Ich wollte einfach nur nach Hause fahren, als ich den Rolls-Royce an der roten Ampel sah. Der Typ am Steuer war niemand Geringeres als Rudolf Moshammer – ein Mann, den ganz Deutschland kannte….

Ich wollte einfach nur nach Hause fahren, als ich den Rolls-Royce an der roten Ampel sah. Der Typ am Steuer war niemand Geringeres als Rudolf Moshammer – ein Mann, den ganz Deutschland kannte....

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Am Morgen des 14. Januar 2005 fand sein Chauffeur Rudolf Moshammer tot in seiner Villa in Grünwald. Die Polizei ging sofort von einem Gewaltverbrechen aus – und das ganze Land fragte sich: Wer hat den schillerndsten Modezar Münchens umgebracht?

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Rudolf Moshammer war für Millionen von Menschen eine Kultfigur. Mit seiner exzentrischen Art, den schrillen Outfits und seiner kleinen Hündin Daisy an seiner Seite war er aus der deutschen Fernsehwelt der 90er und frühen 2000er Jahre nicht wegzudenken. Doch hinter der schillernden Fassade steckte ein Mann, der schon früh gelernt hatte, was es heißt, am Boden zu liegen. Seine Kindheit war alles andere als glanzvoll.

Zwar wuchs er in guten Verhältnissen auf, doch der Vater verlor durch wirtschaftliche Fehlentscheidungen sein Vermögen und wurde zum alkoholkranken Despoten. Er bedrohte seine Frau und seinen Sohn, bis er sich schließlich das Leben nahm – und ließ seine Schulden zurück. Der junge Rudolf musste mit ansehen, wie seiner Mutter und ihm der Strom abgestellt wurde, weil die Mieten über zwei Jahre nicht bezahlt worden waren. Diese Demütigung prägte ihn sein Leben lang.

Aus diesem Schatten kämpfte er sich hoch. In den späten 60er Jahren machte er sich als Modeverkäufer selbstständig und eröffnete eine Boutique in der Münchner Maximilianstraße, die schnell zu einer Adresse für die feine Gesellschaft wurde. Der Durchbruch ins nationale Rampenlicht gelang ihm über das Fernsehen – und zwar fast immer an der Seite seiner Mutter Elsa, die eng mit ihm zusammenarbeitete. Erst als sie 1993 starb, kam ans Licht, wie sehr diese Beziehung ihn geformt hatte.

Er war tief erschüttert, doch gleichzeitig war es auch ein Wendepunkt. Nach dem Tod seiner Mutter holte er sich einen neuen Begleiter – eine Yorkshire-Dame namens Daisy. Die kleine Hündin wurde zu seinem Markenzeichen und machte ihn endgültig unverwechselbar. Er inszenierte sich selbst als Paradiesvogel, mit Selbstironie, Charme und einer ordentlichen Portion Extravaganz.

Dass hinter dem Namen Daisy angeblich mehrere Hunde steckten und jede Nachfolgerin wieder auf “Daisy” hörte, merkte kaum jemand. Doch Moshammer war mehr als nur eine schrille Bühnenfigur. Er engagierte sich leidenschaftlich für obdachlose Menschen. Sein Vater hatte, nachdem er alles verprasst hatte, selbst auf der Straße geendet.

Deshalb organisierte Moshammer jedes Jahr zu Weihnachten Festessen und verteilte Geschenke persönlich. Er stattete eine Obdachlosenhilfe mit Schlafsäcken und einer Kaffeemaschine aus, unterstützte die Münchner Tafel und das Straßenmagazin “Biss”. Abseits der Kameras sprach er mit den Menschen auf der Straße auf Augenhöhe – ohne Show, ohne Publikum. Dennoch gab es auch Menschen, die ihm nicht wohlgesonnen waren.

2004 erhielt er einen Drohbrief und einen Drohanruf. Bei einer Autogrammstunde konnte sein Sicherheitsmann einen Mann überwältigen, der auffällig in seiner Tasche herumgefühlt hatte – in seinem Besitz befand sich ein Butterfly-Messer. Der Mann gab zu, den Brief verfasst und den Anruf getätigt zu haben. Er wollte Moshammer umbringen.

Moshammer wurde danach noch vorsichtiger – und ließ noch weniger Menschen wirklich an sich heran. Am Abend des 13. Januar 2005 war er in München unterwegs. Sein Chauffeur hatte Feierabend, also fuhr der 64-Jährige selbst.

Im italienischen Restaurant “Villa Romana” am Grünwalder Platz traf er sich mit einer alten Schulfreundin zum Essen. Gegen 21 Uhr verabschiedete er sich, fuhr seine Begleitung nach Hause. Danach wurde sein Rolls-Royce noch an mehreren Orten in München gesehen – zuletzt in der Nähe des Hauptbahnhofs. Dann verloren sich seine Spuren.

Am nächsten Morgen kam sein Chauffeur Andreas Kapplan etwas früher als sonst zur Villa. In der Einfahrt fiel ihm sofort auf, dass die Haustür offen stand. Zu seinen Füßen wimmerte Daisy, sie wirkte verstört. Kapplan ging hinein und fand seinen Chef im ersten Stock – tot auf dem Boden vor seinem Schlafzimmer.

Um seinen Hals lag ein über vier Meter langes Kabel. Der Schock im ganzen Land war riesig. Überall wurde der Mord an dem beliebten Modezar betrauert. Vor seiner Villa und seiner Boutique stapelten sich Blumen, Plüschtiere und Karten.

Die Sonderkommission “Moshammer” wurde gegründet und stand unter enormem öffentlichen Druck, den Täter zu finden. Hunderte Hinweise trudelten ein – viele davon betrafen allerdings nicht den Mord, sondern die Frage, ob man Daisys Hündin adoptieren könne. Daisy wurde schließlich bei ihrem Chauffeur untergebracht. Bei der Spurensuche in der Villa entdeckten die Ermittler einige offene Schubladen – aber weder Schmuck noch ein fünfstelliger Bargeldbetrag wurden gestohlen.

Auch eine DVD fehlte nicht, doch die war von einer Art, die zunächst seltsam wirkte: ein Schwulenporno. Genau diese DVD sollte sich als wichtiges Puzzleteil herausstellen. Denn aus Befragungen ergab sich bald ein Bild, das viele überraschte: Moshammer hatte ein gut gehütetes Doppelleben geführt. Ein Zeuge berichtete, er habe den Modedesigner in der Nacht in seinem Rolls-Royce an einer Ampel im Bahnhofsviertel gesehen – mit einem unbekannten Mann auf dem Beifahrersitz.

Ein anderer Mann, mit dem Moshammer bis spät in die Nacht SMS austauschte, hatte ein Alibi – konnte aber erklären, was es mit den nächtlichen Fahrten auf sich hatte: Moshammer suchte dort gezielt nach jungen Männern, meist südlichem oder arabischem Aussehen, angeblich um nach dem Weg zu fragen. Wenn einer einstieg, lud er ihn nach Hause ein und bezahlte für sexuelle Dienstleistungen – meist mit niedrigen dreistelligen Beträgen. Am Tatort fanden die Ermittler auf dem Kabel eine DNA-Spur. Der Abgleich mit der Datenbank des Bundeskriminalamts führte schnell zum Erfolg – weniger als 48 Stunden nach dem Fund der Leiche wurde ein 25-jähriger Mann namens Herisch A.

in seiner Wohnung festgenommen. Er leistete keinen Widerstand. Zunächst schwieg er, klagte aber über seine Geldsorgen und darüber, wie ungerecht es sei, dass manche Leute so viel hätten. Als die Beamten das Gespräch auf den reichen Designer lenkten, brach er zusammen und gestand unter Tränen den Mord.

Die Geschichte, die er erzählte, klang so: Moshammer habe ihn nachts in der Bahnhofsgegend angesprochen und ihm für sexuelle Dienste 2000 Euro versprochen. Herisch A. sei zugestiegen, habe ihn zur Villa begleitet – doch danach habe Moshammer nicht zahlen wollen. Es sei zum Streit gekommen, er habe ihm ein Kabel um den Hals gelegt und zugezogen.

Nach dem Tod habe er kurz nach Bargeld gesucht, aber nichts gefunden. In seiner Wohnung fand die Polizei lediglich 200 Euro aus Moshmammers Besitz. Die Staatsanwaltschaft sah Heimtücke und Habgier als Mordmerkmale. Herisch A.

hatte Schulden wegen Spielsucht, sein Stundenlohn betrug gerade einmal sieben Euro. In der Tatnacht hatte er in Spielotheken über 1000 Euro verloren – Geld, das ihm nicht einmal selbst gehörte, sondern seiner damaligen Freundin. Der Prozess verlief nicht ohne Kuriositäten. Auf den Zuschauerbänken saßen angebliche Freunde Moshmammers, die mit den Boulevardmedien sprachen und brisante Details versprachen.

Einer von ihnen wurde sogar als Zeuge geladen – bis sich herausstellte, dass er den Toten gar nicht gekannt hatte. Es war alles gelogen. Er wurde noch im Gerichtssaal wegen Falschaussage verhaftet. Auch die Ex-Freundin des Angeklagten sorgte für Aufsehen.

Sie erschien verkleidet als Zuschauerin im Prozess – angestiftet von einem Privatsender, der ihr dafür 1000 Euro versprochen hatte. In ihrer eigentlichen Zeugenaussage belastete sie Herisch A. schwer: Er habe sehr wohl auf Männer gestanden, behauptete sie. Ein männlicher Zeuge gab sogar an, eine Affäre mit dem Angeklagten gehabt zu haben.

Herisch A. hatte zuvor behauptet, er habe sich vor sexuellen Handlungen mit Männern nur geekelt. Die Verteidigung versuchte, auf Totschlag zu plädieren, doch die Beweislage war eindeutig. Herisch A.

wurde zu lebenslanger Haft verurteilt – mit besonderer Schwere der Schuld. 2023, nach 18 Jahren im Gefängnis, wurde er auf eigenen Wunsch in seine Heimat in den Irak abgeschoben. Er hat seitdem ein lebenslanges Einreiseverbot nach Deutschland. Angeblich arbeitet er heute als Maler und kümmert sich um seine Mutter.

Sein ehemaliger Anwalt sagte später: Herisch A. schildere tagtäglich das Gefühl, dass er im Gefängnis die wertvollsten Jahre seines Lebens verschenkt habe – in Unfreiheit. Und immer wieder die Frage, wie er zu einer solchen Tat fähig war. Rudolf Mooshamms nächtliche Streifzüge durch das Bahnhofsviertel waren wohl ein offenes Geheimnis.

Darüber gesprochen wurde kaum – und öffentlich verurteilte er genau solche Kontakte: “Das ist doch ganz entsetzlich. Man kann doch Liebe nicht kaufen. Liebe ist doch ein Geschenk. ”

Rudolf Moshammer wurde an der Seite seiner Mutter beigesetzt.

Seine Hündin Daisy blieb bei seinem Chauffeur – starb aber keine zwei Jahre später, am 24. Oktober 2006. Der Chauffeur wurde im Testament bedacht, ebenso wie Moshmammers Haushälterin und seine sozialen Projekte, darunter der Verein “Licht für Obdachlose” und die Münchner Straßenzeitung “Biss”.