„Ich habe in Paris in einer Bäckerei gearbeitet, und ich kann dir sagen: Fast alles, was man dir über das Croissant erzählt hat, ist gelogen.“ Als ich zum ersten Mal hörte, dass das berühmteste…

„Ich habe in Paris in einer Bäckerei gearbeitet, und ich kann dir sagen: Fast alles, was man dir über das Croissant erzählt hat, ist gelogen.“ Als ich zum ersten Mal hörte, dass das berühmteste...

Die halbe Welt hält es für das Sinnbild französischer Lebensart, es prangt auf Tourismusplakaten, liegt in jeder Bäckerei von Paris bis in die Provence und gilt als das wohl bekannteste Stück französischer Küche überhaupt. Doch das Croissant wurde nie in Frankreich erfunden. Kein französischer Bäcker hat es erschaffen. Und das Land, das es weltberühmt machte, hatte mit seiner Geburt nichts zu tun.

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Die wahre Geschichte beginnt mit einem österreichischen Gebäck, von dem die meisten Menschen noch nie gehört haben: dem Kipferl. Schon im 14. Jahrhundert erwähnen Schriftstücke halbmondförmige Brote in Österreich, manche Forscher vermuten sogar einen Ursprung im 13. Jahrhundert.

Das alte Kipferl aber war ein völlig anderes Gebäck als das heutige Croissant. Es bestand aus einem dichten, angereicherten Teig, eher einer Brioche ähnlich, mit Butter oder Schmalz, Hefe und Zucker. Das Ergebnis war ein schweres, zähes Brötchen – ohne Blättrigkeit, ohne papierdünne Schichten, keine Spur von der zarten Krume, die heute beim Hineinbeißen bricht. Jahrhundertelang wurde dieses Kipferl in Österreich und Teilen Mitteleuropas als ganz normales Frühstück gegessen, süß oder herzhaft, mal mit Mandeln bestreut, mal schlicht.

Es war kein Luxus, keine Delikatesse für Wohlhabende – es war gewöhnliches Brot, das die Bäcker in Wien und Salzburg dutzendweise aus dem Ofen holten, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. Und genau das macht die Geschichte so seltsam: Wie wurde aus einem unscheinbaren österreichischen Brötchen das gefeiertste Gebäck Frankreichs? Zunächst muss man sich mit den Legenden auseinandersetzen, denn die sind weit berühmter als die Wahrheit. Die populärste Geschichte erzählt von der Belagerung Wiens durch das Osmanische Reich im Jahr 1683.

Türkische Truppen hätten Tunnel unter die Stadtmauern gegraben, bis die Bäcker, die nachts in ihren Kellern arbeiteten, das Graben hörten, Alarm schlugen und die Stadt retteten. Zur Feier hätten sie das Kipferl in Form des Halbmonds von der osmanischen Flagge geformt. Eine großartige Geschichte – nur ist sie mit ziemlicher Sicherheit erfunden. Das Kipferl existierte bereits Jahrhunderte vor 1683, und die Geschichte der heldenhaften Bäcker taucht erst mehr als 250 Jahre nach der Schlacht in einem Kochbuch auf.

Ähnliche Legenden wurden im Übrigen auch an andere Brote geheftet. Die zweite Legende handelt von Marie Antoinette. Die in Österreich geborene Königin soll das Kipferl bei ihrer Heirat mit Ludwig XVI. im Jahr 1770 nach Frankreich gebracht haben, aus Heimweh nach Wiener Geschmäckern.

Doch auch dafür gibt es keinerlei Belege – keine Hofakten, keine Briefe, keine zeitgenössischen Berichte. Als ein Autor 1799 eine ausführliche Liste der am französischen Hof servierten Frühstücksspeisen zusammenstellte, erwähnte er das Kipferl kein einziges Mal. Doch die Menschen wollen, dass ihr Essen eine Geschichte hat. Ein schlichtes Brötchen, das ein paar österreichische Bäcker über Jahrhunderte machten, ist kein aufregender Ursprung.

Ein Gebäck aber, das im Krieg gegen die Osmanen geschmiedet und von einer dem Untergang geweihten Königin nach Frankreich getragen wurde – das ist eine viel bessere Erzählung. Und einmal populär geworden, ist ein Essensmythos kaum noch totzukriegen. Was das Kipferl wirklich von Wien nach Paris brachte, war keine Legende, sondern ein Mensch: August Zang. Geboren 1807 in Wien, wurde er zum Artillerieoffizier ausgebildet.

Ende zwanzig gab er die Armee auf, reiste um 1837 nach Paris und fand das französische Brot fad und wenig beeindruckend im Vergleich zu dem, was er aus Wien kannte. Also kehrte er nach Österreich zurück, studierte die Backtechniken und kam 1838 mit einem Partner und einer Gruppe Wiener Bäcker nach Paris zurück. In der Rue de Richelieu Nummer 92 eröffnete er die „Boulangerie Viennoise“ und verkaufte Kipferl, Pain viennois und andere österreichische Spezialitäten, die die Pariser noch nie gekostet hatten. Zang war nicht nur Bäcker, sondern auch ein Marketingtalent.

Er installierte einen Dampfofen, der seinen Broten einen glänzenden Schimmer und eine leichtere Textur verlieh, schaltete Zeitungsanzeigen und baute aufwendige Schaufensterauslagen. Innerhalb von Monaten war seine Bäckerei die meistbesprochene von Paris. Anfangs bediente er vor allem heimwehkranke Österreicher und Deutsche, doch ab 1839 boomte das Geschäft auch mit französischer Kundschaft. Bis 1845 arbeiteten rund 250 spezialisierte Arbeiter in den wohlhabenderen Vierteln von Paris und stellten Versionen der Gebäcke her, die Zang eingeführt hatte – eine eigene Berufsvereinigung wurde gegründet.

Paris hielt sich damals für das Zentrum der weltweiten Küche, französische Köche blickten auf das Essen fast jedes anderen Landes herab. Und doch stand hier ein österreichischer Außenseiter, nicht einmal ein gelernter Bäcker, der in den wettbewerbsintensivsten Lebensmittelmarkt Europas spazierte und die Einheimischen in ihrem eigenen Handwerk schlug. Die französischen Bäcker waren nicht glücklich, aber sie waren klug genug, einen Gewinner zu erkennen. Statt gegen Zangs Beliebtheit zu kämpfen, kopierten sie ihn.

Zang selbst blieb nicht lange genug in Paris, um zu sehen, was aus seinem Kipferl wurde. Als die Revolution von 1848 den König stürzte und seine eigenen Arbeiter der neuen Republik zujubelten, las er die Zeichen der Zeit. Er verkaufte die Bäckerei und kehrte endgültig nach Wien zurück. Dort machte er eine komplette Kehrtwende: Er gründete Österreichs erste große Tageszeitung, baute ein Vermögen im Bank- und Bergbauwesen auf und wurde einer der reichsten und einflussreichsten Männer des Landes.

Seine spätere Karriere hatte rein gar nichts mehr mit Gebäck zu tun. Sein prunkvolles Grab erwähnt das Backen mit keinem Wort. Und hier wird die Geschichte wirklich spannend. Was Zang nach Paris gebracht hatte, war noch immer das dichte, schwere Kipferl aus angereichertem Teig.

Das blättrige, buttrige Gebäck, das die Welt heute Croissant nennt, existierte damals noch gar nicht. Dazu brauchte es einen zweiten Erfindungsakt – und der kam tatsächlich aus Frankreich. Französische Bäcker hatten seit Jahrhunderten eine Technik entwickelt, um Butter in mehreren Lagen in den Teig einzufalten: ausrollen, falten, drehen, erneut ausrollen. Diese Methode des Laminierens war bereits 1653 dokumentiert.

Aber niemand war auf die Idee gekommen, sie mit dem Kipferl zu kombinieren. Erst 1915 veröffentlichte der französische Bäcker Sylvain Claudius Goy ein Rezept, das alles veränderte. Er verlangte ausdrücklich einen laminierten Hefeteig. Er nahm den Hefeteig des Kipferls und wandte darauf die Touriertechnik des Blätterteigs an.

Jede Faltung verdoppelt die Schichten. Kommt der Teig in den heißen Ofen, verwandelt sich die Feuchtigkeit in der Butter in Dampf und drückt die Schichten auseinander. Ein gutes Croissant kann mehr als achtzig einzelne Schichten enthalten. Die Butter muss kalt genug sein, um beim Falten fest zu bleiben, aber warm genug, um den Teig nicht reißen zu lassen.

Macht man es falsch, schmilzt die Butter in den Teig und man endet mit einem fettigen Brot statt einem blättrigen Gebäck. Das ist der Teil der Geschichte, der tatsächlich zu Frankreich gehört. Die Österreicher schenkten der Welt die Form und die Idee, aber die französischen Bäcker, die Goys Rezept aufnahmen und über Jahrzehnte perfektionierten, verwandelten das Kipferl in etwas grundlegend Neues. Sie bauten es von innen heraus neu, mit einer Technik, die ganz und gar ihre eigene war.

Das Croissant wurde damit zu einem ungewöhnlichen Fall der Lebensmittelgeschichte: Das Land, das den ganzen Ruhm einheimst, hat die Sache nicht erfunden – aber es hat die Version der Sache erfunden, die alle tatsächlich essen wollen. Schon im späten 19. Jahrhundert war das Gebäck der älteren, dichteren Sorte ein Frühstücksklassiker in ganz Frankreich. 1872 erwähnte ein englisches Magazin beiläufig „ein zierliches Croissant auf einem Pariser Tisch“, ohne es erklären zu müssen.

Innerhalb einer Generation war aus einem exotischen Wiener Import ein alltägliches Pariser Essen geworden. Im Laufe des 20. Jahrhunderts breitete sich das Croissant über die ganze Welt aus – doch der globale Siegeszug hatte weniger mit französischer Kochtradition zu tun als mit amerikanischer industrieller Lebensmittelproduktion. 1981 entwickelte ein amerikanisches Unternehmen eine Methode, um Croissantteig einzufrieren und an Bäckereien und Restaurants zu liefern.

Der gefrorene Teig ließ sich wochenlang lagern, dann auftauen und auf Bestellung backen – ohne einen einzigen ausgebildeten Konditor. Das Produkt war ein sofortiger Erfolg und überholte sogar die berühmten Kuchen des Konzerns. Die Fastfood-Industrie passte auf: Burger King und andere Ketten brachten Croissant-Frühstückssandwiches heraus. Ein Artikel der New York Times erklärte 1984, die Amerikanisierung des Croissants habe begonnen.

In Frankreich geschah dieselbe Industrialisierung, nur leiser. Tiefkühlteigfabriken belieferten Bäckereien im ganzen Land. Heute wird geschätzt, dass rund 85 Prozent der in französischen Bäckereien verkauften Croissants industriell hergestellt werden. Sie kommen gefroren im Laden an, werden vor Ort gebacken und als frisch verkauft.

Die Bäckerei riecht nach frischem Gebäck, weil die Croissants dort gebacken wurden – aber sie wurden nicht dort gemacht. Ein Bäcker aus Nizza machte 2018 Schlagzeilen, als er erklärte, der Großteil des Gebäcks auf dem französischen Markt sei industriell, und das eine Schande nannte. Er startete eine Kampagne für ein offizielles Siegel für handgemachte Croissants, damit Kunden den Unterschied erkennen können zwischen einem Gebäck, das ein gelernter Bäcker frühmorgens von Hand geformt hat, und einem, das in einer Fabrik vom Förderband gelaufen ist. Und dann ist da noch die Ironie mit der Form.

Es gibt in Frankreich eine lang etablierte Konvention, oft als Gesetz beschrieben: Ist ein Croissant gerade, wurde es mit 100 Prozent Butter gemacht. Ist es zur traditionellen Halbmondform gebogen, kann es Margarine oder andere Fette enthalten. Das ursprüngliche Kipferl war immer halbmondförmig – genau das bedeutet das Wort Croissant auf Französisch: Halbmond. Doch in Frankreich signalisiert genau diese Halbmondform heute die billigere Version, während das hochwertige Buttercroissant bewusst die Form aufgibt, die dem Gebäck seinen Namen gab.

Selbst die Essensregeln sind streng: Man teilt das Croissant nicht und streicht keine Butter darauf, wenn es schon ein reines Buttercroissant ist. Marmelade ist akzeptabel, aber die korrekte Methode ist, das abgerissene Ende zu buttern, hineinzubeißen und das so lange zu wiederholen, bis das Croissant aufgebraucht ist. Klingt absurd spezifisch – aber das sind die Regeln in einem Land, das eine ganze Institution dem Schutz seiner Sprache vor fremdem Einfluss widmet. Dass es auch sein Gebäck vor fremden Essgewohnheiten schützt, ist nur eine Verlängerung derselben Philosophie.

Und doch ist die tiefste Ironie: Dieses Gebäck, das so erbittert verteidigt wird, war von Anfang an fremd. Das Kipferl kam aus Österreich, der Mann, der es nach Paris brachte, war Österreicher, und die Legenden, die eine dramatische Herkunft erfinden wollten, sind Fiktion. Der einzige wirklich französische Beitrag war die Technik des Laminierens – aber dieser eine Beitrag genügte, um sieben Jahrhunderte österreichischer Geschichte auszulöschen und durch eine neue Identität zu ersetzen. Heute gehört das Croissant allen und niemandem zugleich.

Man kauft es in Tokio, Buenos Aires, Lagos und Melbourne. Jede Version ist ein bisschen anders. In Spanien gibt es den frittierten, mit Vanillecreme gefüllten „Zuazo“. In Italien sieht das Cornetto fast identisch aus, ist aber süßer und wird zum Espresso gegessen.

In den USA machte Burger King daraus ein Frühstückssandwich. In Südkorea und Japan ist die Croissantkultur zu einer eigenen Kategorie explodiert. Der 2013 in New York erfundene Cronut, ein Croissant-Donut-Hybrid, sorgte für Schlangen um den ganzen Block. Das Croissant ist weniger ein bestimmtes Lebensmittel geworden als ein Format – ein buttriges, geschichtetes Vehikel für jede erdenkliche Füllung.

Das ursprüngliche Kipferl existiert in Österreich und Deutschland bis heute, aber meist als kleiner halbmondförmiger Keks: das Vanillekipferl aus gemahlenen Nüssen, bestäubt mit Puderzucker. Würde man es neben ein modernes Croissant legen, käme man nie auf die Idee, dass sie verwandt sind. August Zang ist weitgehend vergessen. Seine Bäckerei an der Rue de Richelieu Nummer 92 ist seit über 170 Jahren verschwunden, sein Name steht auf keiner Tafel in Paris.

Doch die Kette von Ereignissen, die er in Gang setzte, schuf einen der erfolgreichsten kulinarischen Identitätsdiebstähle der Geschichte. Die Franzosen nahmen ein österreichisches Brot, wandten eine französische Technik an, gaben ihm einen französischen Namen und machten es so gründlich zu ihrem eigenen, dass jede andere Behauptung wie eine Verschwörungstheorie klingt. Ein Gelehrter, der ein ganzes Buch über August Zang und das Croissant geschrieben hat, brachte es auf den Punkt: Das Croissant begann als österreichisches Kipferl, aber es wurde in dem Moment französisch, als man es mit Blätterteigtechnik herzustellen begann – und die war französisch. Es hat in seiner Wahlheimat vollständig Wurzeln geschlagen.

Es wurde nicht in Frankreich erfunden, aber dort neu erfunden. Und Neuerfindung, so stellt sich heraus, ist mehr wert als Erfindung, wenn es darum geht, eine Legende zu bauen. Wenn du das nächste Mal ein Croissant in die Hand nimmst, schau es dir an, bevor du hineinbeißt. Diese Halbmondform hat über siebenhundert Jahre überdauert.

Sie überquerte Grenzen, überlebte Kriege und Imperien und wurde von Bäckern von innen heraus neu gebaut. Die Österreicher machten es, die Franzosen perfektionierten es, die Amerikaner industrialisierten es, und jetzt erfindet der Rest der Welt es neu. Fast tausend Jahre Geschichte, eingewickelt in Butter.

Und kein bisschen davon ist so passiert, wie man es dir erzählt hat.