Ich saß in einer Bar in meiner Heimatstadt, als der Barkeeper mir stolz eine Flasche Gin zeigte, die direkt aus meinem Schwarzwald stammte. „Das ist die Zukunft”, sagte er. Ich lachte – bis ich…

Ich saß in einer Bar in meiner Heimatstadt, als der Barkeeper mir stolz eine Flasche Gin zeigte, die direkt aus meinem Schwarzwald stammte. „Das ist die Zukunft", sagte er. Ich lachte – bis ich...

Es gibt Getränke, die man so eng mit einem Land verbindet, dass man sie kaum voneinander trennen kann. Whiskey und Schottland, Wodka und Russland, Champagner und Frankreich. Und Gin? Gin und England.

Thumbnail

Big Ben, rote Telefonzellen, Buckingham Palace – und in der Hand eines distinguierten Engländers ein Glas Gin Tonic mit einer Scheibe Limette. Dieses Bild ist falsch. Gin wurde nicht in England erfunden. Er wurde in den Niederlanden entwickelt – von einem deutschen oder niederländischen Arzt, je nach Quelle.

Er wurde nach England importiert, nicht dort geboren. Er verwandelte London in eine Stadt der Trunkenheit und des Elends, wurde verboten, besteuert, verbannt – und überlebte. Er wanderte von England nach Indien, von Indien in amerikanische Cocktailbars, von Amerika zurück nach Europa. Und am Ende dieser langen, kurvenreichen Geschichte landete er in Deutschland, wo es heute mehr Destillerien gibt als in Großbritannien.

Das ist das Paradox. Ein Getränk, das als deutsches Medikament begann, als britisches Symbol berühmt wurde, als soziale Katastrophe in die Geschichte einging, als koloniales Hilfsmittel die Welt umrundete – und jetzt in deutschen Schwarzwäldern und Berliner Hinterhofbrennereien seine zweite Heimat gefunden hat. Die Geschichte des Gins beginnt nicht in einem Londoner Pub. Sie beginnt in einem mittelalterlichen Klostergarten mit einer Pflanze, die man heute kaum noch beachtet: dem Wacholder.

Juniperus communis. Der gemeine Wacholder ist einer der am weitesten verbreiteten Nadelbäume der nördlichen Hemisphäre. Er wächst in Europa, Asien und Nordamerika, in Gebirgen, auf Küstenfelsen, auf Heideland und in borealen Wäldern. Seine Früchte – die sogenannten Wacholderbeeren, die eigentlich keine Beeren sind, sondern zapfenartige Samenstände – reifen über zwei Jahre.

Sie entwickeln eine blauschwarze Farbe und ein intensives, harziges, leicht bittersüßes Aroma. Dieser Wacholder war im Mittelalter ein Allheilmittel der europäischen Medizin. Hildegard von Bingen, die Benediktineräbtissin, Mystikerin und Heilkundlerin des 12. Jahrhunderts, beschrieb ihn als Mittel gegen Lungenleiden, Magenschmerzen und Hautkrankheiten.

Klosterärzte destillierten Wacholderöl für Wundsalben und Atemwegsmittel. Als die Pest im 14. Jahrhundert fast ein Drittel der europäischen Bevölkerung tötete, verbrannte man Wacholderzweige, um die Luft zu reinigen – man glaubte, der intensive Rauch würde die Krankheit abhalten. Die Apotheken des 15.

und 16. Jahrhunderts führten Wacholderprodukte in ihrem Sortiment, wie man heute Aspirin führt. Das ätherische Öl des Wacholders enthält Verbindungen, die tatsächlich schwach antibakteriell wirken – Alphapinen, Betapinen, Sabinen, Myrcen, Limonen. Die mittelalterlichen Apotheker kannten keine chemischen Begriffe, aber sie hatten durch Beobachtung erkannt, dass Wacholder bei bestimmten Beschwerden half.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand auf die Idee kam, diese Heilpflanze mit Alkohol zu verbinden. Der erste, der diesen Schritt dokumentiert unternahm, war je nach Quelle der niederländische Arzt Franziskus Silvius de le Boe oder sein Vorgänger Johannes Silvius – möglicherweise schon im frühen 17. Jahrhundert. In den Apotheken destillierte man Getreidealkohol mit Wacholderbeeren und anderen Kräutern.

Das Ergebnis nannte man Genever, abgeleitet vom französischen und niederländischen Wort für Wacholder: genièvre bzw. jenever. Genever war ursprünglich Medizin. Er wurde in Apotheken verkauft, mit Dosierungsanweisungen gegen Magenprobleme, Nierenleiden und Gicht.

In den Niederlanden des 17. Jahrhunderts entwickelte sich Genever schnell vom Apothekenmittel zum Volksgetränk. Die Soldaten des Achtzigjährigen Krieges, des Unabhängigkeitskrieges gegen Spanien, tranken Genever vor dem Kampf. Die aufmunternde, wärmende Wirkung bekam in der englischen Militärsprache einen eigenen Namen: Dutch Courage – niederländischer Mut.

Das war die erste Begegnung zwischen dem englischen Soldaten und dem niederländischen Wacholderschnaps. Sie war flüchtig und zweckgebunden. Die Engländer brachten den Begriff Dutch Courage mit nach Hause – aber noch kein Rezept, keine Destilliertechnik und kein Bewusstsein dafür, dass dieses Getränk ihr Land in den nächsten Jahrzehnten in eine Krise stürzen würde, wie es sie seit der Pest nicht mehr erlebt hatte. Die zweite Begegnung war historisch folgenreicher.

1688 landete Wilhelm von Oranien, Statthalter der Niederlande, mit einer Flotte an der englischen Küste und übernahm ohne nennenswerten Widerstand den Thron. Die Glorious Revolution war weniger eine Revolution als eine Einladung – das englische Parlament hatte Wilhelm gerufen, um den katholischen König Jakob II. loszuwerden. Wilhelm brachte seine niederländischen Gewohnheiten mit.

Eine davon war der Genever. Der neue König trank ihn, sein Hof trank ihn – und die englische Regierung, immer auf der Suche nach Steuereinnahmen, sah darin eine Gelegenheit. England befand sich in einem permanenten Handelskrieg mit Frankreich. Französischer Brandy war bis dahin das bevorzugte Getränk der Oberschicht; man importierte ihn in großen Mengen und finanzierte damit indirekt den Feind.

Die neue Regierung erhob massive Zölle auf französische Spirituosen und vereinfachte gleichzeitig die Lizenzbestimmungen für die Herstellung von einheimischem Getreidebrandwein. Wer Gin herstellen wollte – der englische Begriff war inzwischen als Verkürzung von Genever entstanden –, konnte das ohne Konzession tun. Jeder Bürger durfte destillieren, jeder Haushalt konnte Gin produzieren und verkaufen. Die Folgen waren katastrophal.

Das London der ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts war eine Stadt im Chaos. Die Bevölkerung wuchs schnell, aber die Infrastruktur hielt nicht Schritt. Die Armenviertel waren überbevölkert, unhygienisch, ohne sauberes Trinkwasser.

In diesem Umfeld wurde billiger Gin zur einzigen verlässlichen Droge, die sich Arme leisten konnten. Und er war unvorstellbar billig: Ein Penny für eine Portion, die einen Erwachsenen für Stunden betäubte, zwei Pence für eine Menge, die bewusstlos machte. Das Sprichwort der Zeit war ohne Ironie gemeint: „Drunk for a penny, dead drunk for two pence, straw for nothing. ” Betrunken für einen Penny, tot besoffen für zwei – und Stroh zum Drauflegen umsonst.

Die Gin Shops – kleine, oft illegale Verkaufsstellen in Kellern, Hinterzimmern und Marktständen – boten ihren Kunden buchstäblich einen Platz zum Zusammenbrechen an. 1725 wurden in England schätzungsweise sieben Millionen Gallonen Gin produziert; fünf Jahre später waren es neun Millionen bei einer Gesamtbevölkerung von etwa sechs Millionen – Säuglinge und Kleinkinder eingerechnet. In London gab es nach Schätzungen des Parlaments siebentausend Gin-Verkaufsstellen. Das Ginviertel von St.

Giles war berüchtigt: ganze Straßen, in denen jedes dritte Haus Gin verkaufte, und ein erheblicher Teil der Bewohner war dauerhaft betrunken. Die Wirkung war messbar und verheerend. Die Sterblichkeitsrate in den Armenvierteln stieg, die Geburtenrate sank. Kinder wurden vernachlässigt oder ausgesetzt.

Frauen, die selbst unter dem Einfluss des billigen Gins standen – Gin galt auch als Mittel gegen Unterleibsschmerzen –, gaben ihren Kindern Gin, um sie ruhig zu halten. Das Getränk bekam deshalb einen zweiten Namen, der bis heute in der englischen Sprache gebräuchlich ist: Mother’s Ruin – der Ruin der Mutter. 1751 schuf der englische Kupferstecher und Satiriker William Hogarth zwei Drucke, die zusammen eines der eindrücklichsten sozialkritischen Bildpaare der Kunstgeschichte bilden: Beer Street und Gin Lane. Beer Street zeigt eine florierende, arbeitsame Gesellschaft.

Gin Lane zeigt das Gegenteil: eine Frau, die betrunken in einem Treppeneingang sitzt und ihr Kind fallen lässt; im Hintergrund bricht eine Leiche aus einem Gebäude; ein Mann versetzt sein Handwerkszeug für die nächste Ration; Kinder mit aufgedunsenen Gesichtern trinken aus kleinen Flaschen. Hogarths Gin Lane war keine Übertreibung – es war Dokumentation. Das englische Parlament reagierte mit einer Reihe von Gesetzen, die in ihrer Inkompetenz fast komisch wären, wenn die Folgen nicht so ernst gewesen wären. Der Gin Act von 1729 erhob erstmals eine Steuer – die Händler ignorierten sie.

Der Gin Act von 1733 versuchte, den Kleinhandel zu regulieren – die Händler benannten ihre Produkte einfach um: Gin hieß nun Sangaree, Parliamentary Brandy oder eine von Dutzenden Fantasiebezeichnungen, und verkauften weiter. Der Gin Act von 1736 verdoppelte die Steuer und verlangte von jedem Händler eine Lizenz, die fünfzig Pfund kostete – eine für die meisten unerschwingliche Summe. Die Reaktion war unmittelbar und gewaltsam: Es gab Aufstände; Händler, die die neue Regelung einhielten, wurden von Mobs angegriffen; Informanten wurden verprügelt, geteert und gefedert, manchmal getötet. Innerhalb von zwei Jahren wurden zweitausend Händler verurteilt – und der Gin-Konsum sank kaum.

Was schließlich wirkte, war ein Zusammenspiel von Maßnahmen. Der Gin Act von 1751 – das Jahr, in dem auch Hogarths Drucke erschienen – kombinierte moderate Steuern mit strengen Vorschriften über Lizenzen und Ausschankorte. Gleichzeitig stiegen die Getreidepreise durch schlechte Ernten, was den Rohstoff verteuerte. Der Konsum sank nicht auf null, aber auf ein Niveau, das die schlimmsten sozialen Verwerfungen beendete.

Und aus den Trümmern der Gin-Katastrophe entstand fast wie ein Wunder das Gegenteil: die Gin Palaces. Die Gin Paläste entstanden in den folgenden Jahrzehnten als bewusste Antwort auf den schlechten Ruf des Gins. Die Besitzer der neuen, größeren und respektableren Verkaufsstellen investierten in Glas, Messing, Mahagoni, Gasbeleuchtung und vergoldete Spiegel. Sie machten das Gintrinken zu einem Erlebnis, das mit dem Elend der Gin Gassen nichts mehr zu tun hatte.

Die Menschen tranken Gin in hohen, hell erleuchteten Räumen an polierten Theken aus sauberen Gläsern. Der Gin Palace war die Erfindung der modernen Bar. In dieser Umgebung begann sich auch der Gin selbst zu verfeinern. Die rohen, unreinen Schnäpse des 18.

Jahrhunderts wichen einem technisch hochwertigeren Produkt. Die Einführung der Koffey-Blase, ein kontinuierlich arbeitender Destillationsapparat, der 1820 patentiert wurde, ermöglichte die Herstellung von reinerem, neutraleren Grundalkohol, über den dann Wacholder und andere Botanicals gezogen wurden. Das Ergebnis war ein leichteres, trockeneres Produkt. London Dry Gin war entstanden.

Und dann fand der London Dry Gin seinen unwahrscheinlichsten Verbündeten: Indien. Unter britischer Herrschaft war der Subkontinent ein medizinisches Problem. Tropenkrankheiten – vor allem Malaria – töteten britische Soldaten und Kolonialbeamte in großer Zahl. Das einzige bekannte wirksame Mittel war Chinin, ein Alkaloid aus der Rinde des peruanischen Chinarindenbaums.

Die britische Kolonialverwaltung ließ es in großen Mengen nach Indien verschiffen. Das Problem war der Geschmack: Chinin ist extrem bitter. Die tägliche Dosis zur Prophylaxe war kaum zu schlucken. Die Lösung war pragmatisch und typisch britisch: Man löste das Chinin in Wasser auf, fügte Zucker und Kohlensäure hinzu.

Tonic Water war entstanden – benannt nach dem tonischen, stärkenden Charakter des Chinins. Und dieses Tonic Water versetzte man mit Gin. Der Gin Tonic war Medizin. Er wurde von Ärzten empfohlen und war in den Rationen der britischen Armee in Indien enthalten.

Mit dem Ende des Britischen Empires wanderte er zurück nach Europa, wo er seine medizinische Funktion verloren hatte, aber seinen Geschmack behalten hatte – und mit dem Geschmack das Prestige. Einen Gin Tonic zu trinken bedeutete, Teil einer bestimmten Welt zu sein: weltgewandt, imperial, britisch. Dieses Image trug den Gin ins 20. Jahrhundert und direkt in die goldene Ära des Cocktails.

New York in den Zwanzigerjahren war die Cocktailhauptstadt der Welt – trotz oder gerade wegen der Prohibition. In den Speakeasies, den illegalen Bars hinter falschen Buchhandlungen, in Kellergewölben und unter Friseursalons, mischten Barkeeper primitive, schlecht destillierte Schnäpse mit Säften, Sirupen und Likören, um den rauen Geschmack zu überdecken. Gin war dafür besonders geeignet – er ließ sich primitiv herstellen. Bathtub Gin war kein Mythos, und er funktionierte trotzdem in Kombination mit anderen Zutaten.

Der Martini – Gin, trockener Wermut, Olive oder Zitronenzeste – wurde zum Archetyp des Cocktails. Hemingway trank Martinis, Fitzgerald schrieb über sie. Churchill, der legendär trockene Martinis bevorzugte, neigte das Glas gen Süden in Richtung Frankreich, woher der Wermut kam, und nannte das seinen Beitrag zur Würze des Getränks. Der Negroni soll auf Graf Camillo Negroni zurückgehen, der in Florenz 1920 seinen Barkeeper bat, seinen Americano zu verstärken.

Der Singapore Sling brachte den Gin in die Tropen zurück. Gin war das Getränk der Zwischenkriegszeit – das Getränk einer Vergnügungs- und Verzweiflungskultur. Dann kam der Wodka. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren begann Wodka, Gin systematisch vom Markt zu verdrängen – ein Phänomen, das weniger mit politischer Sympathie als mit Marketinggenialität zu tun hatte.

Wodka war neutral, geruchlos, vielseitiger. Der Wodka Martini – das Getränk des fiktiven Geheimagenten James Bond – war eine kulturelle Kriegserklärung gegen den Gin. Wer in den Siebzigerjahren Gin trank, galt als altmodisch; wer Wodka trank, galt als modern. Der Ginmarkt kollabierte.

Die großen englischen Destillerien schrieben rote Zahlen. Tanqueray und Gordon’s kämpften ums Überleben. Bombay Sapphire versuchte in den Achtzigerjahren, Gin mit mäßigem Erfolg neu zu positionieren. Die Rettung kam von einem unwahrscheinlichen Ort.

Im Schwarzwald, im kleinen Ort Lossburg in Baden-Württemberg, begann 2008 ein ehemaliger Filmproduzent namens Alexander Stein, einen Gin zu entwickeln, der nichts mit dem zu tun hatte, was die Welt bisher kannte. Er nannte ihn Monkey 47 – wegen der 47 Botanicals und des Alkoholgehalts von 47 Prozent. Die Botanicals kamen aus dem Schwarzwald: Schwarzkümmel, Preiselbeere, Fichtenspitzen, Heidelbeere, Löwenzahn – neben den klassischen Gin-Botanicals wie Wacholder, Koriandersamen, Angelikawurzel und Zitrusschale. Monkey 47 wurde zunächst nur in kleinen Mengen produziert und in einigen wenigen Bars angeboten.

Dann gewann er internationale Preise, dann schrieb die Fachpresse über ihn, und dann entdeckte die globale Gin-Community, dass aus dem deutschen Schwarzwald etwas kam, das keinen Vergleich scheute. Das war das Signal, das die deutschen Craft-Destillateure brauchten. Was in den folgenden Jahren passierte, lässt sich nur als Explosion beschreiben. In Berlin entstanden Gins in Fabriketagen und Hinterhöfen.

In Hamburg wurden historische Hafengewölbe zu Brennereien umgebaut. In Bayern begannen Obstbrennereien, Gin als Zweitprodukt zu entwickeln – und entdeckten, dass der Gin oft das Hauptprodukt werden wollte. In der Pfalz, in Franken, in der Eifel, im Sauerland, in Sachsen und in Brandenburg entstanden Mikrobrennereien, die Gin in Batches von wenigen hundert Flaschen produzierten – mit lokalen Botanicals, regionalen Wässern und handwerklichen Methoden. Bis 2025 hatte Deutschland mehr als dreitausend registrierte Gin-Destillerien.

Großbritannien, das Mutterland des Gins, kam im selben Zeitraum auf knapp eintausend. Das Land, das den Gin einst mit Steuergesetzen zu zähmen versucht hatte, war in der globalen Gin-Renaissance nicht mehr die führende Kraft. Das Paradox ist vollständig. Warum Deutschland?

Einige Antworten liegen nahe. Deutschland hat eine starke Tradition der Obstbrennerei und der handwerklichen Destillation – die Infrastruktur, das Wissen, die Geräte waren vorhanden. Deutschland hat ein außerordentlich reiches botanisches Repertoire: Die Alpen, der Schwarzwald, die norddeutschen Heiden und die thüringischen Wälder bieten eine Vielfalt an wilden Kräutern, Beeren und Pflanzen, die es in Großbritannien so nicht gibt. Und Deutschland hatte zu Beginn des weltweiten Craft-Spirit-Booms der 2000er noch keine etablierte, dominante Gin-Tradition.

Es gab keine Kategorie zu verteidigen, keine Erwartungen zu erfüllen. Man konnte neu denken. Das Ergebnis ist ein deutsches Gin-Universum, das in seiner Vielfalt seinesgleichen sucht. Es gibt Gins aus Fichtenspitzen, die nach Weihnachtsmarkt riechen.

Gins aus Sanddorn, die wie flüssige Nordseeküste schmecken. Gins, die mit Rieslingtrauben destilliert werden, mit fränkischem Hopfen, mit alpenländischem Enzian, mit westfälischen Wacholderbeeren. Gins, die in Whiskyfässern gereift sind, und Gins, die für einzelne Restaurants exklusiv produziert werden. Die Chemie, die das alles möglich macht, ist so alt wie die Pflanzenheilkunde selbst – nur heute mit modernen Analysemethoden verstanden.

Das Aroma des Wacholders, der aromatische Kern jedes Gins, der gesetzlich vorgeschrieben ist, entsteht durch eine Gruppe von Verbindungen, die Terpene heißen. Alphapinen und Betapinen geben den harzig-waldigen Grundton. Limonen sorgt für die leichte Zitrusnote, die man im frischen Wacholder wahrnimmt. Sabinen trägt zum würzigen Charakter bei.

Terpinen-4-ol, dasselbe Molekül, das auch im Teebaumöl vorkommt, gibt die leicht medizinische, saubere Note. Myrcen bindet diese Elemente zu einer Einheit, die auf der Zunge als Wacholder erkennbar ist, auch wenn die Einzelbestandteile noch so verschieden sind. Die anderen Botanicals fügen eigene Terpene, Phenole, Ester und Aldehyde hinzu. Koriandersamen bringen Linalool, das blumige, lavendelhafte Element vieler Gins.

Angelikawurzel liefert Phthalide und Lactone, die erdig und komplex sind. Zitrusschalen fügen Limonen, Citral und Linalylacetat hinzu. Jede Zutat hat ihr eigenes molekulares Profil, das mit dem Wacholdergrundton in Dialog tritt. Das Destillationsverfahren entscheidet, welche Verbindungen sich im Endprodukt finden und in welchen Proportionen.

Beim klassischen London Dry Gin werden alle Botanicals zusammen mit dem Neutralalkohol in die Brennblase gegeben und einmalig destilliert. Beim Compound Gin werden Aromen nachträglich hinzugefügt. Bei der Vakuum- oder Cold-Distillation wird bei niedrigen Temperaturen unter Druck destilliert, was hitzeempfindliche Aromastoffe erhält, die bei normaler Destillation zerstört würden. Die Schwarzwälder Bergheide, die bei fünfundsiebzig Grad Celsius ihre flüchtigen Aromen verlieren würde, kann so in den Gin gebracht werden.

Der gesetzliche Rahmen ist europaweit geregelt. Ein Gin muss Wacholder als dominante Aromasubstanz aufweisen, mindestens 37,5 Volumenprozent Alkohol enthalten und darf keine künstlichen Aromen enthalten, nur natürliche Aromastoffe aus natürlichen Quellen. Das klingt einfach – und es ist derselbe technische Rahmen, der unendliche Vielfalt ermöglicht. Es ist nebenbei bemerkt dieselbe Logik, die den mittelalterlichen Apotheker antrieb: eine Pflanze, ein Extrakt, ein Träger.

Die Technik hat sich verändert, das Prinzip nicht. In dieser Vielfalt spiegelt sich etwas, das über Gin hinausgeht. Die Geschichte des Gins ist, wenn man einen Schritt Abstand nimmt, eine Geschichte der Identitäten und ihrer Unbeständigkeit. Ein niederländisches Medikament wurde zum englischen Volksgetränk.

Das englische Volksgetränk wurde zur sozialen Katastrophe. Die soziale Katastrophe wurde zum Prestige-Luxusgut. Das Prestige-Luxusgut wurde zum kolonialen Werkzeug. Das koloniale Werkzeug wurde zum Cocktailsymbol.

Das Cocktailsymbol wurde verdrängt und vergessen – und das Vergessene wurde in einem deutschen Schwarzwald neu erfunden. Kein anderes Getränk hat in seiner Geschichte so viele Identitäten getragen, so viele Länder als seine Heimat beansprucht und so viele gesellschaftliche Funktionen erfüllt: Medizin und Massendroge, Elendsymbol und Eleganzaccessoire, imperialistisches Werkzeug und demokratisches Kulturgut, Soldatenration und Cocktailkunst, Apothekerpräparat und Schwarzwälder Handwerksprodukt. Jede Epoche hat sich ihren eigenen Gin erschaffen – und jeder hat dabei geglaubt, den echten, den wahren, den ursprünglichen zu trinken. Der Wacholder blieb in all diesen Verwandlungen derselbe.

Die kleine, blauschwarz glänzende Beere, die in mittelalterlichen Klostergärten, auf englischen Heidelandschaften und in deutschen Schwarzwäldern wächst, blieb das Zentrum. Alles andere – die Nationen, die Klassen, die Bedeutungen – veränderte sich um sie herum. Das sagt vielleicht etwas darüber aus, dass wir Getränken dieselbe Funktion geben wie Flaggen: Sie sollen etwas bezeichnen, etwas repräsentieren, etwas zusammenhalten. Die britische Identität des Gins war nie botanisch.

Sie war kulturell konstruiert, über Jahrhunderte – mit dem Beitrag von Hogarth, Churchill, James Bond und dem Raffles Hotel in Singapur. Die deutsche Identität des Gins, die sich gerade bildet, ist genauso konstruiert und genauso echt. Vielleicht ist die wahre Lektion diese: Dinge, Nahrungsmittel, Getränke und Objekte tragen nicht die Bedeutungen, die wir ihnen zuschreiben. Wir tragen sie dorthin.

Wir nennen den Gin britisch, weil er uns britisch erscheint. Wir nennen ihn deutsch, weil er jetzt aus deutschen Brennereien kommt. Aber der Wacholder weiß nichts von Nationalitäten. Er wächst, wo er wachsen kann, und gibt seinen Geschmack weiter, an wen auch immer ihn destilliert.

Der nächste Gin wird vielleicht aus Japan kommen oder aus Namibia oder aus Island. Er wird anders schmecken als der Schwarzwälder, anders als der Londoner, anders als der Amsterdamer Genever des 17. Jahrhunderts. Er wird lokal sein und gleichzeitig global.

Er wird ein neues Kapitel in einer Geschichte aufschlagen, die noch nicht zu Ende ist. Und in dem Glas, das man abends in die Hand nimmt – Gin Tonic, Negroni, Martini, was auch immer –, sitzen fünftausend Jahre Botanik, dreihundert Jahre Geschichte, eine gescheiterte Prohibition, ein verlorenes Empire, ein wiederentdecktes Handwerk und ein Wacholder. Immer der Wacholder.