Der Anruf ging bei einem Fernsehsender in San Francisco ein. Ein Mann behauptete am Telefon, er wisse genau, was mit der verschwundenen 18-jährigen Christen Mirry geschehen sei. Sie sei in ein tödliches Liebesdreieck geraten – zwei neidische Lesben hätten sie in einem Auto ermordet und ihre Leiche von einer Holzbrücke im Marin County in den Fluss geworfen. Doch dieser Anruf sollte nicht nur die Ermittler auf eine falsche Fährte locken.

Er warf auch ein Licht auf den Mann, der ihn getätigt hatte – und auf ein dunkles Geheimnis, das weit über Christens Verschwinden hinausging. Am 1. Juni 1997 stieg die 18-jährige Christen Mirry in North Carolina in ein Flugzeug nach Kalifornien. Sie hatte ihr erstes Jahr an der North Carolina State University erfolgreich hinter sich gebracht, ein Stipendium ergattert und sogar eine Klasse übersprungen.
Nun wollte sie den Sommer nutzen, um an der UC Berkeley einen Fotografiekurs zu belegen. Dafür hatte sie 900 Dollar aus eigener Tasche bezahlt und ein WG-Zimmer in Oakland über eine Kleinanzeige gefunden. Das Leben schien perfekt zu verlaufen. Ihr 18.
Geburtstag war der Startschuss in dieses Abenteuer. In Oakland teilte sie sich eine WG mit mehreren Leuten in einem Haus in der 274 Jane Avenue. Es herrschte ein reges Kommen und Gehen. Christen lebte sich schnell ein.
Innerhalb weniger Tage fand sie einen Job in einem Café namens Spinellis in der Crocker Galleria, einem Einkaufszentrum in San Francisco. Der Kurs an der UC Berkeley begann erst am 24. Juni. Also hatte Christen volle drei Wochen Zeit, um sich einzuleben, Geld zu verdienen und die Stadt zu erkunden.
Morgens nahm sie den Zug von der 19th Street in Oakland nach San Francisco, um 7 Uhr begann ihre Schicht. Nach Feierabend um 15 Uhr zog sie los, um die Stadt zu erkunden. Sie schien aufzublühen. An einem Abend besuchte sie ein großes Festival namens Life 105.
Sie hatte so viel Spaß, dass sie den letzten Zug zurück nach Oakland verpasste. In ihrer Not teilte sie sich ein Taxi mit einem jungen Mann, den sie auf dem Festival kennengelernt hatte, und verbrachte die Nacht bei ihm zu Hause. Am nächsten Morgen ging sie direkt zur Arbeit. Es hätte schiefgehen können, aber es tat es nicht.
Christens Mutter hielt ihre Tochter trotz aller Reife für etwas naiv – eine ganz normale 18-Jährige, die zum ersten Mal allein in der Welt unterwegs war. Und es war nicht diese Begegnung, die zu ihrem Verschwinden führen sollte. Es war ein ganz normaler Tag, der in einer Katastrophe endete. Am 23.
Juni 1997 lief alles wie immer. Christen stand früh auf, nahm die Bahn nach San Francisco und trat ihre Arbeit an. Während ihrer Schicht fragte sie eine Kollegin, wie man vom Einkaufszentrum am besten zum Lands End Beach käme. Ob sie wirklich dorthin wollte oder nur mit dem Gedanken spielte, blieb unklar.
Um 15 Uhr machte sie Feierabend und verabschiedete sich von ihren Kollegen. Gegen 15:30 Uhr lief eine Kollegin durch das Einkaufszentrum und glaubte, Christen im zweiten Stock zu sehen – in Begleitung einer blonden Frau, mit der sie sich unterhielt. Die Kollegin war sich sicher, dass es Christen war. Sie fand es merkwürdig, weil Christen sonst immer sofort die Arbeit verließ.
Die blonde Frau erkannte die Kollegin nicht. Es war das letzte Mal, dass jemand Christen Mirry sah. Ihr Verschwinden fiel zunächst nicht sofort auf. Sie war neu in der Stadt, ihre Kollegen und Mitbewohner kannten sie noch nicht gut.
Als Christen am 24. Juni nicht zum ersten Tag ihres Fotokurses erschien, fiel das zwar dem Kursleiter auf, aber es hätte viele Gründe geben können. Ende der 90er Jahre schickte man keine kurzen Nachrichten übers Handy. Man ging also einfach davon aus, dass sie am nächsten Mal auftauchen würde.
Sie tat es nie. Am 26. Juni hinterließ Christens Vater eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter der WG. Erst daraufhin meldete sich einer der Mitbewohner bei ihren Eltern und teilte mit, dass Christen seit Montag nicht mehr nach Hause gekommen war.
Christens Mutter war sofort in großer Sorge. Sie hatte ihre Tochter nie nach Kalifornien ziehen lassen wollen. Ihr war der Trip von Anfang an zu abenteuerlich. Doch der Vater hatte seiner Frau gut zugeredet – Christen würde das schon schaffen und an dieser Erfahrung wachsen.
Nun war genau das eingetreten, wovor die Mutter so große Angst gehabt hatte. Die Familie Mirry stieg sofort in den ersten Flieger nach San Francisco und meldete ihre Tochter als vermisst. Doch die Polizei war wegen des Wochenendes personell unterbesetzt. Und weil Christen erwachsen war, durfte sie ihren Aufenthaltsort frei bestimmen.
Es sprach zunächst nichts dagegen, dass sie einfach auf einen Ausflug gefahren war. Der Fall wurde nicht priorisiert und erst am nächsten Montag bearbeitet – dem 30. Juni. Christens Verschwinden war da bereits eine Woche alt.
Die Familie gab sich damit nicht zufrieden. Sie engagierte einen Privatdetektiv. Christens Eltern ließen tausende Flyer drucken und verteilten sie gemeinsam mit ihren drei Schwestern auf den Straßen von San Francisco. Selbst die erst sieben Jahre alte Schwester half mit.
Sie hofften, dass jemand Christen erkannt haben könnte. Eine der wichtigsten Spuren fanden die Ermittler in Christens WG-Zimmer. Dort lag eine Ausgabe des San Francisco Bay Guardian mit einer aufgeschlagenen Kontaktanzeigen-Seite. Eine Anzeige war mit rotem Stift eingekreist.
In der Anzeige stand: „Freunde – Frau sucht Freunde für gemeinsame Aktivitäten, die Musik, Fotografie, Sport, Spaziergänge, Kaffee oder Ausflüge an den Strand mögen, um die Bay Area zu erkunden. Falls interessiert, anrufen. “ Dazu gab es eine Telefonschlüsselnummer, die die Anrufer zur Redaktion weiterleitete. Die Anzeige klang wie nach Christen gemacht – Musik, Fotografie, Strandausflüge, die Bay Area erkunden.
Sie hatte sie rot umkreist. Und am Nachmittag ihres Verschwindens war sie angeblich mit einer unbekannten blonden Frau gesehen worden, während sie sich gleichzeitig nach dem Weg zu einem Strandabschnitt erkundigt hatte. Die Polizei fragte beim Bay Guardian an. Doch die Telefonschlüsselnummer war bereits abgelaufen.
Die Redaktion hatte die Daten komplett gelöscht. Weder der Anzeigenschalter noch die Anrufer konnten zurückverfolgt werden. Die vielversprechende Spur führte in eine Sackgasse. Ein Spürhund führte die Ermittler aus der Crocker Galleria hinaus und die Geary Street hinunter in Richtung Tenderloin.
Genau von der Geary Street fuhr die Buslinie 38 Richtung Lands End – der Strandabschnitt, nach dem Christen sich erkundigt hatte. Das Merkwürdige: Sie kannte diesen Strandabschnitt bereits. Erst zwei Tage zuvor hatte sie dort eine Party besucht. Die Ermittler hielten es dennoch für wahrscheinlich, dass Christen am Nachmittag ihres Verschwindens den Bus Richtung Lands End genommen hatte.
Weiter kamen sie nicht. Am 10. Juli ging bei einem regionalen Fernsehsender ein anonymer Anruf ein. Ein Mann behauptete, er wisse, was mit Christen Mirry geschehen sei.
Sie sei in ein tödliches Liebesdreieck geraten. Zwei neidische Lesben hätten sie in einem Auto ermordet und ihre Leiche von einer Holzbrücke im Marin County in den Fluss versenkt. Er nannte die Namen der beiden Frauen. Die Polizei machte die beiden Frauen ausfindig.
Sie arbeiteten für die YMCA in San Francisco. Es gab keinerlei Anhaltspunkt dafür, dass sie etwas mit Christens Verschwinden zu tun hatten. Der Verdacht gegen sie wurde ausgeräumt. Nun interessierte die Polizei vor allem: Wer war der anonyme Anrufer?
Und warum wollte er diese beiden Frauen anschwärzen? Die Polizei konnte den Anruf zurückverfolgen. Er kam aus einem Wohnhaus ganz in der Nähe der Crocker Galleria, in der Christen gearbeitet hatte. Der Anrufer war ein 36-jähriger Mann namens John New.
Als er mit dem Anruf konfrontiert wurde, leugnete er zunächst – dann gab er zu, der Anrufer zu sein. Die beiden beschuldigten Frauen waren Kolleginnen seiner damaligen Freundin Jill. Angeblich hatten diese Kolleginnen versucht, Jill aus ihrem Job zu werfen. Aus Rache wollte John sie beschuldigen.
Es gab noch eine indirekte Verbindung zwischen Jill und Christen. Bevor Jill mit John zusammenkam, hatte sie sich von ihrem vorherigen Partner Matthew getrennt. Matthew war ein guter Freund von Kelly, einer Kollegin von Christen bei Spinellis. Ein Hobbyermittler versuchte später, Matthew zu kontaktieren.
Als der Name Christen Mirry fiel, sagte Matthew nur, man solle nie wieder bei ihm anrufen. Das könnte verdächtig wirken – oder einfach nur die Reaktion eines Mannes, der nicht von Fremden zu einem Verschwindensfall befragt werden wollte. John New selbst bestritt, Christen jemals begegnet zu sein. Er sagte, er bereue den Anruf.
Er behauptete, einen Lügendetektortest bestanden zu haben. In einem seltenen Interview sagte er: „Ich habe die Aufmerksamkeit auf mich gelenkt, als ich es nicht hätte tun sollen. Ich habe den Fokus von den Ermittlungen genommen. “
Doch dann kamen mehrere Frauen an die Öffentlichkeit.
Sie gaben an, über Zeitungsannonen mit John in Kontakt gekommen zu sein. Er habe versucht, sie zum Sex zu drängen und zu belästigen. In der Fernsehsendung Americas Most Wanted wurden 1999 drei Frauen interviewt. Alle drei erzählten, unabhängig voneinander von John New festgehalten und gefoltert worden zu sein – unter anderem durch Verbrennung und Schlafentzug.
Im Fall Christen Mirry gab es nie eine Festnahme. John New galt als Person von Interesse, aber nicht als Verdächtiger. Auch Christens Mitbewohner und der Mann, den sie auf dem Festival kennengelernt hatte, wurden nicht verdächtigt. Die Polizei ermittelte in verschiedene Richtungen und durchsuchte 17 Wohnungen und Gebäude – ohne Erfolg.
Der Fall wurde zu einem Cold Case. Doch auch kalte Fälle können immer wieder neue Wendungen nehmen. 2015 schlug ein Leichenspürhund bei einem Haus in Oakland an – dem Haus, in dem Christen vor ihrem Verschwinden gewohnt hatte. Die Polizei untersuchte das Grundstück und grub sogar im Boden.
Es stellte sich als falsche Fährte heraus. Es gab keine Spur von Christens Überresten. Die Polizei geht bis heute davon aus, dass Christen am Tag ihres Verschwindens nicht mehr nach Oakland zurückgekehrt ist. Doch die Familie ließ der Gedanke nicht los.
Ein pensionierter Polizist und Forensiker hatte ein eigenes Gerät entwickelt, das Chemikalien aufspüren sollte, die bei menschlicher Zersetzung freigesetzt werden. Das Gerät schlug an einer Betonplatte vor der Veranda eines Nachbarhauses an – nicht des WG-Hauses. In diesem Nachbarhaus soll zur Zeit von Christens Verschwinden ein Resozialisierungsheim für Drogenabhängige gewesen sein. Der pensionierte Polizist gab an, an dieser Stelle DNA entnommen und getestet zu haben – mit einem Match auf Christens Eltern.
Die Polizei erfuhr davon aus den Medien und erklärte, die angebliche DNA-Probe sei nie an sie weitergeleitet worden, obwohl man darum gebeten habe. Der Mann bestritt das. Die Informationen stammen aus einem Artikel von 2017, der inzwischen gelöscht wurde – vielleicht weil alles sehr unkonkret blieb. Es gab immer wieder vermeintliche Sichtungen von Christen.
Jemand wollte sie kurz nach ihrem Verschwinden in einem Restaurant in San Francisco gesehen haben, jemand anderes im Presidio Nationalpark. Manchmal kurz danach, manchmal Jahre später. Keine dieser Sichtungen ließ sich verifizieren. Die Polizei hat weder einen glaubhaften Hinweis darauf, dass Christen lebt, noch darauf, dass sie tot ist.
Ihre Bankkarte und ihre Sozialversicherungsnummer wurden nie wieder benutzt. Es scheint, als sei Christen Mirry vom Erdboden verschluckt worden. Bis heute, mehr als 25 Jahre später, ist der Fall ungelöst. Der Anruf von John New und die Kontaktanzeige in Christens Zimmer sind die einzigen richtigen Ermittlungsansätze – und trotzdem ist nicht einmal klar, ob diese Dinge wirklich etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben.
Es gibt noch eine letzte Information, die nicht unabhängig verifizierbar ist. Ein Hobbyermittler namens Dennis Mahon betreut bis heute die Seite findst. com. Er gibt an, mit der Familie in Kontakt zu stehen.
Nach seinen Angaben habe sich eine Verwandte von John News damaliger Freundin Jill bei ihm gemeldet: die Frau ihres Onkels. Jill soll ihren Onkel am 5. Juni 2012 angerufen haben. Dabei habe sie einen Nervenzusammenbruch gehabt und vier Stunden lang lamentiert, was in ihrem Leben alles schiefgelaufen sei.
Der Onkel habe Notizen gemacht. In diesen Notizen soll gestanden haben: „Ich geriet an einen kontrollsüchtigen Mann, der mich überzeugte, Komplizin in einer unaussprechlichen Entführung und eines Mordes zu werden. “
Das Problem: Jill erwähnt Christen mit keinem Wort. Und die Aussage kommt über zwei Ecken – transkribiert vom Onkel, gelesen von dessen Frau, weitergeleitet an Mahon.
Das FBI hatte John New als Verdächtigen ausgeschlossen, während die Polizei ihn als Person von Interesse betrachtete. Es gibt also nicht einmal unter den Ermittlern Einigkeit darüber, wie diese Spur zu werten ist. Christens Vater starb 2022 an den Folgen einer Leukämie-Erkrankung. Was seiner Tochter im Sommer 1997 zugestoßen war und was aus ihr geworden ist, hat er nie erfahren.
Christens Mutter und ihre drei Schwestern sind bis heute auf der Suche nach Antworten.


