Die Hauptstadt war größer als London, Paris und Rom zusammen – und sie wurde von einem einzigen Korn getragen. Kein Gold, kein Eisen, sondern Reis. Vor über 9000 Jahren, im Tal des Jangtse in China, begannen Jäger und Sammler, wilde Gräser gezielt zu pflegen. Die Körner der Wildpflanze waren klein, brüchig und fielen von selbst ab, bevor man sie ernten konnte.

Über Jahrtausende wählten die Menschen jene Pflanzen aus, deren Körner fester an der Ähre hafteten. So entstand aus der Wildform Oriza rufipogon die Kulturform Oriza sativa – der Reis, der heute von Vietnam bis Kalifornien wächst. Dieser Prozess veränderte alles. Reis lieferte pro Hektar mehr Kalorien als Weizen, Gerste oder Hirse.
Ein gut bewässertes Reisfeld konnte zwei- bis dreimal so viele Menschen ernähren wie ein gleich großes Weizenfeld. Das bedeutete: Gemeinschaften, die Reisanbau betrieben, wuchsen schneller. Es entstanden die ersten dauerhaften Siedlungen. Wo vorher Nomaden durchgezogen waren, lebten plötzlich Hunderte an einem festen Ort.
Sie bauten Häuser, legten Vorräte an und spezialisierten sich. Nicht jeder musste mehr selbst Nahrung beschaffen. Manche stellten Werkzeuge her, andere brannten Keramik oder trieben Handel. Diese stille Revolution brachte etwas hervor, das kaum eine Gemeinschaft zuvor besessen hatte: Überschuss.
Mehr Essen, als man zum Überleben brauchte. Und dieser Überschuss ist der Rohstoff, aus dem Zivilisationen gebaut werden. Der Reis wanderte aus dem Jangtse-Tal nach Südostasien, Indien, Korea und Japan. Überall veränderte er die Gesellschaften von Grund auf.
Am dramatischsten wirkte er in China, wo die Flüsse sich perfekt für den Nassreisanbau eigneten. Im Süden bauten Bauern Terrassensysteme in die Berghänge von Yunnan und Guangxi. Jeder Hang wurde in schmale Stufen unterteilt, jede Stufe flach genug, um Wasser darauf zu halten. Diese Reisterrassen sind bis heute Ingenieurskunst, die seit Jahrtausenden funktioniert.
Während ein europäischer Bauer mit Weizen eine Familie versorgen konnte, ernährte ein chinesischer Reisbauer auf derselben Fläche drei bis vier Familien. Die Bevölkerung wuchs, und mit ihr wuchsen Städte, Bürokratien und Armeen. Handwerker, Gelehrte, Soldaten und Beamte aßen den Reis, den andere für sie angebaut hatten. Die Han-Dynastie erkannte das früh.
Bauern zahlten ihre Steuern nicht in Münzen, sondern in Reis. Der Staat lagerte den Reis in riesigen Getreidespeichern und verteilte ihn an Soldaten und Beamte. Reis war Geld. Wer den Reis kontrollierte, kontrollierte das Reich.
Unter der Song-Dynastie erreichte der Reisanbau ein Niveau, das die Welt noch nicht gesehen hatte. Die Kaiser ließen neue Reissorten aus Vietnam importieren, die nur 60 Tage von der Aussaat bis zur Ernte brauchten statt der üblichen 100 bis 120. Plötzlich waren zwei Ernten pro Jahr möglich, in manchen Regionen sogar drei. Die Bevölkerung Chinas explodierte auf über 100 Millionen Menschen.
Städte wie Hangzhou und Kaifeng wuchsen zu Metropolen heran. Um den Reis vom Süden in den Norden zu transportieren, bauten die Chinesen den Kaiserkanal – über 1700 Kilometer Wasserstraße, die den Jangtse mit dem Gelben Fluss verband. Reisbarken fuhren Tag und Nacht, beladen mit tausenden Tonnen Getreide. Ohne den Reis hätte China den Kanal nie gebaut.
Und ohne den Kanal hätte der Norden nie die Millionen von Menschen ernähren können, die dort lebten und die Grenzen verteidigten. Tausende Kilometer weiter südlich hatte ein anderes Volk den Reis auf seine eigene Art genutzt. Im 9. Jahrhundert vereinte ein König namens Jayavarman die Khmer und gründete eine Hauptstadt, die zur größten vorindustriellen Stadt der Welt werden sollte: Angkor.
Die Khmer hatten begriffen, dass Wasser die Grundlage für alles war. Sie bauten Barays – riesige künstliche Stauseen, die Millionen Kubikmeter Regenwasser auffangen konnten. Der West-Baray maß acht Kilometer in der Länge. Die Khmer errichteten ein Netzwerk aus Kanälen und Dämmen, das das Wasser vom Tonle-Sap-See auf über tausend Quadratkilometer Ackerland verteilte.
Die Bauern konnten bis zu drei Reisernten pro Jahr einfahren – in einer Zeit, in der europäische Bauern froh waren, wenn sie eine einzige Weizenernte durch den Winter brachten. Dieser Überschuss trieb Angkor an. Rund 750. 000 Menschen lebten in und um die Stadt.
Die Könige konnten Armeen aufstellen und Tempel errichten, weil sie genug Reis hatten. Angkor Wat, der bis heute größte religiöse Bauwerk der Welt, wurde durch Reisüberschüsse finanziert. Jedes Dorf hatte seine zugewiesene Fläche und seine Abgabenpflicht. Ein Teil jeder Ernte ging an den König, ein weiterer an die Tempel.
Aber das System hatte eine Schwäche: Es hing vollständig am Wasser. Als sich im 14. und 15. Jahrhundert die Monsunmuster veränderten und schwere Dürren die Region trafen, brach das Bewässerungssystem zusammen.
Die Kanäle versandeten, die Erträge fielen dramatisch. Die Bevölkerung von Angkor schrumpfte. Die Tempel standen leer. Bis zum 15.
Jahrhundert war die Stadt praktisch aufgegeben. Der Dschungel holte sich die Tempel zurück. Das Reich, das der Reis aufgebaut hatte, ging an der Abhängigkeit von genau diesem Reis zugrunde. Aber die Geschichte des Reises war nicht vorbei.
In Japan hatte ein anderes Land den Reis zu etwas gemacht, das es nirgendwo sonst auf der Welt gab: zur offiziellen Währung. Das System hieß Koku. Ein Koku war die Menge Reis, die einen erwachsenen Mann ein Jahr lang ernährte – etwa 150 Kilogramm. Unter den Tokugawa-Shogunen wurde das Koku-System zur Basis der gesamten Feudalordnung.
Jeder Provinzfürst wurde nach der Reisproduktion seines Landes bemessen. Ein Daimyo mit 100. 000 Koku war reicher als einer mit 30. 000.
Samurai erhielten ihren Sold in Reis. Wer viel Reis hatte, konnte Diener bezahlen, Waffen kaufen und Einfluss ausüben. Das Problem war, dass Reis ein Naturprodukt ist, dessen Wert schwankt. Eine schlechte Ernte oder ein Taifun machten den Reis knapp.
Die Preise stiegen, Samurai konnten sich weniger leisten, und die Bauern, die ohnehin den Großteil ihrer Ernte abgeben mussten, hungerten. Es kam zu über tausend dokumentierten Reisaufständen. Bauern griffen zu Werkzeugen und Knüppeln und zogen vor die Paläste der Daimyos. In Osaka entstand die Dojima-Reisbörse, das Finanzzentrum Japans.
Händler spekulierten auf zukünftige Ernten und entwickelten dabei Methoden, die noch heute im modernen Börsenhandel verwendet werden – die Kerzencharts auf den Bildschirmen jedes Aktienhändlers wurden ursprünglich von japanischen Reishändlern erfunden. Der gehandelte Rohstoff war kein Edelmetall, sondern Getreide. Reis durchdrang jede Ebene der japanischen Kultur. Das Wort für Mahlzeit, Gohan, bedeutet gleichzeitig gekochter Reis.
Reiskuchen, Sake, Reisstroh für die heiligen Seile der Shinto-Schreine – die Japaner definierten sich über ihren Reis. Während die Tokugawa ihre Grenzen schlossen, machten sich europäische Kolonialmächte auf den Weg nach Asien. Die Niederländer kamen im 17. Jahrhundert nach Südostasien, und sie kamen nicht, um Freundschaften zu schließen.
Ab 1830 führten sie auf Java ein Zwangsanbausystem ein. Auf dem Papier sollten die Bauern ein Fünftel ihres Landes für den Anbau von Exportgütern zur Verfügung stellen. In der Praxis wurde die Quote regelmäßig überschritten – viele Bauern verloren die Hälfte ihres Landes oder mehr und hatten kaum noch Platz für den eigenen Reis. Die Folge waren Hungersnöte.
In den 1840er Jahren starben Zehntausende, weil nicht genug Reis produziert wurde. In der Provinz Banten mussten sich ganze Dörfer von Baumrinde ernähren, während die Niederländer weiter Zucker und Kaffee exportierten. Das schlimmste Kapitel spielte sich in Bengalen ab. 1943, mitten im Zweiten Weltkrieg, fiel eine der wichtigsten Reiszufuhrquellen für die Region weg, als Japan Burma eroberte.
Die britische Kolonialregierung ließ trotzdem Reis aus Bengalen für die Truppen abziehen, zerstörte Boote und Reisvorräte an der Küste und tat wenig gegen die explodierenden Preise. In den Straßen von Kalkutta lagen die Leichen der Verhungerten auf den Gehwegen, während in den Lagerhäusern der Kolonialverwaltung wenige Kilometer entfernt genug Getreide lag. Zwischen zwei und drei Millionen Menschen starben. Winston Churchill wies jede Verantwortung von sich und lehnte Hilfslieferungen ab.
Die Kontrolle über den Reis bedeutete die Kontrolle über das Leben der Menschen. Das war der Hebel, den die Kolonialherren nutzten. Aber der Reis hatte noch ein Kapitel vor sich. In den 1950er Jahren wuchs die Weltbevölkerung schneller als die Nahrungsmittelproduktion.
Wissenschaftler befürchteten flächendeckende Hungersnöte. 1960 gründeten zwei Stiftungen gemeinsam das Internationale Reisforschungsinstitut auf den Philippinen. Forscher aus über 20 Ländern kreuzten tausende Reislinien, testeten und verwarfen die meisten – bis sie es schafften. 1966 stellten sie eine neue Sorte vor: IR8, von den Medien schnell „Wunderreis“ genannt.
IR8 war kürzer als herkömmliche Reispflanzen, mit dickem Stängel und schweren Ähren. Traditionelle Sorten wuchsen so hoch, dass sie unter dem Gewicht ihrer eigenen Körner umknickten und auf dem nassen Boden verfaulten. IR8 blieb stehen und brachte doppelt so viel Ertrag. In manchen Regionen Asiens verdreifachte sich die Ernte.
Zwischen 1960 und dem Jahr 2000 stieg die globale Reisproduktion von etwa 150 Millionen Tonnen auf über 600 Millionen. Die Weltbevölkerung verdoppelte sich, aber die Reisproduktion vervierfachte sich. Indien, das noch Anfang der 60er Jahre Reis importieren musste, wurde zum Selbstversorger. Die grüne Revolution rettete nach Schätzungen hunderte Millionen Menschenleben.
Aber sie hatte einen Preis. Die neuen Sorten brauchten deutlich mehr Wasser, Dünger und Pestizide. Bauern, die sich die Mittel leisten konnten, profitierten. Bauern, die es nicht konnten, verschuldeten sich und verloren am Ende ihre Höfe.
Die Böden laugten aus, das Grundwasser sank. Statt dutzender lokaler Reissorten wuchsen plötzlich überall dieselben Hochtrags-Sorten, verdrängt wurde auch das Wissen, wie man die alten anbaut. Heute essen dreieinhalb Milliarden Menschen jeden Tag Reis. In Asien macht Reis in vielen Ländern mehr als die Hälfte der täglichen Kalorienzufuhr aus, in Bangladesch über 70 Prozent.
Aber der Reis steht vor Problemen, die er in 9000 Jahren nicht kannte. Der Klimawandel verändert die Monsunmuster. Überschwemmungen und Dürren wechseln sich heftiger ab, und beides ist verheerend für den Nassreisanbau. Höhere Temperaturen reduzieren die Erträge.
Wissenschaftler arbeiten an hitzeresistenten Sorten – einige, wie der Sub1-Reis, der bis zu zwei Wochen unter Wasser überleben kann, werden bereits in Bangladesch und Indien eingesetzt. Gleichzeitig wächst die Weltbevölkerung weiter. Der steigende Meeresspiegel bedroht die großen Reisdeltas in Vietnam, Bangladesch und Myanmar, wo ein erheblicher Teil des weltweiten Reises angebaut wird. Salzwasser dringt in die Küstengebiete ein und macht Felder unbrauchbar, die seit Jahrhunderten bewirtschaftet werden.
Und dann ist da die andere Seite der Rechnung. Die überfluteten Reisfelder produzieren Methan, ein Treibhausgas, das deutlich stärker wirkt als Kohlendioxid. Zehn bis zwölf Prozent der weltweiten Methanemissionen stammen aus Reisfeldern. Das Nahrungsmittel, das die Welt ernährt, verändert gleichzeitig das Klima, das seinen Anbau bedroht.
Forscher testen Methoden, um die Emissionen zu senken – etwa durch periodisches Trockenlegen der Felder. Vor 9000 Jahren hat ein Korn im Jangtse-Tal die Welt verändert. Die Frage ist, ob wir jetzt in der Lage sind, das Korn zu schützen, das uns seither am Leben hält.


