Am 15. September 1981, kurz nach halb acht abends, stieg die zehnjährige Ursula Herrmann auf ihr Fahrrad. Sie war beim Abendessen bei ihrer Tante in Schondorf gewesen, hatte getrödelt, und ihre Eltern hatten schon ungeduldig angerufen. Sie kam an diesem Abend nie zu Hause an.

Die Familie lebte in Eching am Ammersee, einem Bilderbuchdorf. Der Vater war Lehrer, musikalisch, sie hielten Schafe und hatten Apfelbäume vorm Haus. Es war eine Idylle, in der man sich ein solches Verbrechen schlicht nicht vorstellen konnte. Um Viertel nach acht fragte die Mutter, warum Ursula noch nicht da sei.
Der Anruf bei der Tante ergab: Das Mädchen ist längst losgefahren. Sofort wurde die Polizei alarmiert. Mehr als hundert Beamte suchten noch in derselben Nacht. Gegen 23 Uhr fanden sie im Wald, nahe am Radweg, Ursulas rotes Fahrrad.
Das Kind blieb verschwunden. Dann kamen die Anrufe: Die Eltern hoben ab, und am anderen Ende war Schweigen – nur die Verkehrsmelodie des Radiosenders Bayern 3 lief. Dieses Lied kannte damals jedes Kind in Bayern. Es sollte später noch eine entscheidende Rolle spielen.
Ein Erpresserbrief mit aus Zeitungen ausgeschnittenen Buchstaben forderte zwei Millionen Mark. Ursulas Vater lieh sich das Geld von wohlhabenden Bekannten und Nachbarn. Doch nach dem zweiten Brief, in dem stand, man habe der Zahlung zugestimmt, passierte nichts mehr. Die Erpresser meldeten sich nie wieder.
Am 19. Tag nach dem Verschwinden stießen Suchtrupps im Wald auf eine massiv verriegelte Holzkiste. Sieben Riegel hielten den Deckel verschlossen. Darin saß das tote Mädchen.
Die Kiste war als Gefängnis hergerichtet – mit Sitzgelegenheit, Toiletteneimer, Lebensmitteln, Wasser und Saft. Ein Rohrsystem zur Belüftung war außen angebracht, funktionierte aber nicht. Ursula war an Sauerstoffmangel erstickt. Beim Fund der Kiste wurden Ermittlungsfehler gemacht, der Tatort nicht abgesichert.
Später sprach ein Ermittler von einer „reinsten Spurenvernichtungsmaschine“. Jahrzehntelang gab es kaum verwertbare Spuren. Erst Jahre später fanden Ermittler einen DNA-Abdruck auf einer Schraube der Kiste – doch auch er brachte keine endgültige Klärung. Der Fall erschütterte ganz Deutschland.
Jahrzehntelang ermittelten Polizei und Staatsanwaltschaft, verfolgten Spuren, die ins Leere führten. Eine Sonderkommission wurde gebildet. Man vermutete Täter mit sehr guten Ortskenntnissen und einer gut ausgestatteten Hobbywerkstatt. In den 80er-Jahren geriet ein Ex-Polizist ins Visier: Harald Wilhelm.
Er war Jagdgehilfe in genau dem Revier, zu dem der Wald gehörte, in dem die Kiste gefunden wurde. Er kannte jeden Weg, wusste, wann die Forstarbeiter unterwegs waren. Es gab sogar eine Aussage, sein Auto sei am Tag der Entführung am Parkplatz nahe dem Fundort gesehen worden. Doch es reichte nicht.
Die Ermittlungen verliefen sich im Sande. Zwei Jahrzehnte später änderte sich alles. Ein Tonbandgerät tauchte auf. Die Phonetikerin des Landeskriminalamts erkannte darauf die vertraute Verkehrsmelodie von Bayern 3 – jene Melodie, die während der Erpresseranrufe abgespielt worden war.
Dieses Gerät, so ihre Schlussfolgerung, müsse bei den Anrufen benutzt worden sein. Und es gehörte Werner Mazurek. Mazurek hatte in den 70er-Jahren mit seiner Familie am Ammersee gelebt, eine Firma für Video- und Anschlusstechnik betrieben, war im Schützenverein, bei der Wasserwacht. Er war ein integrierter Bürger, ein handwerklich begabter Elektrotechniker.
Genau solche Fähigkeiten brauchte man, um diese Kiste zu bauen. Ein anonymer Hinweis lenkte die Ermittler auf ihn: Er habe Schulden. Schon damals, direkt nach der Tat, war er verhört worden. Er konnte zunächst kein Alibi vorweisen, hatte mehrere Werkstätten.
Dann präsentierte er ein Alibi: Er habe am Abend mit seiner Frau und Freunden bei einem Gesellschaftsspiel gesessen. Die Freunde bestätigten es. Die Sache war erledigt. Doch gut 20 Jahre später, nach dem Fund des Tonbandgeräts, kam die Sache wieder ins Rollen.
Werner Mazurek wurde verhaftet und 2008 verurteilt: lebenslange Haft wegen Mordes und Erpressung an Ursula Herrmann. Fünfzehn Jahre saß er im Gefängnis. Er beteuerte seine Unschuld, zeigte keine Reue. Dann wurde seine Verteidigung von Rechtsanwalt Walter Rubach übernommen.
Und es passierte etwas Unerwartetes: Ursulas Bruder Michael, der damals mit ihr aufgewachsen war, glaubte nicht mehr an Mazureks Schuld. Er kontaktierte Mazurek im Gefängnis und begann, eigene Recherchen zu betreiben. Auch die Journalistin und Autorin Christa von Bernuth begann sich mit dem Fall zu beschäftigen. Sie hatte einen persönlichen Bezug: Anderthalb Jahre vor dem Verbrechen war sie selbst Schülerin eines Eliteinternats am Ammersee, nur 600 Meter vom Tatort entfernt.
Bei ihren Recherchen stieß sie auf Ungereimtheiten. Ihr fiel auf, dass die Familie Herrmann gar nicht reich war. Ursulas Vater musste sich das Lösegeld leihen. Und dann war da noch etwas: Kurz vor der Entführung hatte sich Ursula die Haare kurz schneiden lassen.
Sie sah anders aus als auf den Fotos, die später veröffentlicht wurden. Christa von Bernuth hatte immer wieder mit Menschen vor Ort gesprochen. Eine Freundin erzählte ihr etwas Erschütterndes: „Das Verrückte ist, dass wir damals in unserer Familie alle gedacht haben, dass das unter Umständen ein Familienmitglied von uns sein könnte, und zwar mein kleiner Bruder. “ Dieser Junge war schmal, hatte blonde kurze Haare, war in ähnlichem Alter und fuhr regelmäßig durch den Weingarten.
Er ging auf genau jenes Eliteinternat, in dem die Kinder reicher Eltern waren. Doch diese Spur wurde nie verfolgt. Am Landgericht Lübeck fand eine Anhörung statt, die über die Freilassung von Werner Mazurek entscheiden sollte. Die Staatsanwaltschaft hatte beantragt, die Reststrafe zur Bewährung auszusetzen – nach 15 Jahren Haft möglich.
Mazureks Anwalt Walter Rubach argumentierte, sein Mandant sei unschuldig und wolle nach seiner Freilassung den Beweis dafür erbringen, dass er die Tat nicht begangen habe. Das Gericht entschied: Werner Mazurek soll entlassen werden. Er kam am 7. Juni auf freien Fuß.
Für den Anwalt war dieser Tag kein freudiger: „Ich freue mich natürlich für Herrn Mazurek, dass er auf freien Fuß kommt. Nur ich habe im Hinterkopf, wie er natürlich noch viel mehr als ich, 15 Jahre Haft hat er hinter sich. Und nach dem, was wir wissen, saß er zu Unrecht in Haft. “
Werner Mazurek saß seit einem Sturz im Gefängnis im Rollstuhl.
Nun kämpfte er sich durch die Fallakten. Sein Ziel: ein Wiederaufnahmeverfahren und ein Freispruch. Er wollte den Makel loswerden, als Erpresser und Mörder bezeichnet zu werden. Und er wollte die Haftentschädigung – 550.
000 Euro für 15 Jahre Unrecht. Es blieb die Frage, die Christa von Bernuth und viele andere umtrieb: War Mazurek es wirklich? Oder wer war es dann? Der Fall blieb ungelöst, die Zweifel blieben.
Ein Fall, der eine Idylle zerstörte und bis heute Fragen hinterlässt, die niemand beantworten konnte.


