermittler überprüften die Kontobewegungen. Dort gab es zunächst keine neuen Erkenntnisse. Auch die Befragung der Eltern von Nadin Martin brachte nichts Belastendes.

Im Gegenteil: Sie berichteten von einer glücklichen Ehe. Noch am Sonntag vor dem Verschwinden hatten die beiden bei ihnen zu Besuch gekuschelt und Händchen gehalten. Dann aber kam ein entscheidender Hinweis. Die Eltern erwähnten, dass in der Villa eine teure Videoüberwachungsanlage installiert sei.

Der Ehemann behauptete, die Anlage sei seit Langem defekt. Doch als die Ermittler die Speicherplatten sicherten, stellten sie fest, dass die Anlage manipuliert worden war – und zwar kurz nachdem die Polizei zum ersten Mal am Haus gewesen war. Die Aufzeichnungen waren durcheinandergebracht worden. Ein IT-Forensiker des LKA schrieb daraufhin zwei Programme, um die einzelnen Bilddateien automatisch auszuwerten und nach Zeitstempeln zu sortieren.

So gelang es den Ermittlern, die Bilder zu rekonstruieren. Das letzte Bild von Nadin Martin stammte vom Abend des 16. Februar 2014. Gegen 21 Uhr verließ sie das Haus, ging zum Mülleimer am Grundstücksrand und kehrte danach zurück.

Lebend wurde sie nie wieder gesehen. Viel wichtiger aber: An diesem Sonntagabend war François Martin zu Hause, obwohl er behauptet hatte, bereits am Montag nach Paris gefahren zu sein. Die Kameraaufnahmen zeigten außerdem, dass er noch am Montagnachmittag mit dem Auto seiner Frau das Grundstück verließ und erst in der Nacht auf Dienstag mit seinem eigenen Wagen endgültig Richtung Paris aufbrach. Auffällig waren auch die Aufnahmen der gesamten Nacht von Sonntag auf Montag.

Auf der Gartenseite des Hauses war immer wieder ein fahler Lichtschein zu erkennen. Licht ging an und aus, bis in den frühen Morgen. Solche Aktivitäten hatte es zuvor nie gegeben. In anderen Nächten war das Haus spätestens um 21:20 Uhr dunkel.

Nun aber bewegte sich offenbar jemand stundenlang im Kellerbereich. Für Stefan Lange und sein Team war klar: Im Haus musste etwas passiert sein. Am 27. Februar 2014 wollten die Ermittler François Martin als Beschuldigten vernehmen.

Sie klingelten vergeblich. Mit einem Zweitschlüssel der Schwiegereltern betraten sie die Villa und fanden François Martin in der mit Wasser gefüllten Badewanne. Er hatte sich Schnitte an Armen und Knöcheln beigebracht. Auf dem Wannenrand lagen sein Ehering und der seiner Frau.

Martin war bei Bewusstsein und behauptete, ohne seine Frau nicht mehr leben zu können. Er habe bereits auf andere Weise versucht, sich das Leben zu nehmen. Doch die Schnittwunden waren oberflächlich. Im Krankenhaus stellte man keine nennenswerten Verletzungen fest.

Auch seine Angabe, er habe Tabletten geschluckt, ließ sich nicht bestätigen. Die Beamten nahmen ihn auf und vernahmen ihn als Beschuldigten. Stefan Lange sah in dem angeblichen Suizidversuch nur die Fortsetzung einer Inszenierung. Die Verletzungen waren nicht lebensgefährlich.

Eine Vergiftung war nicht nachweisbar. Und der angebliche Versuch, sich mit dem Abgasschlauch im Auto umzubringen, war bei einem Cabrio mit Katalysator schwer vorstellbar. Vor Gericht, in der Vernehmung, erzählte François Martin eine andere Geschichte: Seine Frau sei labil und psychisch belastet gewesen. Sie habe nur noch das Haus dekoriert.

Am Sonntagabend habe sie nach dem Besuch bei den Eltern eine Panikattacke bekommen. Man habe beschlossen, wie so oft, zur Burg Krass am Rhein zu fahren, um spazieren zu gehen. Dort, so Martin, hätten sie auf einem Anleger gestanden. Er habe in die eine Richtung geschaut, seine Frau in die andere.

Plötzlich habe er ein Platschen gehört. Ihre Schuhe und ihre Jacke hätten auf dem Steg gelegen, sie sei ins Wasser gesprungen. Er sei kein Schwimmer und habe kein Handy dabeigehabt. Also habe er die Kleidung eingesammelt, sei nach Hause gefahren und habe sie später in einem Kaufhauscontainer entsorgt.

Und tatsächlich: Dort fanden die Ermittler die Kleidung von Nadin Martin. Doch die Geschichte passte nicht zu den wiederhergestellten Überwachungsvideos. In jener Nacht hatte kein Auto das Grundstück verlassen. Der Haftrichter folgte den Argumenten der Ermittler und erließ Untersuchungshaftbefehl.

Die Suche nach der Leiche blieb erfolglos. Der Rhein wurde später abgesucht, aber nichts gefunden. Auch in den Kellerräumen der Villa suchten die Ermittler nach Blut oder Gewebespuren. Doch alles war klinisch rein.

Dann der erste Fund: Im Gepäckraum des Wagens von François Martin entdeckten die Ermittler eine einzelne Blutspur an einer Kunststoffverkleidung. Die DNA-Analyse war eindeutig: Es war das Blut von Nadin Martin. Weitere Ermittlungen förderten zutage, dass François Martin Kontakt zu anderen Frauen suchte. Auf Datingplattformen schrieb er mit zwei Frauen und besuchte Prostituierte, unter anderem in Paris.

Einen Tag nach dem angeblichen Suizid seiner Frau hob er 1. 000 Euro von ihrem Konto ab und überwies einen erheblichen Betrag auf sein eigenes Konto. Genau mit diesem Geld bezahlte er später die Prostituierte in Paris. Im Sommer 2014 übergaben die Ermittler ihre Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft Wiesbaden.

Die Anklage wurde erhoben. Doch das Landgericht Wiesbaden wies die Anklage überraschend ab. Die Indizien reichten den Richtern nicht aus. Für die Eltern von Nadin Martin brach eine Welt zusammen.

Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Eltern legten Beschwerde ein. Doch der Haftbefehl musste aufgehoben werden. François Martin wurde entlassen und setzte sich nach Belgien ab. In Brüssel mietete er ein teures Loft und verkaufte aus der Ferne das gemeinsame Haus und sämtliche persönlichen Gegenstände seiner Frau.

Stefan Lange war enttäuscht, aber er gab nicht auf. Er hatte den Eltern versprochen, weiterzumachen, bis es zu einer Verurteilung komme. Also begannen die Ermittler erneut. Diesmal schauten sie sich die Route nach Paris genauer an.

Zwei Seen an der A6 ließen sie abtauchen. Ohne Erfolg. Dann kamen plötzlich neue Kontobuchungen ans Licht. Die Bank hatte nachträglich Umsätze gemeldet, die zum Zeitpunkt der ersten Prüfung noch nicht sichtbar gewesen waren.

Am Tag nach dem Verschwinden seiner Frau, so zeigte sich, war François Martin zu einem nahegelegenen Baumarkt gefahren. Dort hatte er einen sogenannten Zementschleierentferner gekauft – eine Säure, die hervorragend geeignet ist, um Blutspuren zu beseitigen. Zudem ein Multifunktionswerkzeug, ein Multitool. Für Stefan Lange war das der Moment, in dem sich viele Puzzleteile zusammenfügten.

Mit einem Multitool lassen sich harte Materialien schneiden und zerteilen – auch Knochen. „In dem Moment waren wir uns sicher, dass die Frau getötet und im Keller zerteilt worden war“, sagt Lange später. „Und dass die Leichenteile auf dem Weg nach Paris entsorgt wurden. “

Der Käufer des Hauses, der es samt Inventar erworben hatte, ließ die Ermittler erneut in den Keller.

Dort fanden sie das Multitool. Es lag noch in seiner Werkzeugkiste und wurde zur kriminaltechnischen Untersuchung an das LKA Hessen geschickt. Der Molekularbiologe Dr. Harald Schneider untersuchte das Gerät unter dem Mikroskop.

Es wirkte fast fabrikneu, doch in kleinen Vertiefungen, insbesondere an der Aufnahme für die Werkzeuge, entdeckte er winzige rötliche Antragungen. Der Blutnachweis fiel eindeutig positiv aus. An etwa zwanzig Stellen fand sich menschliches biologisches Material. Die DNA stimmte exakt mit der von Nadin Martin überein.

Besonders auffällig war eine einzelne Tropfspur auf der Rückseite der Schraube, mit der die Werkzeuge befestigt werden. Diese Spur konnte nicht entstanden sein, während das Gerät in Betrieb war. Sie deutete darauf hin, dass das Multitool in unmittelbarer Nähe zu einem extrem blutigen Ereignis gelegen haben musste, während ein anderes Werkzeug – vermutlich eine Säge – verwendet wurde. Die Verteilung der Spritzer ließ sich nicht durch einen harmlosen Gebrauch erklären.

Auch in dem Auto von François Martin fanden sich an der Ladekante des Kofferraums weitere punktförmige Blutspuren von Nadin Martin. Die Ermittler stellten außerdem fest, dass François Martin bereits ein älteres Multitool besessen hatte. Sie vermuteten, dass er das neue Werkzeug für die Tat gekauft hatte, nach der Tat jedoch die beiden Geräte verwechselte und das neue, blutige im Haus zurückließ, während er das alte, unbelastete entsorgte. Die Verkaufswegfeststellung bestätigte: Das aufgefundene Gerät war tatsächlich neu produziert worden.

Zusätzlich fanden die Ermittler auf einem weiteren Laptop Suchanfragen aus den Tagen vor dem Verschwinden: François Martin hatte nach dem Würgegriff gesucht und sich über Angriffstechniken gegen den Hals informiert. Auch die Kosten einer Scheidung und Erbschaftsfragen hatte er recherchiert. Nach der Tat suchte er nach Begriffen wie „vermisse Frau Ehemann schuldig“. Das Oberlandesgericht Frankfurt am Main ließ die Anklage schließlich doch zu.

Am 13. März 2015 wurde der Haftbefehl erneut in Kraft gesetzt. Am 22. März 2015, einem Sonntagmorgen, verhafteten belgische Beamte François Martin in seiner Brüsseler Loftwohnung.

Am 1. Juni 2015 eröffnete die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Wiesbaden das Verfahren gegen François Martin wegen Totschlags seiner Ehefrau. Mehr als zehn Monate dauerte die Verhandlung. François Martin schwieg während des gesamten Prozesses und ließ sich von drei Strafverteidigern vertreten.

Die Leiche seiner Frau wurde nie gefunden. Eine psychiatrische Gutachterin stellte bei François Martin eine schizoide, zwanghafte Persönlichkeitsstruktur mit manipulativem Zug fest. Sie beschrieb ihn als emotional kühl und distanziert, stärker an Dingen als an Menschen interessiert. Am 16.

April 2016 fiel das Urteil. Das Landgericht Wiesbaden sah es als erwiesen an, dass François Martin seine Frau zwischen dem 16. und 18. Februar 2014 tötete, die Leiche zerteilt und auf dem Weg nach Paris entsorgt hatte.

Aufgrund der fehlenden Leiche waren Mordmerkmale nicht mehr eindeutig feststellbar. Das Gericht verurteilte ihn wegen Totschlags zu elf Jahren Haft. Als Stefan Lange selbst als Zeuge vor Gericht aussagen sollte, berichteten ihm Prozessbeobachter, dass François Martin gelacht hatte, während die Eltern von Nadin Martin ihre Verzweiflung schilderten. Bis heute hat er keine Angaben zum Verbleib der Leiche gemacht.

Die Eltern von Nadin Martin sind inzwischen verstorben. Für sie war die Zeit nach dem Urteil besonders grausam. Sie hatten ihr einziges Kind verloren, und nicht einmal ein Grab gab es, an dem sie ihrer Tochter hätten gedenken können. François Martin hatte alles verkauft.

Den Eltern blieben nur das Handy und der Laptop ihrer Tochter.