An einem ganz normalen Samstagabend im Juni 2013 bestellte meine Großmutter telefonisch ihre Lebensmittel. Das war ihr letztes Lebenszeichen. Tage später fanden wir sie in ihrer Wohnung –…

An einem ganz normalen Samstagabend im Juni 2013 bestellte meine Großmutter telefonisch ihre Lebensmittel. Das war ihr letztes Lebenszeichen. Tage später fanden wir sie in ihrer Wohnung –...

Der Anruf kam kurz nach 23 Uhr. Nicht etwa wegen eines Einbruchs, sondern weil sich Nachbarn Sorgen machten. Sie hatten die alte Frau aus dem Erdgeschoss tagelang nicht gesehen. Die Kühlschranktür stand offen, mehrere Türen in der Küche ebenfalls.

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Das war ungewöhnlich, denn Annelise M. war immer unterwegs und im ganzen Viertel bekannt. Als die Feuerwehr die Wohnungstür öffnete und die Beamten eintraten, fanden sie sie im Schlafzimmer am Boden liegend. Gefesselt, geknebelt und in eine Decke gewickelt.

Jede Hilfe kam zu spät. Die 85-Jährige war alleinstehend und äußerst beliebt. Früher hatte sie eine Gastwirtschaft betrieben, dadurch kannte sie hier jeder. Sie war hilfsbereit, nahm Pakete für das ganze Haus an.

Und sie liebte das Leben. Deshalb war es so unbegreiflich, dass sie für ein paar tausend Euro sterben musste. Der letzte Lebensbeweis war ein Telefonat. Eine Bestellung.

Das war am Samstag. Gefunden wurde sie erst Tage später. Die Ermittler um Kommissar Wolfgang Eberle rekonstruierten ihren Alltag: Sonntagmorgen trank sie Kaffee und las den Sonntagsblitz. Die Zeitung lag noch ungelesen da, das Fernsehprogramm verriet den letzten Abend.

So konnten sie die Tat auf die Nacht von Samstag auf Sonntag eingrenzen. Laut Obduktion erstickte die alte Frau nach etwa fünf Minuten Todeskampf. Der oder die Täter hatten die Wohnung durchwühlt, Schränke geöffnet, Schubladen herausgezogen. Schmuck und Bargeld fehlten.

Eine teure Uhr, ein auffälliger Ring, eine Halskette. Mehr konnte man nicht sicher benennen, denn niemand macht von seiner Großmutter regelmäßig Inventur. Doch die Spurensicherung fand etwas Entscheidendes: DNA-Spuren an den Fesselwerkzeugen. Und zwar von zwei Männern.

Ein Abgleich in der Datenbank blieb ohne Treffer. Also gingen die Ermittler an die Öffentlichkeit. Plakate, eine Belohnung von 10. 000 Euro, sogar ein Auftritt in der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY ungelöst“.

Doch die Hinweise führten zu nichts. Die Ermittler traten auf der Stelle. Sie entwickelten ein Profil: zwei Männer zwischen 25 und 45, die sich regelmäßig in der Nürnberger Südstadt aufhielten und polizeibekannt waren. Sie werteten Handydaten der umliegenden Funkzellen aus, forderten Meldeadressen an und planten eine groß angelegte DNA-Reihenuntersuchung.

Doch mitten in den Vorbereitungen kam die Meldung aus der Schweiz: Die DNA vom Tatort stimmte mit der eines Mannes aus Georgien überein. Nach einem Diebstahl am Bahnhof von Basel hatten ihm Schweizer Beamte eine Speichelprobe abgenommen. Der Mann war Georgi C. , Ende 20.

Und sein Handy war genau zum Tatzeitpunkt in der Funkzelle rund um Annelise M. s Wohnung geortet worden. Nun suchten die Ermittler den zweiten Mann. Und auch hier hatten sie Glück: Wochen vor der Tat hatte die Polizei bei einer Personenkontrolle fünf georgische Staatsbürger in einem Fahrzeug überprüft.

Einer davon war Georgi C. Die Ermittler vermuteten, dass ein weiterer Insasse der zweite Täter war: Noda D. , Anfang 30, ebenfalls aus Georgien. Die beiden kannten sich.

Sie waren gemeinsam nach Deutschland eingereist und durch Raubüberfälle aufgefallen. Typische Eigentumsdelikte, europaweit. Noda D. saß inzwischen wegen Diebstahls in Italien im Gefängnis.

Georgi C. war in sein Heimatland untergetaucht. Kommissar Eberle flog nach Italien und holte eine Speichelprobe von Noda D. Die DNA stimmte überein.

Haftbefehl, Auslieferungsersuchen. Im November 2015 wurde Noda D. nach Nürnberg überstellt und wenig später wegen Mordes in Tateinheit mit besonders schwerem Raub zu lebenslanger Haft verurteilt. Georgi C.

blieb in Georgien. Das war ein Problem, denn Georgien liefert eigene Staatsbürger nicht aus. Deshalb stellte Staatsanwältin Böhmer ein Strafverfolgungsübernahmeersuchen. Die georgischen Behörden übernahmen den Fall.

Auch Georgi C. wurde verhaftet und 2016 ebenfalls wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Drei Jahre nach der Tat waren die Mörder von Annelise M. gefasst.

Beide stritten alles ab. Doch das Gericht sah es als erwiesen an, dass sie über den Balkon in ihre Wohnung eingestiegen waren, um Geld und Schmuck zu stehlen. Als die alte Frau erwachte und sie überraschte, töteten sie sie. Für Kommissar Eberle blieb der Fall ein Paradebeispiel dafür, dass sich langer Atem lohnt.

Und es blieb ein schmerzhafter Gedanke: Da war kein Streit, keine Vorbeziehung, nichts, was die Tat erklären könnte. Sie wachte einfach von den Geräuschen auf. Und deshalb musste sie sterben. Ein sinnloser Tod.

Und genau das schmerzt auch Außenstehende noch Jahre später.